Manchmal trifft man Menschen, von denen man glaubt, dass es sie eigentlich nicht geben kann.
Dies ist ein Plädoyer für einen von ihnen und seine Arbeit – Ger Lyons aus Irland.

von Limara Heymdai

Als meine Mutter mir im Jahre 2016 erzählte, sie sei auf einem Schamanen-Treffen in Ungarn einem Druiden begegnet, den ich mir unbedingt anschauen müsse, konnte ich mir nicht ausmalen, was diese Begegnung nach sich ziehen würde. Normalerweise locken mich derartige Versprechungen zu „großen Meistern“ und „berühmten Gurus“ nicht hinter dem Ofen hervor. Genau deswegen erzählt mir meine Mutter so etwas auch nur selten, und wiederum deswegen musste es etwas Besonderes mit diesem Mann auf sich haben. Wir fuhren im Jahr darauf als Familie nach Ungarn und erlebten Ger Lyons als Vertreter einer uralten europäischen Wissenslinie, die ihre Wurzeln tief im Keltentum und noch älteren Ursprüngen hat.

Entgegen der allgemein verbreiteten Vorstellung, Druiden würden in langen Kutten und mit geheimnisvollen Stöcken herumlaufen, steht Ger in Jeans und Hemd vor seinen Seminarteilnehmern. Nur den grauen Bart, den hat Ger wirklich. Seine Familie lebt seit jeher in Cork, dem so ziemlich unwirtlichsten Winkel am Rande Europas, über den die eine oder andere Eroberungswelle hinweggeschwappt ist: Römer, Wikinger, Christen und alle, die ihre Spuren hinterlassen haben, aber den uralten Kern des Wissens nicht berühren oder gar verändern konnten. Zu kalt ist das Land, zu viel der Regen und zu mager der Boden, als dass sich jemand je ernsthaft dafür interessiert hätte, und so überlebte dort in jener abgelegenen irischen Küstenregion ein uralter Glaube, eine Tradition, deren Wurzeln sechstausend Jahre zurückreichen, in eine Zeit, in der die menschliche Realität voll und ganz mit der Natur verwoben war; eine Zeit, in der das allmächtige und lebensspendende Prinzip der Natur als heiligstes Gut angesehen und verehrt wurde.

Was ist Natur?

Kaum mehr vorstellbar in der heutigen Zeit, in der die Natur ausschließlich als Wirtschaftsgröße und Ressourcenlager verstanden wird. Tagebau, Fracking, Erdöl-, Erdgas-, und Wasserprivatisierung …Was folgt als Nächstes? Atemluft in Flaschen? Hinsichtlich solcher Fragen und Szenarien verfügt Ger über einen seltenen, anderen Blickwinkel und spannende Antworten, die erstaunen und inspirieren. Antworten, die mich animiert haben, intensiver zu forschen. Doch auf einer Reise in die innere Transzendenz und die Metaphysik unseres Realitätsverständnisses braucht es zunächst die richtigen Fragen – Fragen à la Ger. Zum Beispiel: Was haben ein modernes Smartphone und alte Dinosaurierknochen gemeinsam? Antwort: Beide sind Natur. Denn beide kommen aus der Natur, auch wenn ein Smartphone aussieht wie ein Ufo. Alles, woraus es besteht, entspringt der Erde, auf der wir leben.

In meinen Ohren eine ziemlich radikale Perspektive, an der ich mich seitdem abarbeite. In Gers Lesart ist alles Natur – alles! Auch Glyphosat. Auch die Plastikinseln im Pazifik. Auch Fukushima. Und wir. Wir sind Natur. Ich habe da Widerstände. Ehrlich. Das ist ein echter Härtetest für meine schöngeistige und flauschige Wir-sind-alle-eins-Überzeugung, die im Grunde doch wieder nur zwischen Gut und Schlecht unterscheidet: Umweltschutz ist richtig, Glyphosat ist falsch. Bislang gab es in meinen Augen eine natürliche Natur und diese unsägliche, eben jene Natur ausbeutende Krankheit, die sich menschliche Zivilisation nennt, mit all ihren Joghurtbechern und anderen Verheerungen. Nicht sehr flauschig und aktuell auch kaum änderbar.

