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Seit einiger Zeit sind Haare out: Haarentfernung ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern mittlerweile scheinbar obligatorisch. Bis in die Unterhose. Warum eigentlich?

Das Verschwinden der Haare

Die Frauen traf es zuerst: Langsam, still und unwiderruflich verschwanden die Haare an Armen, Beinen, Achselhöhlen und im Intimbereich. Wie durch einen geheimen Befehl rückte man international aus, dem widerborstigen Gesprieße Einhalt zu gebieten. Mit scharfer Klinge, schmerzendem Wachs, neu erfundenen Entwurzlungs-Geräten und zuletzt Laser-Geschossen, merzte man das Körperfell aus, wo immer es durch die Epidermis lugte.

Und ehe man recht wusste wie und warum eigentlich, empfanden Menschen in der gesamten westlichen Hemisphäre den natürlichen weiblichen Haarwuchs dieser Art als geradezu widerlich unästhetisch. Erstaunlich ist dabei vor allem, dass fast alle Frauen fest der Ansicht sind, selbst zu diesem Urteil gelangt zu sein („Ich fand das einfach immer schon unschön“). Oder gar glauben, dass es sich dabei um ein universelles ästhetisches Gesetz handelt („Das sieht doch einfach eklig aus“).

Dabei wurde das Ideal der Haarlosigkeit – wie alle anderen Schönheitsideale auch – mit einer Mediengewalt im kollektiven Bewusstsein verankert, die beinahe an Propaganda grenzt. Kein Filmstar, kein Werbefoto, keine Fernsehsendung, die nicht dem Ideal der Haarfreiheit huldigte. Die Frau mit Haaren an den Beinen hörte auf, als öffentliches Bild zu existieren, weshalb sich frau im stillen Kämmerlein brav zu diesem Ideal hinrasierte. Alle Frauen. Es ist dies eine künstliche Realität, der wir seit frühester Kindheit ausgesetzt sind, weshalb wir sie irgendwie für Normalität halten, während eine haarige Frau und fast als eine Art abnormes außerirdisches Monster erscheint.

Haarentfernung: Warum eigentlich?

Haarlosigkeit ist keine Empfehlung mehr, sondern landläufig eine fast verpflichtende Vorschrift. Denn wer sich diesem Bild widersetzt, wird nicht selten geächtet. Eine Frau, die sich nicht die Beine rasiert, ist in der öffentlichen Wahrnehmung eklig, unhygienisch, ja geradezu verwahrlost. Und obwohl das bei genauem Hindenken eigentlich ja eine ganz groteske Verzerrung der Realität ist, kann man kann sich kaum dagegen wehren, es manchmal selbst zu glauben – so stark ist dieser öffentliche Druck.

So habe ich habe mich selbst schon erwischt, wie ich in romantischen Momenten kurz unangenehm berührt zusammenzuckte, wenn eine Frau an diversen Stellen mehr Haare hatte, als heute allgemein üblich. Beängstigend: Wie manipulierbar bin ich eigentlich selbst?

Und was soll überhaupt dieser ganze Krieg gegen die Haare? Warum investieren Menschen so viel Zeit, Geld und Emotion in die Enthaarung ihrer Körper? Warum ist die U-Bahn mit Anzeigen für dauerhafte Haarentfernung tapeziert? Warum setzt die entsprechende Industrie mittlerweile Milliarden um? Welches Bedürfnis wird da bedient?

Ist es das Schönheitsideal der kindlichen Reinheit und Unschuld? Der größere Stellenwert von oralem Sex? Das evolutionäre Bedürfnis, sich von behaarten Vorfahren zu distanzieren? Eine verirrte Suche nach Hygiene? Hat alles einfach nur mit der Einführung des Bikini begonnen, wie manche vermuten? Ganz schlau wird man nicht.

Andererseits: Wir frisieren uns ja auch das Haupthaar und schneiden uns die Fußnägel – warum sollte sich unser Wunsch nach Ästhetik nicht auch auf den Intimbereich erstrecken? Vielleicht hat ja auch die Enttabuisierung unserer Unterleibe einfach zu einer stärkeren kosmetischen Hinwendung zu unseren delikatesten Organen geführt?

 

Nix Brusthaar – die Enthaarung der Männer

Jedenfalls geht es nun seit einiger Zeit aus ebenso nebulösen Gründen auch den Männern an die Haare: Auch Männer rasieren sich plötzlich wie auf Befehl von oben die Bein- und Achselhaare – und auch den schmückenden Pflaum um Hoden und Penis. Bei einem Besuch in der Sauna am Wochenende fand ich mich recht erstaunt fast allein mit meinem Schamhaar. Das ging erstaunlich schnell, vor ein paar Jahren war das noch nicht so.

