Hier veröffentlichen wir ein Kapitel aus dem Buch „Ich liebe dich gerade“ von Robert Heeß. Im Vorwort von Saleem Matthias Riek heißt es:„In ‚Ich liebe dich gerade‘ geht es vor allem um die Entwicklung unserer Liebesfähigkeit. Mit undogmatischem Forschergeist untersucht Robert Heeß all die Vorstellungen und Gewohnheiten, die Tiefe und Dauer der Liebe im Wege stehen.“

Niemand stirbt gerne, auch nicht unsere Identität… Und eine gemeinsam gewebte Paar-Identität schon gar nicht! 

Menschen in Beziehungsnot klagen im Allgemeinen zuerst einmal darüber, was in ihrem Leben nicht klappt und wer oder was ihrer Meinung nach daran schuld ist.

Gehen wir im Gespräch aber tiefer, werden unsere Sehnsüchte und Träume deutlich. Diese laufen letztlich alle darauf hinaus, dass wir als Menschen glücklich, geliebt, geborgen, anerkannt, wertgeschätzt, möglicherweise auch bewundert sein wollen.

Meist sollen uns unsere Liebes-Beziehungen diese Träume erfüllen. Schauen wir dann noch genauer, entdecken wir nicht nur die Sehnsucht Liebe zu bekommen, sondern dass es uns mindestens genauso wichtig ist selbst lieben zu dürfen. Und nach Möglichkeit auch zu erfahren, dass unsere Liebe willkommen ist.

Umgekehrt bemerken wir unsere eigene Bereitschaft, uns lieben zu lassen und dass wir damit jemandem eines der größten Geschenke machen, das wir einem anderen Menschen machen können.

Geliebt werden ist großartig! Liebe annehmen ist großartig – und ein großes Geschenk!
Da gibt es also ein Wissen um die eigene Liebenswürdigkeit und Liebesfähigkeit. Und um die des Partners natürlich auch. Da ist guter Wille. Bei vielen Paaren zeigt er sich immer wieder in der Bereitschaft, in schwierigen Beziehungsphasen das Ruder herumzureißen, manchmal sogar ganz neu zu beginnen, nochmal von vorn anzufangen.

Warum gelingt das so häufig nicht?

Und warum ist das Ergebnis so oft für die Beteiligten nur eine Bestätigung, dass die Liebe und das Leben am Ende doch nur Enttäuschungen bereithalten?

Nun ja, wir haben uns schließlich schon früh eine Identität zugelegt. Ein Gedankenkonstrukt darüber, wie und wer wir zu sein glauben, was uns ausmacht als Mensch.

Eben diese Identität gestattet uns nicht, in der Liebe wirklich glücklich zu sein. Und dann entsteht mit den Jahren in uns eine neue Idee über uns. Es handelt sich um eine Art Bündnis aus Sehnsucht nach Erfüllung, der Gewissheit, dass authentischer leben zu können wirklich möglich ist, und gutem Willen.

Dieses Bündnis wird zur Bedrohung für die ursprüngliche Identität, die uns dann – weil Veränderung ansteht – rüttelt und schüttelt und an uns zerrt.  –  Denn niemand stirbt gerne, auch nicht unsere Identität. Und eine gemeinsam gewebte Paar-Identität schon gar nicht.

Dazu ein Beispiel:
Elke und Georg sind seit gut zwanzig Jahren verheiratet. Ja, als sie sich kennenlernten, da habe es schon eine „anfängliche Verliebtheit“ gegeben, sagen sie. Aber das sei lange vorbei. Die Verliebtheit ist über die Jahre im Grau des Alltags versickert, und die beiden haben ein Beziehungsspiel erschaffen, in dem Streit die vorherrschende Art ist sich zu begegnen. So sehr, dass man sagen kann, Streit macht das Wesen ihrer Beziehung aus. Der folgende nacherzählte Dialog macht das deutlich: Es ist Montag um 6.45 Uhr, Elke hat sich schon vor einer halben Stunde aus dem Bett gequält, um für ihren Mann das Frühstuck zu richten. Sie steht in der Küche und ist einigermaßen gut gelaunt. Georg ist eine Viertelstunde nach ihr aufgestanden, hat sich geduscht, rasiert, angezogen, kommt in die Küche und sagt leicht brummig: „Ist der Kaffee fertig?“ Elke reagiert gereizt: „Netter könntest du das wirklich nicht fragen.“ Worauf Georg unmittelbar reagiert und nachlegt: „Wohl wieder schlecht geschlafen?“ Das macht Elke wütend, sie schnaubt „Du kannst mich mal!“ und knallt die Küchentür hinter sich ins Schloss.

Was passiert da? Treffen sich da zwei Ungeheuer, die nur darauf aus sind, dem anderen das Leben schwer zu machen?

Streit als notwendiges Ritual

Systemisch betrachtet haben Elke und Georg ein notwendiges Zeremoniell vollzogen, um ihre Beziehung am Leben zu erhalten! Unter heroisch anmutendem Verzicht auf ihr jeweiliges individuelles Glück.

