Wenn es um inneres Wachstum, Heilung und Potenzialentfaltung geht, dann gibt es unzählige Wege, die nach Rom führen. Anne Hackenbergers Weg heißt: Elternsein.

Was Elternsein mit innerer Arbeit zu tun hat? Ganz einfach: Mit der Geburt eines Babys kommt ein anderer Mensch so nah an uns heran wie sonst eigentlich niemand. Und dieses Menschlein scheint auf geradezu magische Weise dazu befähigt, all unsere Knöpfe zu drücken. Auch die roten – gnadenlos. Auch um 3 Uhr nachts. Oder sollte ich sagen – gerade um 3 Uhr nachts? Elternsein heißt, auf engstem Raum mit jemandem zu leben, der zu hundert Prozent von uns abhängig ist.

Wir können diesem Menschen und all seinen Bedürfnissen nicht ausweichen. Auch dann nicht, wenn wir müde und gestresst sind. Wenn wir mit dem Kopf gerade ganz woanders sind oder unter massivem Schlafentzug leiden. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass ich so(!) sein könnte. Oh ja, bevor ich Mutter wurde, konnte ich in der schönen Illusion leben, ein netter Mensch zu sein. Damit ist es seit der Geburt meines ersten Sohnes vor 10 Jahren vorbei. Mein Muttersein hat mich viel über mich selber gelehrt. Es hat meine besten, meine lichtvollsten Seiten aus mir herausgekitzelt. Und mich auf ungeahnte Weise mit meinen tiefsten Schatten konfrontiert. Meine Kinder sind meine größten Lehrer.

Täglich habe ich Unterricht in den Fächern Selbsterkenntnis, Mitgefühl, Selbstliebe, persönliche Grenzen und Integrität, Verantwortung und Kooperation und ja, Vergebung. Erziehung bedeutet für mich in erster Linie Beziehung. Und wer ist für die Qualität dieser Beziehung verantwortlich? Das sind zu 100 Prozent wir Erwachsenen. Das klingt jetzt vermutlich ungewohnt. Wenn die Beziehung intakt ist, dann schreiben wir uns das als Eltern oder auch als Lehrer*in, Erzieher*in gerne auf die Fahnen. Schließlich ist es doch mein Verdienst als Mutter, Vater, Lehrer*In, Erzieher*In, wenn es zwischen mir und den Kindern läuft. Was aber, wenn das Gegenteil der Fall ist? Wenn ein Kind „trotzig“, die Klasse „schwierig“ ist? Wir sehen es gleich an den Begriffen, die wir für gewöhnlich in solchen Fällen benutzen.

Die Verantwortung dafür, dass es schwierig wird, scheint plötzlich auf das Kind überzugehen. Und genau hier liegt der Denkfehler. Nicht das Kind ist schwierig. Sondern das Kind ruft schwierige Emotionen in mir als Erwachsener hervor. In mir entstehen unangenehme Gedanken und Gefühle. Es liegt nicht in der Verantwortung des Kindes, dass es mir nicht gut geht mit seinem Verhalten. Ich selbst bin es, die in solchen Momenten mit meinen eigenen ungeheilten Wunden in Kontakt kommt. Kein Kind kommt unbeschadet durch die Erziehung seiner Eltern. Das gilt für unsere Kinder wie auch für uns selbst. Und so tragen wir fast alle große und kleine Traumata mit uns herum. Und die werden nun von unseren Kindern ziemlich zielsicher getriggert.

Das ist unbequem und wir sind leicht versucht, die Schuld beim Kind zu suchen. Das Kind soll dann bitte anders sein. Weniger anspruchsvoll, weniger laut, eben irgendwie anders – nämlich so, dass mein alter Schmerz nicht berührt wird. Und so schlagen wir in den Seelen unserer Kinder die gleichen emotionalen Kerben, wie wir sie selbst in unserem Leben erlitten haben. Was können wir tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen? Wir können uns dem Schmerz stellen. Anstatt die unangenehmen Gefühle auf unser Kind zu projizieren, können wir sie zu uns nehmen und so Verantwortung übernehmen. Oftmals ist das eine große Entlastung für die Kinder. Weil sie merken, dass die Großen sich um sich selbst kümmern – und sie es nicht länger tun müssen. Kinder kooperieren tatsächlich immer. Auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Sie kooperieren nämlich auch mit den unbewussten Anteilen in uns. Mit dem, was wir nicht spüren wollen.

Wenn es mir z.B. Schwierigkeiten bereitet, ein klares Nein auszusprechen, um meine Integrität zu wahren, dann wird mein Kind meine Grenzen so lange übertreten, bis ich gelernt habe, sie zu beschützen. Weil es mich spüren will. Wissen will, wer ich bin. Und solange ich hier noch „Entwicklungspotenzial“ habe, werde ich mich in scheinbare Machtkämpfe verstricken. Und nicht selten dem Kind dafür die Schuld geben (ich hab dir doch schon hundertmal gesagt…). Und so bietet das Elternsein oder generell der Kontakt mit Kindern ganz ungeahnte Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung. Weil ich meinen Mustern nicht länger aus dem Weg gehen kann, wenn ich (m)einem Kind nicht schaden will. Wenn du das nächste Mal Schwierigkeiten mit dem Verhalten eines Kindes hast, dann halte kurz inne, bevor du den Schuldball zum Kind herüberspielst. Nimm einen tiefen Atemzug und beobachte, was in dir vorgeht.

Das der Schmerz in dir ist – und dort angenommen und geheilt werden will. Dafür braucht es viel Selbstmitgefühl. Ja, wir sind auch nur Menschen, und das ist gut so. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Aber sie brauchen Menschen, die bereit sind, sich mit ihren eigenen inneren Mustern auseinanderzusetzen und so gemeinsam mit ihren Kindern zu wachsen.

Geburtsvorbereitung: 14.-16.6. in Berlin
Elternkompass: 6.5.-17.6. in Eberswalde

Author: Oliver Bartsch

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