Auf die Frage, ob wir als Babys „orale Befriedigung“ brauchen und wenn ja, bis zu welchem Alter und wie viel, gibt es verschiedene Antworten. Der oralen Befriedigung geht schon der Umstand der oralen Frustration voraus sowie umgekehrt der Schluss, dass es gut und natürlich ist, sich oral zu befriedigen. Viele Menschen glauben auch, dass Babys und Kleinkinder neben der Brust den Schnuller brauchen, um sich angemessen oral zu befriedigen. Henriette Stärk beleuchtet die Wurzeln des Themas.

Die Frage führt zum Mund als Zentrum der Aufmerksamkeit. Was ist am Mund so bedeutsam und wichtig für Leben und Überleben? Warum stecken Kinder ihre Finger in den Mund, beißen an ihrem Pulliärmel, um sich selbst zu beruhigen. Nuckeln und saugen sie an Fingern und anderen Dingen, um sich innerlich zu entspannen und ihren Status Quo wieder herzustellen?

Erste Körpererfahrungen: Aufnehmen, Abgeben, Saugen und Greifen

Wenn die befruchtete Zelle beginnt sich zu teilen, entsteht eine Öffnung, eine äußere und einen innere Zellschicht, in Form einer Röhre. Es bildet sich die Nabelschnur, die als Öffnung aufnimmt und abgibt. Über diese „Schnur“ steht das heranwachsende Baby über die Mutter in einer Wechselbeziehung mit der Welt. Leben heißt aufnehmen und abgeben, verschiedene Stoffe wechseln hin und her. Von Anfang an ist das sich entwickelnde Kind ein eigener Organismus, der mit seiner Umgebung im Austausch steht. Die Zellen teilen sich weiter, es bildet sich eine dritte Zellschicht, differenzieren sich neue Öffnungen: ein Mund, das Herz liegt zwischen Mund und Nabelschnur – der Nabel als Zentrum der Körpermitte, der Anus als Endpunkt des Verdauungstraktes, der Abfallstoffe ausscheidet.

Hauptsächlich über seine Bewegungen kommuniziert der Embryo mit seiner Mutter und erfährt jetzt schon etwas über das Leben durch sie, es erfährt vor allem, wie es ihr geht, nämlich über die Antworten, die es aus dem es umgebenden Gewebe erhält. Seine Bewegungen sind noch zufällig, also nicht bewusst initiiert. Sie bereiten das Kind im Uterus auf die Bewegung auf der Erde vor….auf den Übergang von einem Leben des Seins in ein Leben des Tuns in der Welt.

Im Uterus saugt der Embryo schon an seinen Fingern, er steckt die Finger in den Mund und bewegt den Mund auf und zu, schluckt Fruchtwasser und berührt seine Umgebung mit dem Mund und Lippen. Das Saugen ist eine Ganzkörperaktivität, die die Wirbelsäule des Säuglings, des Embryos auf Bewegung durch den Raum vorbereitet. Der ganze Körper schaukelt im Rhythmus des Saugens vor und zurück. Wenn der Mund sich öffnet wirkt dies wie ein Hebel (Schädel rotiert nach hinten unten) auf den ersten Halswirbel, dieser Druck setzt sich über die ganze Wirbelsäule bis zum Steißbein fort. Wenn der Mund schließt, rotiert der Schädel wieder nach vorne oben, es löst sich die Spannung in der Wirbelsäule, so dass diese sich nun über ihre gesamte Länge hinaus ausdehnt. Das Kind erfährt durch das Öffnen des Mundes die Ausdehnung seiner Wirbelsäule, den Anfang und das Ende seiner Länge.

