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Erfahrungsbericht über ein zwölftägiges Lichtnahrungsseminar in Österreich

So dünn war ich noch nie. Jedenfalls nicht als Erwachsener. Nur die sprichwörtlichen Haut und Knochen. Immerhin schien das fehlende Fleisch den Geist zu beflügeln. Es war ziemlich exakt um sieben Uhr am Morgen des siebten Tages ohne Essen und Trinken, als er begann, sich von der ausgetrockneten Mumie in der Badewanne zu lösen. Die Wanne stand in einem kleinen Badezimmer der ehemaligen Meierei des niederösterreichischen Schlosses Rastenberg, in dem neben mir weitere 15 Seminarteilnehmer des sogenannten Lichtnahrungsprozesses untergebracht waren. Der, so die Aussagen einschlägiger Experten und Propagandisten, die Absolventen befähigen würde, fortan ohne feste Nahrung leben zu können. Deren energetische Funktion soll das Prana übernehmen, die universelle Lebensenergie, im Mittelalter im Abendland Quintessenz genannt oder auch das Fünfte Element, die Griechen sagten Pneuma, Wilhelm Reich schuf den Begriff Orgon, für die Chinesen ist es das Chi. Auch sie kennen die Ernährung durch Prana bzw. Chi; der Zustand heißt bei ihnen Bi Gu.

Andere Begriffe aus anderen Kulturen, die jeweils bestimmte Aspekte der Lebensenergie bezeichnen können, sind Mana, Ruach oder Vril. Sie stehen allesamt für das naturwissenschaftlich-philosophische Konzept des Vitalismus, der im derzeit an unseren Schulen gelehrten Weltbild als überwunden betrachtet wird.

Wie auch immer: Solch Verheißung war einen Versuch wert, befand ich und meldete mich nach kleinem Zögern ob der relativ hohen Seminarkosten von 1.600 bzw. ermäßigten 1.200 Euro plus Unterkunft und Reisekosten kurzerhand an.

Das Bewusstsein verteilt sich im Raum

So lag ich also nach der allmorgendlichen Vipassana-Meditation von vier bis fünf Uhr und einem kleinen Spaziergang im mondbeleuchteten Wald am Morgen des siebten Tages in einer Badewanne, um einen Teil der Zeit bis zur nächsten Meditationsrunde um zehn möglichst entspannt zu überbrücken. Obwohl ich auch nach einer Woche ohne Flüssigkeitsaufnahme kaum Durstgefühle verspürte, verschaffte das heiße Bad doch eine Art Erleichterung. Was auch daran lag, dass die feuchte Luft die Ablösungsprozesse der dicken Schleimfladen in der Luftröhre erleichterte – buchstäblich handfeste Belege für den Um- und Abbau im Inneren. Dass dieser Ablöseprozess jedoch auch das Bewusstsein betreffen würde, kam zumindest in der Form einigermaßen überraschend. Es begann mit der zunächst eher vagen Erkenntnis, dass mein ausgemergelter Körper und der Wasserboiler über seinen hühnerartigen Füßen eigentlich gleichberechtigt seien. Das Besondere war jedoch nicht die Erkenntnis an sich, sondern der Umstand, dass der entsprechende Gedanke ganz sicher nicht im Kopf gedacht wurde. Vielmehr schien es so, als hätte sich mein Bewusstsein irgendwie im Raum verteilt. Was nicht heißt, dass ich mich in der Badewanne liegen sehen konnte. Ich sah wie bisher nur Brust, Bauch und Beine. Nur waren das Teile eines Objektes, mit dem ich mich kaum mehr identifizierte als zum Beispiel mit dem kleinen Spiegelschrank daneben. Kaum mehr heißt: Ein paar Unterschiede gab es durchaus. So hatte ich mit dem Boiler kein Mitgefühl, mit meinem armen Körper jedoch schon. Außerdem war er natürlich meine angestammte Heimat, eine Art Raumschiff oder besser Basisstation für meine nun schon mehr als vier Jahrzehnte andauernde Weltenreise, die ich, der bisher gleichzeitig Kommandant und Gefangener war, ab sofort zu allen möglichen Abenteuern verlassen konnte. Oder doch nicht? Denn wer oder was das Ich war, war nicht so klar. Klar war nur, dass es keine Illusion war, wie die einschlägigen Lehren behaupten. Allerdings beziehen die sich auf das Ahankara, wie das falsche Ego, das sich für den Raumschiffkommandanten hält, im Sanskrit genannt wird. Zwar meinte auch ich, eine Art Captain Kirk zu sein, doch diese Identifikation war nur ein Spiel, das ich ziemlich deutlich durchschaute. Diese Erkenntnis ging in ihrer Eindeutigkeit, Plastizität und Unmissverständlichkeit weit über die Einnahme eines bestimmten Beobachterstandpunktes hinaus, der seit alters her Zeugenbewusstsein genannt wird. Der amerikanische Psychiater Arnold Mindell hat dafür in den achtziger Jahren den etwas pompösen Begriff Metakommunikator eingeführt. In der Esoterik spricht man weihevoll vom Höheren Selbst. Bevor mir all die Begriffe in der Literatur begegneten, hatte ich es in der Meditation entdeckt und für mich Hintergrund-Ich getauft. Ist man in der Lage, darin tiefer einzutauchen, indem man die Identifizierung mit dem Falschen Ego aufgibt, gelangt man zum bzw. ist man augenblicklich automatisch mit etwas anderem identifiziert. Womit, kann nicht beschrieben werden, weil verbale Abbildungen nur innerhalb eines gemeinsamen Systems von mentalen Konventionen Sinn machen. Aus diesem Mentalen jedoch ist man ja gerade hinausgedriftet.

