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Ist Psychose eine Krankheit oder könnte sie auch als erweiterte Wahrnehmung verstanden werden? Und schließt sich beides überhaupt aus? In ihrem spannenden Erlebnisbericht erzählt die 23-jährige Vera Maria von ihren Erfahrungen mit einer Psychose.

 

„Alles Sein ist flammend Leid.“
Franz Marc, expressionistischer Maler 1880 -1916

Psychose – Krankheit oder geistige Erweiterung?

Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist die, ob ich komplett verrückt bin, da ich mich nie von manchem Gedankengut meiner Psychose distanzieren kann – auch im „normalem Zustand“ nicht.

Bin ich anmaßend? Gänzlich übergeschnappt?

Oft sind es religiöse und allumfassende Wahrheiten, die sich mir in der Psychose offenbart haben. Kann eine Psychose auch Wahrheiten erhalten, deren Reichtum man einfach spürt?

Als wären es so etwas wie Naturgesetze?

Steht also mein Glaube meiner geistigen Gesundheit im Weg? Oder kann eine Psychose mehr sein als die Krankheit, wie es mir die Ärzte sagen und unsere Schulmedizin lehrt?

Ich habe eine ähnliche Frage in einem psychologischen Internetforum gestellt, daraufhin erhielt ich unter anderem eine sehr kritische und zweifelnde Antwort: „Es ist Spinnerei zu behaupten die Krankheit Psychose könnte mehr sein, als das, was sie ist, nämlich eine Krankheit. Der Gedanke Psychose könne irgendein Potential enthalten, ist schlichtweg dumm und entspringt wahrscheinlich deinem psychotischen Gedankengut.
Also ist es Teil deiner Krankheit. Wenn du wieder normal wirst, wirst du dies einsehen. Auch die religiösen Wahrheiten, die du zu entdecken glaubtest, würden wohl von Theologen so nicht bestätigt werden…“

Wahrheit oder psychotisches Wunschdenken

Nun, dies hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern nur mein persönlicher Bericht über Dinge, die ich erlebt habe. Aber ich denke, dass niemand mit Gewissheit sagen kann, was Wahrheit ist und was Wunschdenken oder Illusion.

Ich habe gelernt, auf mein Gefühl zu vertrauen und vielleicht wirst auch du nach diesem Artikel eine andere Antwort auf die Frage finden als zuvor.

Diagnose: schizoaffektive Störung

Wie du vermuten wirst, stimmt etwas in meinem Kopf nicht so ganz.

Das hört sich hart an, ist aber die Realität, meine Realität, mit der ich tagtäglich zu kämpfen habe.

Meine derzeitige Diagnose lautet „schizoaffektive Störung“. Anfangs hieß es noch „Angstneurose und Depression“. Die angebliche einfache Depression entwickelte sich dann zur bipolaren Störung weiter. Bipolar bedeutet, manischdepressiv zu sein, also ein stetiges Schwanken zwischen den beiden Polen extremer Euphorie (Manie) und Depression. Die manische Phase ist gekennzeichnet von Übermut: himmelhochjauchzend und voller Energie und steht im starken Kontrast zur Depression, die durch ein Leeregefühl und tiefe Verzweiflung geprägt ist.

In den ersten Jahren dieser Erkrankung ist die Suizidrate sehr hoch, da der Erkrankte oft von der Manie direkt in die Depression fällt und der Unterschied der Stimmung so noch größer ist, als wenn man aus einem normalen Zustand heraus in eine Depression fällt. Manche Betroffenen erleben zwischen diesen zwei Extremen auch normale Phasen. Entfallen die normalen Phasen jedoch ganz, spricht man von „Rapid cycling“, wodurch die Belastungen für Geist und Körper noch höher sind, da man nie eine Ruhepause hat und Manie und Depression sich andauernd abwechseln.

Die schizoaffektive Störung hat im Vergleich zu einer rein bipolaren Störung noch einen psychotischen Anteil. Meist treten die Psychosen in der Manie auf. (Ich hatte also Depressionen und Manien mit psychotischen Episoden.) Bei einer Psychose hat der Betroffene oft einen Realitätsverlust und nimmt akustische sowie auch optische Halluzinationen wahr, hört somit Stimmen oder sieht Dinge, die nicht real vorhanden sind.

Bis jetzt habe ich zwei Psychosen erlebt. Während dieser Psychosen machte ich viele rätselhafte Erlebnisse und an vieles kann ich mich auch gar nicht oder nur noch verschwommen erinnern. Manche Eindrücke und Erinnerungen aus der Psychose kommen mir in meinen Träumen oder in Zuständen seelischer Entspannung kurz wieder ins Gedächtnis, aber wenn ich versuche, sie in konkreten Bildern festzuhalten, entgleiten sie mir.

Die zwei klassischen manischen Psychosen, die ich hatte, habe ich größtenteils in einer Psychiatrie bei Freiburg erlebt. Diese zwei Psychosen folgten kurz aufeinander und verschwimmen dadurch in meinem Gedächtnis ineinander. Ich habe oft ein Gefühl, als wäre eine Blockade oder Barriere im Kopf, die es mir unmöglich macht, mich präzise zurückzuerinnern. Dazu muss man wissen, dass es oft vorkommt, dass sich die Betroffenen an manische Phasen nur schlecht oder gar nicht erinnern können, was wohl eine Schutzfunktion des Gehirns ist, da es in manischen Phasen zu unüberlegten und peinlichen Handlungen kommen kann.

Vision: Das Erkennen der Ursachen meiner Krankheit

Während einer manischen und psychotischen Phase in der Klinik hatte ich sehr viel Zeit, über mich selbst und die Ursachen meiner Krankheit nachzudenken, vor allem über die Ursachen der Angststörung.

Plötzlich hatte ich Ideen und Einsichten, die mir in normalen Zustand, also jenseits der Psychose nicht zugänglich waren. Ich hatte das Gefühl, auf ein Wissen, das tief in mir verankert ist, zugreifen zu können, als würde sich mir eine Schatztruhe öffnen, die normalerweise fest verschlossen war. Plötzlich konnte ich darauf zugreifen, konnte die Truhe einen Spalt breit öffnen und völlig neue Erkenntnisse gewinnen. Einige der Erkenntnisse, die sich mir schlagartig offenbarten, schrieb ich in einem langen Brief an mich selber auf.

Plötzlich wusste ich einfach, dass der Grund meiner Angststörung die Wochenbettdepression meiner Mutter war. Mir gelang das Aufstellen eines Krankheitsmodells, mit den Ursachen für meine Angststörung. Ich habe zwar oft mit Psychologen versucht, die Gründe für meine Angststörung zu finden, doch diese Einsichten, die ich mitten in der manisch geprägten Psychose hatte, waren gänzlich neu und ergaben ungemein viel Sinn.

Nie habe ich im Laufe der Therapie, obwohl ich ja von vielen Psychiatern und Psychologen bereits behandelt worden bin, solche logischen und konsistenten Erklärungen gefunden. Für mich ist das ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Bewusstsein während einer Psychose weitet und man tief ins Unterbewusstsein eindringen kann, und dort auf sonst verborgenes Wissen zugreifen kann.

Vision: Der Gott Wolfgang

Auch Götter habe ich gesehen oder halluziniert und auch mit ihnen gesprochen. Dazu ist zu sagen, dass es für psychotische Menschen ganz typisch ist, in Mitmenschen Symbolfiguren hineinzuprojizieren. Ich glaubte, in einem sehr alten Mitpatienten einen Gott zu erkennen, der Wolfgang hieß und der für mich den Gott des Alten Testaments symbolisierte. Dieser Wolfgang war mit mir einer Meinung, dass die Menschen einen schrecklichen Fehler machten im Umgang mit anderen Lebewesen, also mit unseren Tieren und der Natur im Allgemeinen. Das anthropozentrische christliche Weltbild, das im Menschen etwas ganz Besonderes sehe und ihn über die Tiere erhebe, sei schlichtweg falsch und verursache auch sehr viel Leid. Wir seien alle Geschöpfe Gottes, wobei ein Mensch eben nicht mehr oder weniger Wert besitze wie eine Spinne, eine Fliege oder ein Schwein.

