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Jeder Erwachsene, dem die Zukunft unserer Kinder am Herzen liegt, wird sich schon oft genug gefragt haben, weshalb unsere Schulen – nicht alle, aber doch noch immer zu viele – nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollten. Es ist doch nicht normal, dass Kinder den größten Schatz, den sie mit auf die Welt bringen, ihre unglaubliche Entdeckerfreude und Gestaltungslust, ihre Offenheit und Lebensfreude ausgerechnet dort verlieren, wo er sich doch eigentlich besonders gut entfalten sollte. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass sogar Grundschüler nicht mehr in die Schule gehen wollen oder gar krank werden, weil sie dem dort herrschenden Leistungsdruck und dem Tempo nicht mehr gewachsen sind, mit dem sie auf die Anforderungen der weiterführenden Schulen vorbereitet werden sollen.

Wer Bedenken gegenüber diesen Entwicklungen vorbringt, dem wird erklärt, für die Zukunftsfähigkeit unserer Kinder und der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes sei es in einer globalisierten Welt notwendig, die Effizienz unseres Bildungssystems ständig zu verbessern und den Schülern in immer kürzerer Zeit immer mehr beizubringen. In einer vom wirtschaftlichen Wettbewerb getriebenen Welt müssten Kinder eben lernen, sich anzustrengen. Je früher, desto besser. Dieser Argumentation haben viele Eltern und sogar die meisten Pädagogen kaum etwas entgegenzusetzen.

Niemand hat aber bisher berechnet, wie groß eigentlich der Verlust ist, wie viele Euro es also kostet, wenn auch nur einem einzigen Kind im Verlauf seiner Schulzeit die angeborene Lust am Entdecken und Gestalten und die Freude am Lernen geraubt wird. Wenn all das, was in einem Kind an Möglichkeiten und Begabungen steckt, durch solch eine negative Schulerfahrung nicht zur Entfaltung kommt, wenn aus diesem Kind nur eine Kümmerversion dessen wird, was aus ihm hätte werden können. Und stellen Sie sich vor, dass das nicht nur ein einzelner junger Mensch ist, der in der Schule die Lust am Lernen verliert, sondern viele, sogar sehr viele. Vierzig Prozent der Schüler haben nach statistischen Erhebungen gegenwärtig Angst vor der Schule. Ahnen Sie, was das kostet?

Kinder als Persönlichkeiten leben lassen

„Die Zeit ruft nach Persönlichkeiten, aber sie wird solange vergeblich rufen, bis wir die Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen, ihnen gestatten, einen eigenen Willen zu haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, sich eigene Kenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden; bis wir, mit einem Wort, aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeit zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.“ So deutlich formulierte es die schwedische Reformpädagogin Ellen Key bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“.

Es wäre also an der Zeit, endlich aufzuwachen und unsere Schulen in das umzuwandeln, was sie sein müssten, wenn wir unsere Zukunftsfähigkeit nicht länger aufs Spiel setzen wollen: Werkstätten des Entdeckens und Gestaltens müssten unsere Schulen werden, Erfahrungsräume zur Entfaltung der in allen Kindern angelegten Potenziale, Begegnungsorte für das voneinander und miteinander Lernen, Basislager des Erlebens von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung und des Gefühls aneinander und miteinander über sich hinauswachsen zu können.

Wo klemmt es? Frösche im Kopf.

Schule Zensuren„Wenn Du einen Sumpf austrocknen willst, darfst Du nicht die Frösche fragen“, heißt ein bekanntes Sprichwort, aber dass sich die dicksten Frösche in unseren eigenen Köpfen eingenistet haben, ist eine noch recht unbekannte und auch unbequemere Erkenntnis.

Die Hirnforscher haben sie im Frontallappen lokalisiert. Es sind neuronale Netzwerke, die durch am eigenen Leib gemachte oder von bedeutsamen Bezugspersonen übernommene Erfahrungen entstanden sind und sich zu Metaerfahrungen verdichtet haben, die wir innere Überzeugungen und Einstellungen nennen. Weil sie auch an Gefühle gekoppelt sind, kleben die meisten Menschen fester an ihren einmal herausgeformten Überzeugungen als sie das zuzugeben bereit sind. Manche dieser erfahrungsabhängig ausgebildeten Einstellungen behindern die eigene Vorstellungskraft so sehr, dass es so gut wie unmöglich ist, sich vorzustellen, dass Schulen auch anders sein könnten als so, wie sie die betreffenden Eltern, Lehrer oder Kultusbeamten selbst am eigenen Leib erlebt haben.

