Wenig berührt und verwandelt uns so sehr wie das Elternsein. Elternsein ist ein Transformationsprozess, in dem wir nicht darum herumkommen, uns selbst zu begegnen.

von Anne Hackenberger

Schwangerschaft und Geburt –
Ausdehnung und Initiation

Schon die Schwangerschaft ist ein kontinuierliches Ausdehnen. Der Bauch wächst und mit ihm unser geistiger und emotionaler Horizont. Themen rücken in unsere Aufmerksamkeit, die uns vorher nur am Rande interessierten oder die wir nicht in den Blick nehmen mussten, weil es auch so ging. Plötzlich wird es wichtig(er), wie es uns geht, weil unser emotionaler und körperlicher Zustand direkt mit dem des Babys gekoppelt ist. Es wird wichtig, Raum für unsere Gefühle zu schaffen, die während der Schwangerschaft an die Oberfläche kommen.

Darunter haben sie uns schon unser ganzes Leben lang begleitet, aber nun ist es, als ob der dämpfende Filter des Alltags nicht mehr wirkt und wir sie intensiver, eben ungefilterter wahrnehmen. Und nicht immer ist das nur Vorfreude und Glück, sondern oft auch Angst, Unsicherheit, vielleicht auch Trauer. Es ist, als würde uns das Leben zurufen: Das hier wird intensiv. Deine bisherigen Strategien werden nicht funktionieren. Deine volle Aufmerksamkeit wird hier gebraucht. Schenke sie dir und deinem Körper. Deinen Gefühlen. Deinen Gedanken.

Nach dieser Phase der Ausdehnung kommt die wohl größte Transformation: die Geburt. Wir verwandeln uns von der Schwangeren zur Mutter. Während der Geburt leisten wir Unglaubliches. Die wenigsten Frauen würden sich im normalen Alltag eine solche Leistung zutrauen. Wir wachsen förmlich über uns selbst hinaus und überwinden alles, was wir jemals als Grenze abgesteckt hatten. Wir erleben eine Kraft, die man nur als Initiation beschreiben kann. Und das ist gut so, denn wir werden sie in Zukunft brauchen. Nach einem solchen Erlebnis werden wir nie wieder dieselbe sein. Etwas in uns hat sich verwandelt. Es ist eine Grenzerfahrung. Die erste von vielen, die wir während unseres Elternseins erleben werden. Und: Wir haben nicht nur uns selbst neugeboren, sondern natürlich auch ein Baby. Einen winzigen Menschen, der ab jetzt unser Leben maßgeblich beeinflussen wird. Das ist wunderschön. Und auch ziemlich beängstigend.

Elternsein – Wenn das (innere) Kind erwacht

Ehrlicherweise wechseln wir ab nun nicht nur Windeln, sondern unsere gesamte Identität. Manchmal vermissen wir unser altes Leben vielleicht, aber meistens haben wir dafür gar keine Zeit. In dieser Phase sind wir voll und ganz mit dem Versorgen beschäftigt und natürlich auch damit, überhaupt den Alltag zu überleben. Sich selbst zu spüren ist gar nicht so leicht zwischen Stillen, Trösten, Wickeln. Eine Weile kann unser System das kompensieren. Es ist in Ordnung, jemand anderen an die erste Stelle zu stellen und sich mit seinen eigenen Bedürfnissen zurückzunehmen. Irgendwann aber merken wir: Etwas in mir braucht meine Aufmerksamkeit genauso sehr wie mein Kind. Immer dann, wenn wir in Kontakt kommen mit starken Gefühlen oder Körperempfindungen, die uns so vielleicht noch nicht begegnet sind und die uns mitunter an jene erinnern, die wir selbst als Kind erlebt haben.

Denn das Zusammensein mit unserem Kind und das Elternsein bringt uns mit vergangenen Erfahrungen in Kontakt, die in unserem Nervensystem gespeichert sind und nun durch Erlebnisse mit dem Kind in der Gegenwart reaktiviert werden. Das können schöne Erinnerungen sein. Aber eben auch schwer auszuhaltende Gefühle. Wir kommen in Kontakt mit Ohnmacht, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Angst, Wut. Und meistens sind es eben nicht nur die Gefühle, die zu dem aktuellen Erleben passen, sondern mitunter ganz andere, stärkere. Das liegt daran, dass das Leben mit unseren Kindern in uns jene neuronalen Erinnerungen wachruft, die sich in unserer Kindheit gebildet haben, als wir Situationen erlebt haben, die für uns als Kind schwer auszuhalten waren.

Die wenigstens von uns haben eine Kindheit erlebt, in der alles glatt lief. Ich würde sogar behaupten, dass das gar nicht möglich ist. Wir alle haben Situationen erlebt, in denen die Eltern unsere Bedürfnisse nicht so erfüllen konnten, wie wir es gebraucht hätten. Wenn unsere Eltern dazu über längere Zeit nicht in der Lage waren oder vielleicht sogar niemals, dann musste unser kindliches System mit der daraus resultierenden Notlage einen Umgang finden. Um den Schmerz darüber nicht permanent spüren zu müssen, wurde er gewissermaßen verbannt. Quasi eingefroren. Die Gefühle in jenem Eisblock in uns haben allerdings die Zeit überdauert und sind jederzeit reaktivierbar. Der Eisblock wird aufgebrochen, wenn wir mit unseren Kindern in Situationen kommen, die unser Nervensystem an jene erinnert, in denen wir selbst als Kind innere Not erlebt haben. Wenn diese Erinnerung in uns aktiviert wird, dann kommt zu den aktuellen Gefühlen, die mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben, noch ein ganzes Paket oben drauf: eben all jene Gefühle von damals.

