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Tango und Tai Chi in Eberswalde

 

In der Großstadt geboren, im Spannungsfeld sozialer Missstände groß geworden und in immer neuen Wellen hinaus in die Welt gesendet, wird der Tango Argentino seit Jahrzehnten weiter entwickelt. Mehr und mehr entdecken die Tänzer das kommunikative und soziale Potential dieses Tanzes.

Der Tango ist schon lange nicht mehr der Tanz der sozial Benachteiligten und er war es in Deutschland auch nie gewesen. Schaut man sich auf den sogenannten Milongas, den Tangotanzveranstaltungen um, erkennt man im besten Fall einen Querschnitt durch beinahe alle Schichten und Altersgruppen.

Seit Jahren zieht die Welle nun immer weitere Kreise. Bad Oeynhausen, Husum, Quedlinburg, Eberswalde und viele andere Städte tauchen auf der Tango-Landkarte auf. Sacadas, Ganchos und Ochos sind in aller Beine.

 

Erweiterte  Ausdrucksmöglichkeiten

Nach vielen Entwicklungsschritten und Neuentdeckungen hat der Tango seit den 80er-Jahren eine umfassende Modernisierung erfahren. Die jungen, wilden Tänzer wollten aus dem starren, konservativen Tanzsystem ausbrechen und insbesondere die Frauen sahen sich nicht mehr gern nur als die Marionetten der dominanten Männer. So gelangten tänzerische Elemente und Kommunikation in den Tango. Die im modernen zeitgenössischen Tanz weitverbreitete Kontaktimprovisation hielt auch im Tango Einzug und erweiterte so die Ausdrucksmöglichkeiten und den Variantenreichtum. Jeder konnte und kann so seinen eigenen Tango finden.

Das entdeckten Vivien Zippel und Andreas Gläßer aus Eberswalde frühzeitig. „Das gekonnte Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung sowie das Schärfen der Aufmerksamkeit sich selbst und dem Partner gegenüber sind der Kern unserer Tangophilosophie“, sagt die Tanzpädagogin Zippel. Und so beginnt jede Workshopeinheit der beiden auch mit Entspan­nungs- und Dehnungs­übungen, die mit Yoga-Elementen verknüpft wer­­den.

„Egal, was auf dem Programm der Unterrichtseinheit steht, eigentlich geht es bei uns immer um Kommunikation, um den Dialog des Tanzpaares. Aber wenn zwei sich gleichberechtigt miteinander austauschen wollen, muss jeder erst einmal mit sich selbst klar kommen“, wurde den beiden schnell bewusst.

 

Weg zur Selbstfindung

Auf der Suche nach geeigneten Unterrichtshilfen entdeckten sie vor einigen Jahren Tai Chi als eine hervorragende Grundlage. Mit Unterstützung des Kampf­kunstmeisters Robert Pausch entwickelten Vivien Zippel und Andreas Gläßer einen viertägigen Kompakt-Workshop mit Tai Chi- und Tangounterricht sowie einer Kombination aus beidem.

„Tai Chi ist aus meiner Sicht der ideale Weg zur Selbstfindung“, so Pausch, der auch traditionelle chinesische Medizin praktiziert. „Das Ziel ist, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen.“ Der Kampfkünstler sieht sich selbst nicht als Tänzer, hat jedoch schnell die Parallelen zwischen Tai Chi und Tango gespürt. „Tai Chi war ursprünglich ein Kampfstil. Man hatte also ein Gegenüber. Es galt dabei, sich selbst und den Gegner optimal zu spüren, sich auf ihn einzulassen, um dann im geeigneten Moment die Oberhand zu gewinnen. Es gibt sehr schöne Einzel- und Partnerübungen, wie zum Beispiel das Tuishou, die ‚Schiebenden Hände‘.“ Im Tanz sollte es natürlich nicht so sein, dass einer der beiden Partner dominiert. Die feinstoffliche Wahrnehmung jedoch ist im Grunde dieselbe.

Das konnten auch die bisherigen Teilnehmer der Workshops für sich entdecken. „Dieses Konzept hat uns nachhaltig beeindruckt“, meint Henning aus Lübeck. „Durch Tai Chi wurde mir klar, dass ich erst einmal voll und ganz bei mir selbst sein muss. Dadurch konnte meine Partnerin mich viel deutlicher wahrnehmen und erkennen, was ich im Tango mit ihr vorhabe.“

Sylvie hat während ihres Studiums in Berlin mit dem Tangotanzen begonnen. „Wenn du viel mit unterschiedlichen Partnern tanzt, lernst du zwar, dich anzupassen. Aber irgendwie verliert man sich dabei schnell. Bei Vivien, Andreas und Robert habe ich verstanden, dass ein aufmerksamer Tanzpartner mich am besten führen kann, wenn ich selbst genau weiß, wo ich stehe, auch im übertragenen Sinn.“

„Tango und Tai Chi können alles sein“, meint Vivien Zippel. „Beide sind ein stilvolles Sinnbild des Lebens. Je nach Veranlagung kann man sich beidem intuitiv oder auch intellektuell annähern. Wichtig ist lediglich, dass man offen bleibt für Unerwartetes.“


Abb: © Jürgen Dommitsch

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