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Der Berliner Raphael Fellmer lebt geldfrei und setzt sich gegen die allgemeine Verschwendung und soziale Ungerechtigkeit ein. Er will ein Beispiel für ein gesellschaftliches Modell geben, das auf der inneren Motivation des Menschen beruht, Gutes zu tun und zum Wohle aller zu handeln. Dazu gehört ein achtsamer Umgang mit den Ressourcen der Erde, ihren Lebewesen, Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern ebenso wie die Förderung der individuellen Talente, die in jedem Menschen schlummern, aber oft durch finanziellen Druck nicht entfaltet werden können. Ron Engert sprach mit dem Querdenker und Pionier.

Ron Engert: Raphael, wie lange lebst du schon ­ohne Geld?

Raphael Fellmer: Ich habe vor Jahren begonnen, geldfrei zu leben, und seit dreieinhalb Jahren bin ich wieder in Berlin. Angefangen hat alles mit einer Reise per Anhalter von Holland nach Mexiko. Es war ein Experiment, aus dem sich dann ein „Geldstreik“ entwickelt hat.

Wie gestaltest du das geldfreie Leben?

Ich versuche durch meinen Geldstreik auf die Dinge Bewusstsein zu lenken, die wir ohnehin schon haben, die wir aber nicht wertschätzen und die leider verkommen – seien es Lebensmittel, die ich vor der Mülltonne rette, oder Sachen, die auf dem Weg zum Schredder sind. Auch indem ich ungenutzten Wohnraum benutze oder Geräten Nutzen gebe, die nicht mehr oder wenig benutzt werden.

Stellst du Geld an sich in Frage oder geht es dir um einen bewussteren Umgang mit Geld bzw. Ressourcen?

Beides. Mein Ziel ist, dass wir als Menschheit unser Leben in Frieden und Einklang miteinander, füreinander und mit der Erde gestalten können. Und das ist nicht nur meine Vision, sondern die Vision vieler Menschen seit Ewigkeiten. Dazu gehört meiner Meinung nach ein bewussterer, ganzheitlicher Umgang mit den Ressourcen, mit allen Dingen, die wir kaufen oder nicht kaufen und allen Gedanken, die wir der Welt bzw. den Mitmenschen schenken oder aufbürden.

Deswegen liegt mir am Herzen, ganz konkrete Verbindungen aufzuzeigen zwischen der Ungerechtigkeit, dem Hunger, der Umweltzerstörung auf dem Planeten und dem Leid von Tieren und Menschen einerseits und unserem Konsum und Lebensstil andererseits, und wie all das ganz klar mit dem Geld zusammenhängt. Zum Beispiel möchte keiner von uns, dass jemand Sklavenarbeit machen muss oder hungert, und trotzdem konsumieren wir ständig Dinge, die aus Ländern kommen, in denen moderne Sklavenarbeit existiert.

Auf diese Weise werden nicht nur elektronische Geräte produziert, sondern auch T-Shirts. Durch den hohen Verbrauch von täglich 5000 Liter an „virtuellem“ Wasser pro Kopf und Tag in Europa, also dem Wasser, das zur Erzeugung verschiedenster Produkte aufgewendet wird, verschlechtert sich in vielen Regionen, wo Wasserknappheit existiert, die Lebensgrundlage der Menschen, weil entweder kaum noch Grundwasser da ist oder es verschmutzt ist.

Und natürlich setze ich mich auch grundsätzlich mit der Frage auseinander, was Geld eigentlich ist. Wer sich mit der Thematik beschäftigt hat, weiß, dass die Menschheit über 200 Billionen Dollar Schulden hat, wenn man alle öffentlichen und privaten Schulden zusammenzählt.Wer glaubt, dass wir auf einem endlichen Planeten endlos weiter wachsen können, ist meiner Meinung nach ignorant. Wir müssen früher oder später anfangen, uns anders zu verhalten, und die Frage ist, ob wir warten, bis dieses Geldsystem, das von Wachstum abhängig ist, eines Tages wie ein Kartenhaus zusammenbricht, oder ob wir schon heute beginnen, den Wandel zu einem friedlichen, nicht auf wirtschaftliches Wachstum getrimmten System aus Überzeugung und freien Stücken zu leben.

Die kapitalistische Struktur funktioniert ohne Wachstum nicht und basiert derzeit auch nicht auf realen Werten wie Gold. Wir leben auf Pump und noch klappt es, weil wir kollektiv daran glauben und auch Nutznießer der Situation sind, denn unser Luxusleben basiert darauf.