Das Baby entwickelt nach der Geburt die Fähigkeit, seine eigene Bewegung zielgerichtet und bewusst zu initiieren, somit den eigenen Körper durch den Raum zu bewegen und auf diesen Raum und seine Welt einzuwirken. Diese Bewegungen werden als allererstes vom Mund eingeleitet. Denn der Mund auch dem Geruch folgend, sucht die Brustwarze, dreht dabei den Kopf und lässt die ganze Wirbelsäule folgen. Dieses Muster wird in der Literatur „Schub vom Kopf über die Wirbelsäule nach unten genannt“. Im Gehirn reift  ein erstes neuronales Bewegungsmuster heran, worauf alle folgenden aufbauen.

Dieser orale und feinsensible Körperabschnitt nimmt im Vergleich zu anderen Körperbereichen im Gehirn überproportional viel neuronalen Raum ein (siehe Homunculus). Das heißt, der Mund und seine Aktivität sind für das Überleben und Heranreifen eines Menschenkindes äußerst bedeutsam und daher auch sehr anfällig und sensibel für Frustrationen und Störungen.

Körperweisheit und Berührung mit der Welt

Wenn das Baby etwas angekommen ist in seiner neuen Welt, entwickelt es mit den Augen und Händen Interesse an seiner Umgebung. Ein Gegenstand findet sein Interesse, es greift danach und führt ihn zum Mund, um ihn dort in Ruhe und mit Lust kennenzulernen. Auge-Hand-Mundkoordination entfaltet sich durch wiederholten Gebrauch, wodurch neuronale Verknüpfung dieser drei Bereiche erfolgen, die als Grundlage für eine sichere Bewegung im Gleichgewicht mit der Schwerkraft fungieren.

Zwischen Mund und Anus liegt der lange Verdauungstrakt, der nach der Geburt zu seiner vollen Reife gelangt. Auch im Darmtrakt befinden sich Neuronen. Wir sprechen von unserem zweiten Gehirn. Die vom Mund aufgenommenen Informationen werden zum Gehirn weitergeleitet, sie passieren auch den Verdauungstrakt und werden im Bauchgehirn gleichermaßen verarbeitet. Alles Verbrauchte und nicht Integrierbare wird ausgeschieden. Alles, was der Körper, besonders emotional, nicht schafft auszuscheiden, staut sich im Bauch. Bauchschmerzen bei Kindern haben meist emotionalen Hintergrund.

Der Mund ist quasi das Eingangstor für die Berührung mit der Welt, diese Welt mit der das Kind sich eins fühlt, lernt es kennen und fühlen. Schon im Uterus hat es gerade seine Bewegungen empfunden und schon entsprechende Verknüpfungen zwischen den Extremitäten und seinem Körperzentrum vollziehen können. Dieses Zusammenspiel will es nun, auf der Erde angekommen, noch weiter verfeinern. Wie fühlt es sich an, wenn meine Hände sich berühren, meine Finger sich finden, eine Hand meine Zehen berührt. Die Wirbelsäule ist dasjenige Glied, das verschiedene Körpersysteme miteinander verbindet, Organe, Nerven, Muskeln, Knochengebilde, die alle unter der Befehlsherrschaft der nervliche Steuerungszentrale über die Wirbelsäule miteinander koordiniert werden. Durch die Bewegung des Mundes erlangt die Wirbelsäule ihre Flexibilität und wird, obwohl noch nicht aufgerichtet gebraucht, vorbereitet auf eine Zeit, in der der ganze Organismus sich aufrichtet und die Energien gegen die Erdanziehungskraft zu fließen haben. Das optimale Zusammenspiel dieser Kräfte, energetisch und physisch, reift langsam heran und bedarf einer Zeit von 12-18 Monaten. Denn der Kopf ist sehr schwer und für die Natur ist es bedeutsam, dass der Kopf in Verbindung zur Schwerkraft optimal und leicht platziert ist. Minimale Verschiebungen des Schädels, also sein passgenaues Sitzen des Hinterhauptloches auf dem Atlaswirbel  ist von Bedeutung. Ein frühzeitiges Halten des Kindes in einer aufgerichteten Position, bevor der Körper des Kindes die Reife dafür erlangt hat, wirkt einschränkend auf das Energiesystem.

