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Haka ist ein Tanz aus der Tradition der neuseeländischen Maori, bei dem es darum geht, die eigene Kraft und Unverwechselbarkeit wiederzuentdecken. Er ist zugleich Reinigung, Schönheit, totale Präsenz, wild, ursprünglich, sinnlich, mächtig, der Glaube an die eigene Größe und Hingabe an das Leben.

 

Zeitreise: Du siehst einen großen Platz. Du stehst dort am Rand und beobachtest das Treiben. Ein lauer, warmer Wind streicht über die ganze Insel, die von den Bewohnern Aotearoa genannt wird, Land der großen weißen Wolke. Die Palmen wiegen sich, und dein Blick fällt auf den Schamanen des Dorfes. Auf sein Zeichen kommen viele Männer, es müssen über 30 sein, aus einem reich verzierten, geschnitzten, rötlichen Holzhaus. In diesem Langhaus treffen sich die Ureinwohner des Ortes, sie selber nennen sich Maori. Dort versammeln sie sich, um zu reden und den Göttern und Ahnen zu opfern. Dabei bauen sie auch Mana auf, du würdest es wahrscheinlich mit Kraft übersetzen. Als du aus deinen Gedanken wiederkehrst, siehst du, wie diese stämmigen, braungebrannten Männer mit freiem Oberkörper eine kriegerische Haltung einnehmen. Eindrückliche Worte klingen in deinen Ohren: “Te Waka! Te Waka!”, immer wieder begleitet durch rhythmisches Stampfen und Klatschen, wenn sich die wilden Männer selbst auf Brust oder Schenkel schlagen. Gebannt blickst du auf diese Gruppe älterer und junger Krieger, die alle wie ein Mann auf einen Punkt hinter dir blicken. Oder schauen sie dich an? Gerade als du darüber nachdenkst, tritt eine Gruppe von Frauen ins Bild, die deine Aufmerksamkeit erregt. Allesamt stolze und schöne Frauen in traditioneller Kleidung. Sie nehmen Aufstellung und beginnen zu tanzen. Sie bewegen sich ein Stück vor, einen Schritt zurück, schauen nach hinten, und dir scheint es, als ob sie jemanden hinter sich grüßen. Noch ist die Sprache dir fremd, aber du hörst etwas, was dich fasziniert, ja sogar erregt: “Kame Te, Kame Te, Ka Ora, Ka Ora!”

 

Kraft, Klarheit, Freude

2011: Auch heute wird noch Haka-Ha getanzt, der rituelle Krafttanz der Maori, der neuseeländischen Ureinwohner. Wir befinden uns in einem kleinen brandenburgischen Dorf, westlich von Berlin. 23 Männer haben sich hier versammelt, um miteinander zu tanzen, zu feiern, ihrer Kraft zu begegnen, Klarheit und Freude wiederzuerlangen. Ich habe die große Freude und Ehre, mit einem Kollegen 23 Männern auf eine Weise zu begegnen, wie ich sie noch nie kennen gelernt habe. Wir tanzen zusammen an einem ganz besonderen Ort, einer alten wiederaufgebauten Slawenburg, ein Kolosseum in klein sozusagen.

Nachdem sich die Teilnehmer am zweiten Tag im eigenen Haka-Tanz geübt haben, jeder für sich, verteilt auf einem Fleck im umliegenden Parkgelände, habe ich die Chance, die “Heimkehrer” in der Burg wieder zu begrüßen. Der Anblick jedes Einzelnen verschlägt mir die Sprache. Wo am Anfang des Workshops mit Lasten auf dem Rücken beladene Männer zu sehen waren, erkenne ich jetzt Giganten, wunderschöne Riesen, die Kraft, Freiheit und Freude ausstrahlen. Ich bin beglückt zu erleben, wie sich in diesen Männern etwas von ihrem Kern ausdrückt und manifestiert hat. Ich sehe eine Klarheit, einen Glanz, Schönheit und Eleganz, und vor allem Größe.

Jeder Einzelne ruht in sich, ganz präsent, ganz wach, ganz aufgehoben. Ich spüre bei jedem  den Einklang mit sich selbst und die ursprüngliche Natürlichkeit. Ich höre die Kraft pulsieren, die Kraft  freier Männer, die in Gemeinschaft sind. In jedem Einzelnen wirkt das Prinzip vom Ersten unter Gleichen. Mich rührt dieser Anblick von so viel geballter Befreiung.

