Der Kapitalismus zerstört unsere Lebensgrundlagen. In dem Buch Das Ende des Kapitalismus beschreibt Wirtschaftsjournalistin Ulrike Hermann, was danach kommen könnte.

von Oliver Bartsch

Der Kapitalismus habe keine Zukunft, denn Wirtschaftswachstum und Klimaschutz schlössen einander aus, schreibt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Hermann in ihrem neuen Buch Das Ende des Kapitalismus: „Der Kapitalismus […] erzeugt nicht nur Wachstum, sondern muss auch wachsen, um stabil zu sein. Ohne ständige Expansion bricht der Kapitalismus zusammen. In einer endlichen Welt kann man aber nicht unendlich wachsen.“

Klimaschutz bedeutet Ressourcen schonen. Kapitalismus ohne Wachstum und Verbrauch von Ressourcen sei aber unmöglich. Das ist Ulrike Herrmanns zentrale These in dem Buch Das Ende des Kapitalismus. Die taz-Journalistin glaubt nicht an die Annahme vieler Volkswirte und Politiker, dass es grünes Wachstum geben kann. Sie begründet ihre These damit, dass die erneuerbare Energie dafür in absehbarer Zeit nicht ausreichen wird:

„Diese Aussage mag zunächst überraschen, schließlich schickt die Sonne 5.000-mal mehr Energie zur Erde, als die acht Milliarden Menschen benötigen würden, wenn sie alle den Lebensstandard der Europäer genießen könnten. […] Solarpaneele und Windräder liefern jedoch nur Strom, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Um für Flauten und Dunkelheit vorzusorgen, muss Energie gespeichert werden – und dieser Zwischenschritt ist so aufwendig, dass Ökostrom knapp bleiben wird.“

Das Ende des Kapitalismus

Die Autorin gibt sich große Mühe, keine generelle Kapitalismuskritik zu betreiben. Im ersten Kapitel beschreibt sie detailliert die Vorteile des Kapitalismus. Er habe den Menschen mehr Komfort, Gesundheit und Freiheit beschert: „Der materielle Wohlstand hat immaterielle Folgen. Nicht nur die Lebenserwartung hat sich verdoppelt; auch allgemeine Bildung, Gleichberechtigung und Demokratie werden erst möglich, wenn eine Gesellschaft reicher wird.“

Allerdings sei der Wohlstand mit fossiler Energie, also auf Kosten der Vergangenheit erkauft worden. Das stoße nun an Grenzen. Sie erläutert, warum es zu aufwändig sei, Treibhausgase aus der Atmosphäre zu filtern und warum sich Wachstum und Energieverbrauch nicht entkoppeln ließen. Der technologische Fortschritt biete da keine Rettung: „Auf die Technik ist kein absoluter Verlass. Mal gelingt es nicht, gute Lösungen zu finden – mal bleiben Erfindungen teuer, obwohl sie seit Jahrtausenden im Einsatz sind. […] Vor allem aber werden die Zeitebenen verwechselt. Die lustigen Anekdoten sollen nahelegen, dass die technologische Zukunft immer besser war als gedacht. Das mag sein. Nur fehlt heute die Zeit, um auf eventuelle Durchbrüche zu warten.“

Grünes Schrumpfen

Ulrike Herrmann ist überzeugt, dass sich die Gesellschaft auf ein grünes Schrumpfen einstellen muss. Es müsse weniger Autos, weniger Flüge und weniger Wohnungen geben, schreibt sie. Und das ermögliche trotzdem ein gutes Leben: „Die Wachstumskritiker haben klar gezeigt, dass klimaneutrales Leben auch schön sein kann. Das ungelöste Problem ist allein, wie sich diese ökologische Kreislaufwirtschaft erreichen lässt, ohne unterwegs eine schwere Wirtschaftskrise zu provozieren, die die Bevölkerung in Panik versetzt und einen Diktator an die Macht bringt.“

Als Lösung für diesen Übergang vom Kapitalismus zur privatwirtschaftlichen Planwirtschaft schlägt die Autorin die britische Kriegswirtschaft ab 1939 vor. Damals teilte die britische Regierung privaten Unternehmen Rohstoffe, Kredite und Arbeitskräfte zu. Jeder Einwohner bekam eine feste Menge an Lebensmitteln. Luxusgüter wie Möbel oder Kleidung konnten über ein persönliches Punktebudget bezahlt werden. Ein geordneter, sozial gerechter Rückbau, der in der britischen Bevölkerung gut ankam und nicht zu einer Hungersnot führte, erklärt die Autorin.

