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Alexandra Jedrych im Gespräch mit Lothar Gütter zum naturpädagogischen Programm der „Arche Weinberg“

Alexandra Jedrych: Wie würdest du zunächst deine eigenen Erfahrungen mit drei Jahrzehnten Schulalltag zusammenfassen?

Lothar Gütter: Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, fühlt es sich trotz aller erlebten Probleme und Frustrationen sehr bunt und lebendig an. Wenn ich mit einem Mangelbewusstsein vor eine Klasse träte, ginge ich gnadenlos unter. Die Kinder und Jugendlichen spüren das sofort, und sie wünschen sich nichts sehnlicher als lebendigen Kontakt. Das Movens jeder Unterrichtsstunde ist die spürbare Begeisterung. Diese erlebte Präsenz im Hier und Jetzt überträgt sich in Windeseile auf alle Beteiligten und verändert den pädagogischen Raum – und aus einer „Penne“ wird ein Raum der Potentialentfaltung.

Worin siehst du die wesentliche Aufgabe der Schule?

Jedes Kind sehnt sich nach Verbindung und nach Fülle des Erlebens im Hier und Jetzt – das ist naturgegeben. Schule bedeutet im lateinischen Wortursprung „Müßiggang“ oder freier übersetzt „freie Persönlichkeitsentwicklung“. Der Gehirnforscher Hüther hat ja in vielen Vorträgen dieses Phänomen sehr deutlich gemacht. Wir brauchen angesichts der Herausforderungen der Zukunft mutige und selbstbewusste Menschen, die bereit sind, ihren systembedingten Objekt status zu verlassen, aus dem passiven Erdulden heraus zutreten, sich zu zeigen und zu mutigen Subjekten ihres Handelns zu werden.

Wie kann ein solcher Prozess angesichts des bestehenden Systemdrucks realisiert werden?

Das derzeit erfahrbare System Schule darf im Sinne eines zivilen Ungehorsams zumindest aufgeweicht werden. Die Inhalte der Lehrpläne sind in dieser Hinsicht übrigens dem realen Schulalltag weit voraus – sie geben eigentlich den pädagogischen Raum frei, nach dem wir uns alle sehnen. Einzig Bürokratie, Regelungswut und Kleingeisterei im erlebten Schulalltag verhindern diese Ziele.

Kinder und Jugendliche möchten ihre innere Natur leben lernen. Im Lehrplan wird dieses oberste Lernziel als „Handlungskompetenz“ bezeichnet – ein absolut sinnvolles Leitbild. An der Kreativitätsgrundschule in Karlshorst durfte ich im letzten Schuljahr hautnah erleben, was unser Garten – projekt „Nährboden Schule“ bewirken kann. Wir sind „Umweltschule in Europa“ geworden und alles wird sich nun verändern.

Welche Rolle spielt die „Arche Weinberg“ in diesem Wandlungsprozess?

In einem Schulsystem, das noch immer fast ausschließlich auf das beengte Klassenzimmer als Forum der Begegnung setzt, dürfen Schneisen geschlagen werden. Alle Welt redet inzwischen von „Grünen Klassenzimmern“ – und sei es nur ein kleines Hochbeet auf dem Schulhof. Aber wir sollten nun die Schulpforte ganz weit aufstoßen und wieder den Gang aufs Land wagen.

Die „Arche Weinberg“ versteht sich als Campus für nachhaltige Lebenskultur – ein außerschulischer Lernort vor den Toren der Hauptstadt. Ich selbst habe die Sommerferien auf dem Weinberg verbracht und mit vielen Freunden und Unterstützern unser Schulprojekt vorbereitet. Wir möchten zunächst den Berliner Kreativitäts-Schulen (mehr Infos dazu auf http://diekappe1.m4media.de) das Angebot machen, einmal im Monat einen Tagesausflug zum Weinberg in Gräbendorf zu unternehmen, um so das Gartenjahr mit all seinen lebendigen Facetten kennenzulernen – von Januar bis Dezember und im Wechsel der Jahreszeiten.

