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Pilgern ist für Leila Dregger ihre Art des spirituellen Weges. Ihre Pilgerschaft beginnt – spontan beschlossen am Sonntagnachmittag – am Montagmorgen vor Sonnenaufgang. Ihre Wohngenossin schläft noch, als sie das stille Haus verlässt. An der Grundstücksgrenze nimmt sie einen Weg, den sie noch nie gegangen ist – und augenblicklich fühlt sie sich frei.

Ich muss nirgendwo hin. Niemand erwartet mich. Ich habe alles dabei, was ich brauche – Schlafsack, Ersatzkleidung, etwas Essen und Wasser, ein wenig Geld und „heilige Lektüre“. Ich liebe es zu pilgern: Im bewussten Be-Gehen unseres Planeten liegt so viel Präsenz für die Vorgänge in uns und um uns herum, so viel Bescheidenheit und Aufrichtung, dass Gehen für mich der beste Weg ist, näher zu kommen – näher an mich, an meine Gedanken und Erinnerungen, näher auch an das Land, das ich durchwandere, Schritt für Schritt für Schritt. Gehen als spirituellen Weg praktizierte der Mensch seit jeher: ob es die Bettelmönche in Indien waren, die Pilger des Mittelalters oder die Aborigines bei ihren Walkabouts.

Und wer weiß, was die Menschen zur Völkerwanderung inspiriert hat? Gehen liegt uns im Blut, ursprünglich lebte mensch nomadisch. Sesshaftigkeit, feste Behausungen, Landbesitz, der dann mit Gewalt zu verteidigen war, ist menschheitsgeschichtlich noch neu. Pilgern ist seit einigen Jahren wieder gefragt, als Weg zu innerem und äußerem Frieden. Ich selbst beziehe mich auf drei Menschen, für die Pilgern eine politisch-spirituelle Praxis ist. Der erste war eine Amerikanerin. Sie nannte sich Peace Pilgrim und sagte: „Ein Pilger ist ein Wanderer mit einer bestimmten Absicht.“ Peace Pilgrim machte sich 1953 auf den Weg, um für den Weltfrieden zu pilgern.

Sie gab all ihren Besitz auf, hatte nichts außer der Kleidung auf ihrer Haut und in einer Tunika eine Zahnbürste und ein paar Flugblätter mit ihrem Vorschlag für den Weltfrieden. In den nächsten 28 Jahren wanderte sie kreuz und quer durch die USA. Sie aß, was man ihr schenkte, schlief, wo man sie einlud, oder einfach draußen. Sie wurde von Schulen, Fernsehsendern, Festivals eingeladen und verbreitete überall ihre Botschaft: „Das ist der Weg zum Frieden: Überwinde Böses mit Gutem, Falschheit mit Wahrheit und Hass mit Liebe.“ Sie inspirierte Zehntausende von Menschen. Am 7. Juli 1981, mit 83, wurde sie von einem Auto erfasst und starb. Einen Tag vor ihrem Tod hatte sie in ihrem letzten Interview gesagt: „Mit Sicherheit bin ich ein glücklicher Mensch. Wie könnte jemand Gott kennen und nicht voller Freude sein?“

Gehen ohne Ziel

Für den nächsten, Claude AnShin Thomas, bedeutet Pilgern „gehen, um zu gehen“. Als Bettelmönch wandert der Vietnam-Veteran und Zen-Buddhist an Schauplätze des Krieges und des Gedenkens, er ging weite Strecken von Auschwitz nach Hiroshima, besuchte alle Gedenkstätten Deutschlands, pilgerte durch die USA. Auch er geht mit seinen Gruppen ohne Geld, bittet um Essen und einen Schlafplatz und versucht, an Orten des Schmerzes, des Gedenkens und der Gewalt Zeugenschaft abzulegen. „Bei einer Pilgerreise geht es nicht vorrangig um das Gehen oder Wandern. Es geht darum, was uns hilft, unser Selbst tiefer und genauer zu ergründen. Wenn ich damit beschäftigt bin, ein Ziel zu erreichen, dann kann ich all den Reichtum, all die Fülle, die das Leben mir im gegenwärtigen Augenblick bietet, nicht sehen; ich bin nicht da.“