„Der Konsum fiel damals um ein Drittel – und zwar in kürzester Zeit. […] Der deutsche Verbrauch muss ähnlich drastisch sinken, wenn das Klima gerettet werden soll.“ Ulrike Herrmanns Fokus auf Großbritanniens Kriegswirtschaft hat drei Gründe: „Erstens: Die Briten lebten in einer Demokratie. […] Zweitens: Die Briten führten keinen Angriffskrieg […]. Sie befanden sich in einer unfreiwilligen Notsituation, die zudem verspätet erkannt wurde. Drittens: Die Briten mussten ihre normale Wirtschaft in kürzester Zeit stark herunterfahren, […] um Militärgüter herzustellen. Von den Briten lässt sich also lernen, wie sich eine schrumpfende Wirtschaft organisieren lässt.“

Um mit einem blauen Auge aus der Klimakrise herauszukommen, brauchen wir also eine ökologische Kreislaufwirtschaft, in der die Menschen nur so viel verbrauchen, wie sich recyceln lässt. Produktion und Konsum müssen um 30 Prozent sinken, damit wir unsere Klimaziele erreichen. Vorbild dafür könnte die britische Kriegswirtschaft von 1941 sein. Fast über Nacht entstand eine Planwirtschaft, die bemerkenswert gut funktionierte. Die Fabriken blieben in privater Hand, aber der Staat steuerte die Produktion – und organisierte die Verteilung der knappen Güter. Es wurde rationiert, aber es gab keinen Mangel.

Ulrike Herrmann: „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 341 Seiten, 24 Euro.

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6 Responses

  1. Holger Roloff
    Was Frau Hermann nicht kennt bzw. sagt...

    Der Grundgedanke, die Grundthese von der Autorin Ulrike Hermann ist zwar richtig, stammt aber mitnichten von ihr, sondern ist von den Autoren der Wertetheorie abgekupfert, die das schon seit 1986 immer wieder – zu Recht – als einen Kritikpunkt am Kapitalismus anmerken (z.B. Robert Kurz).

    Es gibt eine sehr gute Kritik ihres Buches von einem der derzeit führenden wertkritischen Autoren, nämlich Tomasz Konicz, den ich sehr lesenswert finde (Erschienen in der Zeitschrift KONKRET Dez./2022) – auch hier online zu finden:

    https://www.konicz.info/2022/12/29/alter-kack-neuer-frack/

    Diese berechtigten Anmerkungen mindern jedoch keineswegs die Einsicht, dass die ökologischen Grenzen längst maßlos überschritten sind und eine monetäre Steuerung, also letztlich die Warenförmigkeit (was Hermann leider nicht explizit benennt) überwunden werden muss, um die Wachstumsdynamik zu verändern. Die Form „Kapital“ muss also insgesamt überwunden werden.

    Ansätze und Konzepte dazu gibt und gab es längst (man denke nur an die Wirtschaftsvision der VIOLETTEN von 2013 – siehe z.B. hier: https://www.yumpu.com/de/document/view/33901566/konzept-wirtschaftsvision-die-violetten

    und hier: http://www.die-violetten.de/wp-content/pdf/politische_aussagen/Wirtschaftsvision_Die-Violetten_2013.pdf). Ich vermute mal ganz stark, dass Frau Hermann sowas nicht kennt.

    Ressourcenwirtschaft anstatt Marktwirtschaft – das ist die Lösung!!!

