Anzeige

Als ich zum ersten Mal las, Selbstmitgefühl sei eine „mutige geistige Haltung“, war ich wirklich verdutzt. „Mutig“? Mir kamen sofort Assoziationen in den Sinn zu einer Haltung, die Ausreden für Bequemlichkeit sucht, selbstmitleidig auf dem Sofa versumpft, keine Ziele mehr verfolgt, schwächlich und verletzbar ist – und sich im Übrigen nur noch mit sich selbst beschäftigt: wie egoistisch! Dann bemerkte ich, dass mein Geist all diese Bedenken und Urteile zum Thema „Selbstmitgefühl“ mit einer ziemlich harten, ironischen, vorwurfsvollen und kritischen Stimme vorbrachte, mit all jenen Situationen im Gepäck, in denen ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genügt hatte, nicht „gut genug“ gewesen war – und mich dafür auch noch zusätzlich fertig gemacht hatte: wie schmerzhaft!

Aber was wäre wohl, wenn ich mir selbst gegenüber all das Mitgefühl und die Fürsorge aufbrächte, die ich für Familie, Freunde und Bekannte reichlich zur Verfügung habe… Vielleicht würde es wirklich Mut brauchen, mich z.B. den schwierigen Emotionen in mir auf eine freundliche Weise zuzuwenden, die nichts schönredet, aber auch nichts dramatisiert? Auch und gerade als langjährig Meditierende sah und sehe ich mich oft mit der „subtilen Aggression der Selbstverbesserung“ (Bob Sharples) konfrontiert, die sogar noch die besten Absichten in den Dienst von Selbstverurteilung nehmen kann.

Egal, was schief läuft oder schwierig ist in unserem Leben: Oft reagieren wir mit Widerstand darauf (ärgern uns z.B. oder geben uns die Schuld) und fühlen uns allein mit unserem Schmerz, isoliert vom Rest der Menschheit oder auf der Flucht vor ihr, damit „bloß niemand merkt“, wie es uns geht. Was würde wohl passieren, wenn wir uns selbst das geben könnten, was wir (ebenso wie alle anderen Menschen) in solchen Momenten am meisten brauchen: Mitgefühl?

Selbstmitgefühl ist warmherzige, verbundene Präsenz

Selbstmitgefühl hat – in dem Modell von Kristin Neff – drei Komponenten. Zunächst mal müssen wir überhaupt bemerken, dass da ein Moment des Schmerzes ist (statt wie so oft darüber hinwegzugehen und es nicht wahrhaben zu wollen), und das anerkennen, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Das ist der Aspekt der Achtsamkeit: die Dinge so sehen und anerkennen, wie sie nun mal in diesem Moment meines Lebens sind.

 

Zweitens können wir uns bewusst machen, dass diese schmerzhafte Erfahrung offenbar zum menschlichen Dasein dazugehört, wir sie also mit Milliarden anderen Menschen teilen. Oder bilden wir uns wirklich ein, wir wären die einzigen mit dieser Art Schmerz? Dieses Erkennen der geteilten Menschlichkeit kann wirklich tröstlich sein. Und schließlich versuchen wir in uns eine Haltung zu kultivieren, die mit offenem und liebevollem Herzen dem Schmerz begegnet – nicht damit der Schmerz weggeht, sondern weil dieser Moment schmerzhaft ist. Zusammengefasst könnte man also sagen: Achtsames Selbstmitgefühl drückt sich aus als warmherzige, verbundene Präsenz.

Erstaunlicherweise eröffnet die mitfühlende Zuwendung zu den schwierigen Momenten und Seiten meiner menschlichen Existenz auch eine ganz neue Offenheit für die schönen, wunderbaren und genussvollen Facetten. Sie lässt mich also die volle Palette des Lebens viel intensiver (er-)leben – das ist wahre Lebens-Kunst, die es nicht nötig hat, irgendeinen Erfahrungsbereich auszuschließen! Und so tun sich auch neue Möglichkeiten auf, mit Freude und Leichtigkeit für mich und andere zu sorgen.

Selbstmitgefühl lernen

Nachdem das 8-wöchige MBSR-Programm (nach Jon Kabat-Zinn) schon seit 35 Jahren eine Möglichkeit bietet, Achtsamkeit zu trainieren und für die Bewältigung von Stress zu nutzen, gibt es nun mit dem 8-wöchigen MSC-Kurs (Mindful Self-Compassion, Achtsames Selbstmitgefühl) ein „Schwesterprogramm“, das gezielt und alltagstauglich die Entwicklung von Selbstmitgefühl unterstützt. MSC wurde von Christopher Germer und Kristin Neff entwickelt, die seit langem auf diesem Gebiet forschen.

 

In diesem Kurs kann – mit Hilfe von Meditationen, kurzen Vorträgen, Selbsterfahrungs-Übungen, Austausch in der Gruppe und Übungen für zu Hause – gelernt werden, Selbstmitgefühl im Alltag anzuwenden, die nachgewiesenen Wirkungen von Selbstmitgefühl zu verstehen, sich mit Freundlichkeit statt mit Kritik zu motivieren, belastende Gefühle mit mehr Leichtigkeit zu halten, herausfordernde Beziehungen zu verwandeln, mit Müdigkeit umzugehen, die durch das Geben von Fürsorge entstehen kann (z.B. Pflege) und die Kunst des Genießens und der Selbstwertschätzung zu üben.

Es braucht zwar Mut, sich auch den Bereichen im Leben zuzuwenden, auf die wir automatisch eher mit Abwehr reagieren, aber es ist zugleich eine ungeahnte Ermutigung, wenn wir uns selbst unverbrüchlich zur Seite stehen, was immer auch geschehen mag.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*