Wer von Schulpflicht redet und von hundertprozendiger Unterrichtsversorgung und wer meint, dass Schüler ohne Druck nichts lernen, kann einfach nicht glauben, dass es Schulen geben könnte, in die die Schüler so gern gehen und in denen sie so viele stärkende eigene Erfahrungen machen, dass sie weinen, wenn Ferien sind. Solchen Schulverantwortlichen ist es unvorstellbar, dass Schulen ohne Schulklassen funktionieren könnten, ohne Lehrplan und ohne Unterrichtsstunden im 45-Minutentakt.

Das Neue denken lernen

Schule Undenkbar ist es für all jene Erwachsenen, die an den negativen Erfahrungen ihrer eigenen Schulzeit noch immer leiden, dass Schüler weder Angst vor Lehrern noch vor Lernkontrollen haben, dass sich die Schüler dort in altersgemischten Lerngruppen bestimmte Themen und Inhalte selbst erarbeiten und dabei mehr voneinander lernen als von ihren Lehrern. Solche Schulen würden auch nicht mehr wie Betonklötze aussehen und die Schüler würden ihre wichtigsten Lernerfahrungen auch nicht in der Schule, sondern draußen im richtigen Leben, in der Natur, in den Stadtteilen und den Kommunen, in den benachbarten Betrieben machen.

Mit den in ihrem Frontalhirn verankerten alten Vorstellungen und Überzeugungen würden diese Eltern, Lehrer und Kultusbeamten darauf beharren, dass Intelligenz angeboren ist und es begabte und unbegabte Kinder gibt, dass Schule ohne Leistungsdruck und Selektion nicht die gewünschten Ergebnisse bringt, dass nur solche Schüler später Leistungsträger werden, die diese Schulen und all das, was sie dort erleben, am besten aushalten. Und wenn jemand auf die Idee käme, andere Schulen einzufordern oder gar einzurichten, würden diese Personen auf die Barrikaden gehen oder eine breite öffentliche Mobilmachung gegen die Umsetzung dieser Ideen in Gang setzen.

Mit solchen Fröschen im Kopf, die im Sumpf aufgewachsen sind, kann man Schulen der Zukunft noch nicht einmal denken.

Wie könnte es gehen?

Es könnte nicht nur anders gehen, sondern es geht längst schon anders. Vielen kleine Initiativen und Schulmodellen überall im Land zeigen ja, nicht nur, dass es geht, sondern auch, wie es gehen kann. Es sind offenbar nur ganz wenige Voraussetzungen erforderlich, um eine Schule in eine solche Zukunftswerkstatt zu verwandeln.

Zuallererst muss es gelingen, die Eltern – und zwar alle Eltern – für schrittweise Veränderungen der Lernkultur und der Lernatmosphäre in einer Schule zu gewinnen. Ebenso wichtig ist es, alle Lehrkräfte mit ins Boot dieses Veränderungsprozesses einzuladen und sich von all jenen zu trennen, die sich dazu einfach nicht einladen lassen.

Beides kann aber nur dann gelingen, wenn es eine Schulleitung gibt, die das Engagement und die Kompetenz mitbringt, um diesen Veränderungsprozess in Gang zu bringen und zu steuern und die es geschafft hat, die Unterstützung oder zumindest die wohlwollende Duldung der zuständigen Schulträger und Aufsichtsbehörden für diesen neuen Kurs zu erlangen. Die wichtigste Voraussetzung, die eine solche Schulleitung besitzen muss, ist wieder nichts anderes als eine innere Überzeugung.

Der Schulleiter oder die Schulleiterin müsste davon überzeugt sein, dass es möglich ist, Schulen nicht nur anders zu denken, sondern so umzugestalten, dass den Schülern das Lernen, das eigene Entdecken und Gestalten wieder Freude macht. Denn nur dann, wenn man mit Freude und Begeisterung neues Wissen erwerben und sich neue Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen kann, werden im Gehirn die emotionalen Zentren aktiviert. Nur dann kommt es an den Enden der Fortsätze der dort befindlichen Nervenzellen zur Ausschüttung von sog. neuroplastischen Botenstoffen, die all jene Neuronenverbände, die man im Zustand der Begeisterung besondern intensiv nutzt, dazu bringen, vermehrt solche Eiweiße zu bilden, die für das Auswachsen von neuen Nervenzellverbindungen und die Bildung neuer Nervenzellkontakte gebraucht werden. Begeisterung wirkt also wie Dünger für` s Hirn. Nicht nur bei Schülern, auch bei Eltern und Lehrern, sogar bei Kultusbeamten.

Aber die Begeisterung am Lernen kann eben niemand erzwingen oder anordnen. Sie lässt sich nur wecken. Die Zauberworte, mit denen sich die Begeisterung bei jedem Menschen wiedererwecken lässt, egal wie alt er ist und wie viele negative Erfahrungen er schon gemacht hat oder machen musste, sind ganz einfach: Man müsste ihn einladen, ermutigen und inspirieren, sich noch einmal auf eine neue Erfahrung einzulassen.

