Häuser spiegeln unser Wesen und eine gute Wohnung gibt umgekehrt unserem Leben Struktur und Energie. Damit das geschehen kann, müssen wir erkennen, wie wir unser inneres Seelenhaus entwickeln können. Die Ordnung dieses inneren Hauses müssen wir nicht dem Zufall überlassen. Wir können Architekt unseres eigenen Lebensentwurfs werden.

Von Ernst Wolf Abée

Wonach wir suchen, wenn wir wohnen

„Wir sind ein bisschen wie Häuser“, schreibt der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer: „Wir werden nach einem vorgegebenen Entwurf geboren, wachsen dann allmählich heran und können dann Änderungen erfahren, die aber nur an der Oberfläche bleiben. Wie bei einem Haus kann dabei etwas ausgebessert werden: Eine Tür wird ersetzt, die Wände werden neu gestrichen, wer aber genau hinschaut, sieht immer die ursprünglichen Fehler.“

Ich sehe die Möglichkeiten von inneren Renovierungen, Umgestaltungen und Neubauten sehr viel positiver und habe auf der Basis des Zusammenwirkens von Innen und Außen einen Selbsterfahrungs-Workshop konzipiert. Die Wohnungen und das Seelenhaus, denen wir unser Leben anvertrauen, die Gärten und Nachbarschaften, in die wir Energie und Arbeit einbringen, sind prägender Bestandteil unserer Existenz und Entwicklung. Aber in gleicher Weise sind unsere Wohnungen das Ergebnis unseres kreativen Wollens und Wirkens. Unsere inneren Gestaltungskräfte formen in der Außenwelt das, was wir als unseren Haushalt bezeichnen. Wenn sich also unsere Familien- oder Arbeitssituation geändert hat, sollten wir nicht zögern, unsere Behausung so umzubauen, dass sie wieder zu unserem Lebensentwurf passt.

Wer in Berlin oder in anderen Ballungszentren lebt, denkt vielleicht mit Sorge an steigende Mietkosten oder fehlende Wohnungsangebote. Die Zukunftsforschung geht sogar davon aus, dass die Wanderungsbewegung in die Metropolregionen weiter anhält. Neue Lebens- und Arbeitsperspektiven sind zu entwickeln, und wir wissen ja, dass gerade Umbruch- und Mangelsituationen das Ausprobieren innovativer, kreativer Lösungen herausfordern. Diese entdecken wir, wenn wir unser eigenes Wohnrepertoire erforschen, unsere eigenen Wohnerfahrungen überprüfen und herausfinden, was für unsere weitere Entwicklung wichtig ist. Denn dadurch erkennen wir auch, was für uns verzichtbar ist.

Zuhause bei Freunden

Damit die Sorge um die Wohnung nicht zur Angst wird, müssen wir die Macht unserer inneren Bilder freisetzen. Eine befreundete Künstlerin lebte in den ersten Jahren mit ihrem Mann, ebenfalls Künstler, in einer kleinen Altbauwohnung, die Wohn- und gleichzeitig Arbeitsraum bieten musste. Auch als ihre erste und später ihre zweite Tochter geboren war, ermöglichte das Familienbudget (und der angespannte Wohnungsmarkt) nicht, dass sie sich ein Atelier oder eine größere Wohnung suchten. „Wir lebten zu viert in zwei Zimmern,“ erzählt sie mir, „es gab kaum Platz für unsere Arbeiten, aber auf dem Esstisch hatte ich angefangen, so etwas wie ein kleines Puppenhaus für die Kinder zu bauen, aus Fundstücken, aus Papier und kleinen Schachteln….

Es wurde jede Woche größer, und oft saßen unsere Gäste abends um das Gebilde herum, mit Spaghetti und Rotwein, einige brachten noch etwas mit, und aus dem Ding wurde allmählich ein richtiges Schloss mit vielen Zimmern, mit Terrassen und Türmen, immer breiter und immer höher… es war doch viel zu eng in unserer Wohnung, aber ich konnte gar nicht aufhören. Manchmal hatte ich fast das Gefühl, dass unsere Familie eigentlich in diesem Palast auf dem Esstisch wohnte.“

Mit der spielerischen Erfindung ihres Traumschlosses hatte meine Freundin die Möglichkeit gefunden, ein mächtiges Gegenbild zu der stark eingeschränkten Wohn- und Lebenssituation ihrer Familie zu erzeugen, was allen Kraft und ein positives Lebensgefühl gab. Miniatur als Fundort der Größe Als Kinder richten wir uns Phantasiewelten in Burgmodellen, Puppenstuben oder mit Bausteinen ein. Im späteren Erwachsenenleben verlernen viele Menschen das Spielvergnügen an der Miniatur oder gestehen sich ihre Freude daran nicht wirklich ein: Die Beschäftigung mit der Modelleisenbahn wird vorsorglich mit dem Verweis auf finanzielle oder technische Werte seltener Sammlerstücke legitimiert, das Modellsegelboot als Spielzeug für den Nachwuchs deklariert.

Modelle im verkleinerten Maßstab werden lediglich von einigen Berufsgruppen zur professionellen Vorbereitung und Vermittlung von Gestaltungskonzepten genutzt, zum Beispiel von Architekten oder Bühnenbildnern. Dabei liegt hier ein echter Schatz: Eine kreative Schöpfung bewegt sich in der Regel vom Kleinen ins Große, das heißt, das zu formende Objekt wird schrittweise vom bescheidensten Nukleus in größere Dimension skaliert, aus einer Kadenz wird eine Symphonie, aus einem Gedanken wächst ein Gedicht oder ein Roman, aus einer Skizze entsteht ein Haus, jeweils im Wechselspiel von Kopf und Hand, von Denken und Handeln.

