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Gehen ist überall. Und wer gut geht, dem geht es gut. Nur leider haben wir fast alle das gesunde Gehen verlernt. Da hilft ein Geh-Training. Elke Schmid vermittelt in Workshops, wie wichtig das Gehen im Leben ist, und zeigt, wie wir mit richtigem Gehen auch insgesamt wieder auf einen gesunden Lebensweg kommen.

von Elke Schmid

Wie gehen wir eigentlich? Diese Frage stellt sich Elke Schmid, Regisseurin und Trainerin für gesundes und sicheres Auftreten, seit vielen Jahren. Es scheint zunächst einmal abwegig, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, denn das Gehen ist die Grundbewegung des Menschen. Gehen kann jede(r). Es hat unsere evolutionäre Entwicklung entscheidend vorangebracht. Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Sie haben auf ihren Streifzügen im Schnitt täglich 30 Kilometer zurückgelegt – und waren gut durchtrainiert. Die globale Mobilität und die digitale Kommunikation in unserer stressigen und „überhitzten“ Leistungsgesellschaft bremsen uns jedoch immer mehr aus. Das Gehen kommt abhanden – und der Mensch sich selbst auch. Er fühlt sich ausgebrannt, auch schon in jungen Jahren. Die Krankmeldungen sprechen eine deutliche Sprache. Depression und Burn out stehen an oberster Stelle. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts sind mehr als die Hälfte aller erwachsenen Deutschen weniger als zweieinhalb Stunden pro Woche körperlich aktiv (das ist die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO): aus Zeitnot, Gewohnheit und aus Bequemlichkeit. Stattdessen sitzen wir in der Bahn, im Büro, am Computer, auf dem Sofa, vor dem Fernseher, im Kino- oder Theatersessel, im Restaurant … und am Wochenende verausgaben wir uns meistens bis zur Erschöpfung, um das spürbare Defizit wieder auszugleichen. Wir vertrauen auf spezielle Ausrüstungsgegenstände und folgen dem neuesten, meist schweißtreibenden Fitnesstrend, auch wenn sich unser Innerstes eigentlich nach einer ruhigeren Gangart sehnt. Kostbare Zeit will sinnvoll genützt sein, aber verwechseln wir nicht häufig Aktivität mit Aktionismus?

Viele Rückenprobleme beginnen im Fuß

Kinder erlernen das Gehen, soweit keine körperliche Beeinträchtigung vorliegt, intuitiv richtig, wie das Atmen. Aber bereits im Kinderzimmer nimmt häufig das Bewegungspensum ab und die natürliche Bewegung des Gehens vermindert sich. Starre Schuhe auf glattem Boden, schwere Umhängetaschen, stundenlanges Sitzen vor dem Computer, Bewegungsmangel im Allgemeinen, Tempo und Stress führen zu Fehlhaltungen und Verspannungen. Verspannungen sind ein Ungleichgewicht, das sich bis in die Fußmuskulatur fortsetzt. Umgekehrt beeinflusst auch die Gangart den kompletten Organismus. Viele Rückenprobleme beginnen im Fuß.

Fehlhaltungen, sprich: Verschiebungen aus der Körpermitte, manifestieren sich über viele Jahre hinweg, wirken sich auf alle Gelenke aus und sind als gewohnter Bewegungsablauf im Körper ab – gespeichert. Sie sind Teil unseres Selbstausdrucks. Und so gehen wir. In Schonhaltung und mit verkümmerter Muskulatur. Das wirkt sich auch auf unsere Gesundheit aus.

Gehen ist ein komplexer, ganzkörperlicher Vorgang, der durch gezielte Impulse wieder optimiert werden kann, um gut zu gehen. Das bedeutet, die körpereigenen Achsen in den Bewegungsablauf zu integrieren. Dadurch bewegt sich auch der Oberkörper im Gehen – der ganze Körper geht. Gut gehen heißt, aus der Körpermitte bewegt zu gehen – und mit jedem Schritt unsere Muskulatur zu nutzen und zu trainieren.