Die dritte, Sabine Lichtenfels, Friedensbotschafterin und Mitgründerin von Tamera, leitete mehrere Friedenspilgerreisen an, durch Israel-Palästina, durch Kolumbien, und pilgerte in Trockengebieten von Kalifornien und Südeuropa für das Wasser. Mehrmals war ich dabei. Es war ein tiefes Erlebnis, gemeinsam mit Einheimischen und Internationalen zu Fuß durch ein Krisengebiet zu gehen, durch Militärcamps, Flüchtlingslager und Siedlungen, und von Bauern, Bürgermeistern und Siedlern bewirtet zu werden. Wir wurden Zeugen von Zerstörung, aber auch von Versöhnung. Einige der mitpilgernden Menschen lebten in einer realen Situation der Bedrohung und alltäglichen Gewalt, einige hatten Freunde, Geliebte und Kinder im Krieg verloren oder waren sogar selbst zu Tätern geworden.

Für ein paar Tage oder Wochen konnten sie austreten und Zeuge ihrer selbst werden auf diesem Weg nach innen. Sie fanden Gebete, die ihren Willen für ein friedliches Leben stärkten. Gelegenheiten für Gespräche zwischen Freunden und Feinden entstanden und all die Situationen, die eine Pilgerschaft mit sich bringt: gegenseitige Hilfe, geteiltes Essen, Interesse aneinander, Kennenlernen. Solche Pilgerreisen erzeugen Gemeinschaft. Sie können mithelfen, Feindschaft und feindliches Denken überhaupt zu überwinden. Sie schaffen die Voraussetzung für Frieden mit sich selbst und mit dem, was uns umgibt. Wir wurden trotzdem manchmal gefragt: Warum macht ihr eure Friedensdemonstration in der Wüste, wo euch niemand sieht? Was könnt ihr so bewirken? Natürlich gibt es viele Aktionen, die wir gegen den Krieg unternehmen können und die wir auch unternehmen müssen.

Gleichzeitig weiß ich: Wir können auf der Welt nur so viel Frieden erzeugen, wie wir im Inneren geschaffen haben. Wenn wir eine wirksame Kraft werden wollen, die aktuelle und weitere Kriege unmöglich macht, brauchen wir – neben den Aktionen im Äußeren – ein Wissen über die Kriege in unserem Inneren.

Kraftsätze

Ich bin auf meinem Weg zu mir, ich bin auf meinem Weg zu Gott. Diese Sätze habe ich in der letzten Woche viele tausend Mal im Rhythmus der Schritte vor mich hingedacht. Die Schritte – die ersten bei Sonnenaufgang, wenn die Beine noch steif sind, bis zu den letzten, wenn die Füße müde sind, aber beim Anblick des Schlafplatzes wieder schneller werden –, all die Schritte, gegangen an Flussläufen und Autobahnen, durch Städte und Industriegebiete, durch verfallene Dörfer und einsame Bergtäler, über steinige Pfade oder vorbei an Agrarmonokulturen – diese Schritte hallen in mir noch nach.

In ihrem Rhythmus begannen sich Sätze zu formen, Kraftsätze, kurze Gebete, die sich zu einer langen Kette zusammenfügten. Die, die Kraft gaben, blieben, die anderen gingen wieder verloren. Irgendwann löste sich meine Aufmerksamkeit von den Sätzen, sie beteten sich von selbst, um mir einzeln immer wieder entgegenzuleuchten, während der Weg unter mir vorbeiglitt und die Landschaft durch mich hindurchfloss; es war eine Informationskette, die sich zusammenfügte wie ein heilsamer DNS-Strang für die bewusste Einübung von Freude, Zeugenschaft und Liebe.

Ich bin auf meinem Pilgerweg. Ich bin auf meinem Weg zu Gott. Gott zeigt sich in allen Dingen.

