Die Lehre des Yoga hält ein reichhaltiges Sortiment an praktischem und theoretischem Handwerkszeug bereit. Damit ganzheitliches Üben gelingt, braucht es beispielsweise Ausdauer und Gelassenheit. Diese zwei Qualitäten werden in den yogischen Schriften mit den Begriffen Abhyasa und Vairagya beschrieben. Abhyasa ist die Ausdauer, das beständige Üben, der Eifer. Vairagya ist das Loslassen, Vertrauen und Akzeptieren. Wenn beide Qualitäten sich verbinden, kann die Yoga-Praxis Früchte tragen. Dann ist das Ergebnis des Übens ein Gefühl von Weite, Leichtigkeit und Freude, getragen von innerer Ruhe und Sicherheit.

von Marie Greffrath

Die Übungspraxis des Yoga beinhaltet Körperübungen, Atemübungen und das Beobachten, Erforschen und Schulen des Geistes – der Gedanken und der Gefühle. Die Körperhaltungen des Yoga (Asanas) kräftigen, bewegen und entspannen den Körper. Yoga-Übungen werden sie, wenn der Geist beim Üben aufmerksam anwesend ist. Atemübungen können Energie spenden. Yoga-Übungen sind sie dann, wenn der Geist ruhig und klar wird durch das Üben.

Abhyasa & Vairagya beim körperlichen Üben

Nehmen wir als Beispiel die Übung „der abwärts schauende Hund“: In dieser Haltung berühren Handflächen und Füße den Boden. Von dort geht es einerseits über Arme, Schultern und Rücken, andererseits über die Beine hoch zum Becken, das als höchster Punkt den Berggipfel bildet. Das Gewicht des Rumpfes wird von den Händen und Füßen getragen. Die Füße und Beine sind das gewohnt. Für Hände, Arme und Schultern ist es unter Umständen eine Herausforderung. Der Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkeln ist in der Haltung so, dass bei vielen Menschen der untere Rücken und die Beinrückseiten gedehnt werden. Kopf, Herz und Bauch befinden sich in der Haltung unterhalb des Beckens, was sich ungewohnt anfühlen und für das Herzkreislauf- System eine Belastung sein kann.

Um diese Körperhaltung einzunehmen, braucht es also die Bereitschaft, gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Um die Haltung allmählich vertraut und angenehm werden zu lassen, braucht es die Willenskraft, sie immer wieder zu üben. Das ist Abhyasa. Die Übung sollte so dosiert werden, dass es nicht zu zusätzlichen Verspannungen in den Schultern kommt und dass die Handgelenke nicht überanstrengt werden. Wenn Beinrückseiten und unterer Rücken nicht gedehnt genug sind, müssen die Beine gebeugt werden. Sonst kann der untere Rücken Schaden nehmen. In den beschriebenen Situationen müssen körperliche Grenzen wahrgenommen und akzeptiert werden. Das ist Vairagya. Auch ohne die genannten Einschränkungen ist Vairagya notwendig, um die Geschenke des Yoga zu ernten. Sonst bleibt die Übung anstrengend und die Essenz des Yoga geht verloren: die stabile Leichtigkeit.

Abhyasa & Vairagya bei Atemübungen

Grundlage jeder Atempraxis sollte das Wahrnehmen des natürlichen Atemflusses sein. Wird dieser Schritt übergangen und der Atem gleich verändert, kann das zu mehr Anspannung anstatt zu Entspannung führen. Das Beobachten des natürlichen Atems ist gar nicht so leicht. Oft führt das Beobachten der Atmung gleichzeitig zu deren Veränderung. Das liegt an der Angewohnheit, handeln und kontrollieren zu wollen. Vairagya ermöglicht das Geschehen-Lassen und Akzeptieren des natürlichen Atemflusses. Das beständige Üben wiederum ist Abhyasa. Verbinden sich beide, kann die Veränderung des Atems in verschiedenen Atemübungen den Geist ruhig und klar werden lassen.

Abhyasa & Vairagya für den Geist

Der Geist ist das feinstofflichste Übungsfeld im Yoga. Immer wieder die Bewegungen des Geistes zu beobachten, ist Abhyasa. Akzeptieren, dass der Geist sich nicht auf Knopfdruck beruhigen lässt, ist Vairagya. Den Geist auf Positives ausrichten ist Abhyasa. Akzeptieren, dass die Welt – auch die eigene Gefühlswelt – nicht nur aus Positivem besteht, ist Vairagya. Sich während der körperlichen Praxis zu konzentrieren, ist Abhyasa. Akzeptieren, dass das nicht immer klappt, ist Vairagya. Yoga beschreibt einerseits einen Zustand. Andererseits beschreibt Yoga eine Übungspraxis, die helfen soll, diesen Zustand zu erreichen. Manche Menschen sind leistungsorientiert, haben aber Schwierigkeiten, sich selbst anzunehmen. Andere sind mit sich zufrieden, scheuen aber die Mühe, die es macht, sich weiter zu entwickeln. Damit eine Praxis im Sinne des Yoga sinnvoll ist, müssen die Qualitäten von Abhyasa und Vairagya sich verbinden und eine Balance finden. Auch im Yoga ist der Mittelweg golden.

 

Author: Oliver Bartsch

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