Glauben wir an die Liebe?

Wenn wir über das Thema Liebe nachdenken, fragen wir uns, welchen Sinn eine solche Erfahrung für unser Leben hat. Wir erleben einen Menschen in diesen Momenten in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Wenn wir ihm begegnen mit einer Hinwendung der Liebe ohne Vorbedingung, können wir uns seinem Wesen annähern und sehen nicht mehr nur das von ihm, was wir von ihm sehen wollen. Etwas, das man sich womöglich selbst einbildet und für die Wahrheit hält. Es geht darum, das ganze Bild zu sehen, den Augenblick, aus dem neue Einsichten gewonnen werden, bewusst zu erfassen und in unser Denken und unsere Sinneswahrnehmungen mehr Klarheit zu bringen. Im Yoga heißt diese Lehre Jnana-Yoga. Der Weg der Erkenntnis.

Liebe macht nicht blind, sondern sehend. Wir sehen oder erahnen den Wert eines Menschen, um dessentwillen er es verdient, geliebt zu werden. Zum Beispiel Psychotherapeuten oder Theologen sprechen von der Gnade des Geliebtwerdens und auch von dem Zauber der Liebe.

Die Liebe kann Berge versetzen. Manchmal scheint sie uns aus den Gleisen des Alltags zu werfen. Kaprizieren wir uns jedoch nicht ausschließlich auf das Körperliche oder Erotische, erleben wir eine seelische Verfasstheit des Gegenübers, eine zu ihm gehörende seelische Eigenschaft. Statt nur körperlich erregt zu sein, sind wir zunehmend emotional angeregt. Angeregt durch die seelische Besonderheit des Geliebten. Oft bleibt ein für uns nicht zu fassendes Geheimnis in der Luft. Wir würden gerne verstehen, wie dieses Gefühl in uns entstanden ist und müssen feststellen, dass es irgendwie unbegreiflich bleibt.

 

Eros und die Liebe zum Schönen

In Platons „Das Gastmahl“ lesen wir, vereint und verschmolzen mit dem Geliebten zu sein, entspringe unserer Sehnsucht und unserem Drang nach Ganzheit. Diese Sehnsucht nennt Platon Eros. In unserem ursprünglichen Wesen seien wir einst ganz gewesen, aber durch Missverständnisse, Hindernisse, eigene und fremde Barrieren nähmen wir die von vornherein gegebene Ganzheit in uns selbst nicht mehr wahr. Sobald wir eine Sehnsucht nach der Ganzheit spüren, ist uns dieser Zustand bewusst geworden. Das ist ein guter Anfang, etwas zu verändern, um zu versuchen, eine Zweiheit in eine Einheit zu verwandeln.

Für Phaidros in Platons Dialogen ist Eros mit der Liebe zum Schönen verbunden. Eros würde keine Zwietracht säen, sei wonnig und wohlig, anmutig und unbekümmert um das Böse.  Agathon und Sokrates verständigen sich darauf, dass Eros die Liebe zu etwas sei, das ihm fehle, die Liebe zur Schönheit und möglicherweise zum Guten.

Die Liebe ist etwas Grundlegendes, das in die Tiefe unserer menschlichen Existenz führt, die Illusionen zum Wesen der Dinge aufhebt und das Vertrauen in unsere Sinnesempfindungen stärkt, auch einen Grund der Vernunft in sich selbst findet, von dem aus ein Verirren in der Welt – Platon versteht den Menschen als einen Verirrten in der Welt – vermieden oder beendet werden kann.

Dante Aligheri formuliert in der Göttlichen Komödie, „Das Paradies“, 33. Gesang: 
„Doch wandte Woll´n und Sehnen in die Ferne / So wie ein Rad im immer gleichen Drehen, / Die Liebe, die bewegt die Sonn´ und Sterne.“

Alles, was existiert, was sich ereignet und andauert, ist demnach auf Liebe gegründet. Die Liebe an sich ist unbegreiflich, doch dank der Liebe können wir alles begreifen.

 

Was ist wahre Liebe?

Zu den verschiedenen Spielarten, Zuständen und Momentaufnahmen der Liebe zählt die „Liebe auf den ersten Blick“. In ihrem gleichnamigen Gedicht schreibt die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska: 
„Beide sind überzeugt, / sie habe ein plötzliches Gefühl vereint. / Schön ist diese Gewissheit, / doch Ungewissheit ist schöner.“
Vom Zufall ist hier die Rede, der mit ihnen schon länger gespielt habe und sie nun endlich zusammenführe. Bisher sind sie dem Gefühl ausgewichen, haben nur gekichert. Oder ein Hindernis stellte sich ihnen in den Weg. Bei Wisława Szymborska taucht zwar das Wort Zufall auf, doch zuletzt steht in ihrem Gedicht, das „Buch der Ereignisse“ sei nun  aufgeschlagen in der Mitte. Als hätte es nicht anders kommen können, dass beide diese schöne Berührung zugelassen haben.

Wir kennen die glückliche und die unglückliche Liebe. Glückliche Liebe ist wohl vor allem ein Glücksfall, der ohne Verdienst zwei Menschen zuteil geworden ist. Manchen Menschen ist die glückliche Liebe fremd. Sie behaupten, diese gäbe es nicht.

Angelus Silesius schreibt „Die Liebe ist wie der Tod: Sie tötet meine Sinnen, / Sie bricht mir das Herz und führt den Geist von hinnen.“
Liebe kann also etwas verwandeln. „Was man liebt, in das verwandelt man sich“, heißt es bei Silesius. „Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden: / Gott wirst du, liebst du Gott; / und Erde, liebst du Erden.“ So wird aus Liebe Schönheit, aus Liebe wird Güte, oder aus Liebe wird Gott und aus Liebe wird Erde.