Die andere Frage ist, was das Geld mit uns macht. Wie korrumpiert sind unsere Herzen, wie sehr lenkt es uns von wesentlichen Dingen ab, mit denen wir uns gern beschäftigen möchten, wie etwa mit Menschen oder sozialen und kulturellen Aspekten? Wie sehr sind wir in unserem Handeln beeinflusst, zum Beispiel die Berufswahl betreffend, wenn wir dabei den Gedanken in den Vordergrund stellen, was man später damit verdienen kann und wie sehr der Beruf gesellschaftlich anerkannt ist?

Wie stark wird bei Erbschaften, Gehältern und all den Strukturen, die durchs Geld entstehen, das Verhältnis zu meinen Mitmenschen negativ beeinflusst? Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass es Geld gibt und wir unterschiedlich viel von dem Geld bekommen haben, verdienen oder abgeben müssen? Wie sehr torpediert oder zerstört es unsere zwischenmenschlichen Verhältnisse und unsere Verbundenheit zur Natur?

Wo ist unser Herz, wo liegen unsere Leidenschaften und unsere Berufung? Wie sehr sind diese uns über die Zeit abhanden gekommen, weil wir in erster Linie ans Geld denken mussten? Und weil all das, was an diesen Fragen hängt, unsere Energie absorbiert, bringen wir unsere Talente und Fähigkeiten nicht so ein, wie es für uns und die anderen Menschen am besten wäre.

Brauchen wir denn nicht auch Geld als Tauschmittel, damit unsere Gesellschaft funktioniert?

Manche denken vielleicht, dass es nicht funktionieren kann, wenn wir Menschen uns komplett vom Geld befreien, weil das Geld für uns in dieser privilegierten Luxusgesellschaft »funktioniert«. Jedoch basiert ein Großteil unser Wohlstandsgesellschaft auf der Ausbeutung von Menschen, Tieren und unseres Planeten. Vielleicht wäre es darum ein durchaus interessanter Ansatz, wenn wir uns mehr damit auseinandersetzen, was eventuell in unserer Gesellschaft wegbrechen und wegfallen würde.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es unzählige Aufgaben bzw. Berufe gibt, die es in Zukunft nicht mehr geben wird bzw. die als nicht erstrebenswert erachtet werden. Damit meine ich zum Beispiel die 500 Milliarden schwere Werbeindustrie, die Rüstungsindustrie, aber auch Banken, Versicherungen und unzählige andere Bereiche, die wir heute als inhärente Teile des System erachten, die aber zukünftig nicht mehr existieren werden.

Aber auch andere Bereiche, wie beispielsweise das Schlachten von Tieren, werden sich grundlegend verändern. Wahrscheinlich würde sich in einer geldfreien Gesellschaft niemand finden, der acht Stunden am Tag ein Tier nach dem anderen tötet. Vielleicht entwickelt sich ohne Geld die Kultur mehr dahin – wie es auch schon früher war und in anderen Kulturen auch noch üblich ist –, dass das Schlachten eines Tieres, wenn es denn so entschieden wird, Ritualcharakter hat, dadurch eine ganz andere Wertschätzung gegenüber dem Tier entsteht und Massentierhaltung komplett verschwindet. Ein anderes Beispiel sind Toiletten. Wer hat denn Lust, den ganzen Tag Toiletten zu putzen? Eine Berufung ist das sicher nicht.

Vielleicht irre ich mich, aber wir werden uns als Kollektiv verantwortungsvoller um die Toiletten kümmern müssen sowie um alles, was wir gemeinsam nutzen. Auch Putzkräfte haben sicher noch viele verborgene Talente, die sie noch nicht entfalten konnten. Im Endeffekt werden wir weniger putzen, aber dafür alle – und nicht nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Dann empfindet man auch eine andere Verantwortung für alles, was in der Gesellschaft gemacht werden muss, damit wir so leben können, dass wir uns alle wohlfühlen.

Da wird es viele Umstrukturierungen geben. Vor allem sollten wir den Platz in der Gesellschaft finden, der uns entspricht. Die Menschen, denen es heute nicht gut geht, weil sie eine monotone, eintönige Arbeit verrichten, leben dann vielleicht in einer bunteren Welt und tun Dinge, die über die Konditionierungen, die uns schon seit der Kindheit prägen, hinausgehen.

Was bedeutet es für die Menschen, sich mit der Möglichkeit eines Lebens ohne Geld auseinanderzusetzen?