Freiheit von Konzepten

Krankheit ist nach Ger somit auch Natur; eine Natur, die sich selbst genügt – ob mit uns wild gewordenen Schöpferwesen-Zweibeinern oder ohne sie. Und wenn die Natur krank ist, heilt sie sich eben, ohne sich ein Urteil darüber zu machen, wie dieser Heilungsweg aussieht. Immer mehr wird mir klar, dass es langwierig (wenn überhaupt möglich) ist, gradlinige Antworten zu bekommen. Zuweilen verwirrt mich der Druide, und erst mit der Zeit dämmerte mir: Das Einzige, was ich wirklich tun kann, ist, Freiheit zu erlangen. Eine innere Freiheit von eben genannten Überzeugungen, Idealen und geistigen Konzepten, um ein Sein zu entwickeln, das es mir erlaubt, zwischen den Ebenen der unterschiedlichen Realitäten wie Nächstenliebe, illegale Angriffskriege, Tierquälerei und erfolgreiche Volksbegehren für Artenschutz – um nur mal ein paar wenige zu nennen – hin und her zu schalten und quasi ein lebendes Paradoxon zu werden. Befreit vom Zwang, mich irgendwo niederzulassen und dort meine auch noch so ehrenhaften, weltverbessernden und dem Gewissen schmeichelnden Ansichten anzusiedeln; Nomadin zu werden im Land der unendlichen Perspektiven und wechselwirksamen Einsichten, stets unterwegs … ganz wie unsere Vorfahren. Womöglich kam ja mit der Sesshaftigkeit vor ein paar Jahrtausenden auch erst die Tendenz zu strikten Standpunkten und geordneten Glaubenskonzepten auf? Das Wort Ger bedeutet ursprünglich Speer, und so einer ist tatsächlich sehr nützlich, wenn man sich durch derartig unstetes Terrain bewegt, um damit eine dieser sich wandelnden Realitäten festzupinnen und sie genauer zu betrachten. Mir scheint, jede einzelne von ihnen hält eine Medizin für mich bereit, eine Chance zur Weiterentwicklung.

Urzeitliche Kräfte

Dabei begann unsere Reise mit dem Mann aus Cork ganz bodenständig, genau genommen auf dem Boden eines Vereinshauses in Ungarn, zusammen mit achtzig anderen Ahnungslosen aus ganz Europa. Ausgestattet mit selbst gesammelten Stöcken und Steinen, in mehreren Kreisen kniend, machten wir eine Zeitreise zurück zu den Anfängen jener Ritualtradition, in der Ger aufgewachsen ist, und in welcher der Prozess der Heilung des Einzelnen ein gemeinschaftliches Werk ist. Alle in der Gruppe arbeiten mit daran, einschließlich der anwesenden Ahnen und zugewandten urzeitlichen Kräfte. Ich meine, dass ich weit herumgekommen bin und eine Menge gesehen und erlebt habe – Schwitzhütten, Sonnentänze, mehrtägige Kiva- Gebetszeremonien, Gongmeditationen, Yogaevents, Sonnwendrituale, Trancetanz und Dunkelretreats – und dementsprechend viele Menschen getroffen habe, denen die Fähigkeit zur gezielten Energiebewegung gegeben war, doch nach den zweieinhalb Stunden im Ritual mit Ger war mir klar, dass ich ein neues Kapitel würde aufschlagen müssen.

Schon im Jahr nach dieser ersten Erfahrung mit Ger folgte er unserer Einladung nach Süddeutschland, um ein sechstägiges Seminar abzuhalten. Die Methode, mit der er arbeitet und die er über zwanzig Jahren hinweg – basierend auf seiner traditionellen Ausbildung sowie seinen Fähigkeiten im Bereich Geistheilung, TCM und Energiearbeit – entwickelt hat, ist so einfach wie effizient und für jeden anwendbar, der sie einmal erlebt hat. Es ist eine Mischung aus Wissensvermittlung, Geschichten und intensiver praktischer Arbeit, bei der wir aktiv in Kontakt zu uns selbst gehen und uns auf tiefer Ebene mit unserem Leben und den damit verbundenen schmerzhaften Erfahrungen, Traumata und Leiden auseinandersetzen, um die innere Last aufzulösen.