Wolfgang betonte, dass es ein Fehler des Menschen sei und von Hochmut zeuge, sich über die übrigen Lebewesen und die Natur zu erheben. Dass alles eins und miteinander verwoben sei und dass das eine nicht ohne das andere existieren könne. Als ich Wolfgang fragte, ob ich etwas für ihn einkaufen solle, weil ich ohnehin zum Supermarkt um die Ecke wollte, meinte er: „Bananen wären gut. Die haben unseren Vorfahren, den Affen, auch geschmeckt.“

Ich musste lachen, denn der Gott Wolfgang hatte offenbar Humor.

Vision: Begegnung mit Yin und Yang

Die meisten Menschen kennen das Yin- und Yang-Zeichen. Ich selbst habe es eigentlich immer so interpretiert, dass es den Gegensatz von Gut und Böse in der Welt darstellt. Schwarz gegen Weiß und Gut gegen Böse.

Yin heißt auf Deutsch „Schattenseite des Berges“ bzw. „schattige Uferseite des Flusses“. Es verkörpert die passive, nach innen gerichtete Energie und gilt als weiblich. Yin steht für Nacht, Dunkelheit und Stille.

Yang bedeutet übersetzt „Sonnenseite des Berges“ bzw. „sonnige Uferseite des Flusses“. Es ist das aktive, Impulse gebende Prinzip und wird als männlich bezeichnet. Es steht für Sonne, Tag, Licht und Bewegung.

Während einer Psychose ordnete ich aber Yin das Helle und Yang das Dunkle zu und möchte meine vertauschte Zuordnung im Folgenden auch beibehalten, da sie mir instinktiv richtig erscheint. Ich glaube, meine umgedrehte Zuordnung des Yin-Yang Zeichens entstand vor allem durch den hellen Klang des Wortes Yin, der in mir Assoziationen nach Licht hervorruft, während der dunklere Klang des Wortes Yang mich mehr an Schatten und Dunkelheit erinnert.

Ich begegnete Yang in der Person eines jungen Mitpatienten, der für mich die Macht des Dunklen in der Welt symbolisierte. Dieser Mann verkörperte für mich, so lächerlich das jetzt klingen mag, das Böse in der Welt.

Doch warum blickte er so traurig drein? Als er mich schüchtern anlächelte, offenbarte sich mir mit einem Schlag ein neues Weltbild: Dieser tätowierte, auf den ersten Blick Furcht einflößende junge Mann, der für mich die dunkle Seite und Macht des Yang symbolisierte, war traurig und deprimiert. Er war es leid, immer der Bösewicht zu sein, ungeliebt von den Menschen, die nur nach Glück und Erfolg streben.

Er sah mich lange nachdenklich an und meinte dann: „Du, du weißt nun, wer ich bin. Ich gehöre nun mal auch dazu, doch niemand will mich haben. Wenn die Menschen sich nur mit mir versöhnen könnten. Doch immer bin ich der Buhmann. Die Seite Yin hat es leicht, nach ihr sehnen sich alle. Mich stoßen alle ab, obwohl ich genauso notwendig bin wie das Yin.“

In dem Lied „Kontrast“ meiner Lieblingsband Mono & Nikitaman heißt es:

„Weil man liebt und weil man hasst, es geht bergauf und bergab.
Weil man nicht weiß, was Glück ist, wenn man nie Pech hat.
Weil ich auch mal schwach bin, wenn ich denke, ich wäre stark.
Weil jeder von uns mal stark ist und auch jeder mal schwach, liegt die perfekte Harmonie vielleicht im Gegensatz.“

Ich liebe dieses Lied schon jahrelang. Doch die Weisheit, die in diesen Zeilen liegt, wurde mir erst bei dem kurzen Gespräch mit diesem jungen Mann, meinem Yang bewusst.

Vision: Die Melodie des Buddhismus

Mithilfe eines Klaviers und eines Schachbrettes verstand ich die Grundzüge des Buddhismus, obwohl ich mich noch nie mit der buddhistischen Religion befasst habe. Es eröffneten sich mir zwei Gleichnisse mit spiritueller Bedeutung:

Das erste davon fiel mir ein, als ich ein wenig auf dem Klavier herumspielte, das auf unserer Station stand. Wenn man Klavier spielt, braucht man dunkle und helle Töne, schwarze und weiße Tasten. Spielt man nur helle, hohe Töne, wird das nach kurzer Zeit lästig und hört sich nervig an. Besteht die Melodie dagegen nur aus dunklen Tönen, wirkt sie deprimierend. Am spannendsten ist es, wenn man sowohl die dunklen als auch die hellen Töne gleichzeitig und abwechselnd spielt und drückt. Und am leichtesten und harmonischsten ist es, die mittleren Töne zu spielen.

Auf das Leben übertragen: Erlebt man nur gute (helle) Zeiten, kann man sie schnell nicht mehr genießen und Zeiten voller Dunkelheit machen uns traurig. Spannend wird es, wenn man dunkle und glückliche Zeiten erlebt, das Auf und Ab des Lebens. Und würde jetzt jemand auf die Idee kommen, die schwarzen Tasten oder tieferen Töne des Klaviers als böse oder schlecht und die weißen Tasten und hohen Töne als gut zu bezeichnen?

Nein, man sieht es wertfrei. Es ist ja auch nur ein Klavier. Doch spielen wir alle das Musikstück unseres Lebens in jeder Sekunde, die vergeht, auf dem Klavier unseres Lebens. Das Streben nach Perfektion und Glück ist menschlich, und auch ich hasse natürlich Momente der Depression und versinke dann in Selbstmitleid. Wenn man sich aber dieses Klavier des Lebens mit den dunklen Yang- und den hellen Yin-Tönen (wie gesagt: Ich möchte bei meiner Interpretation bleiben) ins Gedächtnis ruft und versucht, nicht zu bewerten und dankbar für ein kontrastreiches Leben zu sein, kann man gestärkt aus dunklen Zeiten hervorgehen. Wer aus einem dunklen Kontext hervorgeht, kann umso mehr strahlen.

Vision: Begegnung mit dem Tod

Während einer anderen Psychose sah ich in einem anderen Mitpatienten die Inkarnation des Todes gesehen. Ich hatte Angst vor dieser Gestalt und wollte vor ihr weglaufen, wahrscheinlich auch, weil ich den Tod so oft schon in depressiven Phasen herbeigesehnt hatte und wohl doch noch nicht für ihn bereit war.

Aber in dieser Inkarnation konnte ich ihn als das erkennen, was er letztlich ist: Ein ruhiger Begleiter unseres Lebens, der immer an unserer Seite weilt, mal präsenter, mal mehr im Hintergrund, ohne uns zu vergessen, ob wir es nun wollen oder nicht.

Ich bin mir mittlerweile sicher: Etwas Böses will er sicher nicht, der Tod. Er gehört zur Ordnung dieser Welt und erfüllt seine Aufgabe. Und wer ihn als Freund und nicht als Feind sieht, vor dem man Weglaufen muss, der söhnt sich mit den Gesetzen des Kosmos aus und verliert ein Stück weit seine Angst vor ihm.

