Lebensabschied und Todesangst

„Wohin, ihr Wildgänse, wohin?“ riefen die Zugvögel. Die ganze Zeit trafen die Wildgänse mit anderen Zugvögeln zusammen, die jetzt in etwas größeren Scharen als im Frühling einhergeflogen kamen“. Die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf vermochte in einzigartiger Weise – so wie im obigen Zitat aus „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ – die Laute der Naturwesen und Erscheinungen in die Form der menschlichen Sprache zu übertragen.

Wenn wir jetzt im Herbst die gleichsam fragenden Laute der ziehenden Wildgänse oder Kraniche vernehmen und in ihren großen, keilförmig-beweglichen Zeichen am Himmel erblicken, wer hielte da nicht aufschauend inne, und bei wem klänge da in der leisen Wehmut des Abschieds vom Sommer, in der Sehnsucht und im Fernweh nicht auch die Frage nach dem großen „Wohin“ unseres menschlichen Lebens mit an …

Uralt ist die Auffassung etwa des Laotse, dass Kraniche nicht nur Boten des Frühlings und des Glücks sind, sondern auch Mittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt. Sie sind für seine Anschauung Botschafter einer himmlischen Sphäre, gefiederte Reittiere für die Götter oder für die den Körper verlassende Menschenseele auf dem Weg in eine andere Lebenssphäre jenseits der Todespforte. Solche Auffassungen aber haben wohl heutzutage kaum mehr etwas gegen die wohlgenährte, tiefsitzende Furcht vorm Tode entgegenzusetzen.

„Media in vita morte – Mitten wir im Leben sind/ mit dem Tod umfangen …“ lautet es in einem frühmittelalterlichen Hymnus, den Martin Luther im 16. Jahrhundert in ein Kirchenlied übertragen hat. Daran anklingend dichtete Rilke 400 Jahre später: „Der Tod ist groß/ Wir sind die Seinen/ Lachenden Munds/ wenn wir uns mitten im Leben meinen/ wagt er zu weinen/ mitten in uns.“

Heute jedoch ist der Tod weniger auf dichterische Weise präsent, sondern Tod und Todesangst drängen vielfach auf andere Weise heran und sind beinahe allgegenwärtig, aller sonstigen Tabuisierung zum Trotz. Ganze Industriezweige profitieren davon, die Vorstellungen vom Sterben, vom Tod und von Toten in Filmen, Computerpielen und andererseits lebensverlängernden Präparaten und Maßnahmen zu inszenieren und damit zu faszinieren. Die Medienkanäle sind förmlich überschwemmt von täglichen Tatsachenberichten des grauenvollen Mordens und Sterbens auf unserem Planeten und von filmischen oder virtuellen Spielszenen des Mordens und Sterbens, von Untoten, Vampiren… Zu Halloween verkleiden sich Kinder auf der ganzen Welt in Wesen, die in irgendeiner Weise die „gruselige“, geisterhafte Seite des Todes spielerisch verkörpern.

In dem Buch „Das Ende ist mein Anfang – ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens“ äußert sich der todkranke Vater Tiziano Terziani im Gespräch mit seinem Sohn: „Die Angst vor dem Tod… Und warum? Weil wir wissen, dass wir alles zurücklassen müssen, was wir kennen. Nichts ist mehr dein – deine Häuser nicht, deine Kinder nicht, dein Name nicht. … Was für eine ungeheure Bedeutung haben wir dem Körper zugemessen, … wie wir uns mit ihm identifizieren! Wir glauben all das zu sein, was wir mit dem Tod zu verlieren fürchten: unsere Identität … Der Grund, warum wir solche Angst vor dem Tode haben, ist, dass wir plötzlich auf alles verzichten müssen, woran unser Herz hängt, unseren Besitz, unsere Wünsche, unsere Identität.“

Ist unser Leben also mit dem Tod zu Ende? Endet mein Dasein mit der Auflösung des Stofflichen im Nichts, der Verwesung, die zugleich auch die Auflösung unserer Person mit all ihren Eigenschaften, Fähigkeiten, ihrer Denkart, ihrem Fühlen und Wollen ist? Es scheint, als hätte sich die Natur gegen den Menschen, gegen sein Ich, seine Individualität grausam verschworen, wenn wir uns Sterben und Tod nur vorzustellen vermögen als absolutes Ende.

