von Iris Schmidt Koopmann

Die Hälfte des Jahres lebe ich auf dem Land, “off-the-grid”: abseits vom Elektrizitätsnetz, von der Müllabfuhr, vom warmen Wasser, vom Abwassersystem. Ich habe meine kalte Dusche einmal pro Woche lieben gelernt und sonst wasche ich mich mit dem Lappen. Zum Haarewaschen heize ich mir Wasser warm. Mein Kopf dankt es. Strom generieren die Solarpanele. Den Müll radle ich in die Stadt, meine Wäsche auch. Seifen nehme ich so wenig wie möglich, so dass ich mit dem Grauwasser die Bäume giessen kann. Das Kompostklo braucht gar kein Wasser.

Es klingt wie Verzicht und dennoch erlebe ich es als großes Geschenk, mich nah zu den Elementen zu fühlen. Ich möchte nirgendwo anders sein. Ich säge mir das Holz zum Heizen. Ich nehme, was ich brauche…mehr macht wenig Sinn. Irgendwie bin ich auf Augenhöhe zu dem Leben da draußen. Ich habe den Eindruck, beizutragen, Bäume pflegend, das Gelände hütend.

Fortschritt bedeutet heute: weniger haben, weniger tun, weniger nach mehr streben

Während des diesjährigen Online-Kongresses von Pioneers-of-Change wird Judith Mangelsdorf zitiert: “Wir gehören zur ersten Generation, für die Fortschritt bedeuten muss, weniger zu haben, weniger zu tun, weniger nach immer mehr zu streben.„, eine Generation, die nicht mehr mit Wachstumsbotschaften in die Zukunft blickt, die in Frage stellt, ob das Eigenheim und das eigene Auto realistisch und vertretbar sind. “Ich will nichts mehr produzieren, gar nichts mehr, kein Objekt mehr hinzufügen!” – der Satz purzelte vor Kurzem mit Wucht aus mir heraus.

Seit 2020 bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, also Bus und Bahn, und dem Rad unterwegs. Ich habe das Experiment gestartet, wie ich meinen Alltag und meine Arbeit so gestalten kann, dass das möglich ist. Diese Fortbewegung beeinflusst viele meiner Entscheidungen.

In dieser Begrenzung, innerhalb des Raums, den die Grenzen stecken, dann wenn die Ressourcen limitiert sind, entsteht Kreativität. Ich erlebe mich als Gestalterin meiner Umgebung, nicht als Konsumentin.
Und die Begrenzung lädt mich ein, eine Haltung einzunehmen, die sich in den öffentlichen Raum lehnt, in ein Netz der Beziehungen. Ich lehne mich vor in die Tatsache, dass wir alle miteinander zusammenhängen und entferne mich deutlich fühlbar aus der Illusion, ich könne die Dinge alleine stemmen. “Interdependenz” wird für mich so spürbar.

Vor ein para Tagen hörte ich Bayo Akomolafe in einem Interview sagen: “Ich möchte die Stabilität anzweifeln, auf der wir unsere Handlungsmacht aufbauen. Es ist wichtig zu erkennen, dass wir nie Handlungsmacht hatten. Sie ist nichts was ein Individuum haben kann, nur ein Netzwerk. Handlungsmacht wird durch Netzwerke verteilt.”

Ich muss das erst lernen. Immer wieder neu. Mich Interdependenz anzuvertrauen ist manchmal anstrengend, nicht immer bequem und einfach. Das macht auch Angst.

Denn ich bin anders aufgewachsen. Ich bin im Vergleich aufgewachsen. Die längste Zeit in meinem Leben war ich stolz darauf, was ich alles alleine kann und dass ich keine Hilfe brauche oder in Anspruch nehme. Individualismus wird in unserem System prämiert. Um Hilfe zu bitten macht mich spürbar verletzlich. Werde ich dadurch abhängig, womöglich genötigt Dinge zu tun, die ich nicht tun möchte oder kann, die über meine Kapazitäten gehen? Schutzmechanismen machen hier Sinn, Masken, nicht alles zu zeigen oder zu sagen, gut abzuwägen, was ich von mir mitteile.

Oberflächlichkeit mag mich schützen, bringt aber keine Tiefe. Tiefe ist nur möglich mit dem Mut, verletzlich zu sein, menschlich, fehlbar, berührbar, fühlend….und darin liegt für mich der wunderbare Reiz, Mensch zu sein.

