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Die rituelle Vereinigung von Göttin und Gott


Das Bild des älteren Hohepriesters in dunklen Roben, der lüstern über die nackte  – und ansprechend als Altar drapierte – willenlose Junghexe herfällt, blitzt wohl in mehr als einem Kopf auf, wenn das Thema des rituellen Geschlechtsverkehrs angeschnitten wird.
Der große Ritus – einer der wichtigsten Rituale im Wicca-Kult – wirft ambivalente Gefühle auf. Wicca ist eine heidnische Religion, die Göttin und Gott verehrt und eine Rekonstruktion eines vorchristlichen Ur-Glaubens ist. Sie wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Gerald Gardner begründet und ist vor allem im englischsprachigen Raum, aber seit Jahrzehnten auch recht stark in Deutschland verbreitet. Viele Menschen aus diesem Umfeld bezeichnen sich auch der Einfachheit halber als „Hexen“. Bevor man zum Priester geweiht wird, muss man ein Jahr lang seinem Coven (eine geschlossene, feste Ritualgruppe) als „Neophyt“ (griech.: Neuaufgenommener) dienen. Die eingeweihten PriesterInnen sind per Eid dazu angehalten, das „Geheimnis“ des Ritus auf keinen Fall Außenstehenden zu offenbaren und so Verrat an kultischem Wissen zu begehen. Dennoch gibt es widersinnigerweise diverse Veröffentlichungen über dieses Ritual in Büchern, so zum Beispiel im bekannten Grundlagenbuch „Eight Sabbats for Witches“ von Janet und Stewart  Farrar.

Die heilige Hochzeit

Wicca_Ritus.jpgDer große Ritus – auch die heilige Hochzeit genannt – bezeichnet die symbolische oder tatsächliche Vereinigung von Göttin und Gott, die Verschmelzung des weiblichen und männlichen Prinzips, vollzogen durch Hohepriesterin und Hohepriester. Heutzutage wird er meist nur in der symbolischen Form ausgeführt, aber in einem eingespielten Coven kann der Ritus durchaus auch  mit vollem Körpereinsatz Verwendung finden.

Bei dem symbolischen Vollzug werden Athame und Kelch mit einer Stellvertreterfunktion versehen. Die Athame ist ein zweischneidiger ritueller Dolch. Sie steht als Phallussymbol für den männlichen Aspekt. Der Kelch soll den weiblichen Aspekt widerspiegeln, er ist als Vulva zu verstehen, aber auch als immerwährender Kessel, dem alles Leben entspringt. Nachdem der Kreis gezogen und die Kraft der Himmelsrichtungen und Elemente herbeigerufen  wurde, versenkt der Hohepriester – unter ritueller Anrufung der Götter – den Dolch in dem von der Hohepriesterin mit beiden Händen umfassten Kelch. Beide führen so gemeinsam die Vereinigung aus. Beim tatsächlich vollzogenen Ritus stellt der weibliche Körper – nachdem die Götter in das Priesterpaar invoziert wurden – tatsächlich den Altar dar. Während des Geschlechtsaktes verlässt der restliche Coven – in der Regel – kurzzeitig den Raum.
Neben der offensichtlichen Deutung als Fruchtbarkeitsritual und Sex als „Gottesdienst“ feiert das Paar, welches sich als Personifizierungen von Göttin und Gott sexuell vereint, die universelle Kraft. Die göttliche Quelle allen Seins  soll so auf allen Ebenen – spirituellen wie körperlichen – durch die beiden kanalisiert und offenbart werden. Natürlich kann durch die heilige Hochzeit vor allem Energie gezogen und der Ritualkreis sehr stark magisch aufgeladen werden, Kräfte, die dann in weiterführende Ritualteile einfließen und für magische Aktionen genutzt werden können.

Sexualmagie & schwarze Messen

Das Konzept der Sexualmagie, die Benutzung sexueller Energien zu spirituellen Zwecken, ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Kritikpunkt scheint oft das schon im Vorfeld benannte Bild zu sein. Das Weibliche dem Mann untertan, nackt und schutzlos ausgeliefert. Während der männliche Part sich über die appetitliche Darbietung hermacht. Im Wicca ist das Weibliche aber – im Gegensatz zu anderen Religionen oder Gruppierungen mit sexualmagischem Hintergrund – nicht in der unterlegenen Position, sondern steht gleichberechtigt neben dem männlichen Part. Die Hohepriesterin ist offiziell sogar diejenige, die den Coven leitet und in der hierarchischen Struktur das letzte Wort hat. Beim großen Ritus handelt es sich natürlich auch nicht, wie oft von Außenstehenden gemutmaßt, um eine „schwarze Messe“. Eine solche Messe impliziert eine häretische Umkehrung der christliche Symbolik (da es im Wicca keine christlichen Symbole gibt, sondern man sich auf „den alten Pfad“ im Sinne einer heidnischen Urreligion bezieht, können diese auch nicht umgekehrt werden) und würde eine Pervertierung des weiblichen Leibes als Altar und Sinnbild für die Göttin darstellen.

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