von Manuel Breuer

Schamanismus ist Kultur, Weltbild und eine Jahrtausende alte, differenzierte Heiltradition. Schamanen sind Reisende oder Mittler zwischen einer für unsere Augen sichtbaren, diesseitigen Realität und einer anderen Wirklichkeitsebene, der Anderswelt. In dieser Dimension jenseits von Zeit und Raum gelingt es ihnen, mit Unterstützung so genannter geistartiger Helfer – häufig sind dies Ahnen, Tier- oder Pflanzenseelen – die Ursachen von Krankheiten oder grundsätzlichen Lebensproblemen zu erkennen und aufzulösen.

Schamanische Heilarbeit wendet sich im Gegensatz zur westlichen Medizin immer an alle Aspekte des Menschen: Körper, Seele und Geist. Ein weiterer wichtiger Unterschied: Schamanische Heilarbeit entsteht und wirkt nicht auf Grundlage empirisch ermittelter Prinzipien, sondern auf dem Boden einer zum Teil über Jahrhunderte überlieferten Tradition. Die jeweiligen Handlungen und eingesetzten Heilmittel ergeben sich dabei stets individuell, aus dem Moment und den je nach Klient bzw. Aufgabenstellung unterschiedlichen Voraussetzungen und Erfordernissen.

In der Regel verfügen Schamanen über ein individuelles, sehr persönliches Repertoire an Techniken und Instrumenten. Häufig verwendete „Werkzeuge“ sind der Heilgesang, die Seelenrückholung, Orakelbefragungen, Extraktion (Befreiung von Fremdbesetzungen), Rituelle Reinigungen (Räuchern, Waschungen) oder die Behandlung mit Heilmitteln (Heilpflanzen, Edelsteine, Amulette etc.).

In traditionellen Behandlungen kommt es selten zu einer aktiven Beteiligung des Klienten am Heilungsgeschehen. Hingegen integrieren moderne „Neo“-Schamanen in westlichen Gesellschaften häufig Elemente aus anderen Therapiesystemen wie NLP, Gesprächstherapie oder Hypnose, und binden damit ihre Klienten zumindest partiell in das Heilungsgeschehen mit ein. Nach der Behandlung beginnt die eigentliche Arbeit für den Klienten, und die Vereinbarung regelmäßiger Übungen und Aufgaben unterstützt bei traditionellen und modernen Schamanen die nachhaltige Integration der Veränderungen in das eigene Leben.

Obwohl die Herkunft des Wortes nicht zweifellos geklärt ist, bezeichnet Schamanismus ursprünglich eine religiös-medizinische Tradition, die in ihrer spezifischen Ausprägung nur in der nördlichen Hemisphäre (insbesondere Zentralasien) existierte. Mittlerweile hat es sich jedoch insbesondere in der westlichen Welt eingebürgert, auch südamerikanische, afrikanische oder ozeanische Heiler, die mit Hilfe geistartiger Kräfte arbeiten, als Schamanen zu bezeichnen.

Die schamanische Heilkunst wurde lange ausschließlich als Erscheinung dieser anderen, „exotischen“ Kulturen gedeutet. In der westlichen Welt erlebt der Schamanismus derzeit einen Boom, und auch immer mehr Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass wir in Zentraleuropa einmal – vor unserer eigenen Christianisierung – in schamanischen Gesellschaften gelebt haben.

Ich glaube, dass wir uns danach sehnen, uns mit unseren eigenen Wurzeln zu verbinden und ich glaube, dass uns vor allem der Schamanismus dabei maßgeblich unterstützen kann. Wir stehen mitten in einer Entwicklung, welche eine über viele Jahrhunderte stigmatisierte und unterdrückte Heilkunst wieder zu einem integralen Bestandteil unserer Gesellschaft machen wird.

 

Literatur:
• Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1982 (Ethnologisches Standardwerk, ausführliche Übersicht zu Schamanischen Praktiken weltweit)
• Mihàly Hoppàl: Schamanen und Schamanismus. Pattloch, Augsburg 1994 (Zusammenstellung lange verschollenen Materials aus russischen Archiven. Viele Fotos)
• Gottwald/Rätsch: Rituale des Heilens. AT Verlag, Aarau/Schweiz 2000 (Verschiedene Praktiker und ihre Zugänge zum Rituellen Heilen. Schwerpunkt auf entheogenen Substanzen)
• Serge Kahili King: Der Stadtschamane. Lüchow, Berlin 1991 (Einblick in System und Praktiken des hawaiianischen Schamanismus)

 

 

Über den Autor

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Heilpraktiker, arbeitet seit 10 Jahren als Schamanischer Klangheiler, Schwitzhütten- und Seminarleiter in Berlin und den umliegenden Bundesländern. Seine Arbeit ist geprägt von einer tiefen Liebe zur Natur und dem Wunsch, die Weisheit und Rituale der alten Völker in einer zeitgemäßen, der westlichen Lebensweise angepassten Form neu entstehen zu lassen. Schamanismus ist für ihn ein archaischer Erkenntnisweg, der uns wie kein anderer dabei helfen kann, die scheinbaren Gegensätze in uns selbst und unserer Welt miteinander zu versöhnen.

Tel. 030-99 26 71 14

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