Wie uns der Garten nahm

Mein Alltag findet vor allem in geschlossenen Räumen statt. Wird es wärmer, so lassen sich Fenster öffnen, hier und da lausche ich dann gern einem frühlings-zirpenen Vögelchen. Sofort zaubert dieses Geräusch ein Wohlbefinden in meinen Körper und ein Lächeln auf mein Gesicht. In diesen Momenten spüre ich deutlich, was mir fehlt in meinem Leben. Nicht immer habe ich Zeit und Muße, dieses Manko mit Fülle zu beantworten, obwohl ich genau weiß, was es mir bedeutet und wie es mich schlagartig verändern kann.

Vor einigen Jahren war ich auf der Suche nach einem Garten im Potsdamer Umland. Da war sie wieder, die Sehnsucht, der Natur nahe zu sein – mich nicht nur mit Stadtparks und Terrassenpflanzen zu begnügen. Eine kleine Annonce in der Tageszeitung und das Wissen, dass der Garten ganz nah am See sein würde, ließen mich und meinen Partner aktiv werden. Bei solchen Streifzügen fange ich schon beim Auftakt des kleinen Ausflugs an, aufmerksam zu werden. Wie fühlt sich die Stelle an, an der ich die Stadt verlasse? Und woran merke ich es überhaupt? In der Regel ist es nicht das Ortsausgangsschild. An diesem Tag ist es eine Straße, die von Bäumen gesäumt ist. Ein schönes Licht-und-Schatten-Spiel umfängt mich. Meine Seele macht auf. Von Ferne sehe ich schon das glitzernde Wasser der Havel. Meine Seele wird sanft und umfängt meine träumerischen Seiten.

Es geht nach rechts, wir durchqueren eine Ortschaft, die etwas von Ferien ausstrahlt. Weiter geht es, immer wieder weiter … immer weiter weg von zu viel Beton und Stadtlärm. Am Straßenrand bieten fleißige Gärtner ihre Produkte an. Kleine Blumensträuße, Eier, Honig und etwas Obst und Gemüse. Hier tickt die Zeit anders, langsamer. Ich spüre wie ich selbst langsamer werde.

Und wieder geht es weiter. Hier muss es doch irgendwo sein. Eine dicke Eiche wartet am Wegesrand – als würde sie uns den Weg weisen. Eine unauffällige, holprige Stichstraße nach rechts lässt uns erahnen, dass wir gleich da sind. Kein Straßenbelag mehr, ein paar Wurzeln und der Duft von harzigem Nadelgehölz macht meine Seele weit und weiter. Der Wind weht in den Wipfeln, die Vögel singen ihr Lied. Der Garten präsentiert sich in lieblicher Schlichtheit. Das Häuschen riecht nach viel Eigenarbeit und Improvisation. Ich muss lächeln. So hätte mein eigener Vater auch gewerkelt. Eine Eule aus Holz, eine vielsagende Hausnummer, das Symbol eines Hirsches machen das Ganze fast perfekt.

Und da ist dann noch der Sandweg zum See, immer entlang dem wohlig-warmen Kiefernduft, der mir der Wind zuträgt und mich an Kindheitsurlaube irgendwo in Frankreich erinnert. Barfuß im Sand, der die Sommerhitze speichert. Lichtspiele in den Bäumen und auf dem Wasser des Sees verquirlen alte Erinnerungen mit frischen Eindrücken. Meine Seele hüpft. Es liegt etwas in der Luft. Die Sehnsucht ist groß und wird erfüllt: Wir nehmen den Garten.

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