Zunächst ist mein “Leben ohne Geld” viel mehr als ein Protest gegen die Ungerechtigkeit und die Verschwendung in der Welt. Was ich mit meinem Geldstreik zeigen möchte, ist, dass nicht so sehr das Geld der entscheidende Faktor ist, wenn es um die Verwirklichung der Träume geht. Man braucht für vieles nicht auf Geld zu warten, um etwas zu erreichen. Ich möchte zeigen, dass wir heute durch unseren Überfluss – auf den ich auch aufmerksam machen möchte, indem ich sage, dass ich keine Lebensmittel kaufen muss, denn 50 Prozent dessen, was produziert wird, wird ohnehin weggeworfen – anders leben können.

Ich habe das Konzept des Lebensmittelrettens bei Betrieben vor drei Jahren in Berlin gestartet, mittlerweile ist es mit foodsharing verschmolzen. Ausgangspunkt war für mich zu überlegen, wie ich das Lebensmittelretten legal und nachahmungsfähig gestalten kann. Mir ging und geht es darum, dass die Menschen sich nicht bloßgestellt und beschämt fühlen, sondern stolz und glücklich darüber sind, wenn sie Lebensmittel vor der Tonne bewahren!

Denn sich gegen die Lebensmittelverschwendung einzubringen ist im Grunde etwas Wunderbares, an dem wir uns alle beteiligen können, anstatt den schwarzen Peter für Missstände einfach dem Handel oder der Politik zuzuschieben. Indem ich mich aktiv einsetze und mit einem Thema auseinandersetze, entsteht Bewusstheit. Wie behandle ich meinen Körper, wie ernähre ich mich? Woher kommen die Lebensmittel? Unter welchen Bedingungen wurden diese produziert und wie haben im Laufe der Produktion Menschen oder Tiere gelitten?

Welche Auswirkungen hat das auf mein Wohlbefinden? Es geht mir nicht nur um eine zukünftige Vision einer geldfreien Gesellschaft, sondern darum, wie wir diese peu à peu etablieren können, indem wir heute den Wandel leben, den wir in der Welt sehen möchten. Foodsharing läuft praktisch 100 Prozent geldfrei, 80.000 Menschen, die Essenskörbe anbieten und verteilen, sind insgesamt angemeldet, 6.000 Foodsaver sind mit dem Abholen von unverkäuf­lichen, aber noch ­genießbaren Lebensmitteln bei über 1.500 Betrieben beschäftigt.

Dank unserer Partner wie Rechtsanwälten, Druckereien, Serverfirmen und anderen Betrieben, die sich unentgeltlich zusammen mit foodsharing gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzen, können wir weitgehend geldfrei agieren. Vor allem ist es aber dem Einsatz tausender Menschen, ganz besonders den Programmierern, dem Orgateam, den 300 Botschaftern und allen anderen, die sich bei foodsharing engagieren, zu verdanken, dass wir bisher über 1,3 Millionen Kilo Lebensmittel retten konnten.

Dieses Engagement zeigt mir auch: Menschen arbeiten nicht, weil sie müssen, sondern aus einer intrinsischen Motivation heraus zum Wohle anderer und damit natürlich auch ihrer selbst. Dass sich das immer mehr zeigen kann und darf, ist für mich der nächste Evolutionsschritt – und wir kommen ihm jeden Tag ein bisschen näher.

Schafft ihr als Bewegung auch schon Werte? Es ist ja schon ein Unterschied, ob du Dinge aufbrauchst, die Abfall sind, oder ob du Werte schaffst.

Man schafft Werte, indem man Dinge wertschätzt, die andere nicht mehr wertschätzen. Knapp 1.000 Euro gibt jeder Mensch in Deutschland im Schnitt pro Jahr für Kleider und Schuhe aus, und weil wir ständig Lust haben, etwas Neues zu kaufen, schmeißen wir Unmengen weg, obwohl die Sachen noch in Ordnung sind. Diesen Werteverlust kann man auffangen, indem man sich darum kümmert, dass das, was weggeworfen werden soll, an andere weitergegeben wird.

Das ist natürlich nur Symptombekämpfung, aber ein Schritt in die richtige Richtung, denn wir haben es allein bei Lebensmitteln mit einer Überproduktion von 50 Prozent zu tun. Und auch wenn sich die Enthaltsamkeit beim Konsum nicht gleich bemerkbar macht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Landwirte weniger Land bestellen, weil es schlichtweg nicht genügend Abnehmer für die Lebensmittel gibt – und das Gleiche gilt für die Textilindustrie.

Durch die Bank weg können wir heute einen großen Verlust an Qualität durch die Massenproduktion erkennen. Es lohnt sich gar nicht, einen Socken, einen Pullover oder Ähnliches so herzustellen, dass sie lange halten, weil die Menschen sowieso sehr bald wieder alles austauschen. Unser Verhalten spielt einem System in die Hand, das nicht so aufgebaut ist, dass es uns wirklich dient, sondern in erster Linie der Kapitalakkumulation, also der Profitmaximierung für wenige auf dem Rücken von vielen zukünftigen Generationen und der Mutter Erde.