Man müsste ihm Gelegenheit geben, zu erfahren, dass er doch etwas kann, dass das Entdecken und Gestalten und das Lernen in der Schule Freude machen kann, dass er so, wie er ist, gemocht wird, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten und Begabungen gebraucht wird, um gemeinsam mit anderen etwas zustandezubringen, was keiner allein schaffen kann. Überall dort, wo das gelingt, entstehen diese wunderbaren Werkstätten, in denen junge Menschen unsere Zukunft gestalten.

Wo ist es bereits gelungen, und wie?

„Treibhäuser der Zukunft“ heißt ein Film von Reinhard Kahl, dem Begründer des Netzwerks „Archiv der Zukunft“. Hier werden Schulen vorgestellt, die solche Selbstbildungswerkstätten für Schüler geworden sind. Dort herrscht ein besonderer Geist und dort zeichnen sich die Lernbegleiter durch eine besondere Haltung aus. „Supportive Leaders“ heißen solche Führungskräfte in der Wirtschaft.

Sie stehen, wie der Schulleiter der Bodenseeschule in Ludwigshafen, morgens vor der Schule und begrüßen ihre Schülerinnen und Schüler als starke, kompetente Persönlichkeiten und laden sie dazu ein, in der Schule, die in ihnen angelegten Potenziale zu entfalten. Die Schüler werden wertgeschätzt und ihnen wird etwas zugetraut. Solche Schulen gibt es überall, aber wenn sie nicht gezeigt und öffentlich gemacht werden, bleiben sie wie Samenkörner in einem Heuhaufen versteckt.

Die Robert Bosch Stiftung zeichnet jährlich solche Schulen mit dem Deutschen Schulpreis aus.
In der Sinn-Stiftung, deren Präsident ich bin, gibt es eine Initiative „Schulen der Zukunft“, die solche Beispiele des Gelingens zusammenträgt.

Dort findet man unter anderem auch einen Hinweis auf die Evangelische Gesamtschule Berlin-Mitte, in der es Margret Rasfeld als Schulleiterin gelungen ist, eine vorbildliche Lern- und Beziehungskultur zu entwickeln. Schüler aus dieser Schule sind gefragte Trainer für Lehrerfortbildungsseminare.

In Thüringen gibt es ein vom Kultusministerium unterstütztes Bildungsprogramm „Neue Lernkultur in Kommunen“. Hier werden Kommunen dabei unterstützt, ihre Kindergärten und Schulen für all das zu öffnen, was es in den jeweiligen Dörfern oder Städten für Kinder und Jugendliche zu entdecken und zu gestalten gibt. Hier findet Schule also nicht mehr in der Schule, sondern im Leben statt, hier dürfen Schüler die Erfahrung machen, wie viel Freude es macht und wie erfüllend es ist, wenn man sich gemeinsam mit allen anderen um etwas kümmern kann, was für die Kommune wichtig ist. Wenn das kleine Dorf Lüchow mit seiner wunderbaren Dorfschule in Thüringen läge, wäre sie nicht ein Notfall, sondern ein Vorzeigemodell für eine neue Lernkultur geworden.

Wer wissen will, wie Schulen es geschafft haben zu Bildungseinrichtungen zu werden, in denen kein Schüler als „behindert“ oder „unbeschulbar“ ausgegrenzt wird, in denen Kinder in eine gemeinsame Schule für alle gehen, muss sich in Südtirol umschauen. Dort sind Integration oder Inklusion Fremdworte. Dort wird nicht mehr über das gemeinsame Lernen geredet, dort findet es überall statt.

Das sind nur einige Beispiele dafür, dass es die Schulen der Zukunft längst gibt. Es wird nur langsam Zeit, dass wir sie auch überall im Land bekannt machen. Wer den Sumpf austrocknen will, soll eben nicht die Frösche fragen, sondern den Sparten in die Hand nehmen und Abflussgräben ausheben, damit das abgestandene Brackwasser eines überholten Schulsystems möglichst schnell und ohne weitere Stauungen abfließen kann.

 


 

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Gerald Hüther – Schulen der Zukunft

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Über den Autor

Avatar of Prof. Dr. Gerald Hüther

ist Professor für Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg.

Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Sachbücher.
Seine sinn-stiftung.eu setzt sich für eine zukunftsfähige Schule ein, die Kinder wirklich inspiriert.

Eine Antwort

  1. Frank Flethe

    Ich selber füre Bauprojekte mit Kindern und Jugendlichen durch und habe für
    mich die gleiche Erkenntnisse wie in diesem Artikel. Es spricht mir aus der Seele, daß Schule sich verändern muss. Wir müssen auf Dauer erkennen, wie
    wichtig es ist, daß Kinder kreativ sein wollen.Durch solche Artikel habe ich das
    Gefühl im „Kampf gegen die Windmühlen“ nicht allein da zu stehen. Danke

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