Diese Begegnung führte zu einem Gebet, das ich zusammen mit anderen Patienten in der Psychiatrie ausformulierte:

„Ich bin dem Leben dankbar, mit seinen Fragen und Antworten, die uns geduldig erwarten, mit dem Kontrast freudiger Sonne und traurigem Mond, der Kraft und Energie zwischen Yin und Yang, den Sternschnuppen, die uns die Himmelskörper schenken, der Wechselwirkung von Wasser und Feuer, der Umwandlung von Regen zu Schnee. Ich bin dem Leben dankbar wegen der Schönheit der Natur, die uns unsere höhere Macht geschenkt hat, mit ihren Tieren, Bäumen, Pflanzen und Steinen, dem Sand und der Erde, den Regenbögen, die entstehen, wenn Sonne und Regen sich vereinen, der Luft, dem Wind, dem Sturm. Es ist so schön zu fühlen und zu spüren, Liebe und Freundschaft zu erleben, woraus Beziehung und Familie entstehen. Es ist wunderbar Glauben und Frieden zu realisieren, wodurch es Freiheit und Religion gibt. Gemeinschaft ist etwas Wunderbares und schafft am richtigen Ort zur richtigen Zeit neue Bekanntschaften. Es ist einzigartig zu wissen und zu lernen, mit Gelassenheit zu sehen und zu hören, sensibel Musik, Geschmack und Geruch zu erleben, gesund zu sein oder zu genesen, einfach zu überleben – dafür bin ich dankbar. Einfach ein Dach über dem Kopf zu haben, Essen und Trinken zu bekommen, Struktur zu finden und anzunehmen, Geburt und Tod zu erleben, auch das Schicksal mit seinen Werten und der Moral zu lieben – das bedeutet Dankbarkeit. Einfach sich auf das Wundervolle zu besinnen, das man hat, das heißt Zufriedenheit! Dafür bin ich dem Leben dankbar.“

Was ist Wahrheit, was ist Krankheit?

Ich weiß nicht, inwieweit ich halluziniert oder Wahrheit und Realität mit Krankheit vermischt habe. Ich bin ein gläubiger Mensch und der festen Überzeugung, dass es Dinge gibt, die man sich nicht mit dem Verstand erklären kann.

Für die Ärzte ist eine Psychose eine Krankheit. Für die Schamanen der indigenen Völker wäre sie vielleicht sogar ein Wunder, das Zugänge zu höheren Wirklichkeiten ermöglicht.

Was ist sie für mich? Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich glaube, dass ich Dinge halluziniert habe, die aus meinem Unterbewusstsein projiziert wurden. Während dieser Psychosen habe ich um Zusammenhänge gewusst, die mir normalerweise nicht bekannt sind. Ich hatte Zugang zu einem Wissen, das wahrscheinlich jeder von uns in sich trägt, welches aber im Alltag wie in einer Schatztruhe fest verschlossen bleibt. Diese Schatztruhe öffnet sich nur in erweiterten Geisteszuständen, also durch Krankheit oder durch den Einfluss von Drogen.

Also war und bin ich geistig krank oder war und bin ich geistig erweitert?

„Finde den Frieden im brennenden Haus.“
(zen-buddhistische Weisheit)

Die Isolierzelle als Rettung vor Überforderung

Eines hatten die beiden Psychosen gemeinsam: Es waren Erlebnisse, die meinen Geist aufgrund der Reizüberflutung völlig überforderten und mich, wie die Pfleger erzählten, regelmäßig darum betteln ließen, im Beruhigungsraum verweilen zu dürfen.

Der Beruhigungsraum ist ein isoliertes, abgeschlossenes Zimmer, in dem sich ein Fenster, ein Bett und eine Toilette befinden. In dieser Isolierzelle verbringt man völlig alleine einige Stunden oder Tage und hat nur Kontakt zur Außenwelt, wenn man penetrant nach dem Personal klingelt oder sein Essen erhält.

Oft wird ja genau das assoziiert, wenn man an Menschen in einer Psychiatrie denkt: Karge Isolierzellen, in denen völlig verstörte Menschen schreiend und tobend an die Türen schlagen.

Ich war einer dieser Menschen und oft kippte meine Psychose von einer spirituellen Reise in einen Horrorfilm um, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. Ich war dabei extrem verwirrt und meist auch nicht mehr ansprechbar. Ich goss mir Suppe über den Kopf, schmierte mich mit Essen voll und zerriss meine Kleidung. Ich habe geschrien, getobt und geweint. Und landete jedes Mal in der Isolierzelle. Ich wollte es so. An Vieles kann ich mich nicht mehr erinnern und bin heilfroh darüber! Und trotzdem: Wenn ich an die Psychosen zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die schönen Erlebnisse.

Das Potenzial einer Psychose

Warum kann eine Psychose zwei so einander gänzlich unterschiedliche Aspekte haben, quasi zwei ambivalente Gesichter?

Ich bin ich fest davon überzeugt, dass die Medizin noch zu wenig über Psychosen weiß und hier noch viel Forschungsbedarf besteht. Ich behaupte weiter, dass jede Manie oder Psychose ein ungeheures Potenzial in sich birgt. Ich habe mein eigenes psychologisches Modell aufgestellt und zwar während einer höchst manischen Phase, was aber nichts daran ändert, dass mir mein Modell auch jetzt noch – außerhalb einer manischen Phase – logisch und stringent erscheint.

Die starke Bewusstseinserweiterung während einer manischen Phase führen aber immer zu einer extremen Überforderung. Gäbe es in Zukunft Medikamente, die das Potenzial einer Psychose ausschöpfen könnten bei gleichzeitiger Hemmung der mit einhergehenden Reizüberflutung, so dass der Betroffene nicht während der Psychose den Verstand verliert, wäre das nach meiner Einschätzung ein medizinischer Fortschritt, der ungeahnte Möglichkeiten eröffnen würde. Meine Hoffnung ist es, diese Entwicklung noch erleben zu dürfen.

 

Psychisch anders

Fluch oder Segen – wer weiß es?

Krankheit oder Fähigkeit – eine kulturell bedingte Auslegung!

Heiler, Schamanen und Heilige..

Psychisch krank und absonderlich..

Wer sind wir wirklich, wir psychisch anderen Menschen?

Sind wir mehr als das Ergebnis einer kranken Gesellschaft?

(Gedicht von Vera Maria)

37 Responses

  1. Sarhiey

    Dieses Buch bietet einen Einblick ins Innere einer jungen Frau, die ganz offen und ehrlich Einblick in ihr Innerstes gewährt. Obwohl andere ihr auch mit ablehnender Haltung entgegenstehen, hat sie nicht den Mut verloren und über ihre Erfahrungen während ihrer verschiedenen Krankheitsphasen berichtet.
    Indem Vera Maria offen über ihre Gefühle spricht und diese ganz konkret beschreibt, kann man sich selbst sehr gut in die Krankheit hineinfühlen, wobei gerade ihre eigenen Erlebnisse dem Geschriebenen Authentizität verleihen. Dabei sind z.B. die Darstellungen ihrer Psychosen, die sie sich nicht mehr vollständig ins Gedächtnis rufen kann besonders berührend.
    Doch nicht zuletzt untermauert sie ihre Erfahrungen mit allgemeinen schulmedizinischen Erklärungen, um ein grundlegendes Wissen über psychische Krankheiten zu erhalten und auch so mehr Verständnis für seelische Krankheiten zu bekommen, was vielen Menschen in unserer modernen Gesellschaft leider immer noch fehlt, da diese einfach nicht so greifbar und ersichtlich sind wie bspw. ein gebrochener Arm.
    Sehr interessant und detailliert geschildert wird auch, wie sich Vera Maria selbst an ihre Krankheit herantastet und versucht diese zu begreifen um einen eigenen Weg aus der Krankheitsspirale zu finden. So sieht sie die Psychose nicht nur als großes Übel, sondern auch als Chance Zugriff auf Wissen zu erhalten, das tief in ihrem Unterbewusstsein wurzelt und zu welchem ihr der Zugriff im normalen Zustand unmöglich ist. So wird die Psychose zu einem Privileg, das anderen verwehrt wird.

