Seit einigen Wochen regt sich Leben in der Breiten Straße 20 in Eberswalde: Seit Mitte Oktober ist das grüne Eckhaus das vorübergehende Hauptquartier von „Transition Thrive – Wachstumsschub für Klimaschutz von unten“, dem neuen Projekt von hebewerk e.V. und der Eberswalder Initiative wandelBar. Gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit  wird sich dieses Projekt in den kommenden zwei Jahren einer anspruchsvollen Aufgabe widmen: die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Eberswalder Alltag zu etablieren.

Ideen und Projekte für Klima und Nachhaltigkeit

Dieses Vorhaben ist nicht neu: Durch die Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) hat das Thema Klima- und Umweltschutz in Eberswalde und im Barnim eine starke Präsenz entfaltet. Darüber hinaus sind in den letzten Jahren zahlreiche Eberswalder Initiativen entstanden, die sich in unterschiedlichster Weise für ein nachhaltiges und klimagerechtes Leben in der Stadt einsetzen.
Für viele von ihnen stellt der Verein hebewerk e.V. seit 2013 Ressourcen, Räume und Netzwerke zur Verfügung. Mit dessen Unterstützung konnten unter anderem ein RepairCafé, ein Labor für Biotechnologie und eine offene Werkstatt, das „Schöpfwerk“ und der Tausch-, Leih- und Schenkladen realisiert werden.

Der Grundgedanke hinter all dem: Räume und Werkzeuge zu schaffen, um EberswalderInnen die Möglichkeit zu geben, gemeinschaftlich ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen. Dabei wird wertvolles Wissen vermittelt und ausgetauscht – was wiederum zu tollen neuen Vorhaben inspirieren kann.

Auch die Frage, wie das Leben in der Stadt klimagerechter gestaltet werden kann, wurde immer wieder an den hebewerk e.V. herangetragen und dort bearbeitet. Hierbei spielt auch die Initiative wandelBar eine wichtige Rolle. Sie hat beispielsweise mit öffentlichen Apfelsaft-Pressaktionen, dem „Toni‘n‘Text“-Festival mit regionalen KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und MusikerInnen im Frühjahr oder dem mit Begeisterung angenommenen Straßenfest im September auf sich aufmerksam machen können. Mit solchen Veranstaltungen will sie seit einigen Jahren ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig Nachbarschaftlichkeit sowie regionales und umweltbewusstes Denken und Handeln in diesen Zeiten sind. Damit ist sie Teil der internationalen Transition Town-Bewegung. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, durch niederschwellige Beteiligung innerhalb der Zivilgesellschaft eine ressourcenschonende und klimagerechte Zukunft zu gestalten sowie die Abhängigkeit der lokalen Märkte von internationalen Konzernen und Finanzdienstleistern zu verringern.

Kreatives Potenzial in der Region

Umso größer ist die Freude über das neue Projekt, durch welches erstmals eine hauptamtliche Unterstützung des bislang ausschließlich ehrenamtlichen Engagements möglich wird. Die beiden jungen Frauen, die diese Aufgabe seit Oktober mit zwei halben Stellen übernehmen, wissen, was sie tun – geht es hier doch um ihre eigene Region.
Die Eberswalderin Anja Neumann ist im vorigen Jahr zum Ende ihres Studiums in ihre Heimatstadt zurückgekommen – aus voller Überzeugung, wie sie sagt. Angezogen hat sie nicht nur das bunte Stadtbild, das seit einigen Jahren neben den altbekannten Gesichtern zunehmend von Studierenden, jungen Familien und Zugezogenen geprägt ist. Auch die vielen kleinen und größeren Projekte und Veranstaltungen – zu umweltrelevanten Themen sowie im kulturellen Bereich – haben sie zurückgelockt. Bei so viel kreativem Potenzial und Engagement, sagt sie, habe sie Lust bekommen, selbst an der zukünftigen Entwicklung und Gestaltung ihrer Heimatstadt mitzuwirken. Die neue Projektstelle kommt der Absolventin im Master Europäische Kulturgeschichte, die den
Schwerpunkt ihres Studiums auf den Bereich Umweltgeschichte gelegt hat, daher wie gerufen.
Auch Ulrike Gatz, die Unternehmensmanagement im Bachelor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung studiert hat, ist in der Region aufgewachsen. Bereits während ihres Studiums hat sie sich aktiv für den ALNUS e.V. (Arbeitsgemeinschaft für Landschaftsnutzung, Naturschutz, Umweltbildung und Stadtökologie) und in den Räumen des  hebewerk engagiert und war begeistert von der Offenheit, auf die sie dort stieß. „Diese Möglichkeit, einfach mitzumachen und sich einzubringen, egal woher man kommt und wer man ist, ist mir in dieser Form bisher nirgendwo sonst begegnet“, sagt sie. So fiel ihr die Entscheidung, nach dem Studium in Eberswalde zu bleiben, nicht schwer. Sie ist dankbar und froh angesichts ihrer neuen beruflichen Aufgabe, die ihr die Möglichkeit gibt, wichtige und sinnvolle Initiativen in dieser Stadt unterstützen zu können.