Es geht nicht um orale Befriedigung

Für mich stimmt der Ausdruck nicht, das Baby will sich entfalten und der Plan, der Rhythmus und die Abfolge dafür sind im Kind selbst gespeichert. Wichtig ist, dass wir lernen diesen natürlichen Abläufen zu vertrauen und uns nicht einmischen. Dass wir beobachten lernen, uns selbst lernen Grenzen zu setzen, auch dann wenn wir ungeduldig werden. Dann erfüllen sich die Entwicklungsfolgen, es stellt sich tatsächlich auch emotional Zufriedenheit und Erfüllung ein, nicht nur beim Kind. Das Baby empfindet sich dadurch weniger abhängig. Im Innern wirkt das Ineinanderfließen, Ineinandergreifen von äußeren und inneren Prozessen als ein Gefühl von Stärke. Wenn wir von außen diese natürlichen Prozesse stören, entwickeln Kinder Ängste, im System wird ein Schmerz gemeldet…. das Vertrauen in die Welt, der Einklang der eigenen inneren Welt mit der stimmigen Antwort der Außenwelt wird beeinträchtigt.

Nuckeln als Ersatzbefriedigung

Das heißt es geht um etwas Tieferes als Befriedigung, es geht um einen Ablaufmechanismus, der wenn er sich erfüllt hat, einfach ganz leicht von sich aus aufhört. Das Nuckeln, das man abgewöhnen muss, resultiert aus einem Prozess, der das wahre echte Bedürfnis als Antwort für das Kind nicht getroffen hat, es fungierte als Ersatzbefriedigung – eine Fixierung der oralen Phase hat stattgefunden, um Freuds Terminologie zu benutzen. Das bewirkt ein Schmerz im inneren System des Kindes, es kompensiert diesen Schmerz mit Nuckeln und wird davon abhängig. Irgendwann wenn wir finden, dass die orale Phase vorbei ist, nehmen wir die Nuckelobjekte wieder weg, wodurch ein weiterer Schmerz entsteht. Wenn ein Schmerz von der Umgebung nicht gesehen und verstanden wird, gibt das Kind mehr oder weniger versteckte Zeichen. Diese Kommunikation mit der Außenwelt und seiner eigenen Wahrheit hört ein Leben lang nie auf und will nichts mehr als endlich gesehen werden….. als Erwachsene dann von uns selbst. Sind wir bereit ohne uns schuldig zu fühlen, diese Zeichen unserer Kinder wahrzunehmen, sie in uns zu bewegen und eine Antwort nicht zu denken, sondern in Annahme kommen zu lassen….einmal nur Liebe und Annahme zu schenken und zu erkennen, dass wir nicht all zu viel mehr zu tun haben, denn das ist es, wonach die Seele sich sehnt, wahrgenommen und gesehen zu werden. Erst dann kann lösendes Weinen folgen, sich den Weg nach außen bahnen, Ängste und Engegefühle mitschwemmen und das ursprüngliche Lebensgefühl wiederherstellen.

Raum geben für die Wahrheit des Kindes

Um ein Kind zu sehen gilt es auch in der Nähe, Raum zu geben, Halt zu geben für einen Raum, indem das Kind sich mit seinem Bedürfnis, das ich noch nicht kenne, zeigen kann. Dieser Raum, den ich aufmache ist schon die Antwort, die das Kind braucht, denn es spürt die Absicht dahinter wirklich zu hören und zu sehen:  „Wer bist du, ich kenne dich nicht und ich bin bereit, aus der Perspektive des nicht Wissens, dich jeden Moment neu zu erfahren und zu entdecken, dich und auch mich selbst… Danke dass du nie aufhörst deine Wahrheit mit mir zu teilen, auch wenn ich manchmal länger brauche, sie zu sehen und ihr mit meinem Herzen zu begegnen….“

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