Weltrettungsideen ade

Im Kreis mit den anderen hänge ich meine Weltrettungsideen und spirituellen Überzeugungen an den Nagel und lasse mich vollumfänglich auf alles ein, was sich zeigt, wenn einer oder mehrere aus der Gruppe in der Kreismitte sitzen. Für die anwesenden Kräfte existiert keine Zeit, kein Warum, kein Wohin. Heilung ist das Jetzt, Heilung ist das Erkennen, und Heilung geschieht in Gers alter Lesart in drei Schritten: feel it – heal it – seal it. Zu deutsch: fühle es, heile es, besiegle es. Die magische Praxis des Besiegelns ist in den Settings mit Ger an unser modernes Verständnis adaptiert, dennoch wirken die fundamentalen Kräfte, die dafür sorgen, dass die Dinge an ihren richtigen Platz kommen, dass Ordnung aus Chaos entsteht und dass auf jede Nacht ein Morgen folgt.

Genauso flüssig, wie Ger zwischen den verschiedenen Ebenen der Realität hin und her wechselt, gestaltet sich die gemeinsame Arbeit. Die Gruppe formt die Richtung und die Intensität der Wandlung, die zuweilen wie ein waschechter Exorzismus daherkommt, nur eben ohne Psalm und Priester. Die Tore meines Bewusstseins sind sperrangelweit offen, und die Einladung an mein Inneres ist ganz deutlich: Heraustreten aus dem Bekannten, jenem akkuraten, sicheren Zustand aus Vernunft und Berechenbarkeit, auf den wir uns alle – zumindest im industrialisierten Westen mit seiner logisch-rationalen segensreichen Aufklärung – irgendwann ausschließlich geeinigt haben.

Mir wird recht schnell klar: Es gibt immer noch eine uralte Schnittstelle in mir, eine Pforte, durch die das unbenennbar Mystische Einzug hält; fremde Sprachen, urtümliche Laute, eine Prise Irrsinn vielleicht, die Macht vergangener Leben und all jener, die vor mir gegangen sind; ihr Schicksal, das somit auch mein Schicksal ist. In der Arbeit mit der Gruppe wird diese Schnittstelle freigelegt. Unmöglich vollumfänglich abzuschätzen, wohin mich das noch führen wird, und was alles durch diese Pforte in mein Leben Einzug halten wird. Aber zurückgehen wäre dann doch irgendwie … zu flauschig.

Demut vor allem Lebendigen

Ger Lyons bezeichnet sich selbst als Mystiker, Lehrer und Heiler, und ganz bestimmt ist er all das. Besonders jedoch spüre ich seine tiefe Liebe zu den Menschen, seine Demut vor allem Lebendigen sowie seinen absoluten Wunsch und das daraus resultierende hingebungsvolle Streben, den Menschen zur Heilung und zur Entfaltung ihres vollen persönlichen Potenzials zu verhelfen. Chapeau!, kann ich da nur sagen. Umweltschutz fängt wohl ganz tief in mir an, indem ich die eigenen inneren Dreckecken noch weiter aufräume und den angehäuften, karmischen Müll sortiere und loswerde. Erst als gesunder, in mir ruhender Mensch bin ich imstande, mich gedeihlich einzubringen, mich wahrhaft mit meiner Liebe und meinen Fähigkeiten herzuschenken, zum Wohle meiner Familie, der Gesellschaft, der Umwelt und des großen Ganzen, welches wir alle miteinander teilen; jenes einzigartige unwiederbringliche Wunder – unsere Erde.

Ger Lyons ist vom 14.-19.6.2019 zu einem Seminar in der Nähe von Berlin. Nähere Informationen und
Anmeldung auf www.chawilaverein.de. Mehr Infos über Ger auf www.gerlyons.net (Englisch)

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

Avatar of Limara Heymdai

ist Autorin der Crossgen-Serie „2044“ (www.fantasythriller.de). Seit ihrer Jugend behandelt sie gesellschaftsrelevante Themen in ihren Romanen und entwickelt darin Visionen für eine neue Form menschlicher Zivilisation. Sie ist Teil der Friedensbewegung und engagiert sich ehrenamtlich für artgerechte Imkerei, geerdete Heilarbeit und differenzierte Meinungsbildung zu zeitaktuellen Themen in Politik und Umwelt. Mit dreizehn Jahren wurde sie in ihren spirituellen Weg eingeweiht und hat seitdem verschiedene Bräuche und Traditionen kennengelernt auf der Suche nach den eigenen (nord-)europäischen Wurzeln. Seit mehreren Jahren ist sie Adeptin und Praktizierende auf dem Pfad des Pollen, einer uralten Wissenslinie, welche auf die weiblichen Orakelkulte und die schamanische Alchemie der vorchristlichen indoeuropäischen Kultur zurückgeht.

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