Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Neue, kreative Lösungen sind gefragt. Wirtschaft, Umwelt, Gesundheit und Energieversorgung bedürfen grundsätzlicher Weichenstellungen. Wir sind dabei, globale Verstrickungen zu entwirren, was lokal beginnt. Unser Sinn für Gemeinschaft und unser synergetisches Zusammenwirken sind gefragt. Dazu brauchen wir neue und unabhängige Ansätze in unserer Forschung. Wie kann das aussehen, und auf welcher Grundlage kann ein konstruktives Miteinander gedeihen?

Feldforschung als Herangehensweise

Seit meinem Ethnologie-Studium kenne ich die Feldforschung. Sie hat mich sehr bereichert, und sie wurde zu meiner liebsten Methodik, unsere Welt zu betrachten. Sie dient dem Erforschen fremder Kulturen, neuer Zusammenhänge, unbekannter Formen des Miteinanders und anderer Wertvorstellungen. Für mich stehen dabei zwei grundsätzliche Herangehensweisen im Vordergrund. Erstens: Ich weiß, dass ich das Geschehen um mich herum nicht ganz unbeeinflusst wahrnehmen kann, da ich selbst es beeinflusse. Und zweitens: Wie ich selbst mich in einem bestimmten Land, einem Geschehen oder einer Gemeinschaft fühle, sagt nach angemessener Reflexion und Auswertung auch etwas über das Land, das Geschehen oder die Gemeinschaft aus.

Beide Ansätze haben etwas Befreiendes: Ich kann sie übertragen auf neue Projektpartner, ein neues Umfeld oder sogar eine neue Beziehung. Wenn wir einander stets die gleiche Neugier, Achtsamkeit, Wachheit und Forschungsfreude entgegenbringen würden wie die Ethnologen den fremden Kulturen…. dann wäre diese Welt schnell ein viel lichtvollerer Ort.

Streifzug durch Gemeinschaften

Die Feldforschung hat mir geholfen bei meinem Streifzug durch verschiedene Gemeinschaften deutschlandweit im vergangenen Jahr. Ich machte mich auf, um die spannendsten Orte, Gemeinschaftsmodelle, Seminarzentren und Lösungsansätze zu finden. Ich fand große Projekte und kleine Oasen, politisches Engagement innerhalb unseres Systems und jenseits davon, komplementäre Geld- und Gesundheitssysteme, ökologischen Hausbau und revolutionäre Energiesparmaßnahmen, kraftvolle Heilarbeit, Kunst, Musik und viel Liebe zur Natur.

Ich fand auch heraus, wo es – aus meiner Sicht – heute noch hakt bei der Umsetzung der neuen Lösungen. So war ich erstaunt, dass ich mich auch in spirituell orientierten Gemeinschaften oft sehr unwohl fühlte, wenn ich tagsüber irgendwo relaxte, die Sonne und die Stille genoss, in mich ging und mich spürte, ohne etwas zu tun. Es war nicht so, dass mir jemand Vorwürfe machte. Oft wurde ich in solchen Situationen nicht einmal bemerkt. Es genügte schon, dass ich schlichtweg die Einzige war, die das tat! Der Drang, ständig zu arbeiten, schien mir ungefiltert aus alten Strukturen übernommen worden zu sein. Was da jeweils erschaffen wurde, war großartig, aber mich beschlich das unbehagliche Gefühl, dass sich die Agierenden vielleicht weiterhin darüber definieren, was sie tun, was sie leisten. Das birgt die Gefahr einer fehlenden Anbindung an die eigene Kreativität, unserer Quelle der Veränderung.

Die zweite große Baustelle unserer Zeit, welche ich oft als subtile Anspannung in meinem Körper vernahm, ist die Liebe von Mann und Frau. Immer wieder befiel mich in Gegenwart von Paaren ein Gefühl von Beklemmung. Dann nahm ich unzählige Gefühle wahr, welche im Raum standen, aber unausgesprochen blieben. Auch darin spüre ich unsere kollektive Sehnsucht nach Halt, Anerkennung und Geborgenheit. Mussten wir jemals die Abwesenheit von alldem erfahren, dann fehlt uns heute manchmal das Vertrauen in unser Gefühl und in unseren authentischen Selbstausdruck.
Doch genau diese beiden Dinge können unsere Partnerschaft zum Ausgangspunkt machen für unsere Liebesfähigkeit im Leben, unsere Liebe zu allem was ist. Die Liebe von Mann und Frau stellt vielleicht den intensivsten spirituellen Weg dar, den Menschen gehen können. Nirgends sonst gehen wir auf so vielen Ebenen in Verbindung. Die Liebe gibt uns die Möglichkeit, in intensiver Verschmelzung intensive Selbst-Transformation zu erfahren.

Gemeinschaft und interdisziplinäre Forschung

Forschungsergebnissen des HeartMath Instituts zufolge liefert unser Herz „eine vierzig- bis sechzigmal größere Amplitude als das Feld, das vom Gehirn ausgeht. Das Magnetfeld des Herzens ist schätzungsweise fünftausendmal stärker als das des Gehirns. (…) Es produziert und koordiniert Informationen. Seine Impulse durchdringen jede Zelle des menschlichen Körpers, sie beeinflussen die Verarbeitung von Gefühlen und das Erkennen und Wahrnehmen des Gehirns.“
Was alles vermögen wir über unser Gefühl? Während wir die Kraft unseres Verstandes über viele Jahrhunderte kultivierten und nutzten, scheint die Bedeutung unseres Gefühlslebens weitgehend unerforscht. Dabei könnte es zu vielen Fragen der Schlüssel sein. Was verbindet uns? Wie entstehen kraftvolle Synergien? Was macht uns gesund?