Zusätzlich soll dieses Outdoor-Programm für Schulklassen, Jugendgruppen und für andere Bildungsträger und Träger der Jugendhilfe durch mehrtägige Aufenthalte oder auch Ferienfreizeiten ergänzt werden. Wir übernachten naturnah in Zelten, Hängematten und später auch Baumhäusern – im Winter und bei Regen in Gruppenschlafräumen. In unserem Ressort für bedrohte Tiere und Pflanzen haben die Kinder und Jugendlichen Gelegenheit, sich über bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu informieren und aktiv an der Bewahrung unserer Biosphäre mitzuwirken.

Wie werden die Kinder und Jugendlichen am Aufbau der Arche beteiligt?

Wir haben als Beispiel eine Kartoffelpyramide mit sechs Etagen gebaut, in der nun 35 alte Sorten heranreifen. Ein wahres Land-Art-Gebilde, sehr schön anzuschauen und inspirierend auch durch die ringsum angebrachten Infotafeln. Das wird ein wahres Erntefest, wenn wir im Herbst mit unseren Händen die Pyramide von außen abgraben, die Sorten sortieren, einlagern und vor allem genießen – und uns fächerübergreifend mit der Kartoffel und ihrer überragenden kulturellen Bedeutung befassen.

Insgesamt sehen wir in der „Arche Weinberg“ eine „soziale Plastik“ im Sinne von Joseph Beuys – hier gibt es viele reizvolle Baustellen, die wir in strukturierter Form als „vorbereitete Umgebung“ (Maria Montessori) anbieten, und die Kinder und Jugendlichen dürfen sich frei entscheiden, wo und womit sie sich betätigen möchten. Lehrpläne werden in diesem lebendigen Prozess wie von selbst realisiert – das ist eine Frage der Kreativität aller Beteiligten.

In unseren Basisseminaren „Erdbotschafter sein“ entwickeln wir gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen ein Grundverständnis nachhaltiger Lebenskultur. Wir lernen, Nährboden zu bilden und diesen biologisch-dynamisch zu bepflanzen. „Cultura“ bedeutet ursprünglich „das Hegen und Pflegen der Erde“. Und Humusbildung und Humanismus haben eine gemeinsame sprachliche Wurzel. Ein humanistisch gebildeter Mensch – und das ist heutzutage leider in weite Ferne gerückt – ist essentiell mit der Erde verbunden. Es geht um Wiederverwurzelung im regionalen Umfeld – und das ist neben der gärtnerischen Betätigung ein zutiefst geistiger und reinigender Prozess.

GN-Weinberg-9.15Auf dem Gelände des Gräbendorfer Weinbergs wird neben vielen anderen Attraktionen ein Gartenkunstwerk in Form eines überdimensionalen Oktogons mit 100 Metern Durchmesser entstehen. Welche Bedeutung hat dieser besondere Lernort?

Das Oktogon (Achteck) als Symbol reicht bis tief in die sumerische Kultur vor 7000 Jahren zurück und beschreibt den Weg der Bewusstwerdung der Menschen in Raum und Zeit. Es zeigt räumlich die acht Himmelsrichtungen und zeitlich die acht Jahresfeste, wie sie uns hierzulande auch im keltischen Kalender überliefert sind. Das Gartenoktogon ist urspirituell, eine Art universales Naturgebilde. Es hat einen zutiefst verbindenden Charakter, da es in allen Kulturen der Welt erscheint, lange bevor Religionen und Staaten zur Trennung der Welt führten, so, wie wir das heute täglich erleben müssen.

Worin siehst du den politischen Auftrag dieses außerschulischen Lernortes?

Die Arche Weinberg ist von deren Stiftern als eine naturnahe Bildungsstätte für Jung und Alt vorgesehen. Es geht darum, den einleitend beschriebenen Schulalltag schrittweise zu transformieren. Und wir möchten die Arche als einen universalen Raum vorstellen, wo Menschen aus allen Kulturen der Welt herzlich willkommen sind – ganz im Sinne der Erdcharta aus dem Jahr 2000, die als weltweites Leitbild für nachhaltige Entwicklung formuliert wurde. Und ihre vier Leitlinien sind: Achtung vor dem Leben, ökologische Ganzheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie und Frieden. Das ist der universale Auftrag, mit dem unsere Arche Weinberg nun ihre Fahrt aufnimmt – und wir freuen uns über viele begeisterte Passagiere und Besatzungsmitglieder.

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