von Joachim Hildebrandt

Wann darf man lügen?

Kein Mensch will die Wahrheit. Nur Bruchteile wollen wir hören, die wir meinen vertragen zu können.  Gern verstecken wir, was wir denken und fühlen. Als Meister im Verfälschen und Täuschen belügen wir sogar noch die, von denen wir nichts zu fürchten haben. Die Wahrheit ist das Licht, das unsere Illusionen und falschen Hoffnungen zu Staub zerfallen lässt. Wir verurteilen die Lüge. Wir möchten nicht Lügner genannt werden, als wüssten wir nicht, was wirklich ist. – Und dennoch lügen wir.

In Platons Höhlengleichnis sind die Menschen in der Höhle so sehr mit den hängenden Irrlichtern verbunden, dass sie bereit sind, den umzubringen, der Licht in ihre Höhle bringt. Blaise Pascal notiert im 17. Jahrhundert „dass, wenn man die Wahrheit um etwas weniger liebt, man sie nicht mehr zu finden weiß“.

Obwohl jeder schon einmal gelogen hat (natürlich ich auch, deshalb ist mir das Thema vertraut), kennen wir das ungute Gefühl, das sich beim Lügen einschleichen kann, wenn wir mit der Lüge etwas Gutes erreichen wollen und glauben, es nur auf dem Umweg der Lüge zu schaffen. Lügen sind auch ein Spiel, bei dem nicht alle Beteiligten denselben Spaß haben. Die Lüge zielt darauf ab, das Denken und Handeln der anderen zu beeinflussen. Wir machen dem anderen etwas vor, indem wir behaupten, es sei so richtig und nicht anders. Aber gibt es nicht auch eine Rechtfertigung für die Lüge? Wann darf man lügen, wann nicht?

Was der Lügner am meisten scheut: dass sein Lügengespinst durchschaut wird, die Lüge und der Lügner entlarvt werden. Das wäre das Ende seiner Lügengeschichte, an die wir Belogenen so lange wie möglich glauben möchten, weil sie einfacher zu ertragen ist als die knallharte Wahrheit.

  

Die Lügen der Romane

Im Dialog mit dem anderen, in einer gemeinsamen Erkenntnis nimmt die Lüge ab und die Wahrheit nimmt zu. Zu allen Zeiten gibt es  Menschen, die mit einer Doppelmoral leben müssen oder glauben, auf diese Weise am ehesten anerkannt zu werden. Anders sein zu wollen als man ist, gehört zum menschlichen Sehnen und Hoffen einfach dazu. Immer wieder führt uns diese Sehnsucht in Höhen, von denen wir leicht abstürzen können.

Die Lügen, die wir selbst darstellen, sind die Lügen, die uns trösten und uns für unsere unerfüllten Erwartungen und Wünsche entschädigen sollen. Die Lügen in den Handlungen der Romane sind uns willkommen. Sie zeigen, dass man in Krisenzeiten an etwas glauben muss, dass man eine gebrochene Vision durch eine anscheinend handfestere Vision ersetzen kann,  weil sie uns für den Moment des Lesens eine Art von Gewissheit gibt. So kann es sein, so kann das Leben funktionieren. Wie es im Roman passiert, an dessen Handlung und Figuren wir glauben. Dichtung wird zum Ersatz für das Leben, wenn es uns nicht gelingt, wenn es uns nicht erfüllt.

 

Descartes´ bösartiges Genie

Die Rettung aus der Lüge ist die Vernunft, sagen die Philosophen. Aber wie befreien wir sie von der Lüge? Descartes sagt, wir sollten uns wieder auf unsere Vernunft besinnen. Die These cogito ergo sum hilft uns, einen Ort der Klarheit zu finden, der für die Unwahrheit unzugänglich ist. Von da an könnten wir den Kampf gegen Vorurteile und Täuschungen aufnehmen. Wichtig ist sicherlich dabei auch eine Form der Selbstkritik und der Selbstreflexion.

