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Es ist noch nicht so lange her, da war es die Mark Brandenburg, die Berlin ernährte. Heute ist es der Weltmarkt. Kein landwirtschaftliches Produkt ist zu banal, dass es nicht aus der hintersten Ecke des Globus nach Berlin gekarrt wird. Doch es regt sich ein neues Bewusstsein. Regionale Produkte, eine hohe Qualität und der Kontakt zum Erzeuger werden den Berlinern immer wichtiger.

Von Aman

 

Es spielte lange keine Rolle, woher die Lebensmittel für die Berliner kamen. Die alten Versorgungsstrukturen aus der Mauerzeit hielten auch nach der Wende. Das Berliner Umland blieb nach dem Fall der Mauer als Versorger weitestgehend außen vor. Die großen, konventionell wirtschaftenden Agrargenossenschaften liefern – ohne Bezug zu Berlin – nach wie vor an global agierende Großhändler, von denen sie abhängig sind. Neu entstandene Landwirtschaftsbetriebe, vor allem Biobetriebe in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, bauten sich daneben mühsam einen Direktabsatzmarkt in Berlin auf. Mit viel Aufwand und wenig Ertrag bestreiten die Bauern Wochenmärkte und liefern an die Haustür. Es ist ein hartes Brot. Zugang zu den Bio-Supermärkten haben die wenigsten regionalen Anbieter, und hier oft auch nur in Alibi-Funktion.

Seit die großen Discounter die zunehmende Nachfrage nach Bioprodukten auch bedienen müssen, um ihre Marktanteile zu verteidigen, geraten die über Jahre gewachsenen Strukturen ökologischen Wirtschaftens aus allen Fugen. Mittlerweile wirbt ALDI Süd bereits mit dem Slogan: „Einfach weil hier Bio-Produkte kein Luxus sind, sondern Standard.“ Doch dieser neue Standard hat einen desaströsen Konkurrenzkampf entfesselt, bei dem die heimischen Biolandwirte ohne Kurskorrektur durch die Konsumenten mittelfristig auf der Strecke bleiben werden. Gerade durch die „Vermassung“ von Bio durch die Discounter und den Preiskampf untereinander geraten die einheimischen Öko-Landwirte trotz EU-Zuschüssen massiv unter Druck. Schon stellen die ersten großen Biohöfe in Deutschland ihren jahrzehntelangen giftfreien Anbau wieder auf konventionelle Bewirtschaftung um. Der Mehraufwand, den der Bioanbau erfordert, lohnt sich nicht mehr. Der Grund: Die Discounter decken ihren steigenden Bedarf immer mehr aus Ländern des ehemaligen Ostblocks wie Rumänien oder Bulgarien, und von dort auch nur in niedrigsten Biostandards.

Selbst vor Kartoffeln aus China in fragwürdiger Qualität schreckt die Branche nicht zurück. Mit den Einkaufspreisen, die die Discounter diktieren, will und kann der deutsche Ökolandwirt nicht mehr mithalten. Es ist absurd. Die Nachfrage nach Bioprodukten in Berlin steigt, doch der engagierte Landwirt in Brandenburg und Mecklenburg hat wenig davon. Und die Verzweiflung auf dem Land um die Existenz der Biobetriebe wächst. Dieses Jahr war besonders hart für diejenigen Bauern rund um Berlin, die noch keine Direktvermarktung ihrer Erzeugnisse betreiben. Im Frühjahr fehlte der Regen. Die Ernteerträge sanken um 40 Prozent, und die erzielten Preise deckten noch nicht einmal die eigenen Kosten. Doch beim Verbraucher kommen die niedrigen Preise nicht an. Der Groß- und Einzelhandel schöpft den Profit ab und die Bio-Bauern und die Bodenfruchtbarkeit bleiben auf der Strecke, wenn die Äcker zurück an die Maisbauern und Biogasanlagenbetreiber fallen. Auch wird Ackerland als Spekulationsobjekt zunehmend unbezahlbar. Die hohen Kaufpreise schlagen sich dann auch auf die Pachtpreise nieder. In Nordrhein-Westfalen werden bereits Pachtpreise von 2.000,- Euro pro Hektar aufgerufen. Diesen Wahnsinn kann nur der Konsument durch bewusste Einmischung stoppen. Wie das gehen kann, war auf dem Kongress „Wir haben es satt“, einem Zusammenschluss von 50 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt- Tier- und Verbraucherschutz zu erfahren, welcher gleichzeitig mit dem Festival „stadt land food“ unter Teilnahme von 150 Bauern, LebensmittelhandwerkerInnen und Händlern rund um die Markthalle Neun in Kreuzberg vom 1. bis 3. Oktober mit allen Sinnen zu begreifen war. (www.stadtlandfood.com und www.wir-haben-es-satt.de)