„Keiner hat meinen Gang.“ sagte der Dramatiker Heiner Müller. Jeder Körper ist individuell, und so gibt es auch keinen Einheitsgang. Aber jeder Mensch kann die physikalischen Hebel seiner Körperachsen optimal einsetzen. Das Gehen wieder zu optimieren ist ein Prozess. So wird das Gehen zum neuen Yoga und die täglichen Wege erhalten wieder Sinn

Geh-Training: Schulung der Selbstwahrnehmung

Grundlagen im Geh-Training sind die Schulung der Selbstwahrnehmung und die Analyse der eigenen Bewegungsstruktur. Am Anfang steht die Wiederbelebung der Achsenbewegung und die Arbeit am Schritt, besser gesagt dem Fuß. Denn der Fuß ist nicht nur die Basis unseres Gehens, sondern auch eine Meisterleistung der Natur. Auf den Füßen lastet das gesamte menschliche Körpergewicht. Mit seinen 26 Knochen, 33 Gelenken, 20 Muskeln sowie 114 Bändern pro Fuß stabilisiert und hält er die Bewegung. Die gesamte Statik der Wirbelsäule beginnt in den Füßen. Wir brauchen sie für unsere Standfestigkeit, unser Gleichgewicht, unsere Stoßdämpfung und Fortbewegung. Unsere Füße sind mit den inneren Organen derart verbunden, dass diese von der Fußsohle über Reflexpunkte mit jedem Schritt massiert werden können (quasi Fußreflexzonenmassage im Alltag). Vorausgesetzt man geht barfuß oder in flexiblen dünnen Schuhen (mittlerweile gibt es bereits viele Anbieter für Barfußschuhe). Deshalb wirkt sich die optimale Nutzung der Fußsohle und damit der Einsatz des Fußes beim Gehen positiv auf unsere Gesundheit aus. Die Fußbewegung gewinnt im Gehirn die Oberhand über die Emotionszentren und stabilisiert unser emotionales Gleichgewicht. Wer kennt nicht den Bewegungsdrang in angespannten Situationen.

Gutes Gehen ist die Basis unserer Gesundheit. Gelenke werden entlastet, Knochen gestärkt, auch das Immunsystem. Die Körperhaltung verbessert und der Stoffwechsel normalisiert sich. Die Gewichtsreduktion wird erleichtert, der Insulinbedarf gesenkt. Die Herzleistung verbessert sich, Bronchien und Lungen werden entlastet. Das Krebsrisiko sinkt – vor allem durch die regelmäßige Bewegung im aeroben Bereich.

Menschen, die viel gehen, kommen besser ins Alter. Das tägliche Unterwegssein hält unsere körperliche und geistige Beweglichkeit in Schwung. Auch in der Demenzforschung gewinnt das Gehen wieder an Wichtigkeit.

Körpersprache und Selbstbewusstsein

Das Gehen ist ebenso unsere Körpersprache und vermittelt ein Bild der eigenen Person. Es ermöglicht ein sicheres und authentisches Auftreten in jedem Kontext, verleiht Präsenz, Achtsamkeit und Selbstbewusstsein. Das ist vor allem im Beruf wichtig, aber nicht minder in der täglichen Begegnung mit anderen. Wir können dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen und mit Respekt behandelt werden – ohne aufgeblasen zu wirken. Gehen wir richtig, können wir im Gehen zu uns kommen und mit uns selbst verbunden unterwegs sein. Wir können Stress abbauen, uns entspannen und vitalisieren, im Augenblick sein.

Gutes Gehen fördert die Kreativität und Entscheidungen, denn das Gehen ist mit dem Denken verbunden. Gedankenschritte, Gedankengänge – das wird schon seit der Antike praktiziert.

Gehen ist auch Freiheit, die Öffnung zur Welt. Laut Statistik umrundet jeder Mensch in seinem Leben rund zweimal die Erde. Angesichts der Flüchtlingsströme gewinnt die ureigene Mobilität wieder an Bedeutung und zeigt uns, welche Wege wir imstande sind zurückzulegen. Wie viele Schritte gehen wir eigentlich täglich? Die Charité in Berlin empfiehlt 10.000 Schritte am Tag. Mit ungefähr 4.000 Schritten, bei einer Schrittlänge von zirka 50 Zentimetern, käme man in Berlin vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor. Viele Menschen schaffen nicht einmal diese Strecke.

