Spiegeln 

Initiation ist ein soziales Geschehen, von dem aus die Initiierten hinaus gehen, zurück kehren und sich als bewusstes Geschenk wieder in die Gemeinschaft einbringen. Das Spiegeln ist der integrative Teil der Visionssuche im achtsamen Raum von Initianten, Begleitern und –  bei der Jugendvisionssuche – Familie. Dieser Teil besteht aus dem Erzählen der eigenen Geschichte, dem Hören und dem Spiegeln. Im Erzählen erleben die Initianten die Geschichte wieder. Die Gemeinschaft bezeugt das Erlebte im „Wir hören dich“. Das Spiegeln der Geschichte durch die Begleiter löst im Hören der eigenen Geschichte ein Gefühl aus: „Ja, das habe ich wirklich  erlebt“ und es geschieht ein nochmaliges Erleben der Geschichte auf bewusster Ebene.

Ich habe das Spiegeln selbst aus drei Rollen erfahren dürfen – als Mutter, als Initiantin und als Begleiterin Im Erleben der beiden ersten Ebenen sah und erfuhr ich vor allem eine von innen kommende Aufrichtung. Damals beschrieb ich es so: „Der junge Mann oder die junge Frau  sitzt danach wie ein König / eine Königin da und strahlt Schönheit aus“. In der Sprache der Natur und Visionssuche ist es das Aufpumpen des Blutes aus seinem Inneren in seine Flügel des Schmetterlings bevor er losfliegen kann.      
                                                                                                                                                                       
Als Begleiterin erlebte ich das Spiegeln wie ein geschehen Lassen, wo all die Worte, die ich höre, in mein Herz fallen, von da im Sprechen neu empor steigen und sich gebären. Für mich ist das ein Erleben von Hingabe, wo ich nicht weiß, was sich aus mir gebiert. Ein Loslassen von dem Gedanken „Wie soll ich mir das alles merken?“ in ein mich durchdringen und durchklingen Lassen – nicht wissend, was da erklingen wird. Der Spur der Impulse und Worte folgend und die Sprache des Herzens fließen lassend.                                                                               

Das Spiegeln in dieser Form ist ein Würdigen des Erfahrungsfeldes und geschieht durch die Sprachform der dritten Person: „Ich hörte die Geschichte einer Frau, eines Mannes…“. Diese Form gibt eine hohe Ehrung und Kraft an die Person, die die eigene Geschichte erzählt hat.                                                                                                   

Als wiedergeborener Mensch in den Alltag zurückkehren

Was ich bei jungen Menschen, vor allem Männern oft erlebte, war eine Art ausgesprochene Enttäuschung in ihnen: „Na, was habe ich schon gemacht?“. Die Enttäuschung entsprang oft sowohl dem inneren Erwartungsdruck, eine große Vision zu empfangen, als auch einem alten Wertesystem. Diese Haltung veränderte sich im Spiegeln, weil der Spiegel aus dem Herzen des anderen eine oft sehr einfache großartige Essenz sichtbar und fühlbar macht. Die Seele erkennt sich und in diesem Moment fällt der ganze Druck ab im Fließen der Tränen. Ich erinnere mich im Schreiben an solch eine Situation: „Es war die Geschichte des jungen Mannes, der drei Nächte auf einem großen Felsen schlief und jede Nacht der kleinen zarten Pflänzlein und Bäume gedachte, die mit ihm auf diesem Fels wohnten. Er achtete ihr Leben und legte sich so hin, dass er sie nicht zerstörte. Was für eine große Tat!“

Der Raum des Spiegelns in all seinen Facetten vertieft,  bestärkt und stärkt die eigene Erfahrung in der Wildnis, mit der der „wiedergeborene Mensch“ in den Alltag zurück kehrt, wo die Feuerprobe stattfindet für dieses goldene königliche Samenkorn. So sei es! Er tat es für sich und die Welt. Im gesamten Erleben ist es für mich wie eine große Sinfonie, die mich staunen macht und auf die Knie sinken lässt.    

 

 

 

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*