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Raum für eine gemeinsame Zukunft

Zusammensein mit Kindern kann mehr sein, als einfach Zeit mit Kindern zu verbringen. Das gemeinsame Erschaffen authentischer Erlebnis- und Begegnungsräume mit Kindern entspricht gleichermaßen unserer Lebensaufgabe und unserer ureigenen vitalen Lebensfreude – wirklich geteilter Raum ist gelebter Traum.

 

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine Tochter geboren wurde. Direkt nach der Entbindung sind wir nach Hause gefahren. Obwohl ich nur ein paar Stunden weg war, war danach nichts mehr wie vorher. Was mir besonders auffiel, war, dass meine Wahrnehmung sich sehr verändert hatte. Ich reagierte empfindlicher auf Licht und Geräusche und nahm die Temperaturen-, Wetter- wie auch Gefühlsschwankungen um ein Vielfaches intensiver wahr. Zuerst staunte ich, wie Hormone „high machen“ können, und diese sensiblen Wahrnehmungen hielten auch eine Weile an. Der erste Spaziergang mit dem Kinderwagen erschöpfte mich regelrecht, allein von der Fülle der Eindrücke, Geräusche und Empfindungen. Als ich mir dazu die Reaktionen meiner kleinen Tochter ansah, hatte ich das Gefühl, dass ich auf ihr Wahrnehmungsniveau sensibilisiert worden war. Die kleinen Babys haben die riesige Aufgabe, ihre Grenzenlosigkeit, mit der das Wesen ja noch verbunden ist, in den kleinen menschlichen Körper und damit in den dreidimensionalen Raum zu integrieren (die vierte Dimension der Zeit spielt ja erst mal noch gar keine Rolle für sie). Wow, was für eine Leistung! Diese Ganzheitlichkeit und Grenzenlosigkeit des Erlebens ist das, was mich an Kindern schon immer am meisten fasziniert hat. Es ist ihr erstes Geschenk, ihre Ursprünglichkeit, ihre Offenheit und Verbundenheit mit allem. Diese sollte sich idealerweise in einem liebevollen, achtsamen und schützenden Raum entwickeln dürfen.

Von da an versuchte ich, meiner Tochter – und allen anderen Kindern, die ich in ihrem Leben ein Stück begleiten durfte – immer einen „schützenden Rahmen“ zu geben und ihre Wahrnehmungen und Bedürfnisse zu berücksichtigen, so gut es ging.

 

Ganzheitliches Erleben

Wenn ich heute im Freundeskreis Babys und Kleinkinder beobachten kann, bin ich immer wieder fasziniert, wie sie ihr emotionales Erleben ausdrücken – sie repräsentieren für mich eine vorbildliche Ganzkörperlichkeit. Wenn sie sich freuen oder lachen, lacht der ganze Körper mit und freudiges Zappeln oder Zucken durchfließt sie von der Haarwurzel bis zur Zehenspitze. Wenn ich das beobachten kann, freue ich mich sehr über die kleinen Lehrmeister/innen, gehe in Resonanz mit dem ganzheitlichen Erleben, und eine kleine Entspannung durchströmt mich. 

Ebenso ganzheitlich reagiert ein Kleinkind auf Schmerzen oder Schrecken. Der gesamte Körper bäumt sich auf oder zuckt zusammen und das Kind schreit „aus vollem Leibe“, mit allem, was es hat. Das Erleben von Gefühlen oder Geräuschen kann Kleinkinder in dem für sie total verdichteten dreidimensionalen Raum regelrecht überfluten. Sie geraten dann manchmal richtiggehend außer sich. Das kann durch Lärm oder Aufregungen positiver Art (Freude, Besuch) oder negativer Art (Streit, Ärger) ebenso wie durch die Vorgänge im Körper (Verdauung, Wachstumsschmerzen, Unwohlsein) ausgelöst werden. Das kleine Kind erlebt sich selbst sehr intensiv in einem Schmerzensraum. Auch dieses Erleben ist Teil seiner Identitätsbildung, denn es spürt sich selbst und seine Grenzen.

In diesem Fall bleibe ich bei mir, gebe dem Kind meine Aufmerksamkeit und Präsenz und strahle möglichst Ruhe aus. Dieses Dabeibleiben, dieses „ja, ich sehe dich“ kann dem Kind Halt und Orientierung geben und signalisiert: „Hier ist Hilfe“, „Hier ist Beistand“, „Auch diese Erfahrung ist in Ordnung“. In dieser Resonanz kann das Kind wieder zu sich finden. Auch können da achtsame Berührungen (zur Erdung) und/oder eine liebevolle, beruhigende Ansprache hilfreich sein. Das ermöglicht es den jungen Menschen, neue Erlebnisräume zu erobern, die zur weiteren Entwicklung sehr wichtig sind.

 

Den Raum erspüren

Was ich hier beschreiben möchte, sind die ersten Schritte von Raum-Erleben und Raum-Erobern. Das Kind lernt durch das Erleben und den Kontakt im Außen Schritt für Schritt seinen neuen Lebensraum zu erobern. Alles wird unermüdlich erprobt und unzählige Male wiederholt. Das Kind lernt im „Versuch-und-Irrtum“-Modus und übernimmt dabei das Wertemuster und die Wertestrukturen der Eltern und des sozialen Umfeldes. Es reagiert weniger auf das, was man ihm sagt, als auf das, was man ihm vorlebt.

Kinder haben einen sehr gut ausgeprägten Spürsinn für unsere verdrängten und oft weniger bewussten Themen. Sie ertasten, erspüren den Raum, sie folgen dem echten energetischen Geschehen, der Energie an sich. Sie machen nicht das, was sie „sollen“ oder was man ihnen sagt, sondern sie machen das, was ihnen ihre Vorbilder, ihre Bezugspersonen vorleben, sie ahmen das nach, was man tut.