Heutzutage ist das Gehen eher ein notwendiges und lästiges Übel. Wege werden ökonomisiert, vor allem am Arbeitsplatz. Zeiteffizienz ist angesagt anstatt das Potential unserer täglichen Wege auszuschöpfen und dem Gehen wieder mehr Fokus zu schenken und bewusst gut zu gehen. Denn wer gut geht, dem geht es gut. Und je mehr wir auf diese Weise gehen, desto besser. Neue Wege und Umwege. Jeder Schritt lohnt sich für das Wohlbefinden im Hier und Jetzt. Mit sich unterwegs sein – das erlangt man durch gute Bewegung. Und wer den Bewegungsdrang nicht nur in die Freizeit verlegt, für den ist zusätzlicher Sport ein Gewinn, aber kein Muss.

Gehen ist ein Abenteuer. Man entdeckt dabei immer Neues. Auch sich selbst. Wie Franz Kafka sagte: Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen.

3 Responses

  1. Ballengänger

    Danke für den netten Kommentar. Vielleicht wird man nie beweisen können wie natürliches Gehen funktioniert. Mir geht es nicht darum das Gehen in festen und ungesunden Schuhen zu erklären. Ich frage mich nur, welches Gehen die Natur ursprünglich für den barfuß gehenden Menschen vorgesehen hatte.
    Ich bin davon überzeugt, dass der frühe Mensch weit intelligenter war als heutige Menschen. Der Mensch hatte gar kein Interesse seine Gesundheitheit zu ruinieren. Verletzungen, die heute von Orthopäden behandelt werden, stellten vor Hunderttausenden Jahren in Afrika unter Umständen ein Todesurteil dar.
    Es wurde von Dr. Daniel Lieberman in 2010 bewiesen, dass das Laufen/Rennen über den Vorfuß (Natural Running) weitaus gesünder als das in den Anfang der 1970er-Jahre erfunde Rückfuß-Jogging (selbst in gedämpften Schuhen) ist. Einzig gefährlich ist die Umgewöhnung, da Füße heute schwach sind. Über das Rennen brauchen wir uns somit nicht unterhalten.
    Beim Gehen braucht man gar nicht zwischen Fersengang und Ballengang unterscheiden, da das Aufkommen mit dem Fuß eigentlich nur eine Folge der Bewegung und keine eigene Aktivität sein sollte.
    Beim Fersengang wird ähnlich wie beim Rückfuß-Jogging der Fuß so weit nach vorne geschleudert und die Zehen mit einem sehr kleinen Muskel nach oben gezogen, so dass nur die Ferse zum Aufkommen übrig bleibt. Für diese Bewegung ist das Aufkommen mit der Ferse optimal. Ob die Bewegung selbst natürlich ist, ist eine ganz andere Frage.
    Der Ballengang ist eine vollkommen andere Bewegung, die im übrigen erst nach Monaten des Wadentrainings und Jahren der Faszien-Verlängerung auf der Körpervorderseite und Körperrückseite (siehe auch Entspannungshocke) wieder korrekt durchführbar wird. Meiner Meinung nach geht man sehr aufrecht, mit weniger Geschwindigkeit, kleineren Schritten und das Aufkommen mit dem Vorfuß bzw. Mittelfuß ist am Ende nur die logische Konsequenz dieser Bewegung. Aktiv setzt man den Ballen vielleicht in den ersten Monaten bis Jahren auf, um den über die Jahre als unnatürlich empfundenen Ballengang erneut zu erlernen.

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  2. Ballengänger
    Das Gehen optimieren