Elke und Georg sind Wesen mit einer jeweils eigenen Identität, genauso ist ihre Beziehung ein Wesen mit einer eigenen Identität. Diese Identität hat die Eheleute in der obigen Mini-Sequenz erfolgreich dazu gebracht, ihrer Beziehung einen weiteren Tag Leben zu schenken.

Denn wenn sich in ihrem Miteinander etwas ändern würde, wäre es im Erleben der beiden Beteiligten nicht mehr ihre Beziehung. Es wäre nicht mehr jenes Domizil, in dem beide traumwandlerisch sicher um Handlungsabläufe, Tonfälle, Regieanweisungen, Stich- und Reizwörter wissen. Würden Elke und Georg plötzlich Liebe und Erfüllung erleben, würde diese Beziehung sterben.

Wenn die beiden plötzlich ein anderes Spiel spielten, welches wäre das dann? Worum ginge es? Mit welchen Regeln? Schauen wir uns Elke und Georg an: 
Georg war beruflich bedingt eine Woche unterwegs gewesen, jetzt ist er mit dem Nachtzug nach Hause unterwegs. Es war das erste Mal seit langem, dass er und Elke sich nicht jeden Tag sahen. Georg hatte überrascht bemerkt, dass er seine Frau vermisste, hatte an die Zeit ihrer Verliebtheit gedacht, an das, was er früher einmal in ihr gesehen hatte. Wie schön sie es doch immer wieder miteinander hatten! Das war ihm genauso in den Sinn gekommen wie die unzähligen trostlosen Streits und Kämpfe. Bei diesen Gedanken war es ihm alles andere als gut gegangen und er hatte beschlossen: „Wenn ich nach Hause komme, wird alles anders.“ Ein Vorsatz, der ihn froh, optimistisch und liebevoll gestimmt hatte. Georg kauft nach seiner Nachtfahrt morgens am Bahnhof zwanzig langstielige, dunkelrote Rosen und macht sich auf den Weg nach Hause. Sein Herz klopft in Vorfreude. Er hat zwar einen Schlüssel dabei, klingelt aber, um seine Frau zu überraschen …

Was meinst du, liebe Leserin, lieber Leser, wie wird Elke reagieren? Bitte lege doch für einen Moment dieses Buch zur Seite und erfinde zwei oder drei Verhaltensvarianten für diese Ehefrau, deren Mann vor ihrer gemeinsamen Haustür steht, nach einer Woche Geschäftsreise, nach zahllosen Streits und verbalen Attacken, mit zwanzig roten Rosen im Arm. Okay? Zwei oder drei Varianten, wie Elke reagieren könnte…
…Du hast deine Antworten? Gut, dann kann es jetzt weitergehen.

Der Kerl hat ein schlechtes Gewissen

Wenn ich dieses Beispiel im Coaching oder in Workshops nutze und diese Frage stelle, bekomme ich meist Antworten wie diese: „Irgendetwas stimmt da nicht!“ oder „Der Kerl hat ein schlechtes Gewissen, vielleicht ist er fremdgegangen!“ Oder eine Breitseite perfider: „Das fällt ihm aber reichlich spät ein!“

Was auch immer die reale Elke sagt, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie bei ihrem Beziehungshintergrund den gutwilligen Aspekt in Georg nur schwer oder gar nicht sehen oder zulassen wird. Woraufhin sich möglicherweise der kleine Junge, der im Mann Georg wohnt, enttäuscht, entmutigt, vielleicht sogar gedemütigt erfährt. Der erwachsene Mann Georg wird dann ebenfalls sehr schnell wieder in sein altes Sein zurückfallen.

Entwickelt sich das Aufeinandertreffen in dieser Art, dann hat Georg – wieder aus systemischem Blickwinkel geschaut – mit seiner Initiative diese Beziehung bedroht, dieses Beziehungs-Wesen, wie es über die Jahre des Zusammenseins geworden ist. Elke hat diese Beziehung gerettet. Alles wird weiter seinen gewohnten Gang gehen. Leider.

Es gibt einen Weg aus der Sackgasse

Du musst dich unabhängig machen vom Verhalten der anderen Beteiligten! Wenn du, aus welchen Gründen auch immer, die bisherige Definition eines bestimmten Systems verändern willst, dann musst du dich unabhängig machen vom Verhalten der anderen Beteiligten. Du musst bei dem bleiben, was dir wichtig oder neu wichtig geworden ist, auch gegen abwehrende Reaktionen, die sich mit der Zeit möglicherweise noch steigern.

Spinnen wir das Beispiel Elke und Georg – sehr vereinfacht – theoretisch weiter: Angenommen, der Mann Georg weiß, was er will, und er ahnt, dass sich auch seine Frau irgendwie Veränderung wünscht. Er kommt also am nächsten Abend wieder mit zwanzig Rosen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Elke dieses Mal noch heftiger reagieren wird.

Bleibt Georg beharrlich, kann es nach einigen weiteren Malen zu einer einschneidenden Veränderung kommen: Entweder die Frau trennt sich in selbstmörderischer Loyalität zum System dieser Beziehung von ihrem Mann („Der spinnt, das ist nicht mehr mein Mann!“) und rettet so auf absurde Weise die Beziehung, die sie kennt und in der sie zuhause ist. Oder es kommt zum Ablösen vom Alten, zum Loslassen, was die Möglichkeit für Neues erschafft.

