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Interview mit Peter-Paul Zahl

 

Sein: Nicht nur in Deutschland, weltweit wird die Arbeit immer knapper. Was ist Arbeit überhaupt? Muß man Arbeit neu definieren, ja sogar neu erfinden? Haben wir Deutschen nicht auch ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Arbeit?

P.P.Zahl: Es gibt zwei Arten von Arbeit. Fremdbestimmte und selbstbestimmte. Und zur fremdbestimmten hat der Deutsche kein ambivalentes Verhältnis, sondern praktisch ein psychotisches, neurotisches, durch die Preußen und die Industriealisierung und den Protestantismus geprägtes Arbeitsethos. Menschen die sich als leprös, als aussätzige empfinden, wenn sie keine Arbeit haben. Das finden wir auch bei den 4,5 Mio. Arbeitslosen in Deutschland, die sich schämen, die Selbstmord machen, zu saufen anfangen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, anstatt diesen Zustand zu genießen. Selbst das Kieler Weltwirtschaftsinstitut, das der CDU nahesteht, hat vor mehr als 15 Jahren rausgekriegt, daß, wenn die Ressourcen auf der Welt gleichmäßig verteilt wären, jeder Mensch nur zwei Stunden pro Tag zu arbeiten bräuchte. Hierzu ein wunderschönes Zitat von Karl-Marx, der vor 150 Jahren gesagt hat, daß dann praktisch jener selige Zustand erreicht ist wo jeder Mensch selbstbestimmt meinetwegen zwei Stunden arbeitet, dann angelt, dann vögelt, seinen Hobbys frönt, das Leben genießt. Aber genau um die Verteilung der Ressourcen geht es ja, das nennt man ja Klassenkampf.

Sein: Die Multis haben ja auch gar kein Interesse daran die Arbeit abzuschaffen.

P.P.Zahl: Ja, sie brauchen ja auch Konsumenten. Man kann alle Arbeit früher oder später mit Computern und Robotern machen, aber dann gibt es ja keinen mehr, der den Schrott kauft. Da tappen sie in die Falle, die sie selbst aufgebaut haben.

Sein: Brecht hat das mal schön formuliert: Spaß haben, die Welt verändern und damit Geld verdienen.

P.P.Zahl:  Du wirst lachen: Das Leben ist lachen, denken und vögeln. Fremdbestimmte Arbeit macht einen kurzfristig kaputt, führt zur Entfremdung und zerstört indirekt die Natur.

Sein: Droht der ökologische Kollaps den Industriestaaten früher oder später das Genick zu brechen?

P.P.Zahl:  Wir erleben jetzt wie z.B. Länder wie Dänemark und Holland mit der Energiesteuer sehr gut klar kommen. In der ersten Welt hat man ja praktisch das Privileg umdenken zu können. Die Zerstörung der Ozonschicht ist auch nicht im Interesse des Kapitals. Wenn das Kapital gebunden wird durch sagen wir 1 Mio. Hautkrebskranke oder gar eine Milliarde Hautkrebskranker, dann zerstört sich das System ja wieder selbst. Das Kapital ist immer renovierungsfähig. In großen Zyklen regeneriert es sich selbst und monopolisiert weiter.

Sein: Du läßt in Deinem Schelmenroman, „Die Glücklichen“, eine deiner Protagonistinnen auf ungewöhnliche Art und Weise den Begriff politische Arbeit definieren: „politische Arbeit ist, wenn du deinen Kopf zwischen meinen Schenkeln hast und ich komme einmal und ich komme zweimal und ich höre auf zu zählen“. Was ist politische Arbeit heute für Dich?

P.P.Zahl: Ich habe das Private und das Politische nie getrennt. Man kann sich von der Welt zurückziehen und nicht mehr einwirken auf Ereignisse, die die Welt kaputtmachen, oder sich in einen, ich nenne es „Militantismus“ stürzen, der auch zur Selbstvernichtung führt.

Organisierung und Austarierung von eigenen Bedürfnissen. Das nenne ich politische Arbeit. Wir dürfen erleben, daß Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Vögeln, Schlafen Bedürfnisse sind, die alle Menschen auf der Erde haben, aber heruntergespielt werden durch Gehirnwäsche. Gerade hier in Europa mit seiner pietistischen Arbeitsmoral. In einem kleinen Entwicklungsland wie Jamaika ist es eben nicht so, bedingt durch eine unglaubliche Tradition des Widerstandes. Und über Widerstand definiert der Mensch sich. Er gebärt sich selbst im Kampf gegen widrige Umstände. Sei es gegen Natur wie Hurrikans, Erdbeben, sei es gegen die Ausplünderung durch das internationale Kapital. Und hier bin ich nur froh, daß ich in einem Land gelandet bin, welches sich über den Widerstand definiert und deshalb auch eine größere Lebensqualität erreicht. Eine größere Freude am Leben, einen riesengroßen Spaß bei der Selbstverwirklichung.

