Bhakti Yoga ist einer der sechs großen Yogawege. Er eröffnet die Möglichkeit – über unser Herz und die Hingabe an die Welt – uns für uns selbst und das Göttliche zu öffnen. Ein Gespräch zwischen den beiden Bhaktas Birge Funke und FlorAmor.

Birge: „Mein Weg zum Bhakti- Yoga war sehr kurvig… zum Yoga bin ich eigentlich über Tanz und Sport durch Kurse in Fitnessstudios gekommen. Bhakti- Yoga war für mich eine Art „Fitness für Intellektuelle“, bis ich dann endlich auch mal in einem „richtigen“ Yogastudio einen Yogalehrer fand, der mir zeigte, dass Yoga mehr als Turnen und Atmen ist. Dennoch war ich weit davon entfernt, etwas über die anderen großen Yoga- Wege wie Raja Yoga, Jnana Yoga oder Bhakti Yoga zu wissen. Selbst als ich davon erfuhr, kam es mir irgendwie doch komisch vor, dass man eigentlich auch ohne das Praktizieren von Asanas ein Yogi sein kann. Gegen das Nutzen von Mantren hatte ich zunächst eine Abneigung, denn warum sollte ich in einer anderen Sprache singen und rezitieren, wenn ich das doch auch gut auf Deutsch machen könnte und dann auch noch verstehen würde, was ich da von mir gebe…

Selbst das erste „OM“ kam mir schwer über die Lippen. Durch Singen zur Erleuchtung zu kommen – das erschien in der Theorie eine komische Vorstellung… bis ich es ausprobierte. Und Yoga ohne Schwitzen? Wie geht das denn? Nun gut…wie bei fast allem in meinem Leben war es der „Zufall“, der mich – mittlerweile war ich ausgebildete Yogalehrerin – auf einem Festival in einen Workshop mit FlorAmor führte, in dem wir Teilnehmer uns zu Rhythmen ihrer Trommel bewegen, Geräusche machen und singen sollten. Das Ganze wurde bunt, frei, wild und: Es fühlte sich gut an. Ich spürte, wie sich endlich mal wieder mein Herz öffnete, wie ich das schamhafte Gefühl verlor und sich alles ganz natürlich und richtig anfühlte.“

FlorAmor: „Mittlerweile merke ich schon gar nicht mehr, ob das, was gerade im Raum stattfindet, „yogisch”, „schamanisch”, „tantrisch” oder einfach nur frisch und kreativ ist. Es geht mehr darum, zum spontanen Ausdruck zu kommen, zu dem, was im Moment einfach das Richtige ist, als darum, inwiefern genau ich formalen Ritualen aus einem fernen Land folgen kann. Bhakti, die Hingabe an den Fluss der Herzensenergie, schlummert tief im Körper, der am Anfang eines Workshops erst einmal eine gute Schüttelsession gebrauchen kann. Die Stimme, die dabei rauskommt, führt uns tief ins Unkonditionierte, zu unserer Urstimme. Und dann bricht es aus uns heraus: Wir dürfen uns auch vor den anderen als Narr, als Tier, als Kind zeigen, wild, töricht und unkontrolliert sein! Und das macht so viel Spaß! Erst dann sehen wir, wie viel wir uns selbst eigentlich nicht erlauben und wie befreiend und unschuldig es ist, uns endlich mal von der Leine zu lassen. Wenn die Scham sich auflöst, fließt die kreative Energie schon auf Hochtouren. Wir werden zu der größten Überraschung für uns selbst.

Da zeigt sich Bhakti endlich in seiner vollen Power. Die Verehrung, der Verehrer und das Verehrte bin ich selbst bei diesem Akt der Selbstliebe. Wir sind alle tief konditioniert, unseren natürlichen Selbst-Ausdruck ständig wegen gesellschaftlicher Konformität zu hemmen und uns zu verschließen. Dadurch haben wir auch einen erschwerten Zugang zum eigenen Herzen und sind oft nicht in der Lage, gut auf uns selbst zu hören. Man sagt auch: „Der Mensch hat seine Mitte verloren.“ Sie ist im Herzen und kann (an)gerufen werden, indem die Freude und das Miteinander als wichtiger erfahren werden als das Kopfkino. Unsere persönliche und gesellschaftliche Balance hängt davon ab, ob wir es als Menschen auf dem Planeten rechtzeitig schaffen, unsere angelernten Werte in Natürlichkeit umzuwandeln und diese tatsächlich zu leben. Alle Lebewesen teilen das große Herz des Göttlichen, des Bewussten, des Universellen. Dieses Herz liebt es, besungen und verehrt zu werden. Verehrung ist hier keine formalisierte, dogmatische Angelegenheit, sondern ein lebendiger, spontaner Ausdruck.“