Um dieses „Bilderverbot“ zu umgehen, haben die Kulturen allerlei Gleichnisse, Metaphern und Geschichten entwickelt. Im christlichen Kulturkreis spricht man zum Beispiel vom Heiligen Geist, über den man dann weiter in Erfahrungsbereiche vorstoßen kann, die gewöhnlich mit Begriffen wie Gott, Nirwana oder der buddhistischen Leere verbunden werden.

Nach 163 Stunden den ersten Schluck Wasser

Lichtnahrung Seminar ÖsterreichIn den nächsten beiden Stunden, die der Zustand der Nichtidentifikation mit mir als einem separaten Ich noch anhielt, beschäftigten mich allerdings andere Gedanken. Die hatten mit einer ziemlich bizarren Beobachtung zu tun, die man als Filmvorführereffekt bezeichnen kann: das Erlebnis, nicht nur eine Art frei schwebendes wahrnehmendes Bewusstsein im Inneren einer riesigen Projektionsblase zu sein, sondern gleichzeitig auch Projektor und Filmvorführer. Und es gab kein Außen. Die Blase bestand quasi nur aus einem Innen, das in diesem Fall aus den verschneiten Wäldern und Bergen Niederösterreichs gebildet wurde.

Dummerweise wurde ich bald darauf und ohne zu merken, wie das geschah, vom projektierenden Filmvorführer zum schnöden Zuschauer degradiert. Als Schmerzensgeld gab es jedoch drei Stunden später nach exakt 163 (fast sieben Tage) wasserlosen Stunden den ersten Schluck zu trinken. Er schmeckte wie heißes Wasser, was nicht verwunderlich war, denn es war heißes Wasser; und statt den kaum vorhandenen Verlustschmerz der morgendlichen Erfahrungen zu lindern, verursachte er ein unangenehm zwickendes Gefühl im Rachen. Sooo hatte ich mir die Erlösung nicht vorgestellt.