Nicht nur bei technischen Geräten gibt es sogar im Vorhinein fabrizierte Sollbruchstellen, die sogenannte geplante Obsoleszenz, damit es möglichst bald einen Grund gibt, die Geräte zu ersetzen – in den allermeisten Fällen lohnt es sich nicht, sie zu reparieren.

Wenn wir zukünftig ein Gerät open-source-basiert herstellen wollen, werden wir gemeinschaftlich schauen, dass es so langlebig, nachhaltig und nützlich wie möglich für die Gemeinschaft ist, dass es reparierbar ist und dass es, wenn der Zeitpunkt kommt, an dem man es nicht mehr gebrauchen kann, in seinen Einzelteilen recycelt werden kann, so dass keine Ressourcen durch schlechte Verarbeitung verschwendet werden.

Analog zu foodsharing gibt es inzwischen auch Repair-Cafés, bei denen sich Menschen ehrenamtlich einbringen. Oft wird ein Raum kostenfrei zur Verfügung gestellt, jemand gibt ein paar Euros für den Strom oder bringt Fäden, Drähte oder Lötzinn mit – Dinge, die gebraucht werden, um die Sachen zu reparieren. Denn viele Menschen sind inzwischen nicht mehr glücklich darüber, dass sie sich ständig etwas Neues holen müssen und dass die Qualität der Produkte, die es zu kaufen gibt, über die letzten Jahrzehnte hinweg so gesunken ist.

Solche Gegentrends gibt es auf vielen Ebenen – und sie breiten sich aus. Wie viele Menschen haben sich vor dreißig Jahren in Deutschland, als ich geboren wurde, vegetarisch ernährt? Ein paar Hunderttausend? Heute sind es Millionen.

Und die haben etwas ganz Grundlegendes geändert, nämlich die Kultur und Tradition des Essens, das heißt, sie achten auf das, was sie essen, wie sie essen und woher es kommt – und all das ohne Veggie-Day, ohne Zwang oder Regulierung, sondern aus innerer Einsicht, aus gestiegenem Bewusstsein und vor allem aus freien Stücken. Genau diese wirklich nachhaltige Veränderung – die von innen motiviert ist – brauchen wir!

Auch das Auto ist ja kein Status­symbol mehr …

Richtig, wir müssen uns auf vielen Ebenen von diesen alten Krusten befreien, von diesem materiellen Denken, das uns so geprägt hat. Das kostet Zeit und Energie, aber je mehr Menschen das machen, umso mehr Menschen finden Mut, ihren eigenen Weg zu gehen und sich von Prägungen und Verhaltensmustern zu lösen, um ihr ureigenes Sein zu entdecken und zu leben.

Hattest du jemals mit Existenzangst zu tun?

In meiner Familie gab es immer wieder Existenzangst und ich hatte viel damit zu tun. Inzwischen habe ich keine Existenzangst mehr. Ich vertraue, dass alles gut ist und weiterhin gut wird. Ich habe mich an dieser Stelle in Bezug auf die konditionierten Ängste weitgehend befreit. Ich habe ein großes Vertrauen in mein Schicksal, das der Menschheit und den Fluss des Lebens.

Dieses Gutsein der Existenz ist mir dank wunderbarer Erfahrungen klar geworden. Letztlich findet sich immer eine Lösung, auch wenn diese manchmal anders aussieht, als wir es geplant hatten. Aber sich genau diesem Prozess zu überlassen, ist der Weg, um sich von Ängsten und Vorstellungen, an denen wir so oft scheitern und verzweifeln, frei zu machen.

Du hast es ausprobiert und darauf ankommen lassen.

Genau. Den Fuß in die Luft setzen mit dem Gefühl, dass sie mich tragen wird. Die Menschheit ist die Luft in diesem Sinne. Wir suchen gern im Außen Sicherheiten und Liebe. Aber Liebe, Sicherheit und Vertrauen kommen vor allem von innen, um sich dann in unserer Umwelt zu spiegeln.

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Eine Antwort

  1. Mah'saa
    Bewusst Sein geht über den menschlichen Geist hinaus

    Mit dem Essen, das wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, könnten alle Hungernden der Welt dreimal satt werden.

    http://www.dailymotion.com/video/xs46sn_taste-the-waste-1v2_news
    http://www.dailymotion.com/video/xs46t7_taste-the-waste-2v2_news

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