 

Atem der Erdkraft

Meine erste Begegnung mit dem Haka-Ha, dem Atem der Erdkraft, so die Übersetzung, hatte ich 2007. Ich war sofort Feuer und Flamme, denn ich erkannte gleich das Potenzial. Ich war berührt von der Kraft, dem Feuer, dem Willen, der Lautstärke und der Gemeinschaft, die es dabei gibt. Es war erregend, diesen Ausdruck von Kraft und Leben in mir spüren zu können, spüren zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß ich, dass Haka in mir und in dir das berühren kann, was vielleicht noch nie sein durfte, was du nur selten erlebt hast, etwas, was du bisher nur geahnt hast. Haka wird dich verändern, ohne Wenn und Aber. Ich kann mich noch gut an die Momente erinnern, als ich Angst hatte oder ziemlich nervös war vor Vorträgen. Mit dem Haka konnte ich die Kraft in mir wieder finden, um dort vorne zu stehen, in meiner Präsenz, mit meiner Wucht, meinen vielen Emotionen.
Nachdem die Frau eines Teilnehmers ihren Partner nach dem Workshop sah, drückte sie ihre Freude an seiner authentischen Präsenz so aus: “Aufatmen, natürliche Hingabelust… keine neuen Männer braucht das Land – sie sind längst da! Alles ist gut… Danke für Männerkreise, Ahnen- und Kriegerkraft und die feste Gewissheit: Nichts Wirkliches kann je verloren gehen!”


Abb: © Logostylish – Fotolia.com

Peter Seitz im Gespräch mit dem Haka-Ha-Lehrer Fabian Strumpf

 

Was ist Haka-Ha?
Zuallererst ist Haka ein ritueller Tanz und Gesang der Maoris, der neuseeländischen Ureinwohner, auch ganz einfach übersetzt mit „Tanz mit Gesang“. Gleichzeitig ist es aber auch die traditionelle Weise, ”auf Maori” Geschichten zu erzählen: Viele mythologische Hintergründe dieses Volkes werden so weitergegeben. Zum Beispiel ist es Tradition, wenn sich die Sippe, die Familie, im Langhaus trifft, dass die Männer und Frauen einzeln hervortreten und sich erst einmal vorstellen, indem sie Haka tanzen und dazu die Namen ihrer Ahnen singen, die ganze Reihe bis zum ersten Waka, dem ersten Kanu der ersten Maoris, die auf Neuseeland landeten. Beim Haka verbinden sich die Maoris mit ihren Vorfahren und mit deren Kraft, Schutz und Rückhalt.

Du setzt Haka therapeutisch ein – auf welche Weise?
2007 hat mich mein Lehrer Andreas Krüger mit seiner Faszination für die Maoris und den Haka angesteckt. Im Sommer hatte ich das große Glück, auf dem Konzert einer Maori-Band namens Moana mit deren Tänzer zu sprechen, einem traditionellen Maori, der den Gesang und die Musik mit seinen beeindruckenden Tänzen begleitete.

Ich unterhielt mich mit ihm, erzählte ihm begeistert von der Samuel-Hahnemann-Schule und der Art der Heilkunde, die dort gelebt und unterrichtet wird, und dass es dort viel um die Familie, das System und das Wiederherstellen einer verlorenen Ordnung geht. Mich verblüffte wirklich, als der Maori mir erzählte, dass der Haka genau zu diesem Zweck getanzt wird. Es geht um die Bewusstheit der eigenen Kraft, die Zugehörigkeit zur Familie, die Kraft, die jeden von uns trägt.

Wenn man zum ersten Mal den Haka-Tanz sieht, kommt er einem eher bedrohlich und aggressiv vor… und Aggression ist hier im Westen nicht gut angesehen.
Das kann ich gut nachvollziehen. Auch ich komme aus einer Haltung, die Aggression eher schlecht heißt, anstatt sie als das anzusehen, was sie im Grunde ist. Der Wortstamm kommt aus dem lateinischen “aggredere” und bedeutet so viel wie herangehen, auf etwas zugehen.

Aber auf so eine fast martialische Art und Weise?
Im ersten Augenblick mag es so aussehen, aber ich erinnere daran, dass wir uns immer entscheiden, was wir daraus machen, was unser Geist – vermutlich unser kleines Ich – dieser Aggression für einen Anstrich gibt. Natürlich ist der Haka etwas Kriegerisches, ganz logisch, er kommt ja auch aus einer Tradition, in der dieser Tanz Kriegern dazu diente, ihre Fehden beizulegen. Irgendwann entschlossen sich die polynesischen Stämme dazu, ihre Kriege auf diese Weise auszutragen, um sich nicht unnötig zu dezimieren. Man stelle sich also 50 bis 100 dieser großen Maori-Warrior vor, wie sie gegeneinander Haka tanzen – was für ein Schauspiel. Ich habe das schon einmal erlebt, 23 Männer in voller Kraft stehen sich jeweils gegenüber. Da kriege ich Gänsehaut.