Wie kann es z.B. gelingen, Ackerland dauerhaft für die nachhaltige Bewirtschaftung durch Biobetriebe zu sichern? Indem Genossenschaften gegründet werden, wie z.B. die Kulturland eG., die Ackerland erwerben und dieses Land jungen LandwirtInnen gegen eine faire Pacht überlassen. Ja, es gibt sie, junge, auch politisch engagierte Landwirte, die den Mut haben, einen Hof zu gründen und die gute Lebensmittel erzeugen wollen. Dass es ihnen an bezahlba

rem Land fehlt, können wir Konsumenten ändern, indem wir auch mit kleinen Beträgen Land sichern und die Politik auffordern, Land im Bundesbesitz (der Staat ist noch Eigentümer mehrerer hunderttausend Hektar Ackerflächen) nicht an den Meistbietenden zu verscherbeln. Auch die Kirchen sind als der größte Landbesitzer in Deutschland aufgefordert, Land aus der Verpachtung an Agrarfabriken herauszunehmen und sie nachhaltig wirtschaftenden Junglandwirten neu zu verpachten.

Es fehlt z. B. auch an Getreidespeichern und Getreidemühlen, die das Korn schonend und frisch kurz vor dem Backen vermahlen. Gab es in den 50er Jahren noch 8.000 Getreidemühlen in Deutschland, ist deren Anzahl auf nur noch 200 zurückgegangen. Mit allen Konsequenzen für die Qualität des Mehls, welches nun zwar lange lagerfähig ist, aber vieler seiner gesunden Inhaltsstoffe beraubt wird. Auch hier können wir Konsumenten uns einmischen und Initiativen finanziell und aktiv unterstützen, die regional angebautes Getreide zu fairen Preisen abnehmen, in neu errichteten Getreidespeichern einlagern und Berliner Bäckereien mit hochwertigen Mahlerzeugnissen beliefern.

Eine bemerkenswerte Investition brachten 23 Biolandbetriebe in Norddeutschland auf den Weg. Sie gründeten 2013 die Hamfelder Hof Bauernmeierei, nahmen 11 Mio Euro in die Hand und bauten in der Nähe von Hamburg eine eigene Meierei, die ausschließlich die Milch der beteiligten regionalen Milchbetriebe verarbeitet und auch regional vermarktet. Ihr Motto: Regional – von der Weide bis zum Kühlregal (www.hamfelderhof.de)

Die Markthalle Neun in Kreuzberg hat es in wenigen Jahren geschafft, vielen Berlinern und Touristen die Region Brandenburg als kulinarische Schatzkammer näherzubringen. (www.markthalleneun.de) Motto: „Kenne deinen Bauern und es wird euch beiden viel besser schmecken.“

Die Markhalle Neun ist erst der Anfang. Gab es früher 14 Markthallen in Berlin, sind es heute nur noch vier. Worauf warten wir?

Wie sagte der regierende Bürgermeister Michael Müller in seiner Eröffnungsrede zum „Wir haben es satt“-Kongress: „Es geht um mehr als die Idee vom besseren Essen. Es geht auch um Lebensqualität, um Verantwortungsbewusstsein gegenüber Umwelt und Natur, um eine handwerkliche, nachhaltige und faire Produktion von Lebensmitteln.“

Die nächste „Wir haben es satt“-Demo findet am 21. Januar 2017 in Berlin statt.

 

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