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Gott ist Schönheit, Wahrheit und Liebe, etwas, was nur mit dem Herzen erfahrbar ist. Für Sufis zählt daher nur diese direkte Erfahrung Gottes. Und die versuchen sie mit zahlreichen – vor allem ekstatischen – Mitteln herbeizuführen. Was von orthodoxen Islamisten nicht gern gesehen wird.

 

Sufis sind die Mystiker des Islam. Die Ursprünge des Sufismus gehen auf den Propheten Mohammed und seine Getreuen zurück. In der westlichen Welt besteht leider seit vielen Generationen ein eher neutrales bis negatives Bild des Propheten Mohammed, wobei Mohammeds Rolle vor allem auf die des Eroberers und Frauenliebhabers beschränkt wird. Im Islam und im Sufismus ist dies anders. Dort wird der Prophet vor allem als Gesandter Gottes angesehen, der nicht nur das Wort Gottes – den Koran – empfing, sondern auch aufgrund seiner hohen Erleuchtung in allen irdischen Dingen erfolgreich war: als Staatsmann, als Mystiker, als Frauenliebhaber, als Heiler, als Familienvater, als Dichter, als Traumdeuter und als Kaufmann.

Die Grundlage des Islam ist dabei der Koran, aus islamischer Sicht das unmittelbare Wort Gottes, dessen erste Verse Mohammed ungefähr im Jahre 610 nach einer intensiven Meditation in der Höhle im Berg Hira vor den Toren Mekkas offenbart wurde. Durch diese Offenbarung trat Mohammed in eine tiefgehende Erleuchtung ein, in der er erkannte, das Gott – Allah – das allumfassende Sein ist, das in allen Bereichen der Schöpfung anwesend ist. 

Für Sufis hat Allah die Welt geschaffen, um seiner selbst bewusst zu werden. Ein Zitat des Propheten Mohammed hierzu lautet: „Ich (Allah) war ein verborgener Schatz – darum erschuf ich die Welt, auf dass sie mich suchen und erkennen würde.

Möglichkeiten und Gefahren des Menschseins

Um die Vielfältigkeit der Schöpfung zu preisen, haben wir Menschen auch in uns vielfältige Möglichkeiten, um Gott zu dienen, Gott zu preisen und Gott zu ehren. Im Vergleich dazu haben Tiere nur begrenzte Möglichkeiten. So heißt es in Sure 24: „Die Vögel preisen Gott, indem sie ihre Flügel schwingen“. In der Sure 16 heißt es: „Die Bienen preisen Gott, indem sie Honig sammeln“.

Aufgrund unserer vielfältigen Möglichkeiten des Ausdrucks sind wir Menschen aber auch großen Gefahren ausgesetzt. Wie es in der ersten Sure heißt: „Führe uns auf den Weg derer, denen du wohlgesonnen bist, und nicht auf den Weg derer, denen du zürnst oder die sich verirren“. Aufgrund der Gefahren in der Schöpfung erschienen deshalb der sufischen Lehre nach die Propheten, die uns den Weg zum göttlichen Licht zeigen.

Die Erleuchtung (arab. Lahut, bzw. Fana fi Allah) ist dabei für Sufis nicht das Ende der Reise, sondern der eigentliche Beginn der sufischen Arbeit: ein Zustand, in dem wir Menschen alle Bereiche der Schöpfung mit allen Sinnen genießen können. Dabei fällt auf, dass Sufis im Gegensatz zu christlichen oder buddhistischen Mystikern ein dauerhaftes Zölibat ablehnen. Von dem Propheten Mohammed selber gibt es den Ausspruch: „Im Islam gibt es kein Mönchstum. Dein Körper hat seine Rechte, deine Familie hat ihre Rechte und Gott hat seine Rechte. Darum gib deinem Körper, was dein Körper braucht. Gib deiner Familie, was deine Familie braucht, und gib Gott, was er braucht.“ Ein anderes Zitat des Propheten lautet: „Drei Dinge sind mir gegeben: meine Liebe zu Frauen, zu Wohlgerüchen und der Erfrischung meiner Augen im Gebet.“

