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„Genug Geld und auch die Liebe ist da, das ist nicht das Problem“

Rainer Langhans

SEIN:  In Deutschland, auch weltweit droht die Arbeit immer knapper zu werden. Muß Arbeit neu definiert  oder gar neu erfunden werden? Was ist für Dich Arbeit?

R. Langhans:  Es gibt ja schon die neue Arbeit. Eine Arbeit, die Spaß macht, die selbst organisiert ist. Neue Arbeit beginnt dort, wo man sich selbst organisiert, d.h. in sich selbst arbeitet, und dann wird man auch außen die Dinge wieder anders sehen können. Das hätten wir alle schon längst tun können. Es gibt also im Grunde genommen keine Arbeitslosen, sondern nur Menschen, die diese andere innere Arbeit entweder noch nicht ausreichend tun oder es sich noch nicht trauen. Viele tun sie schon. Genug Geld und auch die Liebe ist da, das ist nicht das Problem.

SEIN:  Wie kann man die Welt denn noch verändern? Was ist für Dich politische Arbeit heute, nach den Erfahrungen, die du nach ’68 gemacht hast?

R. Langhans:  Ich habe sehr viel im außen versucht. Mehr konnte ich auf diesem Weg nicht tun. Da war der Haß und die Verzweiflung. Der Haß der anderen und Verzweiflung bei einem selbst, daß man irgendwie doch nichts verändern kann. Es gab ja nur noch die eine Richtung, wo man, wenn man es zu Ende denkt, auf wirklich böse Sachen stößt. Ich war am Ende damit und ich glaube, die anderen auch. Jeder hat verschiedenste Konsequenzen daraus gezogen. Ich die, daß die Ursachen von Veränderungen nur innen zu finden sind und sie passieren, wenn ich innen mit mir einigermaßen zurecht komme, wenn ich mir innen etwas zumute, wenn ich innen die Konflikte austrage. Ich habe das damals nicht freiwillig getan, aber habe dann auch Erfahrungen machen können, die mir das bestätigten. Und ich tue das bis heute.

SEIN:  Die Wirtschaftskrise in Asien droht auch für die europäische, ja für die ganze Weltwirtschaft gefährlich zu werden. Glaubst Du, daß nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, nun der Kapitalismus Gefahr läuft zu kollabieren?

R. Langhans:  Ja. Ich denke daß wir schon gar nicht mehr im Kapitalismus leben, weil er dieser komplexeren Form von Leben, die wir durch die Informationsgesellschaft und Wissensgesellschaft erfahren, nicht mehr gerecht wird. Diese Möglichkeiten des Vertrauens, die man in vernetzeren Systemen entwickeln wird, sind eigentlich nicht der klassische Antrieb für den Kapitalismus. Dort war’s die kollektive räuberische Gier. Wir haben ja inzwischen gelernt, daß diese Gier uns selber schadet, weil wir dabei draufgehen indem wir unsere Lebensgrundlagen vernichten. Wir sind also gezwungen, daß was wir bisher geräubert haben zu lieben, uns um es zu kümmern. Durch neues Vertrauen, mehr Zuneigung und eine höhere Wertschätzung dessen gelangen wir zu einem ganz anderen Grundgefühl. Es ist wichtig ein Bewußtsein zu entwickeln, das dazu geeignet ist, dieser wirklichen Realität, für die unheimlich viel Blut geflossen ist, gerecht zu werden um endlich wieder in Schönheit mit ihr umzugehen. Wir haben soviel akkumuliert, wir sind so reich, daß wir eigentlich inclusive der Arbeitlosen, im Reich der Freiheit leben. Keiner braucht eigentlich wirklich zu malochen. Wir verstehen das noch nicht und sind deswegen der Meinung, das sei ganz schrecklich, nicht mehr malochen zu müssen. Da tun wir uns noch sehr schwer.

SEIN:  Hooligans bei der WM. Aufkeimender Rechtsradikalismus in Deutschland. Laut einer Umfrage würden 65% der 16-25jährigen in Ostdeutschland rechts wählen. Wohin driftet Deutschland?

R. Langhans:  Ich glaube nicht, daß die Jungen in Ostdeutschland so sehr an Politik interessiert sind. Das wär ja toll, wenn die mit Politik unzufrieden wären. Dann wären sie ja politisiert. Das sind sie aber nicht, und das wollen sie auch gar nicht werden. Da ist auch der Ansatzpunkt für unsere Arbeit, die aufzeigt daß Leben jenseits der normalen Politik passiert. Daß all diese Dinge, die wir jeder erstmal einzeln sehen, zusammengenommen eine große Möglichkeit der Einflußnahme darstellt. Eine „Politik“ als Erfahrung von Schönheit und Individualität, die aber trotzdem Lust hat, sich auch wieder politisch zu verstehen. Zur Zeit will man es natürlich nicht, egal, ob man sogenannt rechts ist oder antipolitisch, a la Partysanen oder LoveParade, weil man eben mit dieser Art Politik nichts anfangen kann. Ich finde es eigentlich sehr gesund, daß man mit dieser Politik nichts anfängt. Es wäre natürlich gesünder, wenn man sich des Politischen dieses Nichtpolitischen bewußt sein könnte, und da wollen wir ein bißchen schieben. („Ready to Ruck? 68 meets 98“ Anm. d. Redaktion) Meiner Meinung muß alles über die Erfahrung gehen. Über eine Erfahrung, die mir persönlich was bringt. Keine abstrakten Ziele usw. Was ich versuche, nämlich ein gutes Leben zu führen, welches nicht nur nach Geld und irgendwelchen fremden Zielen ausgerichtet ist, sondern mir unmittelbar als Erfahrung gut tut. Auch wenn diese Erfahrung erstmal schmerzhaft sein mag.
Zum neuen Mann am Horizont: Ich würde sagen, daß auch Schröder schon ein Medium für diese Art Erfahrung sein kann. Auch wenn er noch unter dem Nomalpolitiker-Vorbehalt läuft. Wir werden sehen. Wir wollen ermutigen, daß man auch unter Schröder selbstbewußt sagt: Scheiße! Politik ist anders.

SEIN:  Hast Du noch einen Traum?

R. Langhans:  Nein, ich bin eigentlich nicht so. Eher, daß ich die Gegenwart genieße. Ich erlebe den Tag neugierig und staunend. Das Gehirn produziert natürlich mancherlei und es muß auch mal Gassi gehen, klar. Aber ich hab damit nicht mehr so viel zu tun. Ich weiß nicht, Träume? Da kann ich sagen, daß ich viele Träume gar nicht realisiert habe, dafür aber andere Dinge entstanden, von denen ich nie geträumt habe realisiert worden sind, die unendlich viel schöner sind. Z.B. hätte ich nie geglaubt, daß ich mich, zumindest in meinen Augen, so stark hätte ändern können. Ich hätte nie geglaubt, daß ich eine Lebensqualität kennenlernen würde, die mir vorher völlig unbewußt war: daß ich Menschen so mögen kann. Das hätte ich früher nie annehmen können.

SEIN:  Wer ist Rainer Langhans und würdest Du Dich als spirituellen Menschen bezeichnen?

R. Langhans:  Das verbietet mir die Bescheidenheit, muß ich gestehen, weil ich mich zwar sehr bemühe und auch das Wesentliche meines Lebens sich um diese Bemühungen dreht. Ein direkter Satz hieße: Ich hoffe, daß ich mal ein guter Schüler werde, wie kann ich sagen, meines Meisters.

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