„Die Wiege schwingt über einem Abgrund, und der Hausverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon die beiden eineiige Zwillinge sind, betrachtet man in der Regel den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegenschnellt.“ (Vladimir Nabokov). Und Woody Allen vermochte zu witzeln: „Ich habe keine Angst vor dem Tode, ich will nur nicht dabei sein, wenn er kommt.“

Als Goethe nach mehr als fünfzigjähriger, tiefer Verbundenheit mit seinem Freund Herzog Carl August dessen Ableben zu verschmerzen suchte , sagte er einmal: „Der Tod ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.“ (Goethe / Eckermann, 15.2.1830)

Der Tod und das Schöpferische im Menschen

Dass der Tod einen absoluten Schlusspunkt unserer Existenz bedeutet, erschien Goethe unmöglich, da der Mensch nur als Teil der Natur überhaupt lebensfähig ist. In der Natur aber beruht alle Entwicklung auf zyklischem Wandel: Die erdgeschichtlichen Umwälzungen, in denen in Jahrmillionen Kontinente auf- und untergehen, buchstäblich das Unterste zuoberst gekehrt wird, in den erdmagnetischen und klimabedingten Wandlungsprozessen der Natur durch die Jahreszeiten. Goethe zweifelte nicht an der Fortdauer des menschlichen Geistes, denn die Natur, die den Menschen erst mit so viel evolutionärem Aufwand hervorbrachte, könne die Entelechie des Menschen nicht entbehren:

„Wenn einer fünfundsiebzig Jahre alt ist, kann es nicht fehlen, dass er mitunter an den Tod denkt. Mich lässt dieser Gedanke in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur („die Entelechie“); es ist ein Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähnlich, die bloß unseren irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich n i e untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.“ (Goethe/ Eckermann, 2.5. 2884)

Mozart verstand den Tod als „Heimgang zu Gott und damit als Endzweck des Lebens“. Fünf Jahre vor seinem Ende schrieb er an seinen Vater: … „So habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahrsten, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckliches mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes. Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, ihn als Schlüssel zu einer wahren Glückseligkeit kennenzulernen. Ich lege mich nie zu Bett, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht (so jung ich auch bin) den andern Tag nicht mehr sein werde – und es wird doch kein Mensch von allen, die mich kennen, sagen können, dass ich im Umgang mürrisch oder traurig wäre – und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem Mitmenschen!“

Zwei Bekenntnisse von zwei außergewöhnlich schöpferischen Menschen, die auf der Erde gewirkt und sich ausgedrückt haben. Sollte aber ein Zusammenhang bestehen einerseits zwischen dem unfassbaren schöpferischen Potential, der Entelechie eines Goethe oder eines Mozart und andererseits deren Gewissheiten, dass das Leben auch nach dem Tode fortdauert und fortwirkt? In jedem Falle aber ein Zusammenhang zwischen dem Bewusstsein der Begrenztheit des zeitlichen Erdenlebens und der ungeheuren schöpferischen Intensität eines Goethe, eines Mozart, eines Bach (der dem Sterben und dem Tod so viele Male in seinem Leben begegnen musste …) – Menschen, die im Bewusstsein des „Mitten wir im Leben sind“ offenbar kaum einen freien Moment ihres Lebens ausließen, um schöpferisch tätig zu sein, um ein Fortwirkendes zu schaffen – etwas, was in uns das Bewusstsein von der Zeit und vom Zeitlich-Vergänglichen verändert.