Dass dieser aussichtslose Kampf gegen die störrischen Haare vor allem auch in der Unterhose so leidenschaftlich gefochten wird, ist dabei kulturell recht interessant. Denn man darf sich schon fragen, wie es gelungen ist, einen Trend für nacktrasierte Penisse zu etablieren, ohne je einen solchen nacktrasierten Penis öffentlich zu zeigen. Die Antwort ist dabei womöglich recht einfach und wenig schmeichelhaft: Pornografie. Ist es den verpönteren Seiten des Internets zu verdanken, dass der nackte Penis und die nackte Vagina innerhalb weniger Jahre zur kollektiven Norm geworden sind? Sind wir sind eine Gesellschaft, die sich von Pornos sagen lässt, wie wir aussehen sollen? Oder stellen die Pornos eher Schönheitsideale zur Schau, die vorher schon da waren?

 

Intim-Enthaarung – alles andere als hygienisch

Aus hygienischer Sicht ist es jedenfalls ziemlich bedenklich, sich die Schamhaare abzurasieren. Wie OP-Ärzte gerne bestätigen, hinterlässt das Rasieren mikroskopische offene Wunden, in denen Bakterien ganz hervorragend gedeihen. Zusätzlich entzünden sich die zurückbleibenden Haarfollikel, und die Haut ist permanent gereizt – in Kombination mit dem warmen, feuchten Klima des Intimbereichs ein wahres El Dorado für Keime aller Art, besonders Streptokokken und Staphylococcus aureus. Einige Ärzte beklagen bereits eine Zunahme von Erkrankungen, Genital-Herpes, Pusteln und Abszessen im Intimbereich durch das ständige Rasieren und beobachten den Trend eher kopfschüttelnd:

„Schamhaar hat einen Zweck, es fungiert als Kissen gegen Reibung, Hautabschürfungen und Verletzungen, bietet Schutz vor Bakterien und anderen unerwünschten Erregern und ist das sichtbare Ergebnis der lang erwarteten jugendlichen Hormone – sicherlich nichts, wofür man sich zu schämen sollte. Es ist Zeit, einen Waffenstillstand im Krieg gegen die Schamhaare zu deklarieren, und sie da zu lassen, wo sie hingehören“, schreibt etwa die Ärztin Emily Gibson.

Das große Schnippeln geht weiter

Der Widerstand formiert sich also. Vor allem auch, weil es bei den Haaren leider nicht aufhört – der Schnippel-Wahn geht weiter. Gerade darum gibt es gute Gründe anzunehmen, dass es tatsächlich die Pornografie ist, die heute ein genitales Schönheitsideal etabliert. Denn nicht nur die Haare verschwinden, auch sehr viel besorgniserregendere Trends greifen in den USA mittlerweile um sich: Penisvergrößerungen und die Beschneidung der Vorhaut bei Männern und die Verkleinerung der inneren Schamlippen bei Frauen sind mittlerweile ein riesiger Markt der Schönheitsoperationen geworden: Mann wie Frau versuchen, sich den Idealen der Pornoindustrie anzugleichen, die inzwischen scheinbar so allgegenwärtig sind, dass Menschen ernsthaft glauben, sie wären abnormal, wenn sie diesen nicht entsprechen. Dabei guckt doch offiziell niemand Pornos. Eine höchst seltsame Entwicklung.

Jedes Jahr steigt die Zahl der Schamlippenoperationen um mehr als 30 Prozent. Viele Frauen die sich dieser freiwilligen Genitalverstümmelung unterziehen, wissen nicht, dass die inneren Schamlippen bei vielen Nacktfotos per Photoshop herausretuschiert werden und wundern sich so über ihr eignes Spiegelbild.

Bei den Männern ist vor allem die Penisvergrößerung ein astronomischer Wachstumsmarkt – mittlerweile glauben fast alle Männer, ihr Penis sei zu klein und die Vorstellungen über die Druchschnittliche Penisgröße ist völlig verzerrt.

Während bei uns die meisten Menschen eine operative, kosmetische Veränderung ihrer Genitalien sicher noch als absurd empfinden, hat uns der Enthaarungs-Trend schon voll erwischt. Im Kern ist es aber das gleiche Prinzip und hin und wieder ist es vielleicht ratsam, sich mal vor Augen zu führen, wie stark der kollektive Schönheitswahn uns alle im Griff hat: So sehr, dass Mensch sich vor den eigenen Haaren ekelt.