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  2. Hubertus Hauger
    Collapse by Design or Collapse by Disaster !?

    Zunächst klingt der Aufruf zu ökologischem Gesundschrumpfen durch Verzicht, Arbeit, Verzicht, Arbeit usw. sehr brachial. Letztendlich ist alles aber ganz einfach. Entweder wir schaffen es uns zu wandeln oder wir schaffen es nicht. Dann geht halt alles den Bach runter.

    Wer sich nicht vorbereitet es zu schaffen ist vorbereitet es nicht zu schaffen! Also, Ärmel hochkrempeln und anpacken!

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  3. Pat
    Unrealistisches Konzept

    Es ist die leidige alte Frage, wer kontrolliert, wieviel Stück Brot jemand zum Frühstück isst und wie sind diese Kontrolleure legitimiert (demokratisch oder geldgesteuert?). Und wer kontrolliert dann die Kontrolleure, die vielleicht statt einem gestatteten Stück Brot, vier Stück zum Frühstück essen, entgegen ihrer eigenen Vorgaben. So mal ganz runter gebrochen auf die Realität der Umsetzung. Dieses genannte Konzept ist untauglich (wir leben in einer ganz anderen Zeit) und bei diesem bestimmen letztendlich wieder die Wohlhabenden und tlw. pseudolegitimierten Machtmenschen (welches Finanzkapital puscht welche politischen Kandidaten zu welchem Zweck?) über die dann immer stärker verarmten Menschen. Es gibt genug Konzepte alternativer Gesellschaftsformen (in Schubladen), die in kleinen Regionen selbstorganisiert sind. Wo der Einzelne im Rahmen der Machbarkeit über sein Leben selber entscheiden kann. Wo es echtes miteinander gibt. Wo jede/r jeden unterstützt. Aber es wird eher alles getan, dass kleine Strukturen bis hin zu familiären, stabilisierenden Strukturen, zerschlagen werden, alte Menschen einsam sterben, damit die Menschen keinen Rückhalt mehr haben und sie leichter manipulierbar und abhängig sind und kontrollierbar werden bis hinein zu ihren Gedanken (die bisher noch das höchste verbliebene Freiheitsgut sind). Planwirtschaft egal welcher Abwandlung, wird letztendlich immer Diktatur hervorrufen (schon vergessen) und ist auch als Übergangssystem nicht brauchbar. Denn wenn sich ein paar machtorientierte Menschen mal daran gewöhnt haben, über Menschen zu bestimmen und zu urteilen, werden sie das „Heft“ nicht mehr aus der Hand geben. Der unreife und nicht selbst reflektierende Mensch ist das Problem. Und: Da würden sich die Konzerne freuen bei diesen vorgeschlagenen Konzept, denn diese würden zuerst „fallen“. Tja, aber zu kurz gedacht: das Finanzkapital wird sich mit bewährten Mitteln wehren, denn diese regieren mittlerweile die Welt und Teile davon haben ein Forum geschaffen, bei dem Politikern ihre Werte eingeflösst werden und Jungpolitiker heran gezüchtet werden, die dessen Ideen unverblümt umsetzen. ….. Das sind unrealistische Ideen mit der britischen Planwirtschaft. Nur wenn die Bevölkerung dahinter steht, dann kann es zu gesellschaftsverändernden Maßnahmen kommen. Nicht wenn ein paar selbsternannte „Weltretter“ von oben herab die Menschen zu etwas zwingen möchten und vielleicht sogar Chips einpflanzen, um diese noch besser kontrollieren zu können. Diese Weltretter sollten doch ihre Experimente auf einer einsamen Insel mit sich selbst durchführen (ob sie damit unsterblich werden, wage ich zu bezweifeln) und nicht in Länder mit der ärmsten Bevölkerung an Menschen Experimente machen. Kein Land der Welt benötigt solche abgedrehten wahnsinnigen selbsternannten Menschenfreunde (sie erkennen ihre menschenfeindliche Gesinnung nicht). Das Einverständnis der Bevölkerung ist am ehesten durch Einbindung in Entscheidungen und Regionalisierung von Entscheidungsbefugnissen erwirkbar. Alles andere wird in die Umsetzung der haltlosen Ideen von WEF oder Ähnlichem münden. Und dann werden die demokratischen Strukturen nicht mehr aufrecht zu erhalten bleiben. – Das positive ist, desto mehr Macht- und Kontrollfantasien weltweit kursieren und versucht werden umzusetzen, desto mehr Menschen versammeln sich von sich aus in kleinen Gruppen, die sich selbst versorgen, Familien und Freunde rücken enger zusammen, die versuchte Spaltung der Gesellschaft scheint misslungen, denn jetzt hat man erkannt, was wirklich passiert ist, immer mehr Menschen suchen wieder den Zusammenhalt in kleinsten organisierten Einheiten. Ich bin überzeugt, das gewünschte weltweite Kontroll-System wird durch die vielen kleinen Einheiten irgendwann wieder fallen. Das ist ein Naturgesetz, wo jemand entgegen der menschlichen Natur versucht etwas durchzusetzen, werden Menschen „aus diesem System“ aussteigen und sich selbst organisieren in Form von leisen nicht direkt bemerkbaren friedlichen Widerstand. Auch wenn jemand noch so viel Ackerland aufkauft, die Menschen werden sich dies zurück holen. Das ist Naturgesetz. Auf Druck kommt immer Gegendruck. Und der ist auch mit ganz einfachen, freundlichen, menschenzugewandten und friedlichen Mitteln durchsetzbar. Wer ein wenig Einblick in Gruppendynamik hat, wird das Potenzial von organisierten Gruppen erkennen, das weit über die eigene Gruppe hinaus reicht. Alleine der Vorbildcharakter einer Gruppe, kann in den Köpfen von Beobachtern enorm viel auslösen und in Bewegung bringen.