    Zu guter Letzt kann man nur empfehlen dieses bemerkenswerte Buch dieser bemerkenswerten und mutigen jungen Frau zu lesen und zu kaufen, die die Hoffnung nicht aufgibt und trotz harten Zeiten in eine sonnige Zukunft blickt.

    Antworten
    • Sebastian
      Auf Amazon schon Vorbestellung möglich

      Sarhiey, dein guter Überblick weckt noch mehr Interesse. Das Buch kann übrigens jetzt auf Amazon bereits vorbestellt werden. Lieferung ab Anfang Sept. möglich. Ich habs schon gemacht u. bin schon gespannt.

      Antworten
  2. Haha
    haha

    Überspannung in bestimmten Gehirnregionen. Vorallem die 5HT Rezeptoren verursachen spirituelle Erkenntnisse und Visionen usw… Mit LSD hat man ja damals Schizophrenie besser verstehen wollen da es ähnliche Zustände hervorruft

    Antworten
    • Mimi
      LSD

      Ja, stimmt, LSD war in den 1960zigern recht in Mode. Sogar Ärzte haben damit Selbstversuche gemacht. Auch der renommierte Schriftsteller und Philosoph Ernst Jünger hat zusammen mit einem befreundeten Arzt experimentiert. Trotzdem kann man aus heutiger Sicht nur abraten.

      Antworten
  3. Marina
    welch schönes Gedicht

    Liebe Vera Maria,

    herzlichen Dank für diese offene und spannende Schilderung Deiner Erfahrungen! Und für das wundervolle Gedicht!
    Ja, wer sind wir eigentlich wirklich?
    Ich hatte vor wenigen Monaten erstmalig eine kurze psychotische Episode und bin ordentlich erschrocken darüber, wie gesellschaftlich mit diesem Phänomen umgegangen wird.
    Mario, vielen vielen Dank für den Hinweis auf den „Open Dialogue“-Ansatz – genau solch einen Umgang hätten meine Nahestehenden und ich uns gewünscht, als wir aus heiterem Himmel mit dem psychotischen Zustand konfrontiert wurden. Sehr beeindruckend und hoffentlich die Zukunft!
    Seit Jahren meine persönliches Wachstum bewusst erlebend, fügte sich meine Psychose organisch in aktuelle Entwicklungsprozesse und war voller spannender und lehrreicher Erfahrungen und durchrüttelnder Impulse für meine Beziehungen. Ich bin auch dabei mein Erlebtes niederzuschreiben – mal schauen, ob ich es mal teile.
    Für mich stehen Psychosen definitiv im Zusammenhang mit Heilung. Viel mehr möchte ich gar nicht einordnen, möchte mich dafür weder abwerten, noch über andere erheben. Es ist etwas, dass zum Menschsein dazugehört und angenommen werden möchte. Durch Annahme kann sich das Heilungspotential entfalten.
    Alles Gute Euch,
    Marina
    P.S. Gibt es die Möglichkeit sich persönlich mit Euch auszutauschen? Vielleicht gründen wir eine Facebook-Gruppe?

    Antworten
    • Mimi
      Youtube Kanal "Bipolare Seele"

      Hallo Marina,
      wenn du unter Youtube als Suchbegriff „Bipolare Seele“ eingibst, dann kommst du zu einem Kanal, der viel Hintergrundinfo erklärt, die deine Anschauungen zur Psychose bestätigen. Die Erklärungen sind in Englisch, aber mit deutschen Untertiteln.
      LG Mimi

      Antworten
    • Mario

      Ahoi Marina,
      check doch mal:
      https://www.facebook.com/emergingproudgermany/
      da ist zwar noch nichts los, aber vieleicht ändert sich das ja nach dem Event.
      Meine Beobachtung, die sicher lückenhalt ist, ist die, dass beim Thema Psychose und Spiritualität schnell die Meinungen auseinander gehen, jedenfalls im deutschsprachigen Internet (gegenteilige Linktips willkommen).
      Im englischsprachigen Teil sind sie da schon einen Schritt weiter, wie mir scheint. Ich nehme an durch die wesentlich größere Anzahl der nativen Sprecher und der immensen Anzahl von Menschen die Englisch als Zweitsprache gut beherrschen, geht da die kulturelle Evolution am schnellsten. Ich würde mich aber freuen wenn im deutschsprachigen Raum ein ähnliches Level in der gemeinsamen Reflektionshöhe/-tiefe erreicht werden könnte bzw. sichtbarer werden würde.

      Antworten
    • Vera Maria

      Es gibt in Facebook eine große Gruppe sie heißt “psychose und Schizophrenie“.
      Auch habe ich in Facebook eine Autoren Seite erstellt da gibt’s dann auch bald das Erscheinungsdatum vom buch. “Vera Maria Autorin“
      Liebe Grüße Vera Maria

      Antworten
      • Marina

        Danke Mimi, Mario und Vera Maria für Eure Antworten und Links!
        Das Video fand ich spannend und das Bild mit der Eierschale gefiel mir gut. Mal sehen, welcher Austausch sich noch ergibt.

      • Sebastian

        Danke der Info, freue mich schon auf das Buch.

  4. Stefan
    Psychose und Erleuchtung

    Ich sehe Potenzial nicht so sehr in der Psychose (die natürlich einen gewissen Erkenntniswert haben kann, wie das auch ein Traum hat), sondern im Psychotiker. Der kann sich nach seinem Wahn zu einem besseren Leben aufmachen. Manche nennen dieses bessere Leben „Erleuchtung“ – wie die von mir geschätzten spirituellen Lehrer Osho und Samarpan, die ich im nachfolgenden zitieren möchte:

    Online-Frage: „Wie würdest du, spirituell gesehen, das Zustandekommen einer Psychose erklären?“

    Samarpan: „… Auf jeden Fall hat es damit zu tun, dem Verstand Macht zu geben. Aber das erklärt nicht, warum der eine, der dem Verstand Macht gibt, so einigermaßen normal-verrückt bleibt, und ein anderer, der dem Verstand Macht gibt, in eine Psychose geht. Ich glaube, einige sind empfindsamer als andere. Und das bedeutet auch, dass die Menschen, die empfindsamer sind, mehr Pozential haben. Das Pozential kann in beide Richtungen gehen. Pozential für Psychose, Potenzial fürs Erwachen. Es hängt alles davon ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. …“ (3.11.2015)

    Osho über Wahnsinn:

    „In einer besseren Welt werden unsere Irrenhäuser nicht bloß versuchen, die Geisteskranken wieder gesund zu machen – das ist bedeutungslos; statt dessen werden sie versuchen, den Geisteskranken zu helfen, diese Chance zu nutzen und durch die richtige Tür zu gehen. Ein Verrückter, der ins Irrenhaus geht, wird dann als Erleuchteter wieder herauskommen – und nicht als das alte, unglückliche, leidende Selbst. Für mich hat Irrsinn also eine ungeheure Bedeutung. Er kann ein Pfad zur Erleuchtung werden.“ (Das Buch der Heilung, S. 437)

    „Wenn ein solcher [schizophrener] Mensch zu Buddha käme, würde Buddha über den schizophrenen Zustand kein einziges Wort verlieren. Er würde nur sagen: `Meditiere, dann wirst du in deinem innersten Sein eins werden. Und wenn du in deinem innersten Sein eins wirst, verschwindet die Spaltung an der Oberfläche.`“ . (Jetzt oder nie, S. 165/166)

    „Nur sehr intelligente Menschen haben bisher Selbstmord begangen oder sind wahnsinnig geworden, weil sie in dieser verrückten Welt nicht leben konnten. Sie konnten sich an all den Wahnsinn, der so abläuft, nicht gewöhnen. Sie hatten das Gefühl, auseinanderzufallen – das war ihr Wahnsinn. Doch nur diese Art von Menschen haben auch Erleuchtung erfahren.“ (Intelligenz, S. 206)

