Katja Sandschneider lebt mit einer körperlichen Einschränkung. Dennoch fand sie zum Yoga. Seit einigen Jahren unterrichtet sie nun Yoga für Menschen mit Körperbehinderungen. Für SEIN berichtet sie, was barrierefreies Yoga ist, warum es sinnvoll ist und wie man als Yogalehrer/in ein inklusives Yoga-Erlebnis schaffen kann.

Ist Yoga mit gelähmtem Bein und Orthese möglich? Wie können Asanas (Yoga-Positionen) dafür abgewandelt werden? Diese Fragen stellte ich mir vor meiner ersten Yoga- Stunde und war selbst erstaunt: Ja, man kann wunderbar Yoga mit Orthese machen und die Asana-Variationen sind mit ein bisschen Kreativität ganz leicht zu finden. Gerade wenn der Körper durch Krankheit oder Behinderung aus der Balance geraten ist, kann Yoga viel Positives bewirken.

Jede/r kann Yoga machen

Trotzdem gibt es viele Hemmschwellen zu überwinden. In den Medien wird Yoga – vor allem Asanas – mit Fotos von schlanken, gesunden und jungen Menschen beworben, sodass der Großteil unserer Mitmenschen glaubt, diesem Bild nicht gerecht werden zu können und dass Yoga nichts für sie ist. Die erste Herausforderung ist also, diese Mauer in den Köpfen vieler Menschen niederzureißen und den Trugschluss, dass man gesund, flexibel und fit sein muss, um Yoga zu praktizieren, aufzuheben. Gerade bei körperlichen Einschränkungen kann Yoga ein riesiges Potenzial entfalten, die eigene Gesundheit aktiv mitzugestalten. Seit meinen eigenen positiven Yoga- Erfahrungen sehe ich mich als Botschafterin für Barrierefreiheit im Yoga und lebe die Überzeugung, dass Yoga für ALLE Menschen möglich ist und zugänglich sein sollte.

Seit 2014 unterrichte ich in Berlin Yoga für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Einige meiner Schüler/innen sitzen im Rollstuhl, andere brauchen einen Rollator oder Krücken. Die Kursteilnehmer/innen haben zum Teil Amputationen, sind nach einem Schlaganfall oder Rückenmarksinfarkt gelähmt, kleinwüchsig, haben Glasknochen oder Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Aber eines haben sie gemeinsam: Sie praktizieren regelmäßig Yoga und konnten damit ihr Wohlbefinden – körperlich und geistig – deutlich steigern.

Yoga-Studios oft nicht barrierefrei

Warum werden also nicht mehr barrierefreie Kurse angeboten? Einer der Gründe ist mit Sicherheit die fehlende bauliche Barrierefreiheit der Studios: Nur die wenigsten Yoga-Studios in Berlin sind ohne Treppen oder Stufen zu erreichen. Und wenn sie über einen Aufzug oder ebenerdig zugänglich sind, fehlt es an einer behindertengerechten Toilette mit breiteren Türen und mehr Platz für Rollstuhlfahrer/innen. Was bei einer Kursdauer von 90 Minuten vielleicht gerade noch geht, wird bei längeren Workshops ohne die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen, bereits unzumutbar. Hinzu kommt, dass bisher nur wenige Yogalehrer/ innen entsprechend ausgebildet sind oder schlicht das Konzept des Studios, mit Gruppengrößen von 30 bis 50 Teilnehmenden pro Kurs, keinen Raum für individuelle Betreuung lässt.

Deswegen ist mein Appell an alle Yoga-Lehrer/ innen, bei Anfragen von interessierten Teilnehmenden mit Behinderung, diese zu ermutigen und ihnen zumindest Tipps zu geben, wie und wo sie Yoga praktizieren können, wenn das eigene Studio diese Zielgruppe nicht bedient. Gerade in Berlin gibt es so viele verschiedene Angebote, aus denen letztlich jede/r den passenden Kurs finden sollte.

Wie funktioniert‘s?

Zuerst einmal gelten zwei Grundsätze, die letztlich allgemeingültig für alle Yoga-Klassen sind: 1. Eine Asana sollte in jedem Fall bequem und stabil sein; sie muss nicht beeindruckend und sexy aussehen, um zu wirken. Wichtig ist nicht das äußere Bild der Asana, sondern die innere Einstellung und Achtsamkeit, mit der sie ausgeführt wird. 2. Die Teilnehmenden werden in die Lage versetzt, achtsam mit ihren körperlichen Grenzen umzugehen, an diesen zu arbeiten, sie aber nicht zu sehr zu überschreiten. Der Fokus liegt dabei darauf, was der Körper kann, und nicht, was er nicht kann. Je nach Stärke der körperlichen Einschränkung können die Teilnehmenden eventuell schnell frustriert sein, wenn ihnen ihre Grenzen so klar vor Augen geführt werden. Daher ist es wichtig, sehr sensibel mit diesen Gefühlen umzugehen und immer wieder die eigentlichen Ziele des Yoga hervorzuheben: die Beruhigung der Gedanken, die Harmonie von Körper, Geist und Seele, die Achtsamkeit für den Atem. Hilfreich für die Fokussierung auf diese Ziele und das Erleben einer ganzheitlichen Yoga-Praxis sind selbstverständlich auch Pranayama (Atmung) und Meditation.