Lastenrad-Projekt

Fünf Inhalte stehen im Zentrum des „Transition Thrive“-Projekts. So soll es zum Einen um die Weiterentwicklung des Lastenrad-Projekts gehen, das im vergangenen Frühling von hebewerk- und wandelBar-Mitgliedern initiiert wurde und bereits gut angelaufen ist. Gegen eine geringe Leihgebühr soll der stadtweite Verleih von Lastenrädern möglich sein. Drei solcher Lastenräder sind bereits unter fachlicher Anleitung von Ehrenamtlichen gebaut worden, weitere sollen hinzukommen. 
Die Grundidee ist, Einkäufe, Familienausflüge und kleinere Transporte erledigen zu können, ohne dabei auf das Auto zurückgreifen zu müssen. Mit der Nutzung der Lastenräder kann CO²-neutrale Mobilität für alle EberswalderInnen ermöglicht und die Position des Fahrrads gegenüber dem Auto im Stadtverkehr gestärkt werden. Aktuell können Lastenräder auf Nachfrage bei Globus Naturkost in der Michaelisstraße, im Regionalladen „Krumme Gurke“ in der Ruhlaer Straße sowie über hebewerk e.V. ausgeliehen werden. Die  Leihgebühr wird für die Instandhaltung der Räder
verwendet.

Solidarische Landwirtschaft

Der zweite Teilinhalt besteht in einer lokalen Solidarischen Landwirtschaft-Initiative (SoLaWi), welche die wöchentliche Verteilung von Gemüsekisten aus biologischem und regionalem Anbau organisiert. Hinter dem SoLaWi-Prinzip verbirgt sich der Ansatz, einen direkten Vertrieb von landwirtschaftlichen Produkten aus der Region an VerbraucherInnen zu ermöglichen, ohne dabei den Schritt über Zwischenhändler wie Supermärkte, Läden o.Ä. zu gehen. Durch die direkte Vermittlung der Landwirtschaftsprodukte, die auf einer persönlichen Vereinbarung zwischen Erzeuger und Verbraucher basiert, kann einerseits die existenzielle Sicherheit des Landwirtschaftsbetriebs gestärkt, andererseits die frische, regionale und ökologische Herkunft der Lebensmittel für die VerbraucherInnen garantiert werden. 
Momentan besteht eine Zusammenarbeit mit dem Hof „Gemeinsam Gut Leben“  in Luisenfelde, deren Kisten mit Gemüse und Kräutern jeden Donnerstag im Projektbüro verteilt werden. Seit September 2017, dem Auftakt der Initiative, konnten bereits zahlreiche AbnehmerInnen für die Kisten gewonnen werden. Wer sich über die Initiative informieren möchte, kann gern zu den genannten Zeiten im Büro vorbeischauen oder sich unter der offiziellen Mailadresse des Projekts melden.

Essbare Stadt

Der dritte Projektinhalt „Essbare Stadt“ folgt der Vision, städtische Freiflächen wie Parks, Vorplätze und Wiesen in Eberswalde „essbar“, also nutzbar zu machen. Nach diesem Konzept, das bereits in vielen deutschen und internationalen Städten erfolgreich umgesetzt wurde, können ungenutzte Flächen durch Streuobstgehölze und Blumen, Insektenhotels, Sitzbänke und Ähnliches gestaltet werden. So holen sich die BürgerInnen ihre Stadt zurück und betreiben gleichzeitig aktiven Klimaschutz: Jede der bepflanzten Flächen – als Lebensraum für Insekten und CO²-bindende Pflanzen – leistet dazu einen wertvollen Beitrag. Darüber hinaus dienen solche Flächen als Erholungsorte und liefern frisches Obst, Gemüse und Kräuter. Die aktive Miteinbeziehung der
StadtbewohnerInnen bei der Gestaltung und Bepflanzung der Flächen ist dabei entscheidend.
Für die „Essbare Stadt“-Initiative in Eberswalde, auf deren Grundlage unter anderem Flächen im Leibnizviertel und am Treidelweg gestaltet werden konnten, sind bereits konstruktive Gespräche für eine mögliche Kooperation mit der Stadt und der WHG aufgenommen worden. Auch der Neue Blumenplatz vor dem Humboldt-Gymnasium folgt diesem Ansatz. Weitere Flächen und Projektschritte sind in Planung, neue Ideen und anpackende Hände jederzeit willkommen.

RepairShare und mehr

„RepairShare“ bildet den vierten Projektinhalt und ermöglicht das gemeinschaftliche Reparieren, Nutzen und Ausleihen von Geräten und Werkzeugen in den offenen Räumen des hebewerks. Hiermit wird ein positiver Gegenentwurf zur zeitgenössischen Wegschmeißen-Neukaufen-Mentalität angeboten.
Bei dem fünften Projektinhalt „Transition Streets“ geht es um die nachbarschaftliche Beratung und den Austausch zur gemeinsamen Optimierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs. Für diese beiden Inhalte bestehen erste Ideen und Konzepte, die in den kommenden zwei Jahren im Rahmen des Projekts unter aktiver Beteiligung der EberswalderInnen ausgebaut und umgesetzt werden sollen. Neben den genannten Inhalten versteht sich das Projekt als Ansprechpartner und Vernetzungsstelle für ehrenamtliche Einzelpersonen, Gruppen und Projekte, die sich für Nachhaltigkeit, Klima- und Ressourcenschutz in Eberswalde stark machen möchten.

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