Die Psychologin Carolin Müller aus Groß Kreutz hat eine scheinbar gruselige Gewohnheit aus buddhistischer Praxis und erfährt dabei  mehr Erfüllung in ihrem Leben.

Stellen Sie sich bitte vor, Sie säßen in einem Zug. Der Zug fährt mit einer langsamen, aber gleichbleibenden Geschwindigkeit durch allerlei Landschaften. Es ist eine lange Reise. Sie schauen aus dem Fenster, genießen die Aussicht und plaudern mit den anderen Fahrgästen. Manchmal wird Ihnen die Fahrt vielleicht auch zu lang und sie langweilen sich. Irgendwann tut der Körper vom Sitzen weh. Malen Sie sich die Situation im Details aus. Möglicherweise vergessen Sie vollkommen die Zeit und wissen gar nicht, wann der Zug ankommt. Und plötzlich fährt er in den Bahnhof ein und die Reise kommt jäh zu einem Ende. Vielleicht sind Sie enttäuscht, vielleicht konnten Sie es auch kaum erwarten. Meine Frage ist: Hätten Sie die Reise anders erlebt, wenn Sie gewusst hätten, dass der Zug gleich in den Bahnhof einfährt? Hätten Sie nochmal alle Eindrücke aufgesogen oder nochmal nette Worte mit den Mitreisenden gewechselt?

Wir alle sitzen in einem solchen Zug. Es ist Zug unseres Lebens. Und wenn er in den Bahnhof einfährt, ist das das Ende unserer Lebensreise. Wir wissen nie, hinter welcher Kurve der Bahnhof liegt. Aber eines ist sicher: Die Reise wird irgendwann zu Ende gehen.

Der Tod gehört zum Leben dazu – ob wir wollen oder nicht

Sie ahnen es wahrscheinlich schon. Ich empfehle Ihnen fünfmal am Tag an Ihren eigenen Tod zu denken. Das mag Ihnen vielleicht sehr unheimlich, makaber oder widersinnig erscheinen. Sie wollen sich ja schließlich nicht schlecht fühlen, nicht wahr? Wie soll ein Denken an den eigenen Tod zu mehr Glück und Zufriendenheit führen? Aber was, wenn diese Gewohnheit das gruselige Geheimnis für ein erfülltes Leben ist?

Im buddhistischen Land Bhutan wird genau das geglaubt: Das Bewusstmachen der eigenen Endlichkeit ruft Zufriendenheit hervor. Denn die Menschen in Bhutan wissen, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, ob es uns gefällt oder nicht. Aber in unserer westlichen Welt werden wir kaum noch mit dem Tod konfroniert: Wir sehen keine offenen Wunden, kaum kranke Menschen und der Tod ist allgemein ein Tabuthema in der Gesellschaft. Das ist ein Problem. Denn der Tod Teil des Lebens. Er ist uns alle vorherbestimmt und wir müssen auf den Moment vorbereitet sein, in dem wir aufhören zu existieren. Das Ignorieren dieser wesentlichen Wahrheit ist, psychologisch gesehen, mit einem hohen Preis verbunden.

Wie hat sich mein Leben verändert, seit ich an meinen Tod denke?

Seit ich mit der buddhistischen Psychologie vertraut bin, beschäftige ich mich auch mit der Vergänglichkeit aller Dinge und dementsprechend auch mit meiner eigenen Endlichkeit. Mein Leben wird eines Tages enden. Und ja, es gibt mir auch ein mulmiges Gefühl. Ich hänge am Leben und ich liebe das Leben. An den eigenen Tod zu denken, hat also nichts mit dem Wunsch zu sterben gemein.

Manchmal macht mich der Gedanke, dass ich eines Tages sterben muss, sehr traurig. Ich stelle mir vor, dass ich zum Beispiel an einem Tag sterben muss, an dem die Sonne scheint und die Vögel singen. Ein Tag, an dem ich am liebsten raus gehen und die Welt genießen möchte. Es könnte sein, dass ein solcher Tag mein Todestag sein wird. Aber dann gehe ich raus in den Sonnenschein, den es heute gibt und alle Traurigkeit, die ich zuvor empfand, verwandelt sich in Dankbarkeit und Glück. Ich bin noch nicht tot. Ich lebe noch. Noch kann ich die Sonne genießen.

Das Leben ist erst durch seine Gegensätze schön. Ich weiß die wärmende Heizung am besten zu schätzen, wenn mir kalt ist. Eine Umarmung fühlt sich besonders gut an, wenn ich zuvor allein war. Das Essen ist besonders lecker, wenn ich Hunger habe. Und ich bin besonders traurig, wenn ich etwas Geliebtes verloren habe. Und das Leben ist besonders schön, weil es ein Ende hat. Der Tod macht das Leben erst wertvoll.

Wichtig ist, dass wir bei den Gedanken an den eigenen Tod nicht nur melancholisch und traurig werden. Denn wir können es ja sowieso nicht ändern! Versuchen Sie konstruktiv zu denken anstatt nur in Melancholie zu versinken. Ich habe verstanden, dass es mich nicht deprimiert, über den Tod nachzudenken. Es bringt mich vielmehr dazu, den Augenblick zu packen und Dinge zu sehen, die ich normalerweise nicht sehen würde. Mein bester Rat: Versuchen Sie es! Denken Sie an das Undenkbare, denken Sie an das, was Ihnen Angst macht und tun Sie es mehrmals am Tag. Es wird Ihr Leben verändern. Aber vergessen Sie nicht: Noch sind Sie am Leben.

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Wer es sich zur Aufgabe machen will und die Tradition der Einwohner Bhutans ausprobieren möchte, dem empfehle ich die App We Croak. Diese App wird Sie fünfmal zufällig am Tag an Ihr eigenes Ableben erinnern – werbefrei, so dass Sie keine kostbare Lebenszeit verschwenden.

Über den Autor

Avatar of Carolin Müller

Diplom-Psychologin in eigener Onlinepraxis seit 2014.

Studium mit Schwerpunkt »Klinische Psychologie« an der Universität Potsdam, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Buddhistische Therapeutin & Achtsamkeitstrainerin. Studium des Buddhismus u. a. in Indien und Begegnung mit dem Dalai Lama 2015. Vortragstätigkeit u. a. in der Schweiz und in Malaysia. Wenn Carolin Müller nicht durch die Welt reist, lebt sie in Potsdam. 2019 veröffentlichte sie mit ihrem Kollegen Nadim Mekki die Buchreihe »Buddha to go«.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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