Kreativ mit Asana-Variationen umgehen

Die drei zentralen Punkte für barrierefreie Yoga- Stunden lauten: Kreativität, Vielfalt und Individualität. Durch einen kreativen Umgang mit den zahlreichen Asana-Variationen kann die Yoga-Praxis ganz individuell abgewandelt werden, auch für blinde Menschen, Menschen im Rollstuhl oder auch Menschen, die bettlägerig sind. Eine zentrale Rolle beim Ausprobieren ist die Kommunikation zwischen Lehrer/in und Schüler/in. Ist die Bewegung schmerzfrei durchzuführen? Ist die Position bequem? Kommt die Dehnung dort an, wo sie soll? Als Yoga-Lehrer/in hat man dabei immer eher die körperlichen und energetischen Wirkungen im Blick anstatt der äußeren Form und unterstützt den/die Teilnehmer/in dabei, diese Wirkungen zu erleben.

Hilfsmittel sind unersetzlich

Der Vielfalt der Asana-Variationen sind quasi keine Grenzen gesetzt. Die Nutzung von Hilfsmitteln wie Blöcken, Gurten, Kissen, Polstern, Stühlen und der Wand sind dabei essentiell. Wie viele und welche Hilfsmittel eingesetzt werden, hängt von der jeweiligen Person und ihren körperlichen Fähigkeiten ab. Außerdem sollte die Reihenfolge der Asanas so angepasst werden, dass die Teilnehmenden nicht ständig die Position – von der Bauchlage zur Rückenlage, vom Sitzen zum Stehen – wechseln müssen. Für viele Menschen sind diese Wechsel anstrengend und kraftraubend und sollten daher sparsam eingesetzt werden. Je nach Yoga-Tradition kann es für den/die Lehrer/in sehr ungewohnt sein, die traditionelle Reihenfolge der Asanas abzuwandeln. Im Interesse einer optimalen Kräfteeinteilung und einer entspannten Abfolge für die Teilnehmenden sollte so viel Vielfalt und Variation sowie Mut zur Abwandlung der Asanas allerdings möglich sein.

Hilfestellungen kommen vermehrt zum Einsatz

Der individuellen Betreuung der Teilnehmenden kommt in barrierefreien Yoga-Klassen eine große Bedeutung zu. Die körperlichen Voraussetzungen können zum Teil sehr unterschiedlich sein, sodass jede/r Schüler/in eine andere Asana-Variation ausführt. Bei drei Teilnehmenden können so gegebenenfalls drei verschiedene Varianten des Sonnengrußes durchgeführt werden, zum Beispiel im Sitzen, im Stehen oder im Kniestand. Ebenso essentiell sind Hilfestellungen von Seiten des/der Yoga-Lehrers/in. Diese sollten klar und sicher durchgeführt werden. Bei Bewegung und Führung von – beispielsweise komplett gelähmten – Gliedmaßen muss vor allem darauf geachtet werden, die Gelenke (Knie, Schultern et cetera) gut zu stabilisieren und zu führen sowie diese nicht zu überstrecken oder zu überdehnen. Bei aller Notwendigkeit von Hilfestellungen und Berührungen sollten die Teilnehmenden allerdings nur mit ihrem Einverständnis berührt werden, da einige Menschen – nach traumatischen Erfahrungen – sehr ungern angefasst werden. Aufgrund dieser hohen Individualisierung und der Intensität der Betreuung von Seiten der Yoga- Lehrer/in, ist es ratsam, eine Gruppengröße von 8-10 Teilnehmenden möglichst nicht zu überschreiten.

Weiterbildungen für Yoga-Lehrer/innen

Bisher gibt es nur eine Handvoll Adressen, die Yogalehrer/innen-Fortbildungen zu barrierefreiem Yoga anbieten, die Tendenz ist aber zum Glück steigend. Im deutschsprachigen Raum ist Antje Kuwert eine erfahrende Ausbildungsleiterin für Kundalini Yoga für Menschen mit Behinderung. Auch Yoga Vidya und Sivananda Yoga bieten in ihren großen Ashrams Fortbildungen zu diesem Thema an. Auf internationaler Ebene verdienen vor allem die Organisationen Accessible Yoga und Mind Body Solutions (beide in den USA) Erwähnung, die mit Jivana Heyman und Matthew Sanford von zwei Koryphäen in diesem Bereich geleitet werden. Welche Ausbildung man als interessierte/ r Yoga-Lehrer/in wählt, hängt letztlich von der persönlichen Präferenz und der Reisewilligkeit ab (viele Fortbildungen sind im Ausland). Wer als Yoga- Lehrer/in plant, Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu unterrichten, sollte sich auf jeden Fall vorher entsprechend fortbilden lassen.

Bedarf an barrierefreiem Yoga steigt

Nur 4 Prozent der Behinderungen sind laut Angaben des Statistischen Bundesamtes angeboren, der Rest wird im Laufe des Lebens durch Krankheit erworben. Da unsere Gesellschaft zunehmend älter wird, steigen auch die körperlichen Beschwerden und damit der Bedarf an barrierefreien Yoga-Klassen. Ein hoffentlich guter Grund für viele Yoga-Lehrer/innen, sich entsprechend weiterzubilden und Yoga für ALLE Menschen zugänglich zu machen.

 

Author: Oliver Bartsch

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