Mit den Händen denken

Jede Tätigkeit mit den Händen hat eine ordnende, strukturierende, im besten Fall heilende Rückwirkung auf unsere gedanklichen Aktivitäten und emotionalen Empfindungen. Diesen Effekt nutzt zum Beispiel die Sandspieltherapie, begründet auf der Analytischen Psychologie von C.G.Jung und der spirituellen Tradition des Buddhismus. Die Möglichkeit, dem inneren Bild einen sichtbaren Ausdruck zu geben, führt zu Verstehen durch Erleben. Die Sandspieltherapie ist nicht nur für die Arbeit mit Kindern geeignet, sondern ermöglicht Menschen aller Altersstufen, die Inhalte des Unbewussten zu schauen: Wer spielt, will seiner Ganzheit nahe kommen. Im Spiel finden wir Wege, den verengten Blickwinkel unserer Vorstellungen und Ängste zu weiten und einen neuen Bezug zur eigenen Tiefe zu finden. Damit kann das Sichtbarmachen eines inneren Bildes gelingen, das einen Bezug von Innen und Außen herstellt.

Das innere Haus als Raum der Seele

Aber stimmt es denn nun, wie eingangs des Artikels Oscar Niemeyer sagt, dass wir „wie Häuser“ sind? Vor kurzem beschrieb ein erfolgreicher Redakteur die Erfahrung einer Depression, verursacht durch seine Scheidung, mit den Worten: „Wenn ich dachte, ich sei im Keller angekommen, setzte sich der Fahrstuhl schon wieder in Bewegung, um mich noch weiter in die Tiefe zu führen. Es ist erstaunlich, wie viele Untergeschosse die Seele hat. Leider wird es von Etage zu Etage düsterer.“ Ja, es ist offensichtlich: Jeder von uns trägt ein Haus in sich, vielleicht sogar eine ganze Sammlung von Hausfragmenten, gespeist aus den Erlebnissen der eigenen Lebensstationen, Erinnerungen an beengte Räumlichkeiten, Häuser voller Licht oder an liebevolle, offene Wohngemeinschaften – und jeder ergänzt diese Puzzleteile zu einem mehr oder weniger konkreten Phantasiegebilde mit allen Elementen, die für die Gestaltung und Ausstattung der eigenen Behausung, der räumlichen Verortung der eigenen Existenz im unendlichen, grenzenlosen Universum wünschenswert erscheinen.

Auf jeder Reise sammeln wir neue Optionen für unser Traumhaus. Wie wäre es wohl, in einem Baumhaus hoch oben im Schwarzwald zu leben, in einem Pfahlbau am Rand des Bodensees oder in einem Leuchtturm an der französischen Atlantikküste?

Von der Freiheit des geträumten Hauses

Bei einem unserer Publikumsvorträge fragte einmal ein Architekt: „Warum soll denn jemand über ein Haus nachdenken, der sich gar kein Haus leisten kann?“ Wir müssen hier ganz deutlich unterscheiden zwischen einem Bauvorhaben, dem geplanten Haus, das zur Realisierung ausgedacht, vom Bauunternehmer oder vom Architekten konzipiert und von Baufirmen errichtet wird, und dem geträumten Haus, das sich unsere Seele baut wie das Traumschloss auf dem Esstisch, jenseits aller statischen Zwänge, sozialen oder finanziellen Verpflichtungen bzw. Möglichkeiten.

Das geträumte Haus können wir ganz nach unseren Neigungen und Bedürfnissen zusammenfügen, wir können es an einem beliebigen Ort errichten, und wir können es uns einrichten ohne die Zwänge der Konvention. Warum soll die Badewanne in einem kleinen, fensterlosen Raum versteckt werden, wenn ich doch den Ausblick in den Garten genießen will? In der Imagination des Traumes finden wir überraschende Lösungen für die großen und kleinen Hindernisse, die unser Wohnglück – und auf einer anderen Ebene oft auch unser Lebensglückaus – stören. Das geträumte Haus erkunden wir Raum um Raum wie ein Architekt, der Entwurfsskizzen auf ein leeres Papier wirft. Durch all das wird auch der Dialog mit dem inneren Seelenhaus angeregt und eingeübt. Wir können mehr Wissen über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erreichen und damit mehr Sicherheit für anstehende Entscheidungen erlangen. Wer kann noch von sich behaupten, in dem Haus zu leben, in dem man geboren und aufgewachsen ist? Unsere Arbeits-, Lebens- und Familiensituation ändert sich mehrfach während unserer Lebensspanne. Unser Seelenhaus wie auch unsere realen Wohngehäuse müssen sich gegenseitig anpassen und immer wieder neu ineinander finden.

Tages-Workshop: LebenStattHaus
Auf einer Reise durch das innere Haus sammeln wir Gedanken und Hinweise, wie der Aufbruch aus den Häusern der Erinnerung leicht gelingen kann. 13. Jan., 17. Feb., 17. März, 14. April, 16. Juni 2018 Kosten: 95 €

Zwei-Tages-Workshop: Ich bau dir ein Schloss
Ein Angebot für alle, die sich vom Single-Haushalt verabschieden wollen. Termine 2018 nach Vereinbarung

Author: Oliver Bartsch

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