Im „Zwölf-Schritte-Programm“[1], einem beispielsweise für die Suchtbefreiung erfolgreich angewendeten Ansatz, heißt dieser Moment bezeichnenderweise Kapitulation, also die eigene Machtlosigkeit einzugestehen und aufzugeben, worin man bis dahin zuhause war.

Das System will sich selbst erhalten

Wenn du also in deinem Liebes-Leben etwas änderst und auf immer stärkeren Widerstand stößt, je mehr du in deine neue Richtung gehst, dann erinnere dich daran, dass jedes System konservativ ist. Es will sich selbst erhalten!

Dein widerspenstiger Partner will dir womöglich gar nichts Böses oder dir vielleicht überhaupt gar nichts vermiesen. Er will nur, so paradox das klingt, eure Beziehung retten!

Deshalb beherzige diesen Hinweis: Wenn du wirklich etwas ändern willst, musst du bei dem bleiben, was dir wichtig ist und voll in das Risiko gehen, damit zunächst nicht zu landen.

Am einfachsten ist es natürlich, wenn sich Beziehungspartner gemeinsam auf eine Veränderung geeinigt haben, wenn sie die beschriebenen Systemeigenheiten kennen und bereit sind, sich gegenseitig beim Wort zu nehmen und daran erinnern zu lassen.

Niemand muss alles alleine schaffen. Sich Hilfe zu holen in bestimmten Lebenslagen ist weder Scheitern noch Aufgeben, es ist das Gegenteil – es zeugt von Größe, innerer Reife und Entschlossenheit.

Such dir Unterstützung, vielleicht Freunde, mit denen du eine Art Coachingvertrag machst; die können dann helfen, dich nicht wieder vom bisherigen System einfangen zu lassen, wenn heftige Gefühle aufwallen. Oder du nutzt professionelles Coaching, weil ein Coach profesionelle Distanz hat und wahrt. Und weil es gut tut, sich jemand Außenstehendem anzuvertrauen; jemandem, der weder zu trösten versucht noch gut gemeinte Ratschläge oder Ermahnungen verteilt.

Übrigens, diese Dynamik der rückfälligen Emotionen gilt für Individuen und alle Arten von sozialen Zusammenhängen: für Paare und Familien genauso wie für Arbeits-, Interessens- oder Bevölkerungsgruppen, für Unternehmen, Institutionen bis zu Nationen.

Wir müssen den Tod in unser Leben holen

Und noch etwas ist enorm wichtig, wenn es um Paar-Sein geht und Dauer in der Liebe: Wenn die Wirklichkeit von Liebesbeziehungen unter Erwachsenen auf Besitz gründet, ist Symbiose das normale Ergebnis. Jede Liebesbeziehung, die nicht offen damit lebt, dass sie jederzeit zu Ende gehen kann und darf, ist von ihrer Struktur her eine symbiotische Beziehung.

Solange wir unsere Angst vor dem Sterben nicht zu uns nehmen und daran arbeiten, die Gewissheit des Todes zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens werden zu lassen, können wir nicht erwachsen leben – und lieben! Uns mit der eigenen Endlichkeit und der Vergänglichkeit unserer Liebsten zu beschäftigen, den Tod in unser Leben zu holen und der damit einhergehenden Angst behutsam zu begegnen, öffnet uns nicht nur Türen, es öffnet uns Tore!

[1] Das Zwölf-Schritte-Programm – das spirituelle Programm der Anonymen Alkoholiker – wurde in den 1930er Jahren entwickelt. Einige der Schritte sind: ein Problem eingestehen; offen darüber sprechen; Hilfe annehmen und Wiedergutmachung bei angerichtetem Schaden. Nach diesem Vorbild haben sich zahlreiche Gruppen zu anderen Süchten und Problemen gebildet sowie Gruppen für Angehörige von Betroffenen, zum Beispiel Anonyme Schuldner und Kaufsüchtige, Anonyme Co-Abhängige, Overeaters Anonymous oder Sex Addicts Anonymous.

 

LESUNG & GESPRÄCH 
Berlin, 27. Oktober 2016, 19 Uhr
Weinhandlung SinnesFreude  
Jonasstraße 32, 12053 Berlin-Neukölln
Info: 030/62 90 03 23, wolfgangbaumeister@sinnesfreude.eu
WORKSHOPS
mann-frau-Einsichten, Gersfeld, 17.-20.11.2016  
GELD! – Ein Workshop für Männer, ZEGG in Bad Belzig, 18.-21.5.2017

 

Über den Autor

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ist Coach, Mediator und Buchautor, er verbindet Beratung mit Coaching für Persönlichkeitsentwicklung.

Kontakt
Tel.: 033841-42026
Mehr Infos
Robert Heeß:
„Ich liebe dich gerade – Erwachsen werden in Liebesdingen“
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: tao.de (2. Oktober 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3955292363
ISBN-13: 978-3955292362

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