Dieser mehrteilige Achtsamkeitskurs wendet sich an alle Menschen, die sich allen lebendigen Erfahrungen sanft-mutig und gelassen stellen möchten.

Von Lena Grabowski

Inspirierende Geschichten

Ein junger Mann kam zum Meister und berichtete ihm von seinen Erlebnissen.
“Im Himalaya traf ich einen weisen alten Mann, der in die Zukunft sehen kann. Diese Kunst lehrte er auch seinen Schülern”, sprach er voller Begeisterung.

“Das ist keine Kunst.”, sagte der Meister. “Mein Weg ist viel schwieriger.”
“Wirklich?” fragte der junge Mann. “Wie ist euer Weg, Herr?”
“Ich bringe den Menschen bei, die Gegenwart zu sehen.”

(Eine Zen – Geschichte)

Achtsamkeitskurs Teil 1

Kommt euch folgende Situation bekannt vor? Ihr steht in der Küche, schält Kartoffeln und hört parallel Musik. Durch das geöffnete Fenster nehmt ihr im benachbarten Garten oder Hof Geräusche, die sich zur Musik gesellen, wahr.

In eurem Kopf kreisen Gedanken: „Später muss ich noch für das Wochenende einkaufen gehen, ich darf den großen Korb nicht vergessen. Zur Post muss ich auch noch. Und Geld abheben. Gleich kommen die Kinder nach Hause.“ Und so weiter, und so fort. Gedanken folgen Gedanken. Je nachdem, welche es sind, schleichen sich entsprechende Gefühle ein und durchdringen den Körper. Ein einziges stimmliches und emotionales Wirrwarr im Inneren ergreift das menschliche Sein. Die Geräusche aus der Umwelt erklingen gedämpft und wie aus weiter Entfernung. Und plötzlich sind die Kartoffeln fertig geschält – ohne dass man es bemerkt hat.

Kennst du diese oder ähnliche, zuweilen banale Situationen? …und dennoch unendlich kostbaren Augenblicke unseres menschliches Daseins.

Mit den Sinnen den Augenblick wahrnehmen

Der Achtsamkeitskurs Teil 1 beschäftigt sich mit unseren Sinnen. Unsere Sinne sind Kanäle, die unser Innenleben mit dem uns umgebenden Leben verbinden. Über unsere Sinne können wir das Leben um uns herum bewusst wahr- und in uns aufnehmen. Auf diese Weise lernen wir bereits in der frühsten Kindheit, sogar schon im Mutterleib, uns selbst als eigenes Wesen zu spüren – in Verbindung mit allem Leben, das uns umgibt. Über unsere Haut nehmen wir taktil und haptisch wahr – wie etwa Druck, Hitze, Kälte oder Konturen und Oberflächen. Auf diese Weise spüren wir die kühle feuchte Kartoffel in der Hand oder eine rauhe erdige Schale.

Über unsere Nase nehmen wir den erdigen Geruch der Kartoffelschale in uns auf. Bereits in diesem Moment können unsere Geschmacksnerven davon inspiriert werden und Erinnerungen an den Geschmack von Kartoffeln auslösen. Mit unseren Augen können wir die Kartoffel sehen als das, was sie ist. Und wir können Formen in ihr erkennen.

Unser Ohr vernimmt das Geräusch des Kartoffelschälers, die Musik sowie andere Geräusche im Umfeld. Das Ohr filter sich so manches mal bestimmte Geräusche heraus und blendet andere wiedrum aus. Würden wir in dem Moment des Kartoffelschälens für einen Moment bewusst hören, was wirklich um uns herum zu hören ist, sind wir bereits einen entscheidenen Schritt auf den gegenwärtigen Moment zugegangen. Würden wir einen Augenblick lang die Kartoffel taktil und haptisch wahrnehmen, stünde nichts mehr zwischen uns und diesem Moment. Dies gilt für alle sinnlichen Erfahrungen. Sie können Tore zum gegenwärtigen Augenblick werden. Wie damals, als wir noch Kinder waren und diese faszinierende Welt unvoreingenommen mit unseren Sinnen eroberten. Jenseits des Denkens und der Selbstanalyse.

Mithilfe unserer Interozeption können wir unseren Körper und unser Körperinneres wahrnehmen. Die Interozeption ist eine in uns angelegte Fähigkeit, Bewegungen unseres Körpers von innen heraus sowie die Körperlage im Raum zu spüren (wir nehmen dann bewusst wahr, ob wir gerade stehen, liegen, uns beugen oder Ähnliches). Auch können wir genau darum den Weg unseres Atems spüren, wenn wir uns darauf konzentrieren, sowie die Beschaffenheit des Atems und sämtliche Organe, die an diesem Vorgang beteiligt sind. 