Die folgende Episode aus Siegmund Freuds Aufsatz „Vergänglichkeit“ illustriert das. Freud berichtet von einem Schriftsteller, der auf einem gemeinsamen Sommerspaziergang die Vergänglichkeit alles Schönen beklagt. Und weil alles Schöpferisch-Schöne letztlich verschwinde, sei es wertlos. Eine düstere Schlussfolgerung! Freud aber antwortet darauf: „Im Gegenteil! Eine Wertsteigerung! Die Beschränkung in der Möglichkeit des Genusses erhöht dessen Kostbarkeit!“

Der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein war sich dieser Kostbarkeit zeitlebens sehr bewusst und wurde hierdurch manisch angetrieben: „Als ich Mitte 20 war, wurde bei mir ein Lungenemphysem diagnostiziert. Mit 35 würde ich tot sein, hieß es. Dann haben sie gesagt, ich würde mit 45 sterben. Dann mit 55. Doch ich kriege das schon hin… Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf, ich vögle herum, kurz, habe an allen Fronten zu tun … Ich erkannte, dass ein Künstler, wenn der Tod sich nähert, alles eliminieren muss, was ihn daran hindert, in völliger Freiheit kreativ zu sein. Ich habe das für mich selbst auch so beschlossen, damit ich den Rest meines Lebens so leben kann, wie ich es möchte.“

Der spielende, dichtende, malende, musische Mensch, der intensiv im Gespräch Begriffene, der Fühlende und Lauschende löst sich – im Nachhinein verwundert – aus der Zeit heraus. In welcher Schnelligkeit scheint für unser Zeitgefühl die Zeit verflossen, wenn wir wieder in die oft funktionale Alltagszeit zurückgekehrt sind. Aber: das Gespräch, das schöpferische Hinlauschen, das künstlerische Tätigkeitsein erschafft etwas, das auch nach Hunderten von Jahren noch von der Glut schöpferischer Energie und Begeisterung durchpulst sein kann und andere Menschen zur Resonanz veranlasst.


Der Welleneffekt – Wiederkehr des ewig Gleichen oder Entwicklung?

Der amerikanische Psychiater und Romancier Irvin D. Yalom beschreibt dieses Phänomen als „Welleneffekt“: die Wirkung, die ein Mensch auf andere ausübt, überträgt sich, ähnlich den konzentrischen Wellenbewegungen auf dem Wasser – fortwandernde, sich durchdringende und überlagernder Einflusskreise, die sich jahrelang, ja generationenübergreifend fortbewegen.
Ein besonderer Welleneffekt – von unzähligen Menschen angenommen oder beschrieben, ist eine Art von Selbstbegegnung in der Erinnerung an ein früheres Dasein und Tätigsein.
„Ich bin gewiss, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal dagewesen und hoffe wohl noch tausendmal wiederzukommen!“ sagte Goethe 1813 in einem Gespräch mit Falk. Goethes zwanzig Jahre älterer Zeitgenosse Lessing aber schlussfolgerte in seiner Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts“: „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, dass es sich der Mühe wiederzukommen nicht lohnte? Warum nicht – oder weil ich es vergesse, dass ich schon dagewesen?“

Der Komponist Gustav Mahler war der Überzeugung, dass wir alle wiederkehren, denn „das ganze Leben hat nur Sinn durch diese Bestimmtheit, und es ist vollkommen gleichgültig, ob wir uns in einem späteren Leben der Wiederkunft an ein früheres erinnern. Denn es kommt nicht auf den einzelnen und sein Erinnern und Behagen an, sondern nur auf den großen Zug zum Vollenden, zu der Läuterung, die in jeder Inkarnation fortschreitet.“

Von der leidenschaftlichen Wellenbewegung Mahlers wurde Leonard Bernstein – wie Mahler Komponist und Dirigent – zutiefst ergriffen, als er in einer Partitur Mahlers jede Note déjavueartig wiedererkannte – als hätte er die Partitur in einem früheren Leben in der Person von Gustav Mahler niedergeschrieben. Kein anderer Dirigent hat sich denn auch für Mahlers Werk so leidenschaftlich eingesetzt wie Bernstein, dem man die Partitur von Mahlers 5. Sinfonie mit in den Sarg legte.