Birge: „Denke ich jetzt an frühere Zeiten, weiß ich, dass ich mein Leben lang eigentlich schon Bhakti Yoga „betrieben“ habe – es war mir nur einfach nicht bewusst und ich kannte nicht die Quelle, mit der ich verbunden bin. Aber schon im kirchlichen Kindergarten liebte ich es, aus voller Kehle „Danke für diesen guten Morgen“ zu singen. Später wurde ich Sängerin und erlebte die schönsten und wertvollsten Momente auf der Bühne. Klassische Musik und Filmmusik kann mich innerhalb kürzester Zeit zum Weinen bringen… ich reagiere seit eh und je stark auf Musik. Nun weiß ich, wie ich mir das „zu Nutzen“ machen und auch an andere vermitteln kann, damit sie ebenfalls in diese Erfahrung eintauchen und damit ihr Leben bereichern können. In meinen Yogakursen beispielsweise spüre ich die Freude der Teilnehmer, wenn ich ein Mantra singe oder die Asanapraxis mit dem Harmonium begleite. Bhakti Yoga ist Yoga der Liebe und der Hingabe. Verschiedene Yogatechniken dienen dazu, Gottsuchenden (was auch immer der Begriff „Gott“ für die jeweilige Person bedeutet) in ihrer Eigenart gerecht zu werden. Somit muss man ausprobieren und in sich hineinspüren, ob Bhakti oder doch vielleicht eher Raja Yoga (der Weg des mystischen Wissens) oder Jnana Yoga (der rationale Weg über die Auseinandersetzung mit philosophischen Schriften) für einen „das Richtige“ ist.

Nicht jeder fühlt sich in jeder Lebensphase von einem dieser Wege gleichermaßen angezogen – das kann durchaus wechseln, sich ändern, erweitern… so gibt es in jeder unserer Yogalehrer- Ausbildungsgruppen Teilnehmer, die Bhakti zum ersten Mal erleben, zunächst eine Ablehnung spüren, später dann aber total begeistert sind und gar nicht mehr aufhören möchten, Mantren zu singen. Bhakti soll aber nicht nur an Emotionen gebunden sein – es geht vielmehr letztendlich darum, den Willen und das Denken auf das Göttliche in unseren Herzen zu richten. Das können wir, wie gesagt, durch das Singen und Rezitieren von Mantren mit oder ohne instrumentale Begleitung machen, aber auch durch die Durchführung von Ritualen, durch Gebete, Zitate und durch die Art und Weise, wie wir uns den alltäglichen Dingen widmen – so kannst du auch im „Bhaktimodus“ kochen (du wirst schmecken, dass das gut ist), zuhören, erzählen, arbeiten und spielen….“

Floramor: „Ja, genau. Ob Blumen opfern oder Räucherstäbchen anzünden – diese wundervolle, befreiende Energie fühlt sich auf die verschiedenste Weise sehr willkommen. Und jeder lernt, dass Singen und Spielen ein tiefes Bedürfnis der Seele ist und nicht nur den „Profis” vorbehalten. Das ist vielleicht das größte Geschenk der heilsamen Transformation. Denn in meiner Erfahrung leiden fast alle Menschen unter dem Vorurteil, dass man nur gut singen kann, wenn man die entsprechende Ausbildung hat, und vertrauen der eigenen Stimme gar nicht. Die Konditionierung sagt: Es muss perfekt sein. Doch es geht um die eigene Stimme, die eigene Wahrheit, den eigenen Ausdruck! Diese Geschenke sind dafür da, dass wir sie miteinander teilen und so das Leben verehren. Es ist nicht wichtig, etwas in Sanskrit superkorrekt aussprechen, es ist wichtig, wie uns die Mantren und wie wir den Mantren dienen.“