Zum Glück verschwand das Zwicken nach ein paar weiteren Schlücken und machte einem Gefühl der Erleichterung und sogar des milden Triumphes Platz. Es war geschafft! Sieben Tage ohne Trinken und neun Tage ohne feste Nahrung waren um. Und ich war ein Held. Wow. Oder besser: Amen. Denn die Herausforderung des Prozesses bestand weniger aus den physiologischen Aspekten (das auch), sondern sehr viel mehr aus den spirituell-bewusstseinsmäßigen. Es war ein Trip in die Tiefen des eigenen und damit des Bewusstseins an sich, wie ich ein paar Mal erfahren durfte. Obwohl der Körper durch den Flüssigkeitsentzug einer Belastung ausgesetzt war, die der in Sterbeprozessen gleichkommt (fast 20 Prozent Gewichtsverlust in einer Woche bei vorherigem sportlichem Normalgewicht von 65 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,71 m), spielten Durst oder Hunger dabei keine wesentliche Rolle. Mehr noch: Abgesehen von Tag 2, an dem ich mich, stark geschwächt, kaum bewegte, standen ansonsten ausgedehnte Wanderungen durch verschneite Wälder auf dem Programm. Am Tag 4 beispielsweise fast 20 Kilometer inklusive einiger hundert Höhenmeter – was für eine vierzig Jahre alte Leiche, die ich laut Schulmedizin eigentlich sein sollte, gar nicht so schlecht war. Den anderen 15 Adepten ging´s in energetischer Hinsicht teilweise ähnlich. Trotz der strapaziösen Auszehrung erlebten die meisten gleichzeitig oder zumindest partiell eine Art psychologisch-energetisches High-Gefühl. Meines gipfelte in der Überzeugung, noch in diesem Jahr zu Fuß nach Tibet zu marschieren. Und als Vorbereitung würde ich am letzten Nicht-Trink-Tag nach einem 30-Kilometer Marsch bei 15 Grad minus ein Bad im Gebirgsbach nehmen!

Durch körperliche Grenzerfahrung zu einem anderen Bewusstsein

Zum Glück (?) verschwand der Wahn am Tag 6 wieder, was möglicherweise mit dem wirren, visionsartigen Wachtraum zusammenhing, in den ich eine halbe Nacht lang eingetaucht war. Ein sehr komplexes und deshalb im Grunde unbeschreibbares und kaum deutbares Gemisch aus auditiven und grafischen Informationen, das mich noch lange beschäftigen sollte. Daneben gab es an den anderen Tagen eine Reihe weniger bedeutsamer kleinerer Erlebnisse, die sich jedoch mosaikartig zu einer Gesamterfahrung zusammenfügen, die starke Ähnlichkeit mit den Initiationserfahrungen diverser Naturvölker haben dürfte. Auch deren Funktionsprinzip besteht ja darin, durch körperliche Grenzerfahrungen das im Alltag festgefügte Geist-Körper-System aus dem Gleichgewicht zu bringen, auf dass es sich nach dieser „Entfremdung“ quasi auf höherem, zumindest aber anderem Level wieder einpendele.
Ob dazu zwingend die Fähigkeit gehört, fortan ohne Essen auszukommen, scheint sowohl eine Frage der Interpretation (was heißt „höherer Level“?) als auch eine der Entscheidung zu sein. Ich jedenfalls habe mich nach 18 Tagen Nichtessen entschieden, wieder zu essen. Ich fand mich einfach zu dünn und hatte auch keine Lust, den olfaktorisch indizierten Gelüsten weiter zu widerstehen. Zudem war mein energetischer Zustand wenig befriedigend – was darauf verweist, dass ich von echter Pranaernährung noch ein Stück entfernt war.

Prinzipiell jedoch scheint ein Umstieg möglich. Nur ist er wohl von verschiedenen individuellen Faktoren und Überzeugungen abhängig, die selten vollständig offen liegen. Eine meiner Überzeugungen ist, dass es auch eine Frage des Glücks, der Gnade, des Karmas oder Ähnlichem ist. Bei manchen Menschen funktioniert es einfach und weitgehend problemlos, bei anderen nicht. Bei den meisten scheint aufbauend auf den Initiationsprozess ein längerer Anschlussprozess notwendig zu sein.

Denn echte Pranier sind immer noch dünn gesät. So kehrten die meisten der Absolventen unseres Seminars früher oder später (aus welchen Gründen auch immer) wieder zu normaler oder reduzierter Ernährung zurück. Nach einer groben Recherche scheint zumindest Ähnliches auch für die anderen Gruppen zu gelten.
Ein anderer Fakt ist, dass es eine relevante Anzahl Menschen gibt, die das nicht tun (müssen), sondern den eigentlichen Lichtnahrungsprozess nutzten oder nutzen konnten und sich von der konventionellen Lebenserhaltungsmethode abkoppelten. Sie wurden zu echten Praniern bzw. leben, teils seit Jahren, im Bi-Gu-Zustand. Der hier besprochene „Lichtnahrungsprozess“ im engeren Sinne ist oder kann dafür ein notwendiger Zwischenschritt sein. Oder auch nicht. Unabhängig vom angestrebten Ergebnis ist er für die persönliche Entwicklung in jedem Fall empfehlenswert. Also: Guten Appetit.

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