Wir haben 1988 gemeinsam den größten Hurrikan aller Zeiten überlebt auf Jamaika. Und als der Strom wieder da war kamen 34 neue Raggae-Platten heraus. Wir haben nur gelacht. Und zwar zur Freude überlebt zu haben oder auch aus Schadenfreude, weil es den Nachbarn mehr getroffen hat als einen selber, oder die Kirchen mehr als die Kneipen. Jedesmal wenn ich nach Deutschland komme erschrecke ich immer mehr, daß das weitgehend weggebrochen ist. Verkörpert früher mal z.B. durch Fritz Teufel, die Kommune 1, die Spaßguerillia, die frühe Bewegung 2. Juni, wo eben Spaß und Kampf und Lebenslust und Liebe verbunden wurden. Da waren die antiautoritären 68er in Deutschland wegweisend und darauf können wir stolz sein.

Sein: Zunehmender Rechtsradikalismus. Wohin driftet Deutschland deiner Meinung nach?

P.P.Zahl: Ich habe auch die Befürchtung und es gibt den „Optimismus des Willens und den Pessimismus der Intelligenz“ wie Gramsch immer sagte. Man hofft, daß es nicht rechts weiter geht, aber wenn die Mitte schon so weit nach rechts gerückt ist, da ist die Position der gesamten Politik so weit nach rechts gerückt, so das die Faschisten keine Ausnahme sind, sondern nur eine logische Konsequenz dessen, was in den Medien und in der Politik gepredigt wurde. Foúcault hat glaube ich gesagt  „Der neue Faschismus entsteht nicht durch die Eroberung der Macht durch die Faschisten, sondern durch die Faschisierung der Nation.

Sein:  Was ist für dich Lebenskunst und hast Du noch einen Traum?

P.P.Zahl:  Ich habe sehr viele Träume, und die sind genährt durch eine ungeheuer schöne Kindheit, die ich hatte,.wo ich das Privileg hatte, meine Utopien und Träume wahr zu machen. Dann bin ich groß geworden unter lauter Frauen, die mein Denken und Fühlen bestimmt haben. Mich zieht es auch viel mehr zum weiblichen Geschlecht hin und weniger zur Männerkultur. Und finde das heute wieder auf Jamaika, wo ich erlebe, das Frauen wie sie selbst es sagen: „es mag sein, daß wir aus einer Rippe Adams geschnitzt sind, aber heute sind wir das Rückgrad der Gesellschaft“. Mit solchen selbstbewußten Frauen umzugehen macht einen ungeheuren Spaß.

Was meine Träume angeht: eine Vision die ich habe ist z.B: Durch Vernetzung von Bürgerinitiativen in Jamaika vielleicht dahin zu kommen, wo Grenada 1982-83 unter Morris Bishop war. Und das verbunden mit so wenig wie möglich Arbeit. Ich selbst habe meine Arbeit zur Zeit eingedämmt. Ich sitze an der Schreibmaschine zwischen neun und zwei, nachdem ich meine Kinder zur Schule gebracht habe. Von zwei bis fünf gehen wir an den Strand, spielen, schwimmen, spielen, tratschen und dann gehen wir nach Hause um ganz gemütlich zu essen. Meine Lebensgefährtin ist eine ganz phantastische Köchin. Von ihr habe ich vieles gelernt und in einem Kochbuch niedergeschrieben, das im Herbst in Deutschland erscheint. Es heißt: „Geheimnisse der karibischen Küche“.
Dann nehme ich mir sehr viel Zeit für die Liebe, weil sie in meinem Leben nicht unter Streß stattfindet. Ich glaube, daß ich mir das Privileg verschafft habe, noch sehr entspannt zu leben und richtig glücklich zu sein manchmal. Ich habe noch Pläne bis in das Jahr 2061 und möchte mit 117 unter einer Frau sterben.

Sein: Wer ist Peter-Paul Zahl?

Wer ich bin? Na, ich kenne ihn noch gar nicht so gut und versuche, noch mehr über ihn rauszukriegen, wozu die 60er Jahre Drogenerfahrungen auch beigetragen haben und wozu Meditation geholfen hat. Heute sind es vor allem meine Kinder auf Jamaika. Durch sie lerne ich mich mehr und mehr kennen.

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