Immer mehr Menschen entdecken derzeit den Zusammenhang zwischen ihrer inneren Verfassung und ihren äußeren Lebensumständen. Sie machen sich auf, um zu sich selbst zu finden. Ein ganzheitlicher Lebenswandel, höheres Bewusstsein sowie innere und äußere Gesundung halten Einzug in ihr Leben. Es gibt den Wunsch, sich aus der selbstbezogenen Isolation heraus zu bewegen, hin zu einer verbundenen lebensfördernden Wirksamkeit. Die neue Zeit braucht daher auch neue Organisationen, die ihre Lebenskraft organisch von innen heraus entfalten. Auf diese Weise können sie zu einem authentischen Ausdruck des Lebens werden.

Wachsende Bewusstheit erschafft Vertrauen und Kooperation

Es wächst das Bedürfnis nach mehr Bewusstheit, es ruft eine Sehnsucht nach einem lebendigen authentischen natürlichen und mitfühlenden Zusammenleben. Mitten in dieser tiefgreifenden kollektiven Wandlung durchlaufen wir einen Prozess, bei dem wir uns als Bewusstsein entwickeln und entfalten. Ein wichtiger Schritt ist hier die bewusste Zuwendung zu unserem Innenleben. Dadurch entsteht eine tiefe Verbundenheit zu uns selbst, welches die grundlegende Voraussetzung für eine gesunde Verbindung zu anderen Menschen, zur Natur und zu diesem Planeten darstellt. In der Selbstverbundenheit erkennen wir, was wir von Natur aus sind und was uns bisher daran gehindert hat, dem Leben zu vertrauen, uns zu entfalten und im liebenden Kontakt sein zu können.

Von der Selbstbezogenheit zur Verbundenheit

Erst in der Selbstverbundenheit können wir hilfreich kreativ und nutzbringend unser Potential in die Welt hinein entfalten. In der bewussten Verbindung zu uns selbst durchlaufen wir einen Prozess der Selbsterkenntnis und Heilung. Oft brauchen wir Körperarbeit und erleben eine tiefe innere Wandlung. Infolgedessen verändern sich auch unsere Beziehungen und unsere inneren Werte. Es entsteht eine neue Offenheit für unsere Mitmenschen, die Fähigkeit für tiefe zwischenmenschliche Verbundenheit und ein wahres Interesse an anderen Menschen. Vor unserer inneren Heilung bewegen wir uns meist in einem sogenannten Überlebensmodus. Hier liegt unser Focus eher auf  selbstbezogenen Absichten. In der Selbstbezogenheit überlegen wir, was wir aus den Verbindungen mit dem Anderen für uns selbst heraus ziehen können, was wir vom Gegenüber brauchen und haben wollen. Wir sind darauf aus, dass es uns besser geht und wir stabil bleiben.

Durch die natürliche Verbindung zu uns selbst lassen wir Selbstbezogenheit zunehmend hinter uns und schaffen damit eine Basis zur wirksamen Potenzialentfaltung. Entsprechend ändern sich auch unsere Absichten. Jetzt beziehen wir das Gegenüber mit ein. Nicht, weil wir einen Nutzen davon haben, sondern weil eine Bewusstseinserweiterung stattgefunden hat, wir die Verbindung zu unseren Mitmenschen spüren, sie nun bewusst und zum Wohle aller gestalten wollen. Beziehungen laufen nicht mehr über Manipulation, Kontrolle, Machtspiele und Bedürftigkeit wie im Überlebensmodus, sondern über eine gefühlte gleichberechtigte liebevolle Verbindung.

Vereinte Kräfte können Großes hervorbringen

Jetzt kann für uns die Frage wichtig werden, was wir den anderen geben und wie wir Respekt, Mitgefühl, gesunde Grenzen und Wertschätzung miteinander leben können.