Anders als zum Beispiel Buddha oder Jesus, die als Asketen und teilweise unter großen Qualen die Welt verließen, starb Mohammed in der Umarmung seiner Lieblingsfrau Aisha, um danach ins höchste Paradies einzutreten.
Für Sufis sind auch irdische Liebe und Sexualität kein Hinderungsgrund, um die höchste Erleuchtung zu erfahren. Im Gegenteil: Wie Sufis durch die Jahrhunderte immer wieder betonten, ist gerade die Liebe zwischen Mann und Frau ein geeignetes Medium, um die spirituelle Liebe zu aktivieren. Wie der grosse Sufi und Korangelehrte Al Ghazzali (gest. 1111) schreibt, können die Menschen noch am ehesten beim Gebet und bei der körperlichen Liebe die paradiesischen Freuden wahrnehmen. Und wie es der grosse Sufi-Mystiker Ib Arabi schreibt, ist deshalb der Islam die perfekte Religion, da im Islam sowohl im Diesseits als auch im Jenseits Spiritualität mit großer Sinnlichkeit verbunden ist.

Ein Weg mit Herz

Um diese Erleuchtung zu aktivieren, ist bei den Sufis immer wieder die Meditation auf das Herz ein zentraler Aspekt. So gibt es vom Propheten Mohammed zahlreiche Aussprüche über die Aktivierung des Herzens, zum Beispiel: „Die ganze Schöpfung ist nicht groß genug, um Gottes Schönheit aufzunehmen, aber das Herz der Gläubigen ist dafür groß genug“ Auch im Koran wird an zahlreichen Stellen die Aktivierung des Herzens erwähnt. Die Sure 94 (Al Inshirah) beschreibt sogar detailliert die Erleuchtung des Herzens, weshalb bei den Treffen der Sufis diese Sure auch immer wieder deklamiert wird.

Einer Legende nach soll Mohammed seinem besten Freund und Stellvertreter Abu Bhakr die Herzensmeditation auf ihrer Flucht von Mekka nach Medina gezeigt haben. Damals mussten sich die beiden in einer Höhle verstecken und es war klar, dass ihre Verfolger sie töten würden, hätten sie sie gefunden. Um aber den Islam zu retten, setzte sich Mohammed Abu Bhakr gegenüber mit den Worten: „Ein Teil des Wissens, der Liebe, Schönheit und Kraft Gottes floss aus Gottes Herz in das Herz des Erzengel Gabriel. Aus Gabriels Herz floss diese Kraft in mein Herz, und jetzt lasse ich diese Kraft in dein Herz fließen, damit du in die Welt gehst und diese Kraft aus deinem Herzen in die Herzen der Menschen fließen lässt, damit sie wiederum es in die Herzen der anderen Menschen fließen lassen, damit diese es ebenso weitergeben.“

Seitdem gehört es zum Sufi-Weg, dass der Lehrer (arab. Scheich) bei der Einweihung neuer Sufis diese Segenskraft aus seinem Herzen in die Herzen der Schüler überträgt, damit diese zu einem späteren Zeitpunkt diese Kraft wieder aus ihren Herzen in die Herzen neuer Sufis weiterfließen lassen.

Wie es der große Sufi-Mystiker Al Ghazzali beschreibt, ist das Herz der Menschen dabei ein Organ der Vernunft (arab. sadr), aus paradiesischer Substanz, das zurück in seine paradiesische Heimat möchte. Folgen die Menschen, so Al Ghazzali, der Stimme ihres Herzens, so werden sie den Weg zur Erleuchtung und damit den Weg ins Paradies finden.

Schöne Namen Gottes

Ein anderer Schwerpunkt der Sufis ist das Dhikrullah (arab. Erinnerung an Gott). Wie es im Koran in der 2. Sure heißt: „Erinnert euch an mich (Gott), und ich werde mich an euch erinnern.“ Beim Dhikrullah sprechen Sufis immer wieder den Namen Gottes, „Allah“ bzw. „Allahu“, oder das islamische Glaubensbekenntnis „La ilaha illa Lah“, wodurch tiefe meditative Zustände möglich werden. Auch die schönen Namen Gottes aus dem Koran (arab. Ism al Husna) werden von Sufis immer wieder rezitiert. Einem Zitat des Propheten Mohammed zufolge gibt es im Koran 99 besonders schöne Namen Gottes. Indem die Mystiker diese Namen preisen, schenkt Gott ihnen so die Wirkkraft dieser Namen. Solche Namen sind zum Beispiel „Hay“, der Lebende , „Haqq“, die Wahrheit, „Nur“, das Licht, oder „Salam“, der Frieden.