Also geht es beim traditionellen Haka keineswegs um Kampf und Töten?
Nein, nicht wirklich. Man benutzt den Haka, wenn Man(n) oder Frau ihn übt und tanzt, um in eine bestimmte Haltung zu kommen. Therapeutisch ist Haka eine Haltungsübung. Es gibt ja viele Haltungsübungen: Yoga, Meditation, Ata etc. Haka macht diese Haltung körperlich spürbar, und das ist das Wichtige dabei. Wenn wir uns an die Archetypen des Kriegers und der Kriegerin in uns erinnern wollen, ist es nötig, das Zellgedächtnis zu aktivieren, die Rückerinnerung an unsere kollektiven Kreise. Natürlich haben wir auch vermeintlich „negative“ Zellinformationen in uns, die dann auch reaktiviert werden können. Haka hilft, ungelebte Wut, Hass und auch Trauer wieder sichtbar zu machen. Wenn wir im Alltag daran scheitern, diese Aggression adäquat auszudrücken, kommt sie oft als ungelenkte Wut zum Vorschein. Sie will gelebt werden, aber natürlich brauchen wir dafür einen sicheren Raum und eine Art Methode, um zu lernen, damit umzugehen. Haka macht aus Männern und Frauen friedvolle Krieger, die – und auch das ist wichtig – wenn nötig für sich und die Ihren einstehen. Wir machen uns ganz zum Krieger, um Standfestigkeit, Ich-Stärke, Wurzeln, Bodenhaftung, Kraft und Rückhalt wieder zu erlangen. Dies sind überaus wichtige Qualitäten, um unsere Ziele zu erreichen und das zu bekommen, was wir wollen. Genau darum geht es beim Krieger, der in seiner Kraft ist und dann das bekommt, was er braucht und will.

Können Frauen auch mitmachen?
Für Frauen gilt genau das Gleiche, gerade in der Weiblichkeit haben wir in den letzten Jahrhunderten die Beschneidung der wilden Frau erlebt. So wie Frauen Angst vor wütenden und damit gleichzeitig ängstlichen Männern haben, können viele Männer schlecht mit der wilden, furiosen, kraftvollen Frau umgehen. Auch Frauen müssen wieder lernen, für sich einzustehen und die Aggression, die ihre innere Amazone als Kraft zur Verfügung stellt, zu entdecken, zu lenken und am richtigen Platz einzusetzen. Dazu kommt – und das habe ich bei den Frauen erlebt, die ich im Haka unterrichtet habe –, dass es bei ihnen oft um das Thema der eigenen Grenzen geht. Diese spüren (dürfen) und im Außen, auch dem geliebten Partner gegenüber, zu setzen. Meine Supervisorin sagte einmal zu mir: „Ein Ja zu mir ist immer auch ein Nein zum Anderen.“ Im Kontakt mit dem Gegenüber ist dies so, und wenn es anerkannt wird, kann es oft als sehr heilsam erlebt werden.

Was war dein außergewöhnlichstes Erlebnis mit Haka?
Oh, da gibt es einige, aber vom ersten wirklich bemerkenswerten Erlebnis möchte ich hier an dieser Stelle berichten. Ich hatte mein Üben mit Haka im Sommer 2007 begonnen, dem ersten Jahr meiner Heilpraktiker-Ausbildung an der Samuel-Hahnemann-Schule. Im Dezember hatten wir an einem Freitagnachmittag Unterricht, es war schon dunkel draußen und ich merkte, wie ich wenig Lust hatte, drinnen zu hocken. Ich verließ mit meiner Freundin die letzte Stunde des Unterrichts, und wir gingen auf den Spielplatz nahe der Schule. Ich hatte vor, ihr das zu zeigen, was ich so gelernt und geübt hatte. Ich tanzte diesen Haka für sie, und bei dem zweiten Haka passierte etwas, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Mittendrin war ich mir plötzlich schlagartig bewusst, dass ich frei bin, total frei. Dieses Gefühl dauerte zirka fünf bis zehn Minuten und ich hatte noch einige Stunden danach diesen Geschmack von totaler Freiheit. Gleichzeitig wusste ich, wie sehr ich mit allem um mich herum verbunden bin – und es machte mir keine Angst.