Aus der Verbindung zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen kann auf ganz natürliche Weise der Wunsch erwachsen, etwas gemeinsam kreieren zu wollen. Vereinen wir unsere Energien und Kräfte, können wir Großes hervorbringen. Jetzt beziehen sich unsere Absichten auf gemeinsame Ziele, auf Gemeinwohl, auf Augenhöhe und wir überlegen uns, wie wir unsere Begabungen zusammenfließen lassen können, um etwas Neues und Nützliches in die Welt zu bringen. Jedoch werden die Menschen, deren Beweggründe sich weiterhin um die eigenen Bedürfnisse und Belange drehen, die Gemeinschaft dafür nutzen. Wahre Selbstlosigkeit ist eine Qualität, die sich meist erst im Laufe des eigenen Reifungs- und Selbstwerdungsprozesses entfaltet. Bevor dieser Prozess ausreichend durchlaufen wurde, wird jedoch gern behauptet, uneigennützig zum Wohle der Gesellschaft und der Welt zu handeln, was wir gut aus Politik und Wirtschaft kennen. Das Ergebnis ist, dass Ideen mit selbstbezogenen Absichten immer auf Kosten anderer umgesetzt werden.                       

Konkret: neue Gemeinschaften und Organisationen

Inspiriert von dem bahnbrechenden Buch von Frederic Laloux zur integralen Organisationsentwicklung* folgen in diesem Praxisteil einige Gedanken zu ganzheitlichen, selbstorganisierenden und sinnerfüllenden Organisationen.

Die neue Zeit braucht neue Organisationen, die eine neue Form von Führung und Struktur entwickeln. Statt hierarchischer und durchgeplanter Projekte können wir gemeinschaftliche Formen von Selbstorganisation entwickeln. Selbstorganisation ist die Lebenskraft, die sich organisch, manchmal an der Grenze zum Chaos entfaltet. Es scheint, dass wir langsam bereit sind, uns über starre Strukturen hinaus zu bewegen, damit Organisationen wirklich Ausdruck des Lebens werden können.

Unsere Arbeit könnte, statt entfremdet zu sein, auch der Ort sein, der uns bei unserer Suche nach Ganzheit unterstützt. Jeder und jede kann dabei aufblühen. Dafür sind zunächst einmal Werte und Grundregeln nötig. Und je machtvoller der oder die Einzelne den Zweck der Organisation unterstützt, desto mehr Möglichkeiten werden sich für andere eröffnen, um ihren eigenen Beitrag zu leisten.

Auf den evolutionären Sinn hören

In einer evolutionären Organisation gibt es keine Strategie von oben, sondern es finden organische Prozesse statt. Jeder spürt, was als nächstes zu tun ist. Dadurch entsteht die Strategie organisch, Orientierung gibt dabei der „Sinn“/ die „Seele“ der Organisation.

Bei der Entwicklung von Angeboten und ihrer Präsentation fragen wir uns, worauf wir wirklich stolz wären und was ein echtes Bedürfnis erfüllen würde. Dabei kommt die rechte Gehirnhälfte zum Einsatz.

Bei der Projektplanung entwickeln wir eine organische Steuerung durch Spüren und Antworten statt durch Prognosen und Kontrolle. Wir suchen nicht die „perfekte“, sondern die praktikable Lösung. Das heißt, wir beginnen mit dem, das richtig erscheint und passen dann schnell und leicht an.

Zielvorgaben lenken von unserer inneren Motivation ab und schränken die Kreativität ein. Besser ist die Motivation „alle geben ihr Bestes“. Wir brauchen dafür eine klare Absicht. Stimmungen von Frustration, Wut oder Tatendrang können schwächen oder stärken. Lebensfördernde Stimmungen werden darum aktiv gefördert.

Zum Partner des Lebens werden und kollektive Intelligenz entwickeln

Der individuelle Sinn und der Sinn der Organisation sind im besten Fall nahe beieinander. Was möchte ich wirklich tun? Wird mir diese Organisation ermöglichen, mein Selbst zum Ausdruck zu bringen? Mich zu entwickeln? Dann arbeiten wir aus unseren Stärken heraus und werden so produktiv wie nie zuvor.

Je klarer der Daseinszweck der Organisation, desto leichter die Resonanz. Je besser die Menschen ihre Berufung kennen, desto mehr können sie zur Energie der Organisation beitragen, damit diese ihren Zweck in der Welt erfüllt. Wir werden zum Partner des Lebens und hören zu, was sich entfalten will. Es entsteht kollektive Intelligenz. 

Die Prinzipien einer evolutionären Organisation

Folgende Prinzipien fördern die Entwicklung einer evolutionären Kultur in Organisationen.