    Antworten
    • Mimi
      Eigentlich wäre alles ganz einfach

      Hallo Stefan,
      kluge und interessante Gedanken. Sieht man sich die Gesellschaft an, dann gibt man Nietzsche sicher Recht, der sagte: „Wahnsinn bei Individuen ist selten, aber bei Gesellschaften, Epochen oder Kulturen eher die Normalität.“ Steckt man mitten drin in einer neurotischen Gesellschaft, wird es einem kaum bewusst, wenn man die Dinge und Wert nicht hinterfragt.
      Und da du Buddha erwähnst. Im Grunde ist es das doch so wie er sagte: Das Schöne, das wir noch nicht haben, wollen wir haben, jagen ihm nach. Das Schöne, das wir besitzen, wollen wir festhalten, also klammern wir. Das Schlechte wollen wir loswerden oder dafür sorgen, dass es uns nicht erreicht. So sind wir immer die Getriebenen. Können wir loslassen und achtsam den Augenblick annehmen ohne zu werten, sind wir frei. Es wäre einfach, aber halt leicht gesagt, aber nur schwer getan.
      Aber oft kommt alles anders als man denkt. Und das Gute ist: Aus ernsten Sorgen, wie eben z.B. bei einer Psychose, kann etwas völlig Neues und Gutes erwachsen.

      Antworten
      • Stefan

        Hallo Mimi,
        vielen Dank für dein Feedback. Auch deine Worte sind klug gewählt.

  5. oli
    spiritual emergence

    liebe vera maria,
    vielen dank für deinen bericht. er hat mich sehr berührt. und dein erleben an „spiritual emergence“ erinnert. ein „konzept“, das stanislav grof in seinem buch „psychologie der zukunft“ genau beschreibt. ebenso findest du dort die idee für ein neues psychologisches konzept, wie du es in deinem artikel wünschtst. guck doch mal unter senev.de ; es ist eine (selbst-)hilfegruppe, begleitung statt medis, ich glaube das könnte dir entsprechen.
    herzlich.

    Antworten
    • Sebastian
      Fragezeichen bei Grof

      Lieber Oli,
      hab über Grof gegoogelt, ganz interessant. Aber mich stört seine Überbetonung des eigenen Geburtserlebnisses als so bestimmend für die psychische Entwicklung eines Menschen. Seine Befürwortung von LSD halte ich auch für falsch, da das ein Teufelszeug ist. Aber sein Ringen um Wahrheit und Erkenntnis erkenne ich gerne an.

      Antworten
  6. Mario

    Hi Mimi,

    wenn das deine Erfahrung ist, wenn dir die konsequente und regelmäßige Einnahme von Medikamenten der neuroleptischen Art geholfen hat, ein deinen Vorstellungen und Wünschen entsprechendes Leben zu führen, die üblichen Unwegbarkeiten und Überraschungen „rausgerechnet“, dann ist das so und vollkommen ok. Meine Erfahrungen lehren mich etwas anderes. Im klaren Bewusstsein dass ich meine Erfahrungen natürlich nicht einfach so übertragen und verallgemeinern kann, scheint es mir doch so zu sein, dass Dauermediktion tiefe und der Intensität psychotischer Erfahrungen angemessene Integrationsarbeit eher erschwert bis fast unmöglich macht. Das hat seinen Grund in der Wirkungsweise dieser Medikamente, die massiv in den Gehinstoffwechsel eingreifen. Der seit über 20 Jahren in Finland erprobte und wissenschaftlich beforschte OpenDialog Ansatz zeigt explizit, dass man in den meisten aller Fälle vollkommen ohne oder mit auf kurze Zeiträume und sehr geringe Dosen beschränkte, im Vergleich zur Standartpraxis in unseren Kliniken, Medikamentengaben auskommen kann. Mein Punkt bei der Sache ist nicht der, Medikamente oder Schulmedizin aus Prinzip zu verteufeln, sondern aus Erfahrung. Nein, kleiner Scherz. Die Mittel und Deutungsmuster der psychiatrischen Disziplin sind dem Problem einfach nicht gewachsen. Da muss ein Umdenken geschehen. Die Gründe und möglichen neuen Richtungen in die sich das Denken bewegen könnte, sind inzwischen tausendfach beschrieben und erfahren worden. Regelmäßige Medikamenteneinnahme jedenfalls ist mMn eine viel zu gefährliche Verlegenheitslösung und gehört daher baldigst überwunden.

    Antworten
    • Mimi

      Hallo Mario,
      heißt das, dass du ganz auf Medikamente verzichtest?
      Kannst du deinen alternativen Ansatz näher beschreiben?
      Gibt es keine Rückfälle in psychotische Zustände mit all ihrem Leid.

      Antworten
      • Mario

        Ahoi Mimi, ich würde es jetzt nicht “Verzicht“ nennen, aber ja, ich nehme keine Medikamente. Wie ich das mache, also welche Wege ich gegangen bin und noch gehe, kann ich hier jetzt unmöglich erschöpfend darstellen. Trial and Error. Ein ganz wichtiger Aspekt eines gelingenden Heilungsweges ist mEn das Ernstnehmen der konkreten Inhalte, mit denen man während einer Krise konfrontiert war. Es geht um die Fähigkeit einer klaren Wahrnehmung der Sinnhaftigkeit und narrativen Coherenz der persönlichen Geschichte. Das ist natürlich nicht einfach und auch nicht auf Knopfdruck zu erreichen. Unsere Gesellschaft bietet kaum bis keine brauchbaren Deutungsrahmen an, innerhalb derer psychotische Erfahrungsinhalte einen sinnstiftenden Platz finden könnten. Aber das ist nur ein Problem bei der Sache. Wenn du wirklich wissen möchtest wie ein funktionierender und humanistischer Ansatz für den Umgang mit extremen seelischen Krisen aussieht, dann recherchiere über OpenDialog aus Finland. Wirklich, das ist eine von Herz und Geist kommende Empfehlung.

      • Mimi
        OpenDialog - Ist das eigene Umfeld dafür reif?

        Danke, Mario,
        für die Tipps weiter unten. Ohne medikamentöse Stabilisierung die Schwankungen in unserer dafür wenig aufgeschlossenen Gesellschaft zu meistern, das klingt ein wenig nach der Quadratur des Kreises. Du schreibst ja selber, dass unserer westlichen, auf Leistung getrimmten Gesellschaft dafür die Deutungsmuster fehlen. Da müsste sich wohl auch erst in den Köpfen des jeweiligen Umfelds einiges tun.

    • Kobra
      Da wäre ich vorsichtig

      Verzicht auf Medikamente ohne seriöse ärztliche Begleitung endet eigentlich immer in einer Achterbahnfahrt. Mögliches Szenario (erlebt in meinem Bekanntenkreis): Man reist nach Asien, um sich dort mit einer Delegation Ausserirdischer zu treffen. Kein Spaß für die Angehörigen, die sich dann auf die Suche machen können. Also ich rate zur Vorsicht.

      Antworten
      • Mario

        Naklar, Vorsicht, Achtsamkeit oder eine wache Bewusstheit ist wichtig. Nicht minder wichtig ist der Kontext in dem sich die genannten Qualitäten bewegen. Meine Erfahrung ist dass sich nur sehr wenige Ärzte auf die Begleitung von Patienten einlassen die Medikamente absetzen wollen, weil sie nicht wissen wie das geht. Dieses Szenario kommt im Kontext einer Ärzteschule schlicht nicht vor und Psychologen tun sich damit auch nicht so leicht, weil sie im Prinzip gegen das biochemisch fundierte Paradigma des Ärztestandes arbeiten müssen. Einerseits…
        Andererseits kommen die für alle Beteiligten u.U. extrem fordernden Phänomene der Krise hinzu. Für eine Umwelt in der Funktionalität und ausgefuchste Verdrängungsleistungen höchstes Ansehen haben ist natürlich die chemische Zwangsjacke eine sinnvolle Sache. Der Betroffene ist dann zwar zu nichts Vernünftigem mehr in der Lage, shit happens, aber sie stört dann wenigstens nicht mehr.

