Anja Mertens erzählt, warum sie und ihre Familie sich entschlossen haben, der Stadt den Rücken zu kehren und im Wald zu leben.

Als wir vor drei Jahren aufs Land zogen, standen als Grund für diesen Schritt zunächst Überlegungen im Vordergrund, die die negativen Aspekte einer Stadt wie Berlin zum Thema hatten: Hektik, Lärm und Künstlichkeit. Das Zuviel von all dem, was der Mensch macht und was ihn rastlos werden lässt. Statt getrieben zu werden von zahlreichen Ansprüchen, die fremdbestimmt, aber auch selbst diktiert waren, wollten wir temporeduziert ein einfacheres Leben führen, mehr genießen, weniger (lohn-)arbeiten und den wesentlichen Dingen näher kommen. Wir hofften, uns draußen wieder als Teil der Natur zu spüren und mit ihr verbunden in einem Körper zu Hause zu fühlen, der „richtige“ Dinge tun durfte: Holz anfassen, Feuer machen, in der Erde graben, bauen, säen und pflanzen, ernten und sammeln.

Wir wollten freier und unabhängiger von der Rundumversorgung in der Stadt und der mit ihr einhergehenden Verbraucher- und Konsummentalität werden. Eine teilweise Selbstversorgung mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten sollte ein erster Schritt in diese Richtung sein. Was wir nicht wollten: endlos ein großes Anwesen renovieren, viel Geld hineinstecken und Jahre auf einer Baustelle leben. Dann hätten wir die eine Abhängigkeit gegen eine andere eingetauscht. Das war nicht die Freiheit, die wir meinten. Leichter gesagt als getan. Leerstehende Häuser auf dem Land sind zahlreich: verlassene Höfe, Einfamilienhäuser, deren letzte Bewohner nach dem Wegzug der Kinder verstorben sind, sogar stillgelegte Bahnhöfe oder alte Geschäftshäuser – nur kleine Häuser sind selten.

Verliebt in eine Hütte

Also suchten wir lange das passende Haus mit einem Garten, der Platz für Gemüsebeete bot, und fanden es – wie es eben so ist, wenn ein Wunsch groß genug und das Schicksal gnädig ist – beinahe zufällig im Wald in einer ehemaligen Ferienhaussiedlung in der Lüneburger Heide. Ein Blockhaus von gut 40 Quadratmetern, das solide gebaut – aber wettergegerbt und zerzaust, wie von der Welt vergessen – sich dem riesigen urwüchsigen Garten angeglichen hatte, in dem es stand und der sich nicht wesentlich von dem ihn umgebenden Kiefernwald unterschied. Ein Bild wie einem alten Märchenbuch entnommen. Es fehlte nur noch ein alter Mann mit Kiepe oder ein weises Weib im langen geflickten Rock.

Stewart Dick meinte dazu in dem bereits vor über hundert Jahren erschienenen Buch “The Cottage Homes of England“: „Alte Hütten sind nicht aufdringlich. Sie beherrschen die Landschaft nicht, sondern sind damit zufrieden, ein Teil davon zu sein. Sie werden übersehen, bis man nach ihrer Schönheit Ausschau hält.“ Und so war es: Wir hatten die alte Hütte entdeckt, ihre Qualitäten wahrgenommen und uns auf der Stelle in sie verliebt. Hier, in diesem kleinen Haus, das selbst zu einem Stück Natur geworden war, konnte man zur Ruhe kommen, konnte beinahe ausblenden, dass es noch eine andere Welt gibt.

Kurzentschlossen griffen wir zu und pendelten fortan zwischen Berlin und der Heide hin und her, renovierten das Haus und verwandelten es von einer braunen Hütte in ein freundliches Schwedenhaus. Dann legten wir einen Garten an. Wir machten so viel selbst, wie es eben möglich war, als wachten wir eifersüchtig über das Wohl unseres Stückchens Erde, als dürfte kein Fremder in die Privatheit dieser Land- Leute-Beziehung eindringen. Und mit jedem Baum, den wir fällen mussten, damit die Sonne dem dunklen Waldgarten wieder neues Leben entlocken konnte, und dessen Holz wir für unseren Ofen zu Brennholz hackten, mit jedem Bäumchen, das wir setzten, jedem Busch, den wir pflanzten, verstärkten sich die Bande zwischen uns.

Wir lernten uns kennen bis in den Boden hinein, dessen hartnäckigem Netzwerk aus Blaubeerwurzeln wir mühsam Beete abrangen, den wir von Steinen befreiten, um aus ihnen Umrandungen zu bauen, und den wir mit unserem Kompost bereicherten.