  • Vertrauen: Unsere Beziehungen beruhen auf der Annahme einer positiven Absicht. Bis uns das Gegenteil bewiesen wurde, ist das Vertrauen untereinander die Grundhaltung.
  • Entscheidungen: Alle Informationen stehen allen Mitgliedern offen. Entscheidungen werden durch einen Beratungsprozess getroffen.
  • Verantwortung: Jeder von uns hat die Verantwortung für die Organisation. Wer spürt, dass etwas geschehen sollte, spricht es an. Jeder ist in der Lage, anderen respektvolles Feedback zu geben.
  • Ganzheit: Alles und alle werden gewürdigt durch Anerkennung, Dankbarkeit und Neugier. Wir sind alle miteinander verbunden und Teil des Ganzen.
  • Lernen: Jede Herausforderung ist eine Einladung für Lernen und Wachstum. Wir werden immer Lernende sein. Wir werden nie ankommen. Wir achten auf die Möglichkeiten statt auf die Probleme.
  • Beziehungen und Konflikte: Wir können nur uns selbst verändern, nicht den anderen. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Gedanken, Worte und Handlungen. Wir reden nicht über andere hinter deren Rücken. Wir schieben die Schuld nicht auf andere.
  • Sinn: Wir hören auf den Sinn/ die Seele der Organisation. Wir gehen in Resonanz mit unserem eigenen Sinn/Seele/Lebensweg.
  • Planung: Durch Spüren und Antworten entfaltet sich mit Anmut der Plan wie von selbst.
  • Die Kultur entfalten und unterstützen: Durch unterstützende Strukturen, Würdigen von Vorbildern, Einladen von Reflexion, Einüben von Praktiken wie Danken und Würdigen sowie Überprüfen von Glaubenssätzen entwickeln wir unsere Kultur.

Praktiken einer evolutionären Organisation

Selbstführung bedeutet: jeder kann eine Entscheidung treffen, muss sich aber mit allen absprechen, die es betrifft. Konflikte werden unter vier Augen geklärt nur mit den beiden, die es betrifft. Es findet ein kollegialer Prozess statt in Bezug auch auf die Finanzen.

Praktiken zur Ganzheit: Je mehr ich sichtbar und präsent bin, verletzlich und ehrlich, desto mehr können auch andere anwesend sein. Wir schaffen eine sichere Umgebung durch Werte und Verhalten (gemeinsam formuliert). Wir stellen Schönheit her (Räumlichkeit) und eine Willkommenskultur. Wir etablieren Meetingpraktiken wie kurze Stille, Befindlichkeitsblitzlicht, Dankesrunde.

Die Türen des Lebens öffnen

Im höchsten Maße motivierend in einer Organisation sind ein Sinn, der größer ist als der Einzelne, Macht durch Selbstführung, Anreize für kontinuierliches Lernen, Übereinstimmung mit eigenen Werten und größere Effektivität durch Selbstführung

Bisher unzugängliche Energien werden befreit durch den SINN, durch die Verteilung von MACHT, durch LERNEN, durch bessere Nutzung von TALENTen, weniger Ego und Anpassung sowie weniger Besprechungen. Die Energie wird mit mehr Klarheit und Weisheit ausgerichtet und genutzt durch besseres Spüren, bessere Entscheidungsfindung sowie Übereinstimmung mit dem evolutionären Sinn. Wir nutzen die Kraft der Evolution und werden zu einem Partner des Lebens. Wir öffnen damit die Türen des Lebens.

Für die Potenzialentfaltung einer Gemeinschaft sollten wir uns fragen, auf welche Weise wir wahrhaft dienlich sein können. Um die Kraft einer Gruppe gut zur Entfaltung bringen zu können, ist eine Einbettung und Verbindung in ein größeres Bewusstsein wichtig. Wir können mit unserer Gruppe etwas Größerem dienen, wie der Menschheit, der Welt, unserer Stadt, einer Vision oder auch der Liebe, der Freude oder der Wahrheit. Mit dieser Ausrichtung kann viel Gutes in dieser Welt bewirkt werden. 
Wenn wir mit der Fülle unserer Menschseins in der Welt sind, wozu sind wir dann fähig?


* Literatur: Frederic Laloux, Reinventing Organisations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit.

Bild Mitte: © Lydia Poppe

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