Die gesamte Packung kann dann ganz schön überwältigend sein und uns zu Reaktionen gegenüber unserem Kind bringen, die der aktuellen Situation eigentlich nicht angemessen sind und uns hinterher oft sehr leidtun.

Verarbeitung der eigenen Kindheit

Ich habe beobachtet, dass je nach Lebensphase unserer Kinder unterschiedliche neuronale Erinnerungen in uns reaktiviert werden. Manchmal ist es, als ob wir parallel mit unseren Kindern diese einzelnen Phasen der Kindheit während des Elternsein noch einmal durchleben. Leider ist es allerdings nicht so, dass sich mit dem Übertritt in eine neue Phase, z.B. der vom Baby ins Kleinkindalter, ins Schulalter oder in die Pubertät alle inneren Themen, die zu dieser Phase unseres eigenen Lebens gehörten, erledigt hätten. Im Gegenteil. Es ist eher so, dass wir immer mehr innere Anteile von uns kennenlernen, die sich in diesen unterschiedlichen Lebensabschnitten gebildet haben, während unsere Kinder immer größer werden. Wenn wir diese Anteile denn überhaupt bewusst wahrnehmen. Denn nicht selten geben wir eher den Kindern die Schuld an unseren unangenehmen Gefühlen.

Unsere Kinder sind aber nicht für unsere Vergangenheit verantwortlich. Und wir übrigens auch nicht. Aber für die Gefühle, die daraus resultieren. Wir Erwachsenen im Elternsein sind es, die sich um diese Gefühle kümmern können und unsere eigenen inneren Kinder nachbeeltern dürfen. Denn: Auch wir sind nicht einfach grundlos wütend, aggressiv, laut, genervt. Sondern weil etwas in uns Hilfe braucht und gesehen werden will. Ein Gefühl, dass damals keinen Platz hatte, weil es nicht erwünscht war oder zu gefährlich. So kann es sein, dass der ausgeprägte Willen meines Kindes mich so stark daran erinnert, wie schmerzhaft es war, als mein eigener Wille nicht respektiert wurde, dass ich mich erst einmal um diesen alten Schmerz kümmern muss, bevor ich mich gut auf mein Kind einstellen und mich über seine Willensstärke freuen kann. Mein Verstand sagt mir vielleicht, dass es okay ist, dass mein Kind so sehr für sich einsteht. Aber ein Gefühl in mir drin sagt eben etwas anderes. Beispielsweise kann das Loslassen meiner Kinder in den Kindergarten, in die Schule, in ihr eigenes Leben mich in Kontakt bringen mit meiner Verlustangst, die sich bei der Trennung meiner Eltern entwickelt hat, und mich davon abhalten, sie frei und freudig gehen zu lassen, obwohl ich weiß, wie wichtig das wäre.

Den Kreislauf durchbrechen

Immer dann, wenn wir als Eltern das Gefühl haben, von unseren Gefühlen überwältigt zu werden, oder wenn die Gefühle und Körperempfindungen nicht zur aktuellen Situation passen, dann ist das ein Hinweis auf eigene innere Themen, die uns im Kontakt mit unseren Kindern im Weg stehen. Dann ist es gut, sich diesen Themen zuzuwenden und sie nicht durch erzwungene Freundlichkeit zu unterdrücken oder an unseren Kindern auszuagieren. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass unsere Kinder uns immer wieder die Gelegenheit geben, noch mehr von uns selbst kennenzulernen und jene alten Verletzungen nach und nach zu versorgen. Diese Versorgung muss nicht allein passieren. Oft ist es gut, sich dabei Unterstützung zu holen.

Manchmal bleiben Narben. Niemand muss ganz und gar genesen sein von seinen kindlichen Verletzungen, um gut Eltern sein zu können. Eltern zu sein ist aber eine Chance, Licht ins Dunkel zu bringen und unsere inneren Kinder nach Hause. Wenn wir uns gut um unsere eigene Innenwelt kümmern, dann wird das Elternsein immer leichter und vor allem: lebendiger. Wir sind dann nicht länger gezwungen, uns in unserer Elternschaft von alten Ängsten leiten zu lassen oder unsere Lebenskraft in der Unterdrückung alter Wut zu verlieren. Wir können unsere Lebenskraft hier und jetzt mit unseren Kindern teilen und so bewusst Eltern sein. Wir durchbrechen den Kreislauf, indem wir unseren Kindern lebensfreundlichere Erfahrungen ermöglichen, als wir sie als Kind gemacht haben. Uns um unsere eigenen inneren Themen zu kümmern und die alten Verletzungen nicht zu Waffen gegen unsere Kinder werden lassen und so in die nächste Generation zu tragen, sind das größte Geschenk, das wir ihnen machen können, und ein wesentlicher Beitrag zu mehr Frieden auf dieser Welt.

Über den Autor

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ist international als Paar- und Familientherapeutin und Transformationsbegleiterin für Eltern tätig. Ihre Jahresgruppe für bewusste Elternschaft startet wieder im März 2023.

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