Gemeinschaft entsteht im Zuhören

Während meiner Lehrjahre zur Trainerin in Gewaltfreier Kommunikation überraschte mich oft das Wort “Gemeinschaft”. Ich wusste nicht recht, was ich mir darunter vorstellen sollte. Mir kamen Bilder von Wohngemeinschaft, meiner WGs während des Studiums. Ich gehörte keiner religiösen Gemeinde an, keiner Dorfgemeinde, keinem Sportverein, die Nachbarschaft wechselte jedes Jahr, die Klassenkamerad*innen auch. Manchmal wurde ich wütend, wenn es sich anhörte, als läge es allein an mir, dass ich meine Gemeinschaft nicht definieren konnte.
“Wir leben doch gar nicht mehr in Gemeinschaften. Wir haben doch gar kein Dorf mehr.”, und ich beklagte damit einen Verlust der greifbaren Zugehörigkeit, einen Schmerz, etwas wesentlich Menschliches verloren zu haben.

Mittlerweile hat sich für mich der Begriff gefüllt. Ich verbinde damit eine besondere Qualität von Beziehung und Begegnung, die ich seit meiner Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und in meiner Rolle als Therapeutin bewusster wahrnehme und gestalte. Und seit wenigen Jahren habe ich den Prozess “Community Building” nach Scott Peck entdeckt. Seine Vision formuliert er:

Im Herzen liegt eine Sehnsucht nach Frieden. Weil wir schon so oft verletzt und zurückgewiesen wurden, scheuen wir das Risiko. In unserer Angst erklären wir den Traum von echter Gemeinschaft zur bloßen Phantasie. Aber es gibt Wege, die die Menschen wieder zusammenbringen und alte Wunden heilen lassen…
Gemeinschaftsbildung/Community Building ist eine Chance, diese Methoden zu erlernen, die Hoffnung wieder zu erwecken und die Vision jetzt umzusetzen – in einer Welt, die es fast vergessen hat, was für ein Glück es ist, Mensch zu sein.“ (M. Scott Peck, Autor von „Gemeinschaftsbildung“ und „Der wunderbare Weg)

Gemeinschaft entsteht im Zuhören…..im Hinhören nach Innen und was hinter den Worten liegt….was bewegt mich wirklich, was möchte ich von mir mitteilen?
Was kann ich loslassen, um bereit zu sein, mich dir mitzuteilen, mich dir zu zeigen? Was steht mir im Weg hin zu dieser Offenheit?

Dazu brauchen wir einen Raum, in dem wir uns sicher genug fühlen, sicher vor Werturteilen, ohne Gefahr die Zugehörigkeit zu verlieren. Ein Raum, in dem es nicht um richtig und falsch geht, sondern um das, wie jeder das Leben erlebt, jenseits noch der Meinungen, der Ansichten, der Glaubenssätze. Einen Raum, in dem nichts geschehen muss. Wo Stille sein darf, aus der erneut Erleben geteilt wird.

Und selbst wenn wir in diesem Raum unsere Unterschiede wahrnehmen, während wir uns so zeigen wie wir sind, während jede/-r von sich spricht, entsteht eine Erfahrung von authentischen zwischenmenschlichen Verbindungen in einem Raum aussergewöhnlicher Sicherheit und ungewöhnlich tiefem Respekt.

Dies ist eine tiefe Erfahrung von Gemeinschaft, von Dorf, von Menschlichkeit, von Zugehörigkeit zu dieser menschliche Spezie, die es wieder lernen darf, Nähe und Unterschiedlichkeit, Intimität und Vielfalt ohne Angst zuzulassen. Ich lade dich ein, diese Erfahrung selber zu machen.

 

Seminar:
Community Building Skills Training nach M. Scott Peck – Die Kunst der Begegnung
Wann: 24. Mai 2024, 9:00 Uhr – 26. Mai 2024, 17:00 Uhr
Wo: Berlin/Hermsdorf: https://www.quelle-des-mitgefuehls.de/gastkurse/
Wer: Ammersee-Institut für Community Building (CB International)
Was: Wochenendworkshop: Freitag-Morgen – Sonntag-Nachmittag;
Wieviel: Kursgebühr: 290 € / 250 € – Frühbucherpreis bis 3. Mai

Melde dich direkt hier an:
ammerseeinstitut.de/event-details/workshop-community-building-24-26-mai-2024
Bei Fragen antworte ich gerne: iris.schmidt.koopmann@gmail.com

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