Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit

Seit Mitte der neunziger Jahre ist klar, dass sich zukünftig Millionen Afrikaner jedes Jahr auf den Weg machen werden, um den Folgen der Wüstenausdehnung, des Klimawandels und des Hungers zu entkommen. Ein Klimawandel, der nicht von Afrika verursacht wurde und wird. Eine Weltwirtschaftspolitik, die nicht in Afrika, nicht in Afghanistan oder im Irak gemacht wurde. Eine Rüstungspolitik, die in Europa stattfindet, in Russland und in den USA. Geostrategisch aktive Berserker, verkleidet als Politiker oder Lobbyisten, betreiben die Umsetzung von Visionen, die keiner will, über die Interessen der Menschen hinweg, völlig losgelöst. Die Weltfinanzpolitik kultiviert Abhängigkeiten und Schulden. Ressourcen werden gnadenlos annektiert, privatisiert, verspekuliert und ausgebeutet. Damals, in den 90ern war noch nicht klar, dass die Auswirkungen von Bürgerkriegen, Verfolgung und der nackten Angst um das Leben verstärkend hinzukommen werden. 

Wo liegen die Ursachen für die Kriege? Welche Gewehre schießen da? Seit Mitte der neunziger Jahre ertrinken jährlich Tausende bei der Überfahrt. Lampedusa 2013. Über 400 Tote. Niemand hat reagiert, Europa blieb stumm. Welche Schande! Das christliche Abendland, Erbe biblischer Werte, hellenistischen Wissensdurstes, zementiert auf Renaissance und Aufklärung, versagt. Nächstenliebe wird zum Kitschetikett für naive Blindgänger. Unsere Gesellschaft ist zynisch. Und opportunistisch. Und wir sind wohlstandsverwahrlost. Welch treffendes Wort.

Nun, heute ist die Katastrophe nicht mehr zu leugnen, nicht mehr auszusitzen, niemand kann sich verstecken. Jeder muss sich fragen, wer er eigentlich ist. Können wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst? Können wir die Hand reichen? Können wir ertragen, dass unsere Gesellschaft eine schmerzhafte Kur erlebt? Können wir wirklich teilen, auch wenn wir selbst nicht viel haben? Wollen wir daran wachsen und wohin und wozu eigentlich? Wie selbstbestimmt werden wir unsere Werte vertreten und verteidigen? Haben wir überhaupt Werte? Sehen wir in dunkelhäutigen Menschen wirklich unser Ebenbild, unseren Bruder, unsere Schwester? Können wir tolerant sein? Toleranz ist eine schwere Übung. Sie findet nicht in akademischen Zirkeln statt, sondern auf der Straße. Solange wir die großen Helfer sind, fühlen wir uns vielleicht gut. Der Reiche gibt dem Armen und erfreut sich dessen Dankbarkeit. Davor müssen wir uns hüten. Wir sind nicht besser als irgendwer auf der Welt. Es geht um echte Solidarität, um Menschlichkeit, um Brüderlichkeit. Und es geht um Oben und Unten.

Immer waren die Menschen unterwegs – meist um ein besseres Leben zu finden

steffen Brünner Anna-Lena Ramm  pixelioklIch möchte auch noch etwas hinzufügen zum Thema der Wirtschaftsflüchtlinge. Die von oben fabrizierte Polemik ärgert mich. Klar weiß ich, dass wir innovative Lösungen brauchen und dass nicht alle Menschen der Welt ins gelobte Hartz IV Land kommen können. Aber dennoch, es geht ums Bewusstsein:

Als die skandinavischen Stämme (später Germanen genannt), vor langer Zeit aus Skandinavien fortzogen, wurden sie nicht von anderen Mächten verfolgt, nicht getötet, gefoltert oder eingesperrt. Sie hatten schlicht Hunger und der Boden war karg. Den Goten wurde ihre Insel zu eng und sie zogen fort, um ein europäisches Großreich zu begründen. Auch sie wurden nicht verfolgt. Viele Völker und Stämme (Nationen gab es damals nicht und die Grenzen, sofern vorhanden, waren durchlässig) wurden Teil einer Wanderungsbewegung (Völkerwanderung), die u.A. den Grundstein für das heutige Vielvölkereuropa legte. Etwas später dann bekriegten sich noch die Stämme untereinander, wanderten hierhin und wanderten dahin. Zum Beispiel die Bayern, die auszogen, um später Österreicher zu werden… Die Sachsen und Angeln heuerten auf den britischen Inseln an, die Franken gingen nach Flamen und von da aus in den Fläming, dort wurden sie dann zu Brandenburgern. Die Deutschen gibt es erst seit ganz kurzer Zeit, vorher waren sie in Fürstentümern und mehr oder weniger kleinen Königreichen verteilt oder verwalteten, was vom Römischen Reich übrig war. Dann kam der 1. Weltkrieg und in seiner Folge wurden die Nationalstaaten erfunden, die im Großen und Ganzen heute noch Europa bilden.

Mein Urgroßvater war ein Schwabe in Rumänien. Seine Vorfahren wanderten aus Schwaben aus, weil es ihnen dort schlecht ging. Dieser Urgroßvater ging nach Amerika, von wo aus er in regelmäßigen Abständen Geld schickte. Als die Wehrmachtsoldaten meinem Opa, der auch noch in Rumänien lebte, bei regelmäßigen Besäufnissen im Weinkeller von Deutschland vorschwämten, ging er dort hin. Meine Oma musste zur Zwangsarbeit nach Sibirien und schaffte es später nachzukommen. Mein Nachbar heißt Kowalskie, er trinkt sehr gerne Bier, spricht kein Polnisch, aber seine Vorfahren kamen vor einigen Jahrzehnten nach Deutschland. 

Als die Ossis nach Westen flohen

Immer und immer waren die Menschen unterwegs, meist um ein besseres Leben zu finden. Als hunderttausende Ossis nach Westen in die Freiheit flohen, waren viele von ihnen wegen Marlboro, DM und Golffahren auf dem Weg. 

Was ich mit diesem zugegebenermaßen oberflächlichen Abriss verdeutlichen möchte: aus wirtschaftlichen Gründen zu anderen Orten aufzubrechen entspricht der menschlichen Natur. Es ist völlig normal. Die Frage ist nur, wie man in diesem Europa damit umgehen wird.

Was ich will, ist: denkt einfach nach. Schafft Bewusstsein. Wir sind alle Flüchtlinge, bzw. die Nachkommen von Flüchtlingen. Ja – Helfen ist selbstverständlich. Teilen auch. Gefühle erwidern, offen zu sein für unseren Nächsten sollte ganz klar Teil unseres Lebens sein. Und wir werden sehen, dass wir dabei reicher werden, nicht ärmer. Ja, unsere Gesellschaft wird eine Prüfung erleben. Aber was ist unsere Gesellschaft? Wir sind die Gesellschaft. Wir machen sie. – Und vielen Dank an die vielen Helfer, die jetzt aktiv sind.

 

Bild unten: ©  Gisela Peter  / pixelio

Über den Autor

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Jg. 1969, geb. in Berlin, aufgewachsen in Potsdam
freischaffender Bildhauer und Holzgestalter
Gründer der Potsdamer Werkstätten
Ich entwerfe als freier Gestalter Möbel, individuelle Einrichtungen und Objekte
freier Bildhauer / Holzgestalter
Mitglied der Potsdamer Werkstätten

Kontakt
Adolf-Damaschke-Str. 56-58
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