Birge: „Durch Musik, Gesang, Rituale etc. – vor allem, wenn dies in Gemeinschaft praktiziert wird – öffnen wir Schleusen, die wir weder mit jahrelanger Asana-Praxis, Therapien noch mit Drogen so schnell und vor allem – nicht so heilsam – öffnen können. Praktiziere ich Bhakti, dann weiß ich, dass ich Teil eines großen Ganzen bin, dass ich – so wie jedes andere Lebewesen – göttlich bin und dass wir alle miteinander verbunden sind und schwingen. Das fühlt sich „richtig“ an – auch wenn ich von der „Erleuchtung“ sicher immer noch sehr weit entfernt bin. In unserer Bhakti-Yogalehrerausbildung wollen wir unsere Erfahrungen teilen. Wir möchten Mut machen, die Stimme und einfache Instrumente zu nutzen, um den Yogaunterricht und das eigene Leben zu bereichern. Wir möchten die Angst nehmen, dass man ohne Noten zu lesen oder ein Instrument spielen zu können, nicht in der Lage ist, Musik zu machen, sie zu erleben und weiterzugeben, denn das ist nicht so: Bhakti kann jeder!“

Liebe ist Nicht-Wissen

Unsere Welt ist gerade dabei, sich grundlegend zu verändern. Unvermeidlich gibt es dabei auch viel Chaos, Ruhelosigkeit und Verwirrung. Der mentale Geist kann das nicht aushalten, das Herz ist dagegen ein Meister des Nicht-Wissens. Liebe ist Nicht-Wissen. Wir können die Liebe nicht besitzen, verstehen oder erlangen, wir können aber unsere innerlichen und äußerlichen Systeme in Einklang bringen, so dass die Liebe uns schließlich in Ihrer Unendlichkeit umarmt….In einer Ära des Social Distancing wird klar, wie sehr wir einander brauchen, um im Vertrauen zu bleiben. In Zeiten, in denen eine Umarmung zu einer illegalen Handlung wird und wir nicht mehr zusammen singen, meditieren und Yoga machen dürfen, da das als nicht „systemrelevant“ eingestuft wird, wird aber klar, wie essentiell es eigentlich ist. Doch auch in dieser Zeit können wir Bhakti in unsere Begegnungen integrieren – beispielsweise durch Achtsamkeit für unser Gegenüber, auch wenn das Gegenüber eineinhalb Meter von uns entfernt steht oder auf dem Bildschirm unseres Computers erscheint: „Liebe ist immer jetzt und der wichtigste Mensch in deinem Leben ist der, der dir gerade gegenübersteht!“

Anleitung für die kleine Bhaktipraxis zu Hause

· Richte dir einen liebevoll gestalteten Platz ein
· Baue dir einen eigenen Altar und nutze dafür Dinge, die dir am Herzen liegen: Fotos von deinen Liebsten, ein Murti (Götterfigur), eine schöne Blume, eine Erinnerung an einen wichtigen Moment in deinem Leben
· Zünde eine Kerze an
· Räuchere gern mit einem Räucherstäbchen
· Setze dich in bequemer und aufrechter Haltung vor deinen Altar
· Rezitiere ein paar Minuten lang laut oder auch einfach nur in Gedanken das Mantra „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“ – das bedeutet so viel wie: „Mögen alle Lebewesen miteinander in Glück, Harmonie und Frieden verbunden sein.“
· Beende dein Ritual mit einem dreimaligen Tönen der Laute „Om“ und Shanti (Frieden)
· Verneige dich vor deinem Altar und dir selber.

Autorinnen

FlorAmor ist Künstlerin der „Medicine Music“, Mitgründerin, Sängerin und Kali-Channelerin bei Mantra Tribe, einer Band, die das ekstatische Singen der alten indischen Mantren und mitreißend tanzbare Tribal Beats vereint. Infos: www.mantra-tribe.de, www.facebook.com/FlorAmor MedicineMusic

Birge Funke ist Geschäftsführerin von bamboo yoga, Yogalehrerin, Sängerin und Gesangsdozentin. FlorAmor und Birge haben bereits in vielen Yogalehrer Ausbildungen gemeinsam gelehrt, außerdem zusammen gewohnt, vieles miteinander erlebt und sich gegenseitig unterstützt. Bei der Bhakti- Yogalehrerausbildung (acht Wochenenden von November 2020 bis Juni 2021) von bamboo yoga werden sie durch inspirierende Seminare, Rituale, Theorie- und Mantrayogastunden sowie durch Konzerte von professionellen Bhaktas wie „The Love Keys“, Sundaram, Govinda, Annemarie Schulze sowie Joanna Kubnicka, Miroslav Großer und Danilo von Mantra Tribe unterstützt. Info und Kontakt unter Tel.: 030- 956 020 20 oder birge@bambooyoga. de www.bambooyoga.de

Author: Oliver Bartsch

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