Schenkzwang muss nicht sein

Das Thema Schenken steht in der westlichen Welt weitgehend unter dem Einfluss eines lauten und schrillen Werbediktats, dem sich kaum ein Mensch vollständig entziehen kann. Es gibt keine bewusste Schenk-Kultur, statt dessen herrscht zu vielen Anlässen, wie zu Weihnachten oder zum Geburtstag, ein regelrechter Schenkzwang. Marion Augustin hat sich darum ein paar Gedanken übers Schenken- und Beschenktwerden gemacht.

Ich persönlich habe es schon immer regelrecht gehasst, Geschenke zu erhalten, die mir nicht gefallen und nicht zu mir passen und die ich nur bekommen hatte, weil ich gerade Geburtstag hatte oder weil Weihnachten war und man der Meinung war, mir etwas schenken zu müssen. Und eben leider ohne Rücksicht auf meine Wünsche, Vorlieben und/oder ohne wirklichen Nutzen. Es gibt ja richtige Geschenkeläden für Menschen, denen gar nicht mehr einfällt, was sie schenken könnten. Wenn ich ein solch sinn- und liebloses oder gänzlich unpassendes Geschenk erhalten hatte, ärgerte ich mich zudem, dass Menschen dafür auch noch Geld ausgegeben hatten, das man in vielerlei Hinsicht besser hätte nutzen können.

Für den Schenkenden oder für mich – egal. Wenn ich solche für mich unsinnigen Geschenke aus einem Schenkzwang heraus erhalten hatte, kam innerlich bei mir Groll auf und ich empfand sie wie regelrechte Horkruxe, Energiefresser, die mir jedes Mal, wenn ich sie anschaute, eine lange, ärgerliche Nase zeigten. Was macht man mit solchen „Geschenken“? Ich habe immer wieder versucht, neue Lösungen für dieses Problem auszuprobieren – bis hin zu einem einfachen, freundlichen, ehrlichen Zurückgeben. Damit war allerdings meist längerer Hader mit dem „Schenker“ vorprogrammiert. Auch ich weiß oft nicht, was ich schenken soll. Die Gutschein-Variante ist dabei auch nicht die Lösung, sie fühlt sich oftmals eher wie ein Tauschhandel an.

Auf die innere Haltung kommt es an

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Betrachtungsweisen des Schamanismus, wie ich sie durch die sibirische Schamanin Aayla kennen gelernt habe. Dort wird besonders die Energie hinter den Dingen und Handlungen betrachtet und beachtet. Es geht nicht nur darum, was man tut, sondern auch. wie man es tut. Es kommt immer auf die innere Haltung an. In jedem Geschenk, das wir machen, steckt – ob gekauft oder selbst gefertigt –, unsere Zeit, Energie und unsere Kraft. Aus schamanischer Sicht ist es sinnig, all dies sinnvoll einzusetzen. Am besten natürlich zum Wohle des Beschenkten – um ihn innerlich zu bereichern und zu erfreuen, um die Verbindung zu ihm zu stärken, um Wertschätzung auszudrücken oder einfach aus Dankbarkeit.

Um das bestmöglich zu erreichen, empfiehlt die schamanistische Sicht, uns auf die Person einzustimmen, die wir beschenken wollen. Das kann eine gute Weile dauern, ja, sich durchaus auch ein paar Tage hinziehen. Man denkt an die Person, ruft sich in Erinnerung, welche wunderbaren Gespräche und Momente man mit dieser Person gemeinsam erlebt hat, und öffnet sich fühlend für sie. Unser Herz wird uns dann bei der Suche nach einem Geschenk auf jeden Fall zur Seite stehen.

Selbst gemacht

Aus energetischer Sicht noch stärkere Geschenke sind solche, die man mit eigenen Händen erschaffen hat. Sie haben darum einen energetisch höheren Wert, weil derjenige, der sie herstellt, während des ganzen Schaffungsprozesses seine positiven Gedanken und Gefühle für den Empfänger in das Geschenk hineingeben kann – zum Beispiel all das, was man dem Beschenkten an Schönem tatsächlich wünscht.

Dadurch wird das Geschenk mit positiven Emotionen aufgeladen. Mit diesem Bewusstsein ist man in der Lage, wahrhaft wunderbare Geschenke zu überbringen. Aus energetischer Sicht gibt es auch Geschenke, die ein Schamane vermeidet. Werbung zum Beispiel wird aus schamanischer Sicht vom „Geist des Konsums“ erschaffen. Der steuert auch all die Menschen, die diese bunte, farbenfrohe Werbung kreieren. Von der Werbung „verführt“, kaufen wir dann manchmal Dinge und wissen im nachhinein gar nicht mehr, warum und wofür wir das so dringend brauchten.