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    • Hubertus Hauger
      Alternativlosigkeit ist schlimmer!

      Ja, wenn Menschen hinter Gesellschaftsveränderungen stehen, dann verändert sich die Gesellschaft. Das Übergangskonzept einer Notwirtschaft durch Zuteilung ist weiterhing eine absolute Mindermeinung. Ich finde gut, dass diese Idee wenigsten mal einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt wird. Und darin, in einer sich radikal verändernden Welt Alternativen zu haben, sehe ich keinen Nachteil, ganz im Gegenteil!

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  4. Schad

    ich kann mir nicht vorstellen, dass die vielen Multimillionäre freiwillig ihr Eigentum abgeben. sie werden sich zusammentun, wenn sie das nicht schon getan hab und sich zum Herrscher über die Weltbevölkerung aufschwingen. Eine kleine Elite hat ja schon den Anfang der Kontrolle begonnen, Corona, u.a. Bevormundung. Vielleicht sollten wir wieder zu den Nationalstaaten übergehen, denn die sind kontollierbarer als die korrupte EU Elite. Nur dürfen wir dann das Denken und Mitbestimmen der Bevölkerung in den Mittelpunkt stellen und auch einen Volksentscheid durchsetzen. Es ist in vielen Bereichen eine fehlende Mitbestimmung und einseitige Information durch die Medien festzustellen. Die Demokratie ist im Sinkflug.

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    • Hubertus Hauger
      Ist nicht einfach. Aber es könnte klappen!

      Das Vorbild der englischen Kriegswirtschaft gibt uns einen positiven Ausblick. Jeder bekam das lebensnotwendige zugeteilt. Das war damals für die unterprivilegiert Mehrheit ein Fortschritt. Einschränken musste sich die Oberschicht. Gerechtigkeit durch Rationierung. Hat damals funktioniert. Dürfte es heute auch.

      Bei der demokratischen Teilhabe wird sich die benachteiligte Mehrheit gewaltig auf die Hinterbeine stellen müssen, um das gegen großen Widerstand zu verbessern.

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