 

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13 Responses

  1. xxx

    der bericht gipfelt in der verleumdung „So sehr, dass Mensch sich vor den eigenen Haaren ekelt.“ – also ist der ganze bericht sch…

    Antworten
      • xxx

        wüsste nicht warum … aber warum sollte sich der mensch vor seinen eigenen haaren ekeln ? abstruse vorstellung.

    • XY

      Schön, dass Du offensichtlich Freundinnen hast, die Körperbehaarung nicht fies finden. Ich kenne einige Frauen die über unrasierte Frauen exakt so reden: Haare sind- außer auf dem Kopf ekelig. Unrasiert= Ungepflegt.

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  2. consul

    Vielen Dank für den sehr gut recherchierten Bericht.
    Ich wuchs in den 70ern auf und ich habe den Hype der 90er Jahre mit der
    sehr deutlichen Intrumentilasierung der nahezu braven und lemmigen Folgen der kompletten kÖRPERENTHAARUNG „VON IHR UND IHM“ niemals verstehen können. Auch sind mir unbehaarte Frauen als Mann sehr fremd und ich finde
    sie auch keineswegs anziehend ! Auch käme ich niemals auf die Idee, mir die Achseln, Brust und mehr zu enthaaren.
    Auch verstehe ich besonders nicht, weshalb sich einige Frauen völlig überflüssig seit den 90ern plötlich die Arme- nicht die Achseln rasieren, was bei einigen bekannten Sängerinnen und Filmsternchen ab den 90ern deutlich zu sehen war, vorher behaart und dann gewaxte und rasierte Arme, – zB. Madonna, Penelope Cruz um. Ich sehe den Enthaarungswahn sogar als Art Droge an, da jeder sie ausprobieren will und plötzlich daran hängen bleiben, eben sexuelle, soziale Art der Befreiung, wie gesagt wird.
    Selbst Männer rasieren sich Trendaufwärts die Beine, siehe Ronaldo, Beckham, T. Schweiger, rasierte Brust.
    Es ist eine Art von Gehirnwäsche, wo die Amifirmen Gillette, Willkinson und Balea in Milliardenhöhe HAARSCHARF abschneiden, da es Trend ist, sich fast nach Philosophischer Pflicht zu enthaaren, da es „fast“ alle tun und es eben anders bei unseren Eltern alle laut der GfK. enthaart sind.
    Selbst Studien der Universitäten betrachten diesen Trend als Besorgniseregend, da nun Schönheitschirugen die Intimzone verändern müssen, da dann zu sehr sichtbar.
    Betrachtet man heute die Werbung, ist ein ganz anderer Trend zu sichten, nämlich, dass in fast jeder Reklame der Mann plötzlich Bart in jeder erdenklichen Form trägt, was wieder ein sehr unschöner Trend ist, dass alle plötzlich Bart tragen, aber eine rasierte Scham inne haben „MUSS UND SOLL.
    Wir sind Mitläufer und Nachahmer.
    Und wir, ich nicht sind ein AMERIKANISCHES Kultmodell des Karussels der Eitelkeiten und der Puppen, eben Porno und Barbielook.
    wie wir uns BEHAART noch haben LIEBEN können, ist heute eine berechtigte Frage, da sooo sehr viele heute glatt ziehen, zum teil sogar mit Begeisterung.

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  3. WellenbeobachterHH

    Hier ein ergänzender Bericht zum Thema, was wohl auch andernorts Menschen bewegt:

    http://www.spiegel.de/panorama/debatte-in-new-york-schaufensterpuppen-mit-schamhaaren-a-944225.html

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  4. elke

    ja, da finde ich es richtig schön, nicht zur Masse zu gehören! 😉
    Rasieren, hab ich alles in meiner Jugend schon gemacht,
    meine Haut mag´s nicht!!
    Meine Arm- und Beinhaare sind fein und im Sommer blond.
    Ich muss ganz ehrlich sagen, es hat sich noch nie jemand, der mich liebt, daran gestört. Und was andere denken könnten, muss mir egal sein.
    Die Achselhaare sind auch fein und wachsen langsam, so rasiere ich sie vielleicht alle 2 Monate. Und man kann Lusthaare auch sanft mit der Schere kürzen, schont die Haut und sieht nicht aus wie Baby!