Ein merkwürdig verzerrtes, geradezu bedrückendes Spiegelbild des Gedankens der wiederholten Erdenleben als Möglichkeit des Lernens und Fortschreitens etwa im Sinne Lessings und Mahlers findet sich bei dem Mahler-Zeitgenossen Friedrich Nietzsche in seiner Idee von der ewigen Wiederkunft: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen, und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in der selben Reihe und Folge …. Die ewige Sanduhr des Seins wird wieder und wieder umgedreht – und du mit ihr.“ (F. Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“).

Unter diesem Wiederholungszwang jedoch scheint aller Fortschritt, alle Veränderung zum Guten hin aussichtslos. Und doch – derselbe Friedrich Nietzsche liebte das Wort von der Liebe zum Schicksal („amor fati“) und formulierte es so um: „Erschaffe das Schicksal, das du lieben kannst.“
Damit gab Nietzsche jedem Menschen die Möglichkeit zum Durchbrechen der Wiederholungszwänge zurück…

Der Befreier Tod

„Wohin, ihr Wildgänse, wohin?“ riefen die Zugvögel. Die ganze Zeit trafen die Wildgänse mit anderen Zugvögeln zusammen, die jetzt in etwas größeren Scharen als im Frühling einhergeflogen kamen“.
Selma Lagerlöf, die in ihrem Jugendtagebuch eine Rückerinnerung an ein früheres Leben im Umkreis des Aufbaus einer mittelalterlichen Kathedrale beschreibt, gibt in ihrem grandiosen Roman „Gösta Berling“ noch eine weitere mit dem Schicksal des Todes versöhnende Antwort auf die Frage nach dem „Wohin“ :

„Komm, du Freund und Befreier! Warum hast du so lange gezögert. Ich habe deiner geharrt, dich gerufen. Komm, und erlöse meinen Sohn! … Am Tag darauf setzte sich die Mutter an das Krankenlager ihres Sohnes und sprach mit ihm von der Seligkeit des befreiten Geistes und von dessen herrlichem Leben. Sie sagte: „Die seligen Geister arbeiten und wirken. Welche Künstler, mein Sohn, welche Künstler! Wenn du zu ihnen kommst, sage, was wirst du dort werden? Einer der Bildhauer ohne Meißel, die Rosen und Lilien erschaffen, einer der Meister der Abendröte? Und wenn die Sonne am herrlichsten untergeht, dann will ich dasitzen und denken: das hast du vollbracht. Denke nur mein lieber Junge, wie viel es dort zu sehen gibt, zu tun gibt! Denke an all die Samenkörner, die im Lenz zum Leben erweckt werden sollen, an die Stürme, die die gelenkt, die Träume, die gesendet werden sollen. Und denke an die langen Reisen durch das Weltall, von Welt zu Welt…“.

 Abb: © Moorhenne / pixelio.de

Terminhinweis:
Weihnachtskonzert in Potsdam
mit TREE (Catrina Steffen: Gesang, Rahmentrommel, norwegisches Langspel, Streich-Psalterium, Antje Jansen: Violine und Jürgen Motog: Tastenfiedel, Harfe, Lure, Gemshorn, Orgel, Cembaloam) Samstag, 12.12.2015, 17 Uhr in die Kirche am Neuendorfer Anger: PDF >>>HIER

 

Über den Autor

Avatar of Jürgen Motog

– verheiratet, 1 Kind
– Hörtherapeut, Pädagoge, Musiker, Psychotherapie (HP)
– Ausbildungen in Audio-Psycho-Phonologie, Klangtherapie
– Grundschulpädagoge, Musikschulpädagoge
– Musikstudium
– umfangreiche musikalische Tätigkeit
– diverse Publikationen

Mehr Infos

Bergstraße 10
14548 Caputh
Tel.: 033209 / 84905


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