Indigene Kulturen und Stammesgesellschaften aller Kontinente kultivierten ein Leben in Gemeinschaft. Unser Lebensstil führte dagegen tendenziell zu emotionaler Vereinsamung, welche durch latent süchtiges Verhalten (nach Alkohol, Arbeit, Sex o.a.) kompensiert wird. Heilung geschieht, wenn wir die ganze Bandbreite unseres Gefühlslebens wieder bewusst wahrnehmen.
Gemeinschaft bedeutet für mich, gemeinsam eine Oase des Fühlens zu kreieren, einen Ort, welcher der Forschung nach den oben genannten Fragen gewidmet ist. Ganz im Sinne der Feldforschung bedeutet das, dass wir uns als Forschende nicht vom Geschehen (vom „Objekt“ unserer Forschung) abtrennen. Wir sind selbst Teil davon. Meine konkrete Vision ist, an einem dafür geeigneten Ort Seminare und Vertiefungsgruppen zu Potential und Berufung, zu Liebe und Partnerschaft anzubieten und einige Teilnehmer zu bitten, über ein Jahr hinweg ihre subjektive Erfahrung und die damit einhergehende Veränderung im Leben zu dokumentieren. Das betrifft auch jene aus der Lebensgemeinschaft, die sich am Projekt beteiligen, sowie mich selbst.

Gesundheit und Wissenschaft

Die oben genannten Fragen fallen in den Bereich der empirisch forschenden Sozialwissenschaften, welche zugleich auch die geeignete Methodik dazu liefern. Interessanterweise stellt die Medizin hier die Ausnahme dar, eine Naturwissenschaft, welche aktuell nicht ohne Grund an ihre Grenzen gerät. Letztlich stehen alle Wissenschaften miteinander in Verbindung. Heutzutage versteht jedoch der Professor einer Fakultät oft nicht, wovon derjenige einer anderen Fakultät spricht. Dieser Turmbau zu Babel hat auch manchen ungesunden wirtschaftlichen Einflüssen Tür und Tor geöffnet. Bedingt durch ihre finanzielle Abhängigkeit von Pharmakonzernen konzentriert sich die Medizin heute stark auf molekularbiologische Hypothesen und Medikamente. Wie können wir auch das Thema Gesundheit mit einer empirischen, ganzheitlichen und zugleich im herkömmlichen Sinne wissenschaftliche Arbeitsweise erforschen?

Mystiker, Forscher und Weise aller alten Kulturen erkannten die Existenz des Nicht-Sichtbaren und (noch-)nicht-Messbaren an. Chinesische Taoisten, indische Tantriker, Sufis, Quodoushka praktizierende Cherokees und die Schamanen Afrikas wussten um die Kraft der Natur, der Geistigen Welt, um Bewusstsein und Energie in unseren Körpern und um die Kommunikation jenseits der Worte! Die oben skizzierte Methodik des Beschreibens, Vergleichens und Auswertens lässt sich vielleicht am besten mit dem Begriff einer „Interkulturellen Bewusstseins- und Körperforschung“ zusammenfassen.

In der Psychologie und für unsere Gesundheit birgt dies die Chance zu neuer Eigenverantwortung. Wer sich selbst über einen gewissen Zeitraum hinweg „erforscht“ und dokumentiert hat, wird erkennen, welchen grundlegenden Einfluss er auf sein Wohlbefinden hat. Die Verantwortung dafür wird nicht mehr dem Arzt, Therapeuten oder Heiler übergeben. Sobald diese Überlastung von den Zuständigen abfällt, wird ein größerer und effektiverer Handlungsspielraum möglich, sowie eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Patienten oder Klienten.

Die Chance für unsere Zukunft sehe ich in einer ganzheitlichen, am Menschen orientierten Forschung, welche das Nicht-Endgültige akzeptiert und das Nicht-Beweisbare integriert. Die Geschichte unserer Forschung zeigt, wie viel näher wir damit der Wahrheit sind. Der Gesamtzusammenhang unserer Wissenschaften darf sich wieder zeigen in einem interdisziplinären und ganzheitlichen Forschungsansatz.

Unser Projekt befindet sich im Aufbau. Aktuell sind wir noch auf der Suche nach einem besonderen Ort im Berliner Umland, welcher im oben beschriebenen Sinne genutzt werden darf, und nach universitären Kontakten für eine mögliche Zusammenarbeit. Für Hinweise bin ich dankbar.

Angela Mahr

Über den Autor

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Autorin, Regisseurin, arbeitet an Dokumentarfilmen, Reportagen und Spielfilmen. Ihr Spezialgebiet sind Auslandsdrehs, auch unter ungewohnten, exotischen Bedingungen. Ihr besonderes Interesse gilt der asiatischen Kultur. Derzeit erforscht sie Hintergründe sowie gelebte Realität des Taoismus in China und des Tantrismus in Tibet, auch im Rahmen ihrer Ethnologie-Abschlussprüfung.

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