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Rückfallprophylaxe nach Depressionen

Wenn eine depressive Phase überstanden ist: Ist dann alles gut und auf Dauer erledigt? Wie sieht es mit dem Risiko eines Rück­falls aus? Lothar Schwalm beschreibt ein spezielles Training, um sich dagegen zu wappnen.

MBCT-Achtsamkeitstraining ist wie ein Schwimmtraining, um sich vor den emotionalen Wogen zu wappnen und nicht unterzugehen, wenn depressive Stimmungen über einem zusammenzuschlagen drohen. MBCT bedeutet Mindfulness Based Cognitive Therapy, also „achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie“ als Rückfallprophylaxe bei Depressionserfahrung. Es sind 8-wöchige Kurse, die sich an Menschen richten, die bereits Depressionen erlebt haben, aber nicht in einer akuten schweren Depression stecken.

Die drei Psychologen und Depressionsforscher John Teasdale, Mark Williams und Zindel Segal entwickelten MBCT in den 90er Jahren aus dem bekannten und erprobten MBSR-Achtsamkeitstraining (Mindfulness Based Stress Reduction), indem sie das Training den speziellen Bedürfnissen von Depressionserfahrenen anpassten. Die wesentlichen Säulen beider Programme sind die buddhistische Achtsamkeitsmeditation, Yoga und die westliche Psychologie (und neuerdings auch die Hirnforschung).

 

Wie kann es zum Rückfall kommen?

Menschen, die einmal eine schwere depressive Episode durchmachten, haben im Verhältnis zur Durchschnittsbevölkerung ein viel höheres Risiko, so etwas noch einmal zu erleben. Das liegt daran, dass unser Gehirn während einer depressiven Episode neuronale Netzwerke bildet, die die extrem leidvollen Gefühle (z.B. Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schuld, Angst) mit negativen Gedankenmustern (z.B.: Ich bin ein Versager, Es ist alles meine Schuld, Es wird nie wieder gut) sowie mit entsprechenden Körperempfindungen (z.B. Erschöpfung, Trägheit, Schwäche, extreme Unruhe) verknüpfen. Nach dem Abklingen der Depression verschwinden diese Gefühle wie auch die entsprechenden Gedankenmuster und Körperempfindungen. Der Mensch ist im Idealfall wieder vollständig gesund.

Diese Verknüpfung kann dann später aber den Effekt haben, dass selbst eine relativ harmlose schlechte Laune, die der Alltag hin und wieder produziert, die negativen Gedankenmuster reaktiviert, obwohl diese vielleicht mit der aktuellen Situation wenig oder gar nichts zu tun haben. Das führt dann oft zum Grübeln darüber, was jetzt schief gelaufen ist oder was man falsch gemacht hat. Dies mündet aber nicht in eine Lösung oder eine realistische Sichtweise der Situation, sondern setzt eine Spirale nach unten in Gang. Die negativen Gedankenmuster werden immer penetranter und man endet schlimmstenfalls in der nächsten Depression.

MBCT setzt an dieser Stelle an: Statt das Denken und die Gefühle durch Grübeln (also durch noch mehr Denken) krampfhaft ändern zu wollen, lernen wir, aus dem Strom der Gedanken herauszutreten, ohne sie ändern oder stoppen zu müssen. 

 

Distanz und Lebendigkeit

Achtsamkeit bedeutet, die eigenen Erfahrungen (also die Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen) freundlich wahrzunehmen, wie sie sind, – ohne sich darin zu verlieren oder zwanghaft dagegen anzukämpfen, selbst wenn sie schmerzhaft sind. Wir gewinnen dadurch eine neue Perspektive auf das eigene Leben, wie es sich entfaltet von Moment zu Moment. Das ermöglicht eine gesunde Distanz zu den eigenen Gedanken und Gefühlen, in die wir uns im Grübeln allzu leicht völlig verstricken. Und zugleich führt dies dazu, dass wir unseren Körper wieder mehr spüren, den wir in Zeiten des Grübelns aufgrund der Stressreaktion, die mit dem Grübeln einhergeht, viel weniger fühlen können und daher auch oft vernachlässigen.

Mit Achtsamkeit können wir verhindern, dass eine leichte Verstimmung außer Kontrolle gerät und in eine Depression führt. Wir lernen, mit unserem konkreten Körper und unserer Lebendigkeit in Kontakt zu bleiben, anstatt uns durch grüblerische Gedanken im Abstrakten zu verlieren. Dann können wir schwierige Stimmungen und die damit verknüpften Gedankenschleifen als das erkennen, was sie sind: schnell wechselnde Erfahrungen, die kommen und auch wieder gehen – Erfahrungen, vor denen wir keine Angst haben müssen, die wir nicht bekämpfen müssen, denen wir aber auch nicht folgen müssen.

Ein klassischer MBCT-Kurs besteht aus acht abendlichen Treffen, einem Intensivtag, einem Vor- und einem Nachgespräch. Das Rückgrat des Kurses ist die tägliche Praxis zu Hause mit Hilfe der Kursunterlagen und Anleitungs-CDs. MBCT ist keine Psychotherapie und ersetzt sie auch nicht. Die Krankenkassen bezuschussen die Kurse manchmal mit 75 Euro.


Abb: © Anatoli Styf  – Shutterstock.com

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