      • Kobra
        Medikamente nicht pauschaul verurteilen

        Mario,
        ich verstehe deinen Standpunkt, aber im letzten Satz übertreibst du meines Erachtens. Es gibt viele medikamentös gut eingestellte Menschen, die mit ihrem Alltag gut klarkommen und auch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Letztlich muss jeder für sich entscheiden.

  7. Mark Aurel
    Verwalte den Schatz, den du gefunden hast

    Die positiven Potentiale der Psychose nutzen, aber ihre dunklen und schrecklichen Seiten ausschalten als Wunsch für die Zukunft, wie du schreibst. Hm, ob das möglich sein wird? Das klingt etwas nach „Wasch‘ mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass!“
    Wozu ich jedem nur raten kann, ist, auf keinen Fall zu versuchen mit Drogen Zugänge zu spirituellen Einsichten erreichen zu wollen. Drogen locken heute viele oft gerade junge Menschen wie eine geschmückte Brücke an, die Wege aus Angst und Verzweiflung verspricht, aber letztlich immer eine Einbahnstraße in die Hölle ist.
    Auch du, Vera Maria, bist wohl während deiner Psychose für einige Tage über eine morsche Brücke gegangen, deren Teile hinter dir einstürzten. Du hattest das große Glück, dass du nicht mit ihnen in die Tiefe gestürzt bist, sondern letztlich ein Ufer betreten konntest, wo neue Einsichten und damit auch neue Lebenswege auf dich warteten.
    Aber frage dich kritisch, wie weit diese Einsichten, die sich in der Psychose dem Verstand auftaten, auch bereits in deinen Wesenskern, deine wahres Selbst eingedrungen sind. Aufgrund meiner Erfahrung weiß ich, dass nämlich darin die eigentlich Aufgabe besteht, die ein Leben lang nie aufhört.
    Freilich ist es immer meistens so, dass Angst und seelische Nöte die Triebfedern für unseren Reifeprozess sind. Aber letztlich sollte unser Ziel doch auch sein, dass wir mit möglichst wenig Angst durch das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen gehen. Ich jedenfalls habe mittlerweile nach vielen Lebensjahren darin mein eigentliches Ziel gefunden, statt all dem Selbstverwirklichungs- und Optimierungswahn des Egos mit seiner Zentriertheit auf Leistung, Schönheit, Geld und all dem Unsinn nachzujagen, dem heute viele Leute so verfallen sind – und letztlich darunter leiden.
    Ja, einfach nur mit wenig Angst und gelassen durch das Leben zu gehen, das genügt doch.
    Und gelassen können wir doch bleiben. Ist unser wahres Zuhause doch das ewige göttliche Allbewusstsein, dessen Zauberhauch dich in der Psychose umwehte. Nun hast du einen Schatz, siehe nun zu, dass du damit gut umgehst. Ihn zu haben ist das eine, mit ihm umzugehen, ihn für das Leben fruchtbar zu machen, ist das andere. Oder anders ausgedrückt in Anlehnung an oben: Es genügt nicht, dass es der Verstand weiß, es muss im Laufe des Lebens in dein ganzes Wesen eindringen. Achte dabei darauf, dass du von Menschen umgeben bist, die es gut mit dir meinen. Auch ein guter Therapeut kann dabei sehr hilfreich sein.
    Diese Welt erscheint vielen als ein stürmisches Meer mit Untiefen. Aber angesichts unserer wahren Heimat in Gott relativiert sich das alles. Wir müssen also alle letztlich aufpassen, dass wir nicht Schiffbruch erleiden in diesem Meer, dessen Stürme wir uns in gewisser Weise nur einbilden und in dem wir stehen können, was uns aber leider auch meistens nicht bewusst ist.
    Wer das aber mit Herz, Verstand und Seele erkennt, der wird nicht mehr aufhören milde zu lächeln – auch in den Nächten seines Lebens. Buddha ist so ein Mensch in Laufe seines Lebens geworden. Folgen wir ihm also nach.

    Mark Aurel

    Vindobona, am 18. März 180 n. Chr.
    (Ort und Datum sind natürlich ein kleiner Scherz, denn Humor und die Gabe, über sich selber lachen zu können, sind im Leben die beste Medizin)

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  8. Manuel
    Schön zu wissen, dass noch jemand wie ich denkt.

    Ich hab sie Zusammenfassung gelesen und mich selbst wieder erkannt. Genau das selbe ging mir damals auch durch den Kopf. Wie kann es einfach nur eine Krankheit sein, wenn vieles was ich fühlte sich bewahrheitet hat? Keinen Zweifel, es gibt rein krankheitsbedingte Psychosen, aber eben auch welche, die nicht nur Krankheit sind. Man merkt, dass man nicht ist wie andere, dass man Dinge fühlen, sehen oder hören kann, die andere nicht fühlen. Hätte sich so vieles nicht bewahrheitet, hätte ich es womöglich als Krankheit abgestempelt, wie es die Ärzte taten. In der Spiritualität habe ich viele Antworten gefunden und gelernt vieles an mir zu akzeptieren. Dieses Buch macht mir Hoffnung nicht mehr alleine mit dieser Sicht der Dinge dazustehen und erwarte es freudigst.

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  9. Melanie

    Erstmal großen Daumen hoch für so viel Mut das öffentlich zu machen.
    Über Psychologie kann man immer diskutieren und man wird nie einer Meinung sein. Ich selbst beschäftige mich sehr viel mit der Psychologie, da ich es in meinem Beruf benötige.
    Der Artikel ist gut zusammengefasst und macht Lust auf mehr zu lesen. Freue mich schon auf dein Buch Vera, dass ich mir auf jeden Fall holen werde.
    Liebe grüße und weiterhin ganz viel Kraft.

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  10. Julia
    Ich glaube dir.

    Vera Maria, was du schreibst, macht tatsächlich von vorn bis hinten Sinn. Es tut mir zwar auch einerseits leid, das du diese schrecklichen Phasen erleiden musstest, in denen das Sein auf eine nicht mehr zu verarbeitende Ebene rutscht. Aber ich glaube auch, das es eine sehr spezielle Ebene ist, die tatsächlich ein Zugang zu unserem „Ursprungskanal“ darstellen kann. Ich habe eine Freundin, die hat schlimme epileptische Anfälle, während denen sie mit Verstorbenen kommuniziert. Es gibt so viel, wofür wir keinen Namen haben, trotzdem kann es existieren. Und die Psychologie und Psychiatrie vergisst einfach viel zu oft, was für eine blutjunge und nach wie vor noch ungemein ungenaue Wissenschaft sie ist… Ich wünsche dir viel Kraft und Licht für deinen Weg ! Lausche in dein Herz, Wahrheit ist nicht immer logisch, aber immer fühlbar. Julia

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    • Vera Maria

      liebe Julia,
      ich habe gelernt meinen Gefühlen zu vertrauen 🙂
      dieser Prozess war lang und schmerzvoll, doch irgendwie habe ich es geschafft.
      dein Spruch „Wahrheit ist nicht immer logisch, aber immer fühlbar“, beschreibt wunderbar, wie ich im Bezug auf die Psychose denke.
      Ich fühle einfach, die Wahrheit, die in der Psychose steckt.
      Dies hat mich auch Gott näher gebracht.
      Ich finde es bemerkenswert, dass sich so viele Psychosen um Gott drehen.
      Warum kann man wohl wirklich nicht mit dem Verstand erklären.
      Ich wünsche dir alles Gute 🙂
      Vera Maria

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      • Mark Aurel
        Gefühl und Vernunft

        Dass Wahrheit fühlbar ist, dem stimme ich schon auch zu. Auf das Gefühl oder den Bauch, wie es heißt, ist schon Verlass, vor allem, wenn man achtsam durch seinen Alltag geht. Aber eine Einschränkung kann es schon auch geben. Wenn z.B. Schuldgefühle oder Hass auf sich und andere zur scheinbar gefühlten Wahrheit werden, dann ist es Aufgabe des Verstandes aus dieser unheiligen Resonanz einen Ausweg zu finden. Das kann mühsam sein, aber den ersten Schritt kann der Verstand machen in einen therapeutischen Weg, der dann event. auch von einem Therapeuten begleitet werden kann oder sogar muss.