Wir geben im Erwachsenenalter viel Geld aus und laufen von Workshop zu Workshop, um Zustände authentischer Freiheit wiederzufinden und bewusst zu erleben. Dabei haben viele die besten LehrmeisterInnen zu Hause oder im näheren sozialen Umfeld, nehmen diese aber leider viel zu oft nicht wahr.

Ich glaube, wovor viele Eltern unbewusst zurückschrecken, ist die Nähe und Präsenz, die die Kinder eigentlich einfordern. Denn dabei werden sie ebenfalls gefordert, mit sich selbst, ihren Licht- und Schattenseiten, zu sein. Leider erlebt darum nicht jeder die Elternschaft als Weg zur totalen Präsenz, was er eigentlich ist.

 

Zeit des Teilens

Viele Eltern versuchen die vielen kleinen kindlichen Anliegen und Gefühlsäußerungen mit diversen Ablenkungen, Bewegungsangeboten, Ersatzbefriedigungen (zum Beispiel Essen) zu bedienen oder mit Druck oder gar Nichtbeachtung abzuweisen, weil sie selbst eine bestimmte Situation und ein dabei hervorgerufenes Gefühl nicht aushalten können.

Zudem sind Erwachsene in ihrem Tagesablauf eingespielt, und ihre Weltanschauungen sind geprägt und gefestigt. Nun soll plötzlich alles anders sein. Die Eltern werden in der Vorstellung gestört, was jetzt wie zu sein hat. Zu diesen Vorstellungen gehören auch die vielen liebgewonnenen Gewohnheiten: meine Lieblingssendungen im Fernsehen, mein Sportabend, mein Sprachkurs, und „ich muss unbedingt einen Abend die Woche ganz für mich haben…“. Wenn statt der interaktiven Erlebniswelt mit dem Kind überwiegend die alten Gewohnheiten und der Status quo aufrecht erhalten werden sollen, sind Spannungen und Konflilkte vorprogrammiert. Natürlich muss man nicht sein ganzes bisheriges Leben aufgeben, aber Elternschaft fordert einen Lebensabschnitt des Teilens der Zeit mit dem Kind. Kinder brauchen Zeit, Anregungen, Beistand! Und sie fordern gnadenlos Authentizität.

Viele Querelen entstehen einzig und allein daraus, dass das Kind Aufmerksamkeit einfordern m u s s, weil es sie sonst oftmals neben den „normalen“ Tagesabläufen und Versorgungstätigkeiten nicht ausreichend bekommt. Und damit meine ich nicht die Quantität, sondern die Qualität, die echte Präsenz.

 

Präsenz gefragt

Wie können wir präsent sein, wenn wir doch mit den Gedanken schon wieder bei den nächsten Taten und Aufgaben sind? Wie kann meine Aufmerksamkeit hundertprozentig sein, wenn nebenbei immer der Fernseher läuft? Wie aufmerksam kann ich kochen oder mit dem Kind spielen, wenn ich dabei telefoniere? Wir haben uns zur „nebenbei“-Gesellschaft entwickelt.

Kinder lernen schnell. Sie schwingen sich auf die Verhaltensstrukturen ihrer direkten privaten Umgebung ein. Viele der heutigen „schwierigen“ Jugendlichen hatten meiner Meinung nach zu wenig miteinander geteilte Räume, zu wenig Erleben echter Gemeinsamkeit und Innerlichkeit (erlebte innere Erfahrungen) und konnten dadurch zu wenig Identität entwickeln. Inhalte sind mittlerweile konsumierbar geworden, und das Individuelle verschwindet mehr und mehr. In der Gesellschaft herrscht „schnelles“ Erleben im Außen vor. Plakative Werte wie Besitz, Prestige und Berühmtheit stehen der ungelebten und ungeklärten Emotionalität gegenüber, die an den Rand gedrängt und nicht aufgearbeitet wird. Verhaltensweisen bis hin zur Omnipotenz werden in Computersimulationen „erlebt“ und erprobt. (Second Life, Rollen- und Ballerspiele etc.) Echte Gefühle erschrecken und werden überwiegend mit Hilfe von Alkohol und enthemmenden Drogen zugelassen. Wir brauchen hier keine gruseligen Szenarien zu entwerfen, weil wir dafür ja genügend Fernsehkanäle und Zeitschriften haben, die permanent auf den entsprechenden Frequenzen senden und kommunizieren.

 

Gemeinsam für die Zukunft

Wir haben die Wahl, wie wir den Kindern begegnen wollen. Allein schon in der aufrichtigen Frage: „ Wie kann ich meine Bedürfnisse in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen des Kindes bringen?“, eröffnet sich ein Raum, der für beide ein Segen ist. Es bedarf keiner Regeln oder Glaubenssätze, sondern nur eigener Seelenhygiene und aufmerksamen Beobachtens. Mit Kindern zu sein ist immer noch eines der aufregendsten Abenteuer der heutigen Zeit, weil wir von ihnen noch Authentizität lernen können, ganzheitliches Erleben, Spontaneität, Lebensfreude, Lebenslust, Neugierde, um nur einige der Qualitäten zu nennen. Auf der anderen Seite geben wir ihnen echte Aufmerksamkeit, unser Mitgefühl und unsere Zeit und gestalten damit aktiv an unserer gemeinsamen Zukunft mit. Wie diese Zukunft aussieht, liegt an uns – und es ist so einfach!


Abb.: © Alena Yakusheva – Fotolia.com

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