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Der Yoga-Virus greift um sich. Und kann selbst eingefleischte  Bewegungsabstinenzler infizieren. Ein Erfahrungsbericht von Stephan Korb.

 

Ich war – solange ich denken kann –beides: Atheist und Sportmuffel. Und eigentlich hatte ich noch nie verstanden, was dieses Yoga wirklich ist, von dem man soviel hört. OM singende Yogis mit langen Haaren und den Füßen zum Gebet hinter dem Kopf gefaltet, oder waren es doch die Hände vor der Brust? Lotus-Sitz und Kopfstand scheinen ebenso dazu zu gehören wie bunte indische Tücher und Götterbilder. Oder ist Yoga doch mehr das elegante durchgestylte Studio, in dem sich schlanke und körperbewusste Yogis und – vor allem – Yoginis körperlich und geistig fit halten, um ihrem fordernden Alltag einen gesunden Ausgleich zu geben? Ist nun Yoga ein moderner trendiger Lifestyle oder doch eher der in Rächerstäbchendunst gehüllte Meister, dem Anhänger zu Füßen sitzen und diese mit Milch begießen?

Auf jeden Fall ist meine Freundin, sie heißt Lena, akut Yoga-infiziert. Seit sie vor vier Jahren beim ersten Berliner Yogafestival ein „jungfräulicher“ Gast war, praktiziert sie leidenschaftlich Kopfstand, Krähe und Skorpion und schwärmt mir in regelmäßigen Abständen vor, wie viel gesünder sie sich fühlt und wie ausgeglichen sie durch den Tag gehen kann.

 

Die Atmosphäre steckt an

Um ihr einen Gefallen zu tun, ließ ich mich dann Anfang Juli tatsächlich überreden, mit zum 4. Berliner Yogafestival zu gehen. Dass ich eigentlich nur wegen des indischen Essens und der vielen Frauen, die man angeblich beim Yoga finden kann, mitgegangen war, war ihr nicht wichtig; denn anscheinend war sie sich ihrer Sache ziemlich sicher…, und beim heiligen OM… sie hatte Recht.

Denn was ich auf diesem großen und bunten Yogafest erlebte, war weit mehr als nur gutes Essen, hübsche bewegliche Frauen und Buddha-Lounge-Musik. Schon allein die freundliche und ungezwungene Atmosphäre ließ mich entspannen. Ich tauschte mein kleines Taschenmesser gegen eine Tube Sonnencreme in der Tausch-Herz-Börse und ließ mich an beiden Füßen an einem Seil aufhängen, was meinem Rücken erstaunlich gut tat. Um etwas praktische Erfahrung im Yoga zu sammeln, versuchte ich mich möglichst unauffällig in eine Kinder-Yogastunde in der kids area zu integrieren, was gleich zu Beginn an meinem Drei-Tage Bart scheiterte. Die nette Kinderyogalehrerin gab mir den Tipp, es einmal mit einer Anfängerstunde im klassischen Hatha Yoga zu versuchen. Und siehe da, es war gar nicht so schlimm. Ich konnte dem Sonnengruß einigermaßen folgen und wider Erwarten sogar in den Schulterstand kommen, den ich früher Kerze nannte. So wohlig wie in der abschließenden Entspannung hatte ich mich seit langem nicht gefühlt. Ich war gleichzeitig geschafft und entspannt.

 

Yoga: just do it

Das Interesse war geweckt und ich konnte es kaum erwarten, an einer weiteren Yogastunde des Festivals teilzunehmen. Meine Freundin hatte bereits auf mich gewartet, sah den neuen Glanz in meinen Augen und sprach mit einem verschmitzen Lächeln: „So, nun bist du bereit für die Gong-Meditation mit neun Gongs und den japanischen Taiko-Trommeln!“ Diese war dann so beeindruckend, dass ich danach einige Zeit tief atmen musste und dringend eine Auszeit bei Chai und indischem Essen brauchte. Bei dem folgenden Mantra-Konzert habe ich dann tatsächlich ohne große Scheu versucht mitzusingen und sogar ein wenig getanzt. Die erhebende Stimmung und die gute Laune der Yogis war einfach mitreißend.

Beim nächtlichen Bummel mit meiner Freundin über den erleuchteten Marktplatz erstand ich meine erste Yogamatte und sammelte fleißig Gutscheine für Probestunden der Berliner Yogastudios. Jetzt kann ich selbst aussuchen, ob ich ein hippes angesagtes Studio oder einen traditionellen Ashram bevorzuge. Eins habe ich bei meinem Besuch des Berliner Yogafestivals verstanden: Yoga ist eine Praxis, die man selbst erfahren sollte. Worte allein können die persönliche Erfahrung nicht beschreiben. Oder wie der Spruch sagt, den ich an einem Stand gelesen habe und der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: “Eine Unze Yoga-Praxis ist besser als Tonnen von Theorie“.

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