Auf einem intensiven Haka-Ha-Wochenende mit Fabian tanzten in einer Sequenz 20 Männer in der freien Natur. Jeder für sich mit seinem eigenen Anliegen, begleitet von dem dumpfen Schlag der Trommel. Nach über einer Stunde kraftvollen Tanzes, in dem es viel um Vergebung in meiner männlichen Ahnenreihe ging, tauchte ein Bild in mir auf, wie ich mit meinem Vater ein Ritual durchführte. Zuerst wollte ich es wieder verdrängen, es hielt sich jedoch so eindrücklich, dass ich es in einer anschließenden Redestab-Runde mitteilte. Ich gab mir selbst mit den Männern als Zeugen das Versprechen, das Ritual mit meinem Vater tatsächlich durchzuführen.

Zwei Wochen danach feierte mein Vater seinen siebzigsten Geburtstag. Mitzuerleben, wie er geehrt und gefeiert wird, erfreute mein Herz. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine offenherzige Zuneigung für meinen “alten Herren” empfunden zu haben. Auch er freute sich sichtlich, dass ich an seinem Fest teilnahm, was er mir auch mehrmals sagte. Ein Stück Heilung war bereits geschehen.

Ich wand mich danach noch zwei Tage, dann traute ich mich und sprach mein Anliegen aus: Ich erzählte ihm von meiner Vision, dass ich ihm gerne die Füße waschen möchte. Er stutzte kurz und antwortete mir, in seinem tiefsten Allgäuer Dialekt: “Ja mei, wenn du moisch, dann kenned mir des scho macha.” Ich besorgte ein Handtuch und eine kleine Wanne, füllte sie mit warmem Wasser und richtete den Platz, an dem wir das Ritual durchführen wollten. Die Wallungen in mir zeugten von etwas sehr Mächtigem, das da kommen wollte. Ich lud meinen Vater ein, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, und kniete mich vor ihn hin. Die Worte und die Gefühle, die uns beide während dieser Zeremonie die Tränen in die Augen trieben, sind so intim, dass sie bei meinem Vater und mir bleiben. Diese “kleine Geste” im Außen wurde zu einem Heilritual, das uns beide schier überwältigte. Auf beiden Seiten geschah Vergebung, Mitgefühl, Achtung, Erleichterung und eine Liebe fließt seitdem zwischen uns, wie ich sie nie zuvor gespürt habe. Zum Abschluss umarmten wir uns lange und innig. Als ich wieder aufgeräumt hatte, fragte ich meinen Vater, ob bei ihm alles okay sei, worauf er mir antwortete: “ Weisch, mir isch nit bloß a Schtoi (Stein) vom Rucka g`nomma woara – des war a ganza Rucksack voll.”

Einer meiner Leitgedanken ist: “heiler werden – heiler sein”. Dieses Erlebnis brachte mich dem ein großes Stück näher. Danke an all die Menschen, die den Haka-Ha seit Tausenden von Jahren tanzen und dieses kraftvolle Feld gespeist haben…

Peter Seitz

Kontakt unter Tel.: 030-218 034 060 oder 176-21 83 07 56
Info und Anm. bei Peter Seitz, Rückgrad Akademie,
Tel.: 0171-328 73 04
www.sorayon.com

Haka-Ha-Termine:
Der König und die Königin
21.-22. April,
Ort auf Anfrage

Väter und Söhne
5.-6. Mai, Ort: In der Slawenburg des Gutshauses in Liepe

Haka-Ha und schamanische Ahnenarbeit 10.-12. August
Ort: Nähe Berlin

Tanze Deine Lust und Kraft
29.-30. September
Ort: Haus am Sparenberg, Sulzberg/Allgäu

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Eine Antwort

  1. Yva

    Danke tief und fein für diesen Artikel. Der Kapa Haka aus Neuseeland weckt in seiner ursprünglichen Version zu sehr die urheftigsten zerstörerischen Kräfte. Ich war auf einem der größten Maori-Festivals, es hat mich teilweise weggeblasen…manchmal in purer emotional gefühlter Angst durch die geballte Energie von 12-20 wildesten, fast brutalst-emotionalen Tänzern. Dies kann man durchaus im Ansatz nutzen, um sich zu pushen…bleibt jedoch immer ein Pulverfass 😉 Mir persönlich gefällt der Tanz von Ojasvin, der weibliche Aspekte mit seiner Grossmutter hineinbrachte. Ich selbst tanze den Haka stets erst männlich, dann weiblich…und in Versöhnung, sanft…intuitiv wechselnd….mit Chi-Elementen….Hier der Tanz von Ojasvin | http://www.youtube.com/watch?v=27uGQsVfJEc und eine eigene Interpretation 😉 http://www.youtube.com/watch?v=tjlONyNykWY | Einfach intuitiv selbst ausprobieren. Man muss diesen Tanz – wie jeden anderen auch – nicht einstudieren oder lernen, es reicht, IHN einfach intuitiv zu tanzen: Willkommen im Leben. Eben 😉

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