Täglich praktiziert, ist Yoga der Königsweg zu unserem Herzen….

von Venny Bachmann

Seit Jahrzehnten nimmt die alte indische Lehre des Yoga immer mehr Raum in der westlichen Welt ein. Verschiedene Bewegungsformen wurden zu eigenen „Yoga-Stilen“ zusammengefasst und um den Bewegungsmarkt abzudecken auch zu „Kinder-Yoga“, „50+-Yoga“, „Yoga-Flow“, etc. konzipiert. Gemeinsam haben alle diese „Yoga-Systeme“ die Grundlage durch Bewegungen, sogenannte Positionen, Körperstellungen einzunehmen, um gesundheitsfördernde und harmonisierende Ergebnisse zu erzielen.

Bewegung ist gut für Geist und Körper

Seit Jahren entsteht aber bei Physiotherapiepraxen ein neues Patientenpotenzial, das vermehrt mit Gelenk-, Sehnen- und Muskelproblemen kommt, die durch „Yoga-Anwendungen“ entstanden sind. Um diese dann zu heilen, brauchen die Praxen – so eine Therapeutin – oft wesentlich mehr Anwendungen als bei den Korrekturen, die durch Unfälle im täglichen Leben entstehen.

Der Grund dafür liegt im doch recht hohen Anspruch der einzelnen Original-Übungen. Diese wurden weit vor unserer Zeitrechnung in Indien von Profi-Tänzern entwickelt, um auf ihren Reisen übers Land zu den Tempelveranstaltungen ein Übungssystem zu haben, das mit wenigen ausgefeilten Stellungen gleichzeitig die Sehnen, Muskulatur und Ausdauer ganzheitlich schnell und effektiv trainiert. Diese Übungen sind also von und für Profi-Tänzer entwickelt worden und waren so nie für Anfänger gedacht.

Durch dieses spezielle Training sahen die Tanzbewegungen der Tempeltänzer – trotz ihrer teilweise sehr schweren Kostüme – leicht und spielerisch aus. Da diese Übungen von den Tänzern entwickelt wurden, die in Tempeln oder auf deren Flächen davor auftraten, dachten und denken auch noch heute viele Zuschauer, dass diese speziellen Bewegungsformen mit den jeweiligen Tempellehren zu tun haben, in denen ja bekannter weise die heilige Lehre des Yoga gelehrt wurde und wird.

Auf diese Weise wurde die Profi-Gymnastik der Tänzer durch den Volksmund im Sprachgebrauch mit der Yoga-Lehre verbunden, was so bis in unsere Zeit getragen wurde. Auf dieser Grundlage entstand dann in Bombay 1893 das Buch HATHA-YOGA PRADIPIKA, das erstmals Körperbewegungen zu „Yoga-Übungen“ erklärte.

Die heilige Lehre des Yoga

Die heilige Lehre des Yoga aus dem indischen Sanskrit „Yu“, bedeutet verbinden, vereinigen und hat inhaltlich als einzige Lehre das Ziel, den äußeren Menschen mit seinem inneren – feinstofflichen Bewusstsein als Erfahrungsweg – MARGA – zu verbinden; das soll aber im stillen aufrechten Sitz geschehen –wie uns die Jahrtausende alte Bhagavad-Gita im 6. Gesang – Slohka (Vers) 12 und 13 deutlich erklärt:

„Gemüt und Herz auf den Einen richtend, ein Meister (im Beherrschen) seiner Sinne und Gedanken, Zu seinem Sitze aufrecht ruhend (entspannt), sorgenfrei soll er den Yoga üben, um die Reinheit der Gott gegebenen Seele zu erlangen, sein Körper, Kopf und Hals sei (gerade) aufrecht, unbewegt (im Sitzen) und fest auf seiner Nasenspitze sollen seine Augen (geschlossen) haften“. Übersetzung Dr. Hartmann 1902, Schatzkammer Verlag.

Auch im 2. großen Lehrbuch des Yoga von Patanjali im 2. Jht. v. Z. wird ausdrücklich auf die Sitzhaltung hingewiesen: Vers 45 – durch Hingabe an Gott erlangt man die vollkommene Versenkung Vers 46 – die Sitzhaltung soll (dabei) fest (aufrecht) und angenehm sein. Vers 47 – diese (eine) Sitzhaltung soll man in völliger Entspannung und in einem Zustand der Betrachtung des Unendlichen einnehmen.

Es gibt 4 Original-Wege, die zum Yoga führen

1. Das äußere Denken nach innen zu richten und sich dort zu finden, was indisch JNANA MARGA heißt
2. das äußere Fühlen zum inneren Herzfühlen zu machen, was BHAKTI MARGA heißt
3. alle Handlungen im Leben nach den ethischen Tugenden auszurichten, was KARMA MARGA heißt

Wenn diese 3 Wege des bewussten Erkennens und Verstehens im Schüler zusammenfließen, öffnet sich innerlich ein steter Zug nach der harmonischen Grundlage, nach der inneren Ur-Energie. Auf diesem Wege wird dann eines Tages

4. die Vereinigung des äußeren und inneren Menschen erfolgen, was indisch RAJA MARGA – Sonnen-Energie, auch Königsweg – bedeutet, der zu der Versenkung, dem energetisch tiefsten Punkt in unserem Herzen führt.

