Viele Menschen sehnen sich nach einem Leben auf dem Land. Doch nur wenige wagen es, dieser Sehnsucht zu folgen. Wir sind ihr gefolgt. Es ist ein Weg mit Vor- und Nachteilen. Aber er hat sich absolut gelohnt. Um davon zu erzählen, haben wir die Raumpionierstation Oberlausitz gegründet.

von Arielle Kohlschmidt

Irgendwo in der Tiefe haben wir alle die Sehnsucht nach dem Ländlichen. Was genau sucht mein Sehnen da? Vielleicht dies: Ich bin in einer Landschaft. Ich bin einfach da, sehe, höre und spüre. Dies ist eine Landschaft mit Wiesen und Bäumen, ein Bach fließt hindurch. Insekten schwirren. Ein Reh äst am Waldesrand und ein leichter Wind streift mein Gesicht. Sonne und Wolken malen den Himmel. Alles lebt. Die Stille wird zur Fülle. Ich höre das Regenlied, das friedliche Gurgeln des Baches, das Pfeifen des Waldes.

All meine Bedürfnisse haben sich in diesem Moment aufgelöst. Es herrscht Frieden. Was einmal selbstverständlicher Teil des Alltags war, weil es weit und breit nur ländlichen Raum gab, wird heute zum Event oder zum temporären Aufenthaltsort, weil wir dort Entspannung suchen, wo wir nicht leben – manchmal auch suchen müssen, um unserem selbst geschaffenen „Viel-zu-Viel“ zu entkommen. Im Grunde leiden wir als Bewohner von Städten ständig: Die schlechte Luft, der Lärm, die Enge – all dies ist weder Geist noch Körper zuträglich. Nur sind wir so gewöhnt an dieses Leiden, dass wir es für normal halten. Ärzte machen nun ein „Natur-Defizit-Syndrom“ aus oder kämpfen gegen das „Sick Building Syndrome“.

Das wird natürlich alles wissenschaftlich erforscht, was heutzutage immer wichtig ist, denn mit der Zivilisation ist auch unsere Intuition verloren gegangen. Wir handeln vernünftig, nach Plan und rationaler Erkenntnis. Unsere Kinder werden derweil von der Natur entfremdet. Sie glauben an lila Kühe und haben keine Ahnung, woraus Ketchup gemacht wird. Manche ekeln sich, wenn sie das erste Mal sehen, dass eine Kartoffel unter der Erde wächst.

Wir brauchen Natur …

Glücklicherweise leiden wir noch – und fühlen somit unsere Lebendigkeit. Das Leiden kann unser Humus für Veränderung sein. Wir begeben uns auf die Suche nach dem Glück und kaufen uns vielleicht schöne Zeitungen wie zum Beispiel die „LandLust“, das auflagenstärkste Magazin im deutschen Raum, das die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande bedient. Hier kann man beispielsweise etwas über das japanische Waldbaden lesen, hierzulande anerkannt als „Stress-Management-Methode“. Wir wissen nun: Waldbaden ist gut für das Herz, das Immunsystem, den Blutdruck und natürlich für die Herzratenvariabilität. Aber nicht nur das: Schon nach 90 Minuten in den Armen von Mutter Natur grübeln wir weniger und machen uns weniger Sorgen. Wir entspannen nicht nur, weil die Luft besser ist und das Tageslicht unser Hormonsystem anregt, sondern auch, weil ein tieferes Bedürfnis nach Verbundenheit mit der Erde erfüllt ist, weil wir sofort spüren, hier Teil eines sinnvollen Ganzen zu sein.

Die Yogis sagen, dass in der Stadt die Energie der Erde nur bis zum Knie reicht. Auf dem Land geht sie über die Bäume hinaus. Kein Wunder, dass wir uns dann gleich besser fühlen. Aber warum bleiben wir nicht gleich da, wo wir so viel Gutes finden?

