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Vorgeburtliche Prägung: Wie wichtig ist die Zeit vor der Geburt?
Kein Stress für werdende MütterWährend der Zeit im Mutterleib werden die Weichen für unsere spätere körperliche und mentale Gesundheit gestellt - das ist zumindest das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen des amerikanischen Psychologen Dr. Arthur Janov. Ein wichtiger Faktor dabei: der Stress der werdenden Mutter.
Vorgeburtliche ProgrammierungVor ungefähr 20 Jahren hat die Wissenschaft damit begonnen, den vorgeburtlichen Einfluss auf das ungeborene Kind zu erforschen. Mittlerweile gilt die „pränatale Programmierung" als bewiesen. Man geht sogar davon aus, dass die Einflüsse aus dem Mutterleib das kindliche Erbgut epigenetisch prägen und entsprechend an die nachfolgenden Generationen weitergereicht werden.
Haben Depressionen und Allergien ihren Ursprung im Mutterleib?Dass die mütterliche Ernährung weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit ihres Kindes hat, darüber sind sich Wissenschaftler im In- und Ausland einig. Relativ neu ist jedoch die Erkenntnis, dass auch negative Gefühle und dauerhafter Stress während der Schwangerschaft ihre Spuren beim Nachwuchs hinterlassen. So sieht die New Yorker Psychologin Catherine Monk den Ursprung vieler depressiver Erkrankungen in Erlebnissen im Mutterleib. Entsprechenden Untersuchungen zufolge reagieren Kinder depressiver Mütter bereits in utero empfindlicher auf Stressreize als Kinder mental stabiler Mütter.
Vorgeburtliches Bewusstsein
Essentielle BedürfnisseDr. Janov geht davon aus, dass es für die Befriedigung essenzieller Bedürfnisse ein Zeitfenster gebe, in dessen Rahmen diese erfüllt werden müssten. Geschehe dies nicht, so bestehe ein lebenslanges Defizit, das im späteren Leben nicht mehr vollständig behoben werden könne. So hat er festgestellt, dass ernsthaftem Drogenmissbrauch oft ein Mangel in der frühesten Kindheit vorausgehe.
Bis in die Grundstruktur der ZellenStress während der frühen embryonalen Entwicklung hat gravierende Auswirkungen auf die Gene. Er führt dazu, dass die (epi-)genetische Codierung jeder einzelnen Zelle verändert. Frühe Traumata, so Janov, veränderten somit die zellinterne Chemie und würden im Gedächtnis der Zelle abgespeichert. Stress oder Primärschmerz würden sich demnach tief in die Grundstruktur der Zellen einbrennen und das Immunsystem dauerhaft schwächen. Hier, so Janov, könnte auch eines der Geheimnisse um die Entstehung von Krebs zu suchen sein. Eine sehr gewagte These. In einer Studie des Imperial College in London aus dem Jahr 2007 konnte immerhin nachgewiesen werden, dass die Übertragung eines hohen Cortisolspiegels von der Mutter auf das Kind einen niedrigeren IQ, Ängste, AD(H)S und Depressionen begünstigen kann. Suzanne King, Professorin für Psychologie an der McGill University erklärte anlässlich der Royal Society Summer Science Exhibition 2009: „Wir alle sind uns darüber einig, dass der Fötus ungemein empfindlich und verletzlich ist. Selbst geringfügige Stimmungsschwankungen der Mutter haben messbare Auswirkungen, die über Jahre anhalten können."
Medikamente für Mütter?
Albert Hollenbeck, Spezialist für vorgeburtliche Entwicklung, kam anlässlich einer Studie zu dem Ergebnis, dass alle Drogen, die eine Schwangere zu sich nimmt, die Neurotransmitter-Konstellation beim Kind nachhaltig verändern. Dabei scheinen die Erwachsenen Kinder zeitlebens zu versuchen, die Auswirkungen dieses chemischen Eingriffs zu kompensieren: Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Beruhigungsmittel genommen haben, zeigen später einen erhöhten Missbrauch von Amphetaminen (Aufputschmitteln). Umgekehrt besteht die Gefahr des Beruhigungsmittel-Missbrauchs, wenn die Mutter in der Schwangerschaft vermehrt Stimulanzien wie Kaffee, Kokain oder koffeinhaltige Getränke konsumiert hat. Ähnliches gilt für Kinder, die im Mutterleib Kontakt mit Antidepressiva wie Prozac® oder Zolo® hatten: Bei ihnen wurde bereits im Alter von drei Jahren eine verstärkte Neigung zu Traurigkeit und zurückgezogenem Verhalten festgestellt. Der Grund: Ihr Serotonin-Spiegel wurde bereits in utero dauerhaft verändert. Sogar die Schmerzmittel bei der Geburt stellen offenbar einen bleibenden Eingriff in das System des Kindes dar: Lokalanästhetika wie Lidocain, die zur Erleichterung der Geburt verabreicht werden, können nach Hollenbeck eine dauerhafte Verhaltensänderung beim Kind nach sich ziehen. Zudem steigt das Suchtrisiko: Je mehr Schmerzmittel eine Frau während der Wehen bekommt, desto höher ist die statistische Gefahr, dass ihr Kind im späteren Leben zu Alkohol- oder Drogenmissbrauch neigt. Recht einleuchtend werfen andere Forscher deshalb ein, dass ein medikamentöser Eingriff völlig kontraproduktiv wäre und es sehr viel sinnvoller ist, Schwangere gesellschaftlich und familiär so zu unterstützen, dass sie immerhin die besten Bedingungen haben, die Schwangerschaft ohne nennenswerten Stress durchleben zu können. Das ist allerdings auch keine besonders neue oder originelle Erkenntnis. Und vor allem, so wird auch betont, sollte man Mütter mit den Erkenntnissen über pränatale Programmierung nicht überfordern: Das Bewusstsein, keinen Stress empfinden zu dürfen, um dem Kind im Bauch nicht zu schaden, erzeugt auch wieder nur Stress, der dem Ungeborenen schadet.
Umgang mit dem ungeborenen LebenAus all diesen Studien und Untersuchungen geht zumindest eines hervor: dass das ungeborene Leben äußerst fragil und verletzlich ist. Eingriffe, egal welcher Art, sollten sorgsam erwogen und wenn möglich vermieden werden, sodass sich das Kind optimal entwickeln kann.
Text: Dorit Zimmermann, Überarbeitet von David Rotter
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Bilder: Fötus - Ivon19, cc-by-sa; Schwangere Siluette - Sean McGrath cc-by;
Literatur:
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Leser Kommentare:
Am 07. Oktober. 2012 geschrieben von soso
und nun? muss ich jetzt schuldgefühle haben weil ich während der schwangerschaft gestresst war und mein kind die folgen tgagen muss? darf ich mit dem finger auf meine mutter zeigen, die mir die veranlagung zu meinen problemen mitgegeben hat?
Wie geht man mit den beschriebenen Erkenntnissen um?
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