Genau diesen verführenden Einfluss des Geistes des Konsums verstärken und übergeben wir nach schamanischer Sichtweise quasi mit, wenn wir etwas verschenken, für das groß Werbung gemacht wird. Solche Geschenke transportieren keine echte Lebendigkeit. Ebenso wird ein Schamane der sibirischen Tradition keine Geräte wie Smartphones, Handys, Tablets oder Computer verschenken. Natürlich sind solche Geschenke sehr nützlich für die Arbeit, aber auf gar keinen Fall aufbauend für seelische Verbindungen und Beziehungen. Solche Geschenke unterstützen es eher, dass die Beschenkten die Verbindung zum Schenkenden verlieren, die emotionale und seelische Verbindung kann dadurch geschwächt werden.

Gabe und Gegengabe

„Geben ist seliger denn Nehmen“ heißt es, und schenken sollte man „selbstlos“ – und nicht, um etwas dafür zu bekommen oder etwas zurück zu erwarten. Mit diesen Gedanken haben sich schon berühmte Philosophen befasst. Eine Gabe, so der französiche Philosoph Jacques Derrida, sei ohne Erwartung einer Gegengabe praktisch nicht denkbar, gleichzeitig aber schlösse das Konzept „Gabe“ in Reinform eine solche Erwartung gerade aus. Diese „unmögliche Möglichkeit … ist ein Paradoxon.“

Und er befand, dass ein unschuldiges, reines Geschenk, frei von Verpflichtungen und nicht auf den Eigennutz des Schenkenden gerichtet, das Unmögliche schlechthin sei. Für den französischen Soziologen Marcel Mauss war Schenken keine Handlung, die in dem Moment abgeschlossen ist, in dem etwas geschenkt wurde, sondern mit Folgehandlungen befrachtet. Einerseits muss das Geschenk überhaupt erst einmal angenommen werden, zweitens kommt in der Regel nach einer Weile wieder etwas zurück. Daraus folgerte er: Wer jemandem etwas gibt, erwartet auch etwas dafür zurück. Geben wird dadurch zu einer strategischen Handlung. Tatsächlich ist Schenken und Beschenktwerden heutzutage oftmals mit vielen Erwartungen überfrachtet.

Ein Lichtblick für alle, die mit dem Schenken hadern: Ein internationales Forscherteam um So Young Park von der Uni Lübeck fand mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) heraus, dass großzügige Handlungen wie Schenken oder Spenden Glücksgefühle im Gehirn auslösen. Solche Glücksgefühle können wir schon im vorhinein bei uns erzeugen, indem wir uns zum Beispiel die Freude vorstellen, die der Beschenkte hat, wenn er unser Geschenk erhält. So kann es uns gelingen, wieder Freude am Schenken zu entwickeln. Nehmen wir uns die Zeit.

Manchmal transportieren Geschenke sogar eine magische Energie. Ich bin in einer relativ großen Familie aufgewachsen. Wir haben vor Jahren beschlossen, nur die Kinder zu beschenken und unter den Erwachsenen Julklap-Lose* zu ziehen, so dass auch jeder Erwachsene ein symbolisches Geschenk am Weihnachtsabend erhält. Vor vier Jahren erhielt ich zwei sehr merkwürdig geformte Sektgläser, so „schräg“, dass sie schon wieder originell aussahen. Dazu stand auf einem Schildchen: „Der erste Schritt für zweisame Stunden, Tage, Wochen und mehr“ – unterzeichnet mit „Santa“. Diese Gabe faszinierte und berührte mich tief. Mein Herz hat sie an diesem „heiligen Abend“ als ein deutliches, hoffnungsfrohes Zeichen für eine neue glückliche Beziehung aufgenommen. Die Gläser bekamen einen schönen Platz in meiner Wohnung und mussten gar nicht lange auf ihren Gebrauch warten: Gleich im darauffolgenden Februar traf ich meinen Lebenspartner, der ein wirklich neues Kapitel zum Thema Partnerschaft in meinem Leben öffnete. Wir sind bis heute gemeinsam sehr glücklich.

*Alle Namen derjenigen, die an der Weihnachtsfeier teilnehmen, kommen in einen Los-Topf und jeder zieht bei einem Vorweihnachtstreffen per Los, wen er beschenken darf. Es darf nicht verraten werden, wer wen gezogen hat. Dann besorgt jeder das Geschenk, verpackt es nett und versieht es mit dem Los-Namensschild. Zur Weihnachtsfeier steht dann ein großer Geschenkesack bereit, in dem die Geschenke bis zur Bescherung verstaut werden.

Marion Augustin, Gründerin von Gutes Gelingen holt sich immer wieder Inspirationen von der sibirischen Schamanin Aayla, die auch im Februar 2018 wieder nach Berlin kommt.Mehr Infos dazu auf www.gutes-gelingen.de. Ein interessantes Interview mit Aayla finden Sie hier http://bewusst.tv/schamanische-heilung

 

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

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ist, neben ihrer Netzwerktätigkeit und dem Schöpfungscoaching auch immer wieder als Erd-Charta-Botschafterin unterwegs. Die Erd-Charta ist als global entstandenes Ethik-Werk ein wichtiges Bindeglied für Friedensstifter, Reformpädagogen, Ökologie-Bewegungen, Erdenhüter und sämtliche Lebensfreunde.

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