 

Ich kann lügen

Die Philosophin Hannah Arendt schreibt in ihr „Denktagebuch“ 1932: „Ich kann lügen und könnte ich es nicht, ich wäre nicht frei.“ Sie meint, die Fähigkeit zu lügen würde helfen, erfolgreich im Leben zu sein, ohne sich verbiegen zu müssen. Lügen setze eine Freiheit voraus, ohne die man nicht lügen könne. Hannah Arendt sieht das als einen Nachweis der Freiheit des Menschen. „Unsere Fähigkeit zu lügen, gehört zu den wenigen Daten, die uns nachweislich bestätigen, dass es so etwas wie Freiheit wirklich gibt“.

Lügen sei ein Können und nicht ein Unvermögen. Es passiert nicht einfach, sondern man muss es wollen, damit es passiert. Der Mensch will damit eine Information streuen, die seiner eigenen Überzeugung nach nicht das Bild der Welt vermittelt, wie sie jetzt ist. Der Mensch will mit der Lüge den anderen Menschen soweit beeinflussen, dass dieser letztlich glaubt, das sei die Wahrheit.

 

Die Lüge ist von Anfang an da

Für Platon ist der Mensch der Verirrte. Die Lüge ist schon von Anfang an in der Welt. Kann es deshalb falsch sein, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu wollen? Wenn wir mit dem Wissen um diese  Wahrheit nicht akzeptieren können oder wollen, dass die Lüge von Anfang an da ist und womöglich eine Berechtigung hat, da zu sein? Täuschung ist eine Möglichkeit der Welt. Hannah Arendt würde vielleicht sagen, Täuschung sei eine Fähigkeit, die nur ein Könner zu nutzen verstehe.

Heidegger spricht davon, dass in unserer Natur die Möglichkeit der Täuschung angelegt sei. Es liegt  also nicht ausschließlich in unserer bösen Absicht, die anderen zu täuschen. Es ist die Welt, die uns zuerst täuschen kann, und zwar durch die Macht der Sprache. Es besteht ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen unserer Fähigkeit zu sprechen und dem Zustand der Welt. Aus dieser Erkenntnis heraus neigen wir gern dazu, über die Notlügen der Kinder hinwegzusehen.

Die Dinge der Welt zeigen sich uns so, dass wir sie falsch wahrnehmen können. Wissen und Erkenntnis sind nur möglich, wenn wir das hinterfragen, was wir nicht genau wissen. Die  Täuschungsmöglichkeiten der Welt bringen auch uns Erwachsene immer wieder in Versuchung, uns täuschen und belügen zu lassen.

Was Descartes den Genius malignus nennt, das bösartige Genie, macht uns das Leben leichter, wenn wir daran glauben, wenn wir seinen Versprechungen allzu leicht erliegen und uns nicht den Kopf darüber zerbrechen wollen, was tatsächlich wahr ist oder nicht.

Die Lebenslüge

Die Lebenslüge dient dazu, uns zeitlebens an eine Wahrheit zu klammern, an bestimmten Behauptungen, Verhaltensweisen, Traditionen und Einsichten festzuhalten, die uns, als wir Kinder und junge Erwachsene waren, eingetrichtert wurden. Weil ein Wissen über bestimmte Dinge und Realitäten zu erlangen und nach diesen Erkenntnissen zu leben, nicht immer angenehm und ungefährlich sei, nach Auffassung der Menschen, die uns erzogen haben. Und weil diese Erkenntnisse für unseren Lebensweg, nach Meinung der anderen, nicht unbedingt nützlich seien.

Die Lebenslüge kann sich derart in uns verfestigen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, ihren Gehalt zu hinterfragen. Nur im Dialog mit anderen Menschen könnte die Lüge aufbrechen und uns zu einem selbstbestimmten Leben führen.