Ein Pilgerweg ist ein Weg „zu Gott“. Was für ein Glück, ein solches Ziel zu haben. Wofür immer das Wort Gott steht (immerhin sagt die Bibel: Du sollst dir kein Bildnis machen!), für mich war es eine Freude, ihm Schritt für Schritt für Schritt entgegenzulaufen. Mal war es ein blühender Baum, auf den mein Blick fiel, ein Vogelruf, in dem er sich zeigte, und manchmal wohnte er sogar in einer Kirche. Ich lernte, ihn auch in Industriegebieten zu sehen oder vielleicht in einer weggeworfenen Flasche, in der sich die Sonne spiegelt.

Ananda sei mein Kompass!

Ananda, die Lebensfreude des Daseins selbst, die Freude ohne äußeren Grund. Manchmal stürmte sie mir jubelnd entgegen, und ich lächelte froh zuruck. Manchmal, wenn ich dunkle Gefilde in meinem Inneren durchwanderte, war bloß die Erwähnung des Wortes Ananda ein Hohn und eine schmerzhafte Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Aber die Entdeckung war: Ich konnte Lebensfreude einüben, allein durch diesen Kraftsatz. Es ist, als wenn man ein Pendel leicht, aber beharrlich anstößt – irgendwann schlägt es von selbst weiter.

Überflüssiges nimm von mir!

Die Erinnerung an eine Lüge, eine Schuldverschiebung oder an einen gehässigen Gedanken bleibt beim schweigenden Wandern Stunde um Stunde im mentalen Kreislauf, legt sich wie Mehltau auf das Gemut – als schlechte Laune, Unruhe oder Müdigkeit. Die kannst du nicht ausagieren oder einem anderen anlasten, denn du schweigst und bist Zeugin nur deiner selbst. Du musst in diesen Spiegel blicken, musst die Schatten an dein Herz nehmen, bevor du sie bereinigen oder einfach fallen lassen kannst. Ich will Zeuge sein. Zwischen Schnellstraßen und Steinbrüchen und einer großartigen Bergkulisse stelle ich mir vor, dass sich die ganze Welt in mir befindet. Alle Schönheit, alle Probleme, alle Kriege: gespiegelt auf dem Grund meiner selbst. Was wäre der heilende Gedanke, was wären die heilenden Schritte, wenn ich die Welt wäre? Wo läge der archimedische Punkt für eine Veränderung?

Aus der Ruhe kommt die Kraft

Nach einigen Tagen tauchen die inneren Monster auf. In stillen Dialogen, in Träumen: Kriegsbilder. Ich sehe Bilder der Grausamkeit – Andersgläubige, die im Namen der Kirche ermordet werden, die Kälte der Täter, den Blick der Opfer, die ein letztes Mal auf das Licht der Welt blicken. Ist denn niemand bei ihnen? Wo kommen diese Bilder her? Ist das die Realität, die jetzt in diesem Moment irgendwo geschieht? Oder ist das meine eigene karmische Erinnerung? Ich bin an der Quelle des Krieges. Ich weiß: Die Opfer, die Täter – das könnte ich sein. Wenn wir nicht verstehen, dass wir uns nicht unterscheiden von den Wärtern von Auschwitz, wird es Auschwitz wieder geben, sagt Claude AnShin Thomas. In mir festigt sich der Wille, nicht mehr die Augen zu verschließen vor dem Elend der Welt, sondern wenigstens das: bei ihnen zu sein, ihr Leid zu sehen, es zu bezeugen.

Meine Schritte gegen den Krieg

Ich weiß, dass viele Menschen, gerade aus der spirituellen Szene, sagen, es bringe nichts, gegen etwas zu sein. Mir geht es da anders. Wenn ich mir vor Augen führe, welche Gräuel begangen werden im Namen einer weltweiten Konzernherrschaft, im Namen der Feigheit, der Dummheit und der Ignoranz – dann will und muss ich mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen stemmen. Ich brauche das Dagegen, aber selbstverständlich auch ein Dafür: Perspektiven fur den Frieden, Strategien, Visionen für ein anderes Leben.

Danke für das Leben! Ja, danke für jeden Grashalm, für jedes winzig kleine Käferchen, fur die Erde unter meinen Fußen. Danke auch für das Leben in mir, ob es sich als Müdigkeit oder Schmerz in den Knöcheln ausdrückt oder als Regung in meinem Herzen: Danke!

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