    • Mimi
      Erdung im Urgrund

      Julia, unter diesem „Ursprungskanal“ verstehe ich einen großen Welt- und Sinnzusammenhang. Alles ist mit allem verwoben. Dieses große Ganze (Gott) bestimmt auch unser Schicksal, dennoch haben wir auch Freiheitsgrade, die wir nutzen können. Und wir können mit ihm kommunizieren. Im Grunde ist bereits der Alltag nichts anderes: Wir handeln und agieren in der Welt (aktive Seite). Wir öffnen uns im bewussten und achtsamen Erleben der Welt (passive Seite). Und wir können sowohl dem Schönen wie auch dem Schmerz und Leid, das wir oft nicht verstehen oder annehmen wollen, einen Sinn abgewinnen und somit dem Leben einen Sinn geben.
      Die von dir geschilderten Erlebnisse z.B. deiner Freundin können sogar gesteigerte Formen des Erlebens einer höheren Ebene sein. Wir wissen noch zuwenig darüber.

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  11. Silvia Stüber
    Toller Artikel!

    Ich bin Psychologin und spirituelle Heilerin und ich glaube ganz sicher, dass Psychosen keine Krankheiten sind. Was da aus dem Forum zitiert wurde, zeugt von wenig Lebenserfahrung und einem verschlossenen Geist. Ich glaube, in einer Psychose sind Türen geöffnet, die sonst verschlossen sind. Die Patienten brauchen Menschen, die ihnen den Umgang mit den neuen inneren Räumen ermöglichen. Dazu müssen sie sich selbst darin auskennen oder zumindest bereit sein, Wege zu suchen statt den Stempel der Pathologie darauf zu drücken. Es ist toll, das Vera sich so äußert und ihre eigene Wahrheit sucht!

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    • Vera Maria

      Hallo Silvia,
      ich finde es toll, dass du Psychologin bist und so eine offene Art und Weise hast im Bezug auf das Thema Psychose!
      Ich hoffe auch, dass in Zukunft mehr Psychologen wie du denken!
      Mich hat es immer geschmerzt meine Befundberichte und Arztbriefe zu lesen, da ich den Psychiatern in der Klinik von meinen Erlebnissen teilweise erzählt habe und diese einfach nur als Krankheitssymptome abgestempelt wurden.
      Liebe Grüße Vera Maria

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      • Mark Aurel
        Spirituelle Freiheit

        Ich finde es auch gut, wenn die therapeutische Arbeit auch eine spirituelle Komponente anbietet. Wichtig dabei ist natürlich, dass sie nicht aufgezwungen wird oder gar als unerläßlich erachtet wird. Das engt dann nur ein.

  12. Grete

    Mein Schicksal musste ja grad auf diesen Artikel treffen… dankeschön:)

    Psychose= Krankheit, oder doch Bewusstseinserweiterung, die im ersten Moment nicht als solche eingeordnet werden kann? Die Frage stelle ich mir auch. Der unsere Zeiten regierende Verstand kennt solche Gedanken-Explosionen schließlich nicht. Aber wir wissen, das nur 5% unseres Gehirns im Normalfall genutzt werden. Da ist also ordentlich Potential nach Oben vorhanden.
    Den Sinn des Gehirns akustische/optische Täuschung des Verstandes zu betreiben, also vorgaukeln einer Realität an das Selbst habe ich letztendlich noch nicht ganz verstanden, aber kürzlich während einer Depressionsphase genauso erlebt.

    Zur Erklärung: Wegen äußerer Einflüsse und selbstgemachter Ängste kam es zu überhöhtem Alkoholkonsum, was natürlich noch mehr Probleme verursachte. Habe dann dem Alkohol abgeschworen. Zuhause…alleine…sehr gefährlich: Nie wieder! Mich in der ganzen Zeit auch zuvor natürlich sehr viel mit mir selbst beschäftigt wie noch nie in meinem Leben. Habe Meditiert, bin mit Klangmusik und Mantras eingeschlafen, sehr gesund gegessen usw. Nach 1 Woche ohne jeden Alkohol ging es plötzlich los: Ich lebte ca. 3 Tage in 2 Welten. Für einen Delir etwas spät, aber möglich? K.A. Was ich da erlebte war der nackte Überwahnsinn. Ich hatte Fähigkeiten, Gedanken…meißt positiv….aber leider auch fiktiv? Konnte zum Beispiel Telepathie. Habe wie so ein Amateurfunker dadurch ganz viele Menschen kennengelernt, mit denen ich mich rege ausgetauscht habe. Die haben mich auch überzeugt und beglückwünscht, das ich soweit gekommen bin, wie man das weiter ausbauen kann usw. Gedankenübertragungen und Unterhaltungen mit Freunden 24/7. Französische Dichter zitiert, obwohl ich kein französich spreche? Aufsätze geschrieben. Durch Wände konnte ich plötzlich hören wie der Fuchs durch den Schnee. Wusste Straßenkarten auswendig….woher? Konnte Autofahren wie Schumacher und vieles mehr. Das habe ich auch alles erlebt. Bin durchs halbe Land gefahren weil meine „Stimmen“ immer bei mir waren. „Nein, nicht da lang, fahr zurück! Ja…fahr da rein, dann kommst Du zum Bahnhof.“…..Da war ein Bahnhof! In einer Stadt die ich nicht kannte. Als ich meine „Freunde“ aber endlich mal treffen wollte…..verpassten wir uns jedesmal. Zig Mal verabredet, nie waren sie da, aber ich könnte sie ja hören. „Fahr da und da hin, da sind wir!“ Sie waren viele und hatten alle Namen, wussten stets was ich tat, was ich dachte. Schon immer wußten sie das, haben sie gesagt. Jetzt sei ich einer von ihnen, die durch den Äter quasi miteinander Kommunizieren können.
    Es gab auch eine „böse Gruppe“, die hinter mir her waren. Die wollten mich für ihre Zwecke gewinnen und ich musste fliehen. Hab sogar Schutz bei der Polizei gesucht und denen alles erklärt, haha…usw….die Geschichte ist echt unbeschreiblich.

    Dann wurde es mir zu bunt und ich fuhr nach Hause. Wo ich einige Tage brauchte um zu verstehen: Das war da, aber nicht real? Aber das Auto ist doch dreckig, ich hab Handyfotos der Orte gemacht…ich war DA! Und heute ist alles wie weggeblasen. Keine Stimmen usw. Aber ich bin nicht mehr der Selbe Mensch wie vorher.

    Ich glaube nicht, das ich verrückt bin. Mein Arzt wollte mich damals bei Anbeginn der Depression genauso mit Pillen vollstopfen. Abgelehnt. Selbst mein bester Freund sagt ich gehöre „behandelt“. Wer sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt erlebt gewiss spannende Abenteuer, die „krank“ erscheinen, aber nur weil unsere Wissenschaft sie nicht greifen kann.