Man könnte hinzufügen: Und gut wirst du, liebst du Gutes. Kann man auch sagen: Schön wirst du, liebst du Schönes? Silesius: „Die Schönheit kommt von der Lieb´; auch Gottes Angesicht / hat seine Lieblichkeit von ihr: sonst glänzt es nicht.“
Nur durch Liebe kann Schönheit empfunden werden. Wer sie missbraucht, handelt gegen lebens- und freudespendende Kräfte, die wir jeden Tag brauchen.

Wie erkennen wir eigentlich die wahre Liebe? Auch hier findet Silesius eine treffende Antwort: „Willst du die falsche Lieb´ von wahrer unterscheiden, / So schau, sie sucht sich selbst, und fallet ab im Leiden.“ Diese Erfahrung kann man schnell machen oder glauben, sie gemacht zu haben. Dann helfen nur Mut zur Versöhnung und eigenes Hinterfragen, ob man nicht in solchen Augenblicken überempfindlich reagiert habe.

 

Kamasutra

In der indischen Kama-Lehre ist das klassische Hauptwerk das Kamasutra. Kama, ein wichtiges Lebensziel, ist Lust und Liebe. Dieses Werk hat in Indien und auch bei uns zuweilen einen zweifelhaften Ruf der Sinnlichkeit, was wiederum irreführend ist. Denn das Thema wird durchaus im praktisch-technischen Sinn dargestellt. Es ist mehr oder weniger ein Handbuch für Liebespaare und Kurtisanen. Ein Hindu ist in der Regel keusch, verschämt und äußerst zurückhaltend. Die in diesem Buch zugleich angelegte geistige Dimension und eine Versenkung in religiös-mystische Erfahrungen entspricht der Tradition, die in nicht von der Zivilisation stark geprägten Regionen im Land noch weit verbreitet ist. (Auch deshalb ist es immer noch möglich, dass Zwangs- oder Kinderheiraten in Indien stattfinden.)

Kama ist, wenn man so sagen will, das Gegenstück zu Cupido. Er ist der hinduistische Liebesgott, ausgestattet mit seinem Blumenbogen und seinen fünf Beutenpfeilen, die er in vor Liebesverlangen zitternde Herzen sendet. Die Hindus sprechen auch davon, die Liebe sei eine Vereinigung der individuellen mit der universellen Seele – nicht auf dem Weg der Kontemplation, sondern mit Zeremonien, erotischen Riten errungen. Was als wüste Erotik erscheint, ist dann lediglich der Ablauf einer Zeremonie, wie sie im hochzivilisierten Westen kaum noch anzutreffen ist. Das Kama-Sutra (Sutra heißt Lehre), das nie auf den Index gesetzt wurde, wofür es tatsächlich keinen hinreichenden Grund gibt, liest sich, wenn man es nüchtern betrachtet, wie ein praktisches Traktat. Hilfreich für eine erotische Küche oder ein erotisches Schlafzimmer, nicht ausgerichtet auf die Steigerung der Wollust, sondern auf eine Ästhetik und einen unaufhörlichen Lernprozess im Leben.

Das Sexuelle ist im Kamasutra nicht das angestrebte Hauptziel. Die Vereinigung wird als ein Opfer verstanden, um die Harmonie mit der Natur zurückzugewinnen und damit die Harmonie mit einem anderen Menschen. Die Frau gilt als die im Vorteil stehende Person. Ihr gelingt es von Natur aus leichter, das „Opfer“ zu vollbringen, wenn, die „Frau einen Schoß hat gleich einem Altar“ (Verse 3 und 8). Das heißt, dass sie als „reine“ Frau das Opfer vollbringen kann. In den vedischen Texten wird in diesem Kontext sogar von einer Vereinigung von „Glaube und Wahrheit“ gesprochen.

Auch in der Apologie des Sokrates, als er die Flucht verweigert, nachdem er wegen so genannter „Verführung der Jugend“ zum Tode verurteilt worden war, bringt Sokrates ein Opfer. Er ist sich des Verbrechens der ihn verurteilenden Athener bewusst. Zeit seines Lebens hat er unter ihren Gesetzen gelebt und ist schon seit langem verstrickt in dieses System.
Sokrates erkennt es als Opfer, wenn Kräfte, die heraufgezogen waren, nur geheilt werden können mit dem eigenen Körper, den man opfert.

Heute mögen diese Gedanken befremdlich für uns sein. Doch wer erkennt, auch sich im anderen erkennt, wird selbst zum erkannten Objekt. Dann verschwindet die Illusion, dieser Egoismus, der meint, niemanden außer sich selbst zu brauchen. Am besten erkennt man das bei frisch Verliebten, bei denen die Trennung zwischen zwei Menschen nicht mehr besteht.

„Unser Lächeln ist keine Maske der Trauer, / Güte bedeutet nicht Entsagen / Die jetzt nicht lieben, tun uns leid, / noch mehr, als sie es wohl verdienen“, lesen wir im Gedicht „Verliebte“ von Wisława Szymborska.

Eines stimmt letztendlich immer, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Liebe ist an sich unbegreiflich. Wir können getrost hinzufügen: „Doch dank der Liebe können wir alles begreifen“.

 

Joachim Hildebrandt 3veröffentlicht in:
Liebe. Konkursbuch 52 
von Sigrun Casper (Herausgeberin)
November 2015

Broschiert: 450 Seiten 
Verlag: konkursbuch 
ISBN-10: 3887699548
ISBN-13: 978-3887699543

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