Ist der jeweilige Endzustand der inneren Harmonie in den 4 Wegen erreicht, sind sie dann nicht mehr MARGA, also Weg, sondern als Vereinigung – YOGA – zu sehen und nur so zu bezeichnen, wenn dabei der bewusste Kontakt mit dem eigenen Herzzentrum entstanden ist.

Wie sich das Yoga in meinem Leben entwickelte

Vollgepackt mit diesem Wissen, machte ich mich nun vor 30 Jahren im stillen aufrechten Lotossitz (nicht überkreuzter Schneidersitz) mit geschlossenen Augen auf die Nasenspitze gerichtet auf den Weg des Yoga. Aktive Unterstützung erhielt ich dabei von einer sehr erfahrenen Raja-Yoga-Lehrerin, die damals seit über 50 Jahren diesen Yoga-Weg ging.

Erst ihre Erfahrungen und Hinweise wiesen mich auf die wichtigen sensiblen Punkte hin, ohne die das Yoga – so wie es in den Lehrbüchern steht – nicht zu erfahren ist. Also begann ich zuerst drei Minuten lang mein äußeres Denken nach innen zu richten. Dabei übersah ich, dass auch nach „innen“ gerichtetes Denken eben immer noch „Denken“ ist. Gleichzeitig durfte ich erfahren, wie lang drei Minuten in solcher Übung gefühlt sind, eine wahre Ewigkeit. Aus der erlöste mich glücklicherweise immer wieder der Eierwecker nach Ablauf dieser Zeit. Mit dieser Übung schulte ich sicher meine Geduld, fand aber darüber hinaus keinen Zugang zum Yoga. Erst als ich mit meiner Lehrerin über den fehlenden Erfolg sprach, löste sie mein Problem mit folgenden Worten:

„Das Denken hört nie auf, wenn du dich mit dem Denken beschäftigst, egal, ob äußerlich oder innerlich. Du darfst dem Denken auch keinen Widerstand entgegnen, noch es zu unterdrücken versuchen, damit würdest du diese Energie nur bestätigen. Das alles führt zu keinem Ziel. Du musst aufkommenden Gedanken keine Beachtung schenken, sie quasi wie die Natur bei einer Bahnfahrt einfach nur vorbeifließen lassen. Gleichzeitig aber musst du dich zentrieren, indem du dir in deiner Kopfmitte eine kleine energetische Sonne vorstellst, so wie das Sonnenlicht, das sich auf einem See reflektiert. Dabei ist es anfangs nicht wichtig, ob du diese Sonne direkt in deiner Kopfmitte oder auf deiner Stirninnenseite siehst.“

So gewappnet, machte ich mich weiter auf meinen Weg der Erkenntnis. Durch die Anwendungen der Erklärungen rauschten die unzähligen Gedanken mit der Geschwindigkeit eines Intercity-Zuges durch meinen Kopf und einfach vorbei, weil ich mich fest auf meine Sonne konzentrierte.

Schnell fand ich heraus, dass die Gedankenenergien noch mehr an Existenz verloren, wenn ich mich bei meiner Sonnenübung zusätzlich auf den „Mittelpunkt in meiner Sonne“ konzentrierte. Mit der Zeit wurde mein freundlicher Helfer – die Eieruhr – immer lästiger, riss sie mich doch mit ihrem Läuten nach drei Minuten aus meinem Zustand der Ruhe grob heraus.

Diese Ruhe, die aus der Sonnenmitte entstand und den Gedanken jegliche Daseinsberechtigung nahm, führte dazu, dass ich meine Sonne aus ihrer Mitte heraus anfing zu empfinden, zu fühlen. Es begann mit einem Kribbeln im Kopf, das immer öfter den ganzen Körper durchströmte, manchmal bis in die Zehnen floss. Oft war es auch ein eher „dumpfer Druck“, den ich wahrnahm.

Mit der Zeit wurde die „elektrische“ Energie meiner Sonne gefühlsmäßig immer deutlicher; wurde zur real wahrnehmenden „Substanz“. Ohne dass es mir anfangs bewusst war, befand ich mich mit diesen Erfahrungen nun auf dem 2. Weg des Yoga, dem Bhakti-Marga. Das Fühlen der Lichtenergie führte mich dazu, auch mein Leben bewusster zu empfinden. Ich fing an, all die Dinge des Lebens „hypersensibel“ – dabei aber recht klar – wahrzunehmen, die an meinen Freundschaften und Berufskollegen ungeachtet vorbei rauschten.

Ich erfasste diese sich stetig entwickelnde Fühlwahrnehmung als ein großes Geschenk des Yoga. Das waren Erkenntnisse, die mir zeigten, das alles Leben auf einer sensiblen Art energetisch miteinander verbunden ist, wenn man sich in dieser Schwingungsebene der feineren Wahrnehmung stabilisiert hat.