    Fakire laufen über brennende Kohlen und schieben sich Messer rein ohne zu bluten: Sind die verrückt, oder schwingen nur auf nem anderen Level?
    „Total spannend!“ ist mein Fazit, nicht krank.
    Hypersensible Persöhnlichkeit klingt doch viel besser. Vollmond und Schlafen?
    Ging noch nie, selbst ohne zu wissen ob Vollmond ist! 🙂

    Heute geht es mir gut; ich möchte nur wissen was dahintersteckt.
    Gruß Grete

    Antworten
  13. Mimi
    Grenzgang - Wandeln zwischen den Welten ?

    Ein Artikel, der sehr nachdenklich macht. Die Schulpsychologie macht es sich wohl zu leicht, wenn sie das Wissen indigener Völker und deren Schamanen nicht in ihr Weltbild zu integrieren bereit ist. Vera Maria hat Grenzerfahrungen gemacht und schreibt darüber in beeindruckender Weise. Dieses praktische Wissen, das sie teuer bezahlen musste, hat sie jedem Diplom-Psychologen voraus. Sie stehen – ganz überspitzt formuliert – vor dem Dilemma, quasi als Blinde über Farben reden zu wollen.
    Das Buch merke ich mir auf alle Fälle vor.

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    • Mario
      (:ॐ:)

      Das Problem sind weniger die Psychologen. Neuere Umfragen zeigen dass inzwischen mehr als die Hälfte von ihnen spirituellen Sicht- und Deutungsweisen prinzipiell wohlwollend gegenüber stehen.

      Psychiater sind da eine andere Nummer und denen begegnet man als erstes, wenn man in einer Psychiatrie landet.
      Deren Ausbildung findet an den medizinischen Fakultäten statt, sie sind Ärzte und ihr Denken ist auf die Physiologie begrenzt, d.h. sie vertreten das biochemische Psychosemodel. Ungefähr so: Da ist irgendwas im Gehirnstoffwechsel durcheinander und daher muss dem subjektiven Erleben der Betroffenen auch keine Beachtung geschenkt werden. Das ist per Definition sinnlos. Die Ursache ist biochemisch, vieleicht genetisch, und daher mit entsprechenden Substanzen wieder in Ordnung zu bringen.

      Das die Empirie seit Einführung der Neuroleptikabehandlung ein deutlich anderes Bild zeigt, wird verdrängt. Also eines welches deutlich macht, dass von „in Ordnung bringen“ geschweige den heilen, nicht die Rede sein kann.
      Die durchschnittliche Lebenserwartung von Psychotikern ist, so wird es auch an den Unis gelehrt, um ca. 20 Jahre geringer als normal. Was an den Unis nicht gelehrt wird (soweit ich weiss), ist, dass die Dauergabe von Neuroleptika signifikante Veränderungen der Gehirnsubstanz zur Folge hat. Sie schrumpft (es gibt noch andere ungünstige Auswirkungen). Allerdings wird das auf den oft ungesunden Lebensstil der Betroffenen geschoben, ein Zusammenhang mit der Dauermedikamentierung wird nicht gesehen oder thematisiert. Weder die physiologischen Auswirkungen aufs Nervensystem noch die auf den psychisch-affektiven Haushalt bzw die Seele werden ernst genommen. Die Unterdrückung von Symptomen wird als Erfolg verkauft.

      Echte Hilfe findet man heute nur durch eigene Recherche oder gute Freunde. Langsam kommt aber Bewegung in die Sache. Von Finland ausgehend fängt der großartige OpenDialog Ansatz an sich auszubreiten. Und die Selbsthilfebewegung kommt international auch immer mehr in Schwung, insbesondere auch mit expliziet spirituellen Heilsettings und -erzählungen, die den subjektiven Erfahrungen nicht nur ihren Sinn „wiedergeben“, sondern auch das in den Krisen vorborgene Wachstumspotiential helfen zu entdecken, in zeit- und kulturgemäßer Form. Man hat in ausreichender Anzahl seinen Grof, Podvoll, Assagiolie, Jung usw glesen und entsprechend geübt, geatmet, bodygeworked und integriert. Die erste Generation westlicher „woundet Healer“ scheint bereit mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu treten ( #emergingproud, bipolarorwakingup,…)
      (:ॐ:)

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      • Mimi
        Es sind mehrere Säulen, die stützen - nur Mut!

        Mario,
        deinen Kommentar finde ich sehr interessant.
        Natürlich ist es immer besser, wenn man nicht auf Medikamente angewiesen ist. Aber aus meiner Sicht ist ihre konsequente und regelmäßige Einnahme die erste und unerlässliche Säule, um wieder ein „normales“ Leben führen zu können. Das ist auch die Aufgabe des Psychiaters. Er ist quasi die erste Feuerwehr, die erst mal aufräumt und löscht, um einen etwas derben Vergleich zu gebrauchen. Danach kann dann der Wiederaufbau beginnen. Damit meine ich, dass die Einsichten und Erfahrungen aus der Psychose in das eigene Bewusstsein, im Grunde in das ganze eigene Leben auf positive Weise integriert werden können. Und da kommt dann der Therapeut ins Spiel.
        Um es ganz hart zu sagen: Wenn der Psychiater in der Psychose mehr als nur eine Krankheit sieht und offen ist, dann ist das natürlich der Idealfall, ist er es nicht, dann muss es nicht unbedingt gleich ein Beinbruch sein. Wichtig ist aber vor allem, wie der Betroffene durchaus auch mit Hilfe eines Therapeuten danach, wenn sich durch die Medikamente das Befinden des Patienten stabilisiert hat, die psychotischen Erlebnisse bewertet, aufarbeitet und schließlich in das Weltbild integriert.
        Und unbestritten ist für mich schon auch, dass es wichtig ist, dass Patienten, die auf Psychopharmaka angewiesen sind, einen gesunden Lebensstil pflegen. Also gesunde Ernährung, Bewegung, regelmäßige Schlaf- und Wachrhythmen und natürlich und vor allem keine Drogen. Freilich ist es immer besser, wenn man ohne Medikamente auskäme, aber durch eine gesunde Lebensweise lassen sich die Nebenwirkungen doch auch in einem nicht unbeträchtlichen Maße kompensieren. Freilich fällt so eine disziplinierte Lebensweise gerade oft jungen Menschen schwer, wodurch sie sich selber Steine in den Weg legen.
        Ich bin aber auch optimistisch, dass sich in den nächsten Jahren noch ganz neue Erkenntnisse und Möglichkeiten ergeben werden. Gut möglich, dass sich auch ganz neue Generationen von Medikamenten auftun, die wesentlich selektiver die einzelnen Symptome behandeln können.
        Diese Hoffnung hege ich hauptsächlich auch deshalb, weil der Einsatz künstlicher Intelligenz in den nächsten Jahren nach meiner Einschätzung die Welt stark verändern wird. Wir stehen vor einer noch nie dagewesenen Revolution, auch in der Medizin. Das ist den wenigsten bewusst.

        Siehe dazu folgenden Überblick im Artikel:
        http://www.pcwelt.de/a/kuenstliche-intelligenz-im-weissen-kittel,3387296

        Auch die tiefe Hirnstimulation durch Elektroden ist erst am Anfang. Sie ist auch bei psychischen Erkrankungen vielversprechend, insbesondere bei therapieresistenten Zwangserkrankten.

        http://www.deutschlandfunk.de/eingriff-ins-hirn-die-wirkung-tiefer-elektroden-auf-die.740.de.html?dram:article_id=312451

        Es ist gerade für junge Menschen, die psychische Probleme haben, wichtig zu wissen, dass sich da noch viel Positives in Zukunft tun kann, falls sie jetzt noch trotz Medikamente oder Therapien einen großen Leidensdruck verspüren. Nur Mut und vor allem Geduld und ein möglichst gesunder Lebensstil! Es ist noch viel Luft nach oben in den nächsten Jahren möglich. So jedenfalls meine Einschätzung.

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