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  5. Kristina

    @taps
    deine Abneigung gegen die Körperbehaarung ist völlig absurd und bestätigt den Wahn bzw. Zuchtprogramm, welchen der Autor hervorragend und zutreffend kritisiert.
    Haare können niemals „widerlich“ sein, denn sie sind rein physiologisch und somit für den Körper wichtig, hygienisch und gesund. Übrigens ist Schneiden von Nägeln und Haarspitzen nicht mit permanenter Körperenthaarung zu vergleichen.
    Um den Körper schön und sauber zu halten hilft definitiv keine Enthaarung, sondern regelmässig Wasser, Bürste, frische Luft und biologische Verpflegung.
    Und wenn man sich selbst und andere richtig liebt, dann liebt man (wie der Volksmund sagt) „mit Haut und Haaren“.

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  6. taps

    Ich selber gehe als Frau regelmäßig zum brasilianischen Waxing, danach hat man einige Wochen seine Ruhe, nichts piekt oder müffelt und ich fühle mich auch wesentlich wohler und sauberer als mit den ganzen Haaren überall! Hat überhaupt nichts mit Modetrends zu tun in meinem Fall sondern mit persönlichem Wohlfühlen, egal was andere da zu mokieren hätten. Es ist schließlich auch nicht „natürlich“, seine Kopfhaare oder Nägel zu schneiden, man könnte diese auch bis sonstwo wachsen lassen, tut man aber nicht! Seife gab es beim Urmenschen auch nicht, warum benutzen wir sie heute trotzdem? Ich muß auch ehrlich sagen, daß ein Mann mit einem riesigen Schamhaarbusch untenrum auf mich ungepflegt wirkt! Wer als Frau oder Mann, am liebsten im Sommer, im Top stolz seinen langen schweißmüffelnden „Bauarbeiterbusch“ unterm Arm präsentiert, findet sich vielleicht subversiv und cool, ich finde es ziemlich widerlich.

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  7. AL

    Auch ich bin leider schon einmal Opfer dieses Trend gewesen; habe mir einst die Haare am „Allerwertesten“ abrasiert.

    Das Ergebnis jedoch war wirklich derart unangenehm, daß ich sie ganz schnell wieder habe wachsen lassen 🙂

    Wie blöd sind wir eigentlich, daß wir uns Bedürfnisse (auch dasjenige nach permanenter Erreichbarkeit, Überwachbarkeit, Audiovisueller Kontaktfähigkeit vermittels kleiner trojanischer Geräte) von Anderen einreden lassen ?

    Fazit: Wir können uns einfach – noch, oder gar nicht mehr – nicht so annehmen wie wir erschaffen wurden, sind womöglich auch von blödsinnigem Gruppendruck abhängig !

    Dabei duften Achselhöhlen manchmal eigentlich nicht ganz uninteressant – schnuppert doch einfach mal rein 😀 !

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  8. Oliver

    Was mich vor allem erschreckt hat: Wie schnell irgendein Trend etwas, das bis vor kurzem als völlig normal wenn nicht als schön galt, auf einmal als ekelig galt. Noch mehr hat mich erschreckt, dass es eine bewusste Entscheidung brauchte, mich von diesem Trend nicht anstecken zu lassen.

    Ich frage mich, wie schnell sich z.B. Verachtung für eine bestimmte Kultur medial verbreiten ließe, wenn es „wieder an der Zeit“ wäre, für einen Krieg oder einen Genozid zu rüsten.

    Eine übrigens ähnliche Veränderung habe ich bemerkt gegenüber Rauch in geschlossenen Räumen. Früher störte es nur wenige, heute selbst die Raucher…. Und auch hier behaupten viele, eigentlich habe es ja schon immer gestört, man habe es nur nicht sagen können.

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  9. herzog christine

    Gratulation zu diesem Bericht! Ein Plädoyer für das „Sich-selbst-sein“ und sich Selbst-bewusst den Trends wiedersetzen. Ich wünsche allen „Sei Dich selbst“ und kultiviere die Fähigkeit, zu spüren, wo du manipuliert wirst, damit du deinen Weg frei und unbeschwert gehen kannst“

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  10. Mari Jo

    Sehr schön beobachtet und auf den Punkt getroffen…

    Leider ist es mit dem Enthaarungswahn oder Genitalverstümmelungen nicht zu Ende. Auch der Wahn, seine körpereigenen Ausdünstungen um jeden Preis mit toxischen Duftstoffen aller Art zu verfälschen, dürfte noch seinen Preis fordern. Ist nicht der Körpergeruch der Hauptindikator dafür, dass sich Partner mit idealen Immun-Komponenten finden? Wie soll das denn heutzutage noch funktionieren, wenn die Haare als Haupt-Geruchsträger vernichtet sind und massenhaft Chemie die ursprünglichen Pheromone verdrängen?

    Kein Wunder, dass es immer mehr Allergiker gibt…(!)

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