… und dazu gab es wieder einen ganz wichtigen Hinweis durch meine Lehrerin:

„Das Wahrnehmen von Dingen ist solange ein wertloser Entwicklungszustand, solange du seinen darin befindlichen Wert – seine energetische Qualität – nicht erkennst; denn alles, was dir begegnet kann aufbauend oder auch bindend – belastend – sein.  Erst wenn du gelernt hast, die Qualität der Dinge aus den Tiefen deines Herzens heraus zu unterscheiden, wird dein Wahrnehmen zum Pfad rechter Erkenntnis.“

Das ist für das Voranschreiten im Yoga die elementare Lehre der Unterscheidungskraft. Damit befand ich mich bei all meinen Anstrengungen und Entwicklungen wiederin einem neuen – eigentlich alten – Dilemma! Denn ehe ich mich versah, war mein Denken wieder da, das mir zeigen wollte, wie ich die Situationen und Dinge des Lebens zu sehen habe; und wollte mich sogleich wieder vertrauensvoll leiten und führen!

An diesem Punkt angekommen, folgen die meisten Schüler dem Äußeren in dem fatalen Irrtum, es handele sich um die innere geistige Führung. Sie landen damit in der Sackgasse falscher Unterscheidungsfähigkeit. Ohne geistige Unterscheidungskraft kann man aber den Yoga-Pfad nicht gehen. Erst durch diese Fähigkeit entwickelt sich der sogenannte „innere bewusste Herzkontakt, der im Yoga der alleinige innere geistige Führer des Menschen sein soll. An dieser Stelle erhält der bekannte Satz aus dem „kleinen Prinzen“ seine elementare Bedeutung: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Wie sich das Yoga auf mein Leben auswirkte

Aus dem Zusammenspiel von der Ruhe ohne Denken und dem daraus entstandenen inneren Wahrnehmen im Fühlen, entstand in meinem Leben in all den täglichen Dingen, privat wie beruflich, eine völlige neue Klarheit in meiner Handlungsfähigkeit. Fast augenblicklich wurde mir immer klar, ob ich es mit aufbauenden oder belastenden Situationen zu tun hatte und so konnte ich zügig, dabei lösungsorientiert, handeln.

Diese Erkenntnis der Unterscheidungsfähigkeit ist die aktive praktische Umsetzung von innerer Ruhe und innerem Fühlen, dem 3. Weg des Yoga – dem Karma-Marga. Die entstandene geistige Klarheit in den Entscheidungen führten auch meine Berufswege in immer verantwortungsvollere Aufgaben und in Führungspositionen. So gab mir der aktiv bewusst gelebte Yoga-Weg viele Gelegenheiten, seine Lehren mit gutem Vorbild – auch im Beruf – vorzuleben, dabei so manche der Lehren bewusst an andere Menschen weiterzugeben, was auch manch andere auf diesem Weg der Selbstfindung brachte.

Dieser Weg führt eines Tages zur inneren Versenkung – in die bewusste Verbindung im eigenen Herzen – somit auf den Pfad des Raja-Marga, der in der Vereinigung des Menschen mit seinem geistigen Wesen dann zum Raja-Yoga wird. Das Yoga will im täglichen Leben von uns allen bewusst gelebt werden und unser soziales Umfeld berühren, damit die Lehre sich ausdehnen kann und viele Menschen diese „Nahrung des Wissens“ erhalten!

„Wer das authentische Yoga für sich behält und die Reinheit der Lehre im täglichen Leben nicht vorlebt – damit nicht weitergibt – der ist ein Dieb“, soll einmal ein hoher geistiger Lehrer gesagt haben. YOGA und Gymnastik sind also zwei ganz verschiedene Disziplinen. Sie können jede für sich natürlich geübt werden, haben aber keine gemeinsamen Grundlagen, da die Gymnastik zwar gut tut aber eben nicht zur geistigen Vereinigung des Yoga führt!

Diese Erkenntnis hat u.a. einer der größten Yogis des 20. Jahrhunderts –– Swami Yogananda bereits in den 1920 – 50iger Jahren immer wieder in seinen vielen Vorträgen deutlich erklärt. Yogananda, der medizinisch nachweislich öffentlich 1952 Maha Samadhi vollzog – den bewussten endgültigen freiwilligen Austritt aus seinem Körper, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des physischen Körpers, der dabei über 20 Tage keinerlei Verwesung aufwies, was wissenschaftlich „als bisher einmalig in der Geschichte der Pathologie“ testiert wurde. Wir sollten daher die beiden Erfahrungswege, jeden für sich, respektieren, sie aber stets als verschiedene Disziplinen sehen, was sie nun einmal sind.

Das YOGA nach den heiligen Lehren der Bhagavad Gita – dem original Lehrbuch des YOGA – will im täglichen Leben bewusst gelebt werden und kann sich nur durch Vorleben dann auch anderen Suchenden öffnen.

Venny Bachmann ist aktive RAJA-Yoga-Übende und Lehrerin seit über 30 Jahren in der Tradition des Yoga

Author: Redaktion

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