Da in der arabisch-muslimischen Welt traditionell viel getanzt wird, fingen die Mystiker in ihrer Ekstase irgendwann an, sich zum DhikrÎullah ekstatisch zu bewegen. Im Lauf der Generationen wurden dabei diese verschiedenen Bewegungen und Tänze systematisiert, wodurch es bei den Sufis die einzigartige Verbindung von Meditation und ekstatischen Tänzen gibt. Im Westen bekannt ist vor allem der Drehtanz der Mevlevi-Derwische, der auf den Mystiker Mevlana Jellaludin Rumi (gest. 1273) zurückgeht. Andere Tänze sind die der Kadiris, der Chishti oder der Rifai, bei denen die Sufis zum Gottgedenken ihre Oberkörper kreisend hin und her oder auf und ab werfen. In wieder anderen Tänzen zeichnen die Sufis komplexe Muster nach, wodurch ebenfalls große Energien freigesetzt werden.

Verfolgung durch orthodoxe Muslime

Da die Praktiken der Sufis sehr ekstatisch sind, gab es im Lauf der Generationen auch immer wieder Verfolgungen durch orthodoxe Muslime. Ein Opfer dieser Verfolgungen war der Mystiker Halladsch, der in seiner Erleuchtung den Satz aussprach: „Ich bin die Wahrheit“ (arab. Anal Haqq), wofür er im Jahre 922 in Bagdad hingerichtet wurde. Auch andere große Sufis wie Dhun Nun, Ibn Arabi oder Shihabudin as-Suhrawardi sahen sich Verfolgungen durch orthodoxe Muslime ausgesetzt.

Ein Vorwurf der orthodoxen Muslime ist immer wieder, dass Sufis in ihrer „göttlichen Trunkenheit“ religiöse Gebote verletzen. Die Sufis weisen aber darauf hin, dass sie unmittelbar in der Tradition des Propheten Mohammed und der frühen Muslime stehen, die schon damals viele der Rituale praktizierten, die Sufis auch heute noch vollziehen. Wie es ein bekannter Sufi heute formulierte: „Mohammed hat den Muslimen den normalen Wein verboten, damit ihre Sichtweise nicht verschleiert wird, und hat ihnen dafür den Wein der Ekstase geschenkt, damit sich die Herzen der Gläubigen öffnen.“

Ein weiterer Aspekt der Sufis ist die Toleranz und Freundschaft zu anderen Religionen. So ist überliefert, dass auch Mohammed zu seiner Zeit gute und freundschaftliche Beziehungen zu Christen und Juden hatte – unter anderem war seine Frau Maria praktizierende Christin. Aufgrund der friedlichen Auslegung des Koran und der Toleranz gegenüber anderen Religionen sind Sufis darum im besonderen geeignet, den Islam zu modernisieren. Wie der Sufi-Experte und Direktor der theologischen Fakultät Istanbul, Yasar Nuri Ötztürk, schreibt, ist der Islam so konzipiert, dass er zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen immer wieder neu ausgelegt werden kann, da er die Entwicklungen einer Gesellschaft berücksichtigt, ohne die tiefgehende religiöse Botschaft von der Liebe, Schönheit und Allmacht Gottes zu vernachlässigen, die im Koran beschrieben wird und die auch der Prophet Mohammed lehrte.

Über den Autor

Avatar of Andre A. Al Habib

ist Dipl.-Soziologe, ausgebildeter Koransänger und in mehrere Sufi-Orden eingeweiht. Aus den unterschiedlichen Sufi-Traditionen hat er einen Sufi-Weg speziell für westliche Menschen entwickelt. Er bietet regelmäßig Workshops und Meditationen zum Thema Sufismus an.

Literatur:
Andre A. Al Habib, „Sufismus. Das mystische Herz des Islam“, Verlag H. J. Maurer, 2005

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