    Beim Optimieren des Gehens muss man zwei Arten unterscheiden. Das Beibehalten des Fersengangs (orthopädisches Abrollen) oder die Umstellung auf den Ballengang (Auftreten zuerst mit dem Vorfuß).
    Weit mehr als 99% der Menschen gehen in normalen Schuhen und aus Gewohnheit selbst barfuß im Fersengang. Ob es möglich ist zumindestens barfuß gesund im Ballengang und in Schuhen ungesund im Fersengang zu gehen weiß ich nicht.
    Aber natürlich kann man auch den Fersengang durch etwas bessere Schuhe und Vermeidung z.B. von Innen-/Außengang versuchen etwas zu optimieren, um z.B. Knieproblemen entgegenzuwirken.
    Konsequent ist es aber den Fuß sowohl barfuß als auch in Barfußschuhen so einzusetzen, wie er von der Natur wahrscheinlich vorgesehen wurde, nämlich Auftreten mit dem Vorfuß (wie z.B. beim Treppensteigen und Rückwärtsgehen). Nur dann kommen die Dämpfungsmechanismen des Fußes (z.B. Quer- und Längsgewölbe) zum Einsatz und Barfußschuhe ohne Absatz, ohne Dämpfung und ohne Fußbett können überhaupt sinnvoll genutzt werden.

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    • Rafael
      Wir sind keine Vierfüßler!

      Der Mensch ist kein Vierfüßler! Nur diese haben den Ballengang! Gehen Sie mal eine Böschung im Ballengang hinunter … Das machen Sie keine 20 Meter weit! (Gehe selbst tätlich quer Feld ein in den Schwarzwaldbergen barfuß …) Wie gehen die allermeisten Leute? Oberkörper wird nach vorne aus dem Gleichgewicht gebeugt, um dies wieder aufzufangen, wird ein Bein nach vorne genommen (geschleudert). Beim Gehen sieht es dann so aus, dass der Kopf ständig von unten nach oben sich bewegt. (Seitlich auf die Länge gesehen: wie eine Sinuskurve, bez. Sinuswelle) Jetzt stelle man sich eine Wasserkrugträgerin in Indien oder Afrika vor, die ständig beim Gehen den schweren Krug mit dem Kopf nach oben stemmen würde … Energieverschwendung pur! Macht sie auch nicht – seitlich betrachtet, bleibt ihr Kopf völlig in Ruhelage in der gleichen Höhe. Nun, wie macht sie das? Sie nimmt den hinteren Fuß als Impulsantreiber, drückt dann letztendlich mit den Zehen ab und setzt diesen Fuß vor den anderen. Dabei, – dies betrifft insbesondere das Barfußlaufen auf Kies und Steine, – wird der Fuß sanft aufgesetzt, so dass er quasi sich dem Boden anschmiegt, dahinfließt. Das nun vorne angestellte Bein bekommt nun allmählich durch die Abroll-Abdrückbewegung des nun hinteren Fußes die Last des Oberkörpers übertragen. Bei dieser Gangart kommt im Prinzip immer noch die Ferse zu erst auf. Aber eben recht sanft. Macht man es wie es 99% aller Menschen hier tun, das Bein nach vorne schleudern, um das Gleichgewicht des Oberkörpers wieder aufzufangen auf steinigen und unwegsamen Boden, kann das beim Barfußgehen extrem schmerzhaft sein. Das macht man nur ein Mal …
      Gehen auf dem Ballen: Ja diesen Mumpitz erzählen auch die Hersteller von so gen. Barfußschuhen: Sie führen das Beispiel eines noch nicht laufen könnenden Kleinkindes an, das an den Ärmchen gehalten, sofort mit den Ballen zu laufen beginne … Was bei diesem „Beweis“ vergessen geht: Das Kind wird an seinen Ärmchen hochgezogen, also die klassische Engelchen-flieg-Haltung. Das ist der eigentliche Grund. Würde das Kind selbstständig stehen, sähe der Gang völlig anders aus.

      Körperhaltung, Becken … :
      In der Regel haben die meisten Menschen eine zu starke Belastung auf der Fußinnenseite, damit einhergehend, ein Becken das nach vorne unten gekippt ist und hinten in Entenpohaltung sich befindet. Macht man damit eine gerade Kniebeuge, stoßen die Knie dabei zusammen … Man kann es wunderbar an die ausgestellten Füße sehen, dass die Fußinnenseiten zu stark belastet werden.
      Nimmt man das Becken als Korrektiv, also zieht das Schambein Richtung Kinn, macht damit eine Schaufelbewegung nach vorne oben, dann werden die Fußaußenseiten mehr belastet. Knie kommen nimmer zusammen. Als Korrektiv kann man sich an die Füße halten, oder ans Becken, beides funktioniert.

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