Doch da wir oftmals „in Gedanken“ sind und den scheinbar nicht lenkbaren Gedankenströmungen verfallen, nehmen wir uns und den kostbaren Augenblick des Kartoffelschälens nur bruchstückhaft wahr. Unsere Kognitionen, unser Denken bestimmen stattdessen unser Dasein. Wir hören diffuse Geräusche, schälen beinahe beiläufig und unaufmerksam das Gemüse, beeilen uns vermutlich aufgrund von Zeitdruck und ähnlichen Phänomenen und besinnen uns wahrscheinlich auch kaum auf den besonderen Geruch der Kartoffelschale.

Stattdessen sind wir in vergangenen oder zukünftigen Vorstellungen gefangen, Denken unaufhaltsam und holen uns auf diese Weise aus einem wundervollen gegenwärtigen Moment heraus.

Die Körperlage im Raum spüren – dem Augenblick begegnen

Diese Übung im Achtsamkeitskurs ist sehr banal, und doch hat sie Tiefe und klopft am gegenwärtigen Erfahrungshorizont an. Beginne dich einfach zu dehnen, strecke dich, räkle dich. Atme so bewusst wie es dir möglich ist. Stelle deine Füße hüftbreit und gut verankert auf den Boden und beginne nun deinen Körper langsam von innen heraus zu schütteln. Nimm dir Zeit dafür, sei achtsam mit dir. Tue dies einige Minuten lang. Tauchen Gedanken auf, gehe mit deiner ganzen Aufmerksamkeit zurück in dein leibliches Erleben.

Beginne nun, dich langsam im Raum zu bewegen. Spüre dabei ganz aufmerksam deine Gliedmaßen, die an dem Vorgang der Vorwärtsbewegung beteiligt sind. Schritt für Schritt – denn an dieser noch so unscheinbaren Bewegung sind sehr viele Gliedmaßen beteiligt. Spüre ganz bewusst, wie sich dein Körper – also du dich – durch den Raum bewegt. Tue dies so behutsam wie möglich und erlaube dir, deine Körperstruktur sowie die Bewegungsabläufe so detailliert wie möglich zu fühlen.

Nimm dich von innen heraus wahr. Spüre den Raum deines Körpers. Vielleicht kannst du bewusst wahrnehmen, was sich in dir und an dir bewegt während du gehst. Spüre jeden Winkel deines Bewegungsspektrum, während du dich vorwärts bewegst – ganz so, als würdest du wie ein Kind deinen Körper allmählich bewusst erkunden. Je langsamer, umso intensiver kann das Erleben sein.

Tue auch dies einige Minuten lang. Wann immer du in Gedanken abschweifst, nimm auch dies wertfrei wahr und kehre zu deinen körperlichen Bewegungen und zu dem Bewusstsein der Lage deines Körpers im Raum zurück. Komme schlussendlich an einem Ort zum Stehen und lasse das Erleben sanft ausklingen.

Zuguterletzt versuche mit dem Tastsinn die Verbindung zur Umwelt su spüren. Entweder, indem du dich anlehnst und die Kontaktflächen spürst. Oder du nimmst die Füße auf dem Boden wahr. Oder du kannst bei offenen fenstern (oder eventuell sogar draussen) die Luft auf deiner Haut fühlen. Öffne langsam wieder deine Augen und dich selbst für diesen Augenblick.

Abb: (c) lazycat188 – pixabay.com

Ausblick

Du kannst diesen Achtsamkeitskurs Teil 1 gerne mindestens einmal täglich, wenn du magst auch zwei Mal täglich wiederholen. Lasse diese natürliche Übung ganz leicht und unaufgeregt in deinen Alltag fliessen, ohne Druck, ohne Zwang. Du kannst sie insbesondere dann umsetzen, wenn du innere Ver- oder Anspannungen spürst oder insgesamt unter Stress leidest und dein Denkapparat nicht mehr aufhören kann, sich in sämtliche Richtungen zu bewegen.

Nächste Woche Dienstag wird der 2. Achtsamkeitskurs veröffentlicht. Bis dahin nimm dir Zeit, dich mithilfe deiner Körperwahrnehmung ein wenig an den gegenwärtigen Moment zu gewöhnen. Und mit ein bisschen Übung und Glück, kannst du vielleicht vom Nektar der magischen Gegenwart während des Kartoffelschälens kosten. Falls du dir ein Essen zubereitest, kannst du dies einmal mit all deinen Sinnen tun. Ich wünsche dir in alledem einen guten und achtsamen Appetit!

70.000 …

Die Forschung schätzt, dass wir Menschen etwa 70.000 Gedanken pro Tag denken – doch nur einen winzigen Bruchteil davon registrieren wir bewusst. Es ist kaum möglich, dass wir uns all dieser Gedanken bewusst werden, um sie dann zu verändern – oder unseren Kopf urplötzlich „leeren“. Was wir jedoch tun können, ist, uns in unserem Körper wahrzunehmen, anstatt endlosen Gedankenirrungen zu folgen.

Ich wünsche dir bei meinem Achtsamkeitskurs aus tiefstem Herzen sagenhafte alltägliche Augenblicke mit dir selbst – beim Kartoffeln schälen, Putzen, Arbeiten, Steuerunterlagen vorbereiten – und vielem mehr!

Herzlichst Lena 

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