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Seit mehr als 25 Jahren vermittelt Eric Baret die Tradition des Yoga aus Kaschmir. Die folgenden Auszüge stammen aus Barets Buch „Les crocodiles ne pensent pas: Reflets du tantrisme cachemirien“, in dem er die Fragen seiner Schüler („I”) beantwortet, dabei auf die Unterschiede zwischen Kashmir-Yoga und den im Westen populären Yoga-Richtungen eingeht und erläutert, was der perfekte Schüler ist.
 
I: Um mich auf dieses Gespräch vorzubereiten, nahm ich 2 Stunden an Ihrem Kurs teil. Ich war nie besonders von Yoga angezogen. Doch bei Ihnen hatte ich das Gefühl, dass ich das erste Mal in meinem Leben gespürt habe, was Yoga ist. Es ist so zart. Die Hatha Yoga-Praktiken, die ich bis jetzt kannte, waren auf Entspannung und Stressbekämpfung ausgerichtet. Dieses non-dualistische Yoga, dass Sie unterrichten, hat anscheinend mit dem was im Westen sonst  so unterrichtet wird, nichts zu tun?

Eric Baret: Setzt man den Schwerpunkt auf die Spannung, ist man Teil von dem, was man in Indien den „progressiven Weg“ nennt, also die Reinigung. Im progressiven Weg pflegt man auf gewisse Weise die Idee, dass die Schöpfung vom Schöpfer getrennt ist.

Im „direkten Weg” kann man bestimmte Knoten, bestimmte Gegensätze augenblicklich hervorheben. Hervorheben heißt, diese Knoten auszuleuchten, von unserem eigenem Betrachten aus, aus der Ruhe.

Seinen Körper und Geist systematisch reinigen zu wollen, ist Gewalt, eine Projektion in die Zukunft. Yoga hingegen vollzieht sich im Jetzt. Es gibt nichts zu erwarten, nichts zu finden. Das, was man ist, war schon immer präsent.

In dieser Vision, in der nichts erwartet wird, werden Fakten betrachtet – seien es körperliche Empfindungen oder andere Elemente. Durch dieses Betrachten können unbekannte Verzweigungen entdeckt werden, welche sich dann auf ihr Umfeld beziehen.

Eine Spannung, welche sich auf ihr Umfeld bezieht, ist keine mehr, weil eine Spannung eine Trennung ist. Eine Spannung bekämpfen zu wollen, bewirkt Aufschiebung. Dies ist ein Teufelskreis. Sie verbringen dann Ihr ganzes Leben mit dem Entspannen. Das ist das Fehlen einer Perspektive.

Sie scheinen grundsätzlich eher gegen den Ansatz zu sein, bei dem sich eine Gruppe zusammenfindet, um Übungen oder Bewegungen auf eine systematische Weise zu machen. Sie scheinen eher entfernt von dieser physischen Kultur zu sein, die man Yoga oder Hatha Yoga nennt.

Sich zusammenfinden der Freude willen, die Stille zwischen den Freunden wallen zu lassen, ist ein schönes Zusammentreffen. Das Ausüben von Yoga mit dem progressiven Ziel, den Körper zu „leeren“, ist ein Fehlen an Orientierung.

Ihr Ansatz kommt aus Kashmir. Man spricht vom Kashmir Yoga. Was für eine Tradition ist das?

In Kashmir, einige Jahrhunderte vor dem ersten Jahrtausend, entstand zum ersten Mal in der Geschichte Indiens eine Formulierung, die den Schwerpunkt auf die grundsätzliche Freiheit setzte. Und zwar ganzheitlich, indem verschiedene Aspekte des Lebens eingeschlossen wurden. Diese Annäherung an Yoga wurde durch die direkte Vision erhellt und erschien in diesem Moment wie eine Feier.

Wie sind Sie zu diesem Yoga gekommen?

Man kommt nicht zu einer Tradition. Man erahnt die Strömung, ohne es formulieren zu können und dann, eines Tages, trifft man einen Text oder jemanden, der das ausdrückt, was man schon lange erahnte, ohne es selbst so klar beschreiben zu können. Die betroffene Person hat die direkte Erfahrung von dem, was man bereits ahnte. Daran ist nichts Persönliches. Man sucht weder einen Guru noch versucht man, einer Tradition anzugehören.

Sie haben Jean Klein, Ihren Guru, mit  25 Jahren kennengelernt und mir wurde gesagt, dass der Ansatz, den Sie jetzt vermitteln, von ihm kommt, dass Sie durch ihn geformt wurden. Ist das richtig?

Sagen wir es eher so, dass mir die Formulierung, die ich von seinem Mund vernommen habe, so angemessen und so durchtränkt von Stille erschien, dass ich nicht widerstehen konnte.

Was ist ein Meister? Aus welcher Linie stammt Ihr Meister?

Man kann nicht sehr nahe an einem Meister sein. Es gibt nicht so etwas wie Nähe oder Fernbleiben wie in den weltlichen Beziehungen. Es ist eine Empfindung da. Dieser Geschmack, der sich durch verschiedene Formen in der Zeit ausdrückt. Es ist ein Band, das nicht bindet. Sie brauchen kein Foto von Ihrem Meister, Sie ziehen es vor,  ein weißes Blatt aufzuhängen.

Sie können nicht an Ihren Meister denken. In Indien geben Sie Ihrem Meister keinen Namen. Wenn Sie verliebt sind, stellen Sie sich kein Objekt vor, da es sich um eine Intimität handelt, die nicht formuliert werden kann. Es gibt keine Abstammung und keine Nachfolge, aber es gibt das Offensichtliche, andernfalls wird es zum Kommerz.

Dennoch haben Sie über den Meister etwas sehr Schönes geschrieben. Darf ich Sie bitten, es für uns zu wiederholen? Ich möchte Ihre Worte nicht verfälschen.

Ein Zitat ist gemacht, um gleich wieder vergessen zu werden. Jenes, welches Sie ansprechen, wurde in einem ganz spezifischen Kontext gegeben. Es ist eine Aussage, welche man dem Gott Hanuman zuschreibt, dem Gott des Atems, welcher Rama und Sita vereinte. Rama ist das Bewusstsein. Sita ist das Bewusstsein, welches vergessen hat, dass es Bewusstsein ist. Hanuman ist der Gott des Windes und des Atems. Die Vereinigung im Yoga des inneren Atems – Prana-Apana – feiert dieses Verständnis. In diesem Sinne wird Hanuman immer vor der Yoga Praktix verehrt.

Das Zitat, das man ihm zuschreibt, ist Symbol und Ausdruck des perfekten Schülers. Er ist der Diener von Rama. Man liest in den Texten, dass er, als er über sein Verhältnis zu Rama befragt wurde, geantwortet hat: „Vom Körper aus gesehen, bin ich sein Diener. Vom Geiste aus gesehen, bin ich sein Schüler. Von der tiefgründigen Realität aus gesehen, bin ich er.“ Aber vergessen Sie das!

Weitere Informationen:

„Les crocodiles ne pensent pas: Reflets du tantrisme cachemirien“
von Eric Baret, Almora (14. April 2008).

Vom 4.-6. September 2015 kommt Eric Baret zum ersten Mal nach Deutschland.
Infos zu Vorträgen und Seminaren unter http://www.bhairava.ws/seminaires/Berlin/index.html

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