Immanuel Kant spricht in diesem Zusammenhang von der inneren Lüge, die aus der Bequemlichkeit entstanden ist, unseren eigenen Verstand nicht selbst zu benutzen. Wenn wir von der Lebenslüge sprechen, meinen wir eine Lüge, die unser gesamtes Leben prägt, die das Dasein schafft, das von dieser Lüge abhängig bleibt, weil sie unsere Realität geworden ist.

 

Das Licht zeigt die Lüge

Das Gute wird durch das Licht sichtbar.
Krzysztof Michalsky, der das Institut für die Wissenschaft vom Menschen lange geleitet hat und mit dem Autoren ein längeres Gespräch führte, sagt, zwischen dem Guten und dem Licht bestehe ein Zusammenhang. Er bezieht sich damit auf Dantes „Göttliche Komödie“. Die Idee des Lichts begegnet uns bei Dante häufig. Im Convincio teilt er uns mit, „dass einzig und allein die Sonne mit Gott verglichen werden kann“. Jedes Seiende würde Gott mit dem Licht auffüllen und mit der Wärme seiner Güte. Aber das Licht dringe in einen Menschen mehr ein, in einen anderen weniger. Es erleuchtet uns nicht nur, es blendet uns auch.
Als Dante letztlich in den Himmel gelangt, kommt dem Lächeln von Beatrice eine besondere Bedeutung zu. Es hilft seinem Auge, sich dem Licht anzupassen. Zunächst ist es die Freude der Geliebten, die er wahrnimmt, doch dann erkennt er, dass ihr Lächeln ihn vor Schaden durch dieses glühende Licht bewahren soll. So lange er das Lächeln sieht, schaut er nicht in die Sonne, die ihm gefährlich werden kann. Die Sonne könnte hier ein Symbol sein für die Wahrheit, für das Ungetrübte. Und auch für die Schönheit und das Gute. In Beatrices Gesicht findet Dante schon einen Abglanz des Sonnenlichts, das Wahrheit, Schönheit und Güte ausstrahlt.

Dante trifft einen Wesenspunkt im Menschen, die Liebe. Alles dreht sich bei ihm um die Liebe. Diese Teilhabe führt ihn weg von Illusionen, Lügen und Halbwahrheiten. Die Liebe ist bei Dante Wahrheitsliebe. Das wahrheitsliebende Subjekt ist von Geburt an da, genau so wie die Lüge. Es scheint nur so, als wäre es noch nicht da. Erst durch eine Entscheidung tritt es in unserem Leben hervor. Wahrheitsliebe ist in der Welt der Lügen schon da und doch zugleich nicht. Sie ist nicht dort, wo Lüge ist. Und kommt doch immer wieder ans Licht. Meist ganz unerwartet.

Dann zählt nicht mehr „Ich-muss-lügen“, um in der Welt zu bestehen. Das Böse, die Lüge, ist nicht frei. Die Lüge ist abhängig vom Hass auf das Gute, nicht in dem Sinn, wie sie Hannah Arendt versteht.

Freiheit bindet uns los oder bindet uns an etwas anderes. Sie setzt Hoffnung frei. Sie setzt Freude frei. Sie nimmt unsere Furcht, unseren Zustand der „Gefangenschaft“ von uns. Zugleich ist die Freiheit nahe einem Ideal und nicht von vielen zu erreichen. Wir zweifeln oft selbst daran, uns frei zeigen zu können, unbekümmert und frei durch die Welt zu gehen. Wir wissen, es bedarf einer mutigen  Entscheidung, uns auf diesen holprigen Weg zu begeben. Es ist ein Ziel, dem wir uns annähern können im Bewusstsein, noch ein Lügner zu sein und doch schon etwas mehr Wahrheit in unserem Leben zuzulassen. Es ist unsere eigene Freiheit, nichts für wahr zu nehmen, das wir nicht auch für wahr halten. Und zu erkennen, dass die Ursache der Lüge über dieses bloße Zulassen hinausgeht.

 

 

 

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