… und Wagemut

Weil der Weg aus der Stadt hinaus aufs Land mit einigem Wagemut gepflastert ist. Das wirklich wilde Leben findet nämlich in der Wildnis statt. Wo sonst? Etwa im Naturerlebniszentrum? Das wilde Leben findet man dort, wo nicht die ganze Nacht ein Späti offen hat und eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellt. Es findet sich dort, wo ich mich nicht Tag und Nacht unterhalten und berieseln lassen kann. Dort, wo ich alles selber in die Hand nehmen muss. Und auch dort, wo ich wenigstens mal nachfühlen kann, was es denn bedeuten könnte, dass die Kartoffelernte wegen eines heißen Sommers mager ausfällt. Wo ich wenigstens ein bisschen das wirklich existentielle Spiel erfahren kann, das die Menschheit über all die vielen Jahre ihrer Existenz erfinderisch, hellwach und verbunden mit ihrer Gemeinschaft gehalten hat. Ich finde es dort, wo ich dem Sternenhimmel ganz nah bin und meine Füße auf echter Erde stehen.

Dorfleben

Diesen Schritt haben wir, mein Partner Jan und ich, vor neun Jahren gewagt. Nun wohnen wir in einem kleinen Dorf an der Neiße. In einem alten Haus, welches wir nach und nach ausbauen, mit einem schönen Garten, der ebenso Schritt für Schritt – denn wir wollen ja keinen neuen Stress erzeugen – zu einem Paradies wird. Es ist ungeheuer erdend, ebenerdig zu wohnen. Mit unserer Kreativagentur besetzen wir eine Nische. Die gibt es hier allerorten noch leicht zu finden. Als ich zum Beispiel keinen Kundalini-Yoga-Kurs fand, habe ich selbst eine Ausbildung gemacht und unterrichte nun Yoga und Meditation. Bereut haben wir unseren Schritt bisher nicht. Was nicht heißt, dass uns nie etwas gefehlt hätte.

In der ersten Zeit war es „die Stadt“ im Allgemeinen, später dann das „Essengehen“, noch später „thailändisch wär‘ mal schön“. Jetzt ist auch dies verhallt. Wir kochen einfach selbst – mehr und vielfältiger als früher. Unsere Dorfgemeinschaft hat uns herzlich willkommen geheißen – nicht zuletzt weil wir auf unsere neuen Nachbarn zugegangen sind. Zwei Katzen sind uns zugelaufen. Wir haben einen Sohn bekommen und viele neue Freunde gefunden.

Günstiger Raum wie Sand am leeren Neißestrand

Und dann eines Tages ist uns etwas ganz bewusst geworden. Wir werden hier immer weniger und Immobilien kosten einen Appel und ein Ei. Während der Rest der Welt und die Metropolen immer voller und teurer werden. Ist das nicht herrlich? Zum einen ja, zum anderen ist es glatt schade um das Kulturgut Dorfleben. Wo jeder jeden kennt, wo man sich hilft und zusammensteht. Und ist es nicht auch für viele leichter möglich geworden, ein Leben abseits der großen Städte zu führen? Werden hier nicht immer mehr Fachkräfte gesucht? Das muss doch irgendwie zusammenkommen können. Da wir ans Selbermachen inzwischen so gewöhnt sind, waren wir schnell bei dem Gedanken, dass wir das selbst unterstützen könnten – wir wollten eine Brücke zwischen Stadt und Land von Mensch zu Mensch bauen.

So gründeten wir die „Raumpionierstation Oberlausitz“ und beraten seitdem kostenlos Städter, die raus aufs Land wollen. Wir teilen einfach unsere Erfahrungen und erzählen, wie es ist: mit den Nachbarn, dem Internet, dem Stadtentzug. Außerdem bauen wir hier ein großes Netzwerk an Leuten auf, die ebenfalls den Weg aus der Stadt heraus gegangen sind, und fangen somit all die Neuen auf.

Temporäre Raumpionier-Landebahn

Am 6. Oktober eröffnen wir für sieben volle Stunden die temporäre Raumpionier-Landebahn in der Hafenstube Weißwasser. Hier treffen bereits ansässige Raumpioniere auf potentielle neue. Stadtpflanzen sprechen mit Landeiern. Raumpioniere erzählen ihre Geschichten und machen Mut. Immobilien werden vorgestellt, mit Dr. Wolf Schmidt sprechen wir darüber, ob Landleben Luxus ist, und weitere Experten werfen Blicke in die Zukunft der Dörfer. Die Teilnahme ist kostenlos, wir bieten auch eine Kinderbetreuung an (für beides Anmeldung erbeten) – und ab Berlin ist man via Cottbus in nicht einmal zwei Stunden in Weißwasser.

 

Author: Oliver Bartsch

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