Die Natur lockt

Eine Wochenendbeziehung entstand. Der Sinn des Lebens reduzierte sich mehr und mehr auf die Erwartung der freien Tage im Wald und ihren Genuss. Das reichte uns nicht lange. Der Unterschied zwischen Stadt und Land war zu groß, die pulsierende Atmosphäre Berlins, die uns immer begeistert und mit Lebendigkeit erfüllt hatte, wurde nun zur Bedrängnis und erzwang eine Entscheidung.

Wie wollten wir leben? Was tat uns gut? Unbemerkt hatte der Wald, die saubere Luft, die Schönheit der Tierund Pflanzenwelt uns umworben und gelockt. Oder wie Christian Morgenstern es ausgedrückt hat: „Auch der Baum, auch die Blume warten nicht bloß auf unsere Erkenntnis. Sie werben mit ihrer Schönheit und Weisheit aller Enden um Verständnis.“ Wir glaubten die Wahl zu haben, aber die Entscheidung war bereits gefallen. Der Wald hatte uns für sich eingenommen, wir fühlten uns bei ihm daheim, und so zogen wir nur wenige Monate später aufs Land. Und wie in jeder Beziehung gibt es Höhen und Tiefen, aber Zweifel an unserer Entscheidung hatten wir an keinem Tag. Nicht, wenn der Rücken von der Arbeit im Garten oder vom Holzhacken schmerzt, nicht, wenn uns Mücken und Bremsen verfolgen oder als wir lernten, der Einfachheit halber den vielen Zecken*, die sich jeden Sommer über uns hermachen, mit bloßen Händen zu Leibe zu rücken, nicht, wenn sorgsam umhütete Pflanzen doch eingehen oder Wühlmäuse die Beete verwüsten.

Nicht im Winter, wenn es kalt und einsam wird und die Dunkelheit so allumfassend ist, dass man sich nur am Feuer wohl und nur in der Nähe des Hauses sicher fühlt. Und auch nicht wenn die riesigen Kiefern, die das Haus umstehen und es winzig erscheinen lassen, gefährlich im böigen Wind schwanken und wenn uns nach einem Sturm im Wald ihre umgestürzten Verwandten unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen führen.

Arbeitsbeziehung

Landleben ist keine Landliebelei im Stil beliebter Hochglanzmagazine. Selbstgemachte Erdbeermarmelade in mit Stofflappen und handgeschriebenen Schildchen versehenen Gläsern malerisch dekoriert auf rustikal gedeckten Terrassentischen, Körbe gefüllt mit bunten Sommerblumen, die darauf warten, Shabby-Chic-Vasen zu veredeln, haben hier wie überall Seltenheitswert. Und auch man selber überzeugt recht selten in adretter Schürze und mit darin verstauter sauberer Schüppe und Rosenschere einen Besucher von seinen gärtnerischen Fähigkeiten. Statt bunter Clogs trägt man zum Schutz vor Brennesseln und Disteln lieber die meist von altem Dreck verkrusteten Gummistiefel, die schnell wie angegossen sitzen. Und die lauschigen Ecken, die es wirklich gibt, müssen ganz profan zunächst von Kiefernzapfen und Nadeln befreit, Spinnweben müssen weggewischt, Vogelausscheidungen abgekratzt werden, bevor man sich selbst dort ausruhen kann.

Eine Landliebe ist keine romantische Tändelei, sondern eher eine Arbeitsbeziehung. Handfest, schmutzig, uneitel, aber echt und verlässlich. Sie tut der Seele gut, weil man sich dort aufgehoben fühlt, wo man herkommt, und weil man langsam, sehr langsam Zusammenhänge ahnt, Wunder neu entdeckt und oft atemlos ist vor Staunen über so viel Schönheit, die nicht vom Menschen gemacht, sondern uns zur Freude und zur Erkenntnis geschenkt wurde.

*Am Anfang hatten wir natürlich auch Angst und vor allem Ekel vor den Zecken. In einer natürlichen Umgebung, die einen – anders als die recht künstlichen Bedingungen in der Stadt – nicht abschirmt von all dem Getier, wird man aber notgedrungen lässiger. Und das Wissen, dass das Erkrankungsrisiko – gerade hier im Norden – wirklich sehr klein ist, trägt das Übrige dazu bei. Es ist ja recht typisch für unsere Zeit, dass geringe Gefahren den Menschen medial als Angstmacher verkauft werden (Terror, Borreliose, Aids, seit Neuestem der böse Feind Russland), an denen sie sich abreagieren können, um gar nicht erst mehr zu den wirklich großen Gefahren (Verlust von Demokratie, Abbau des Sozialstaats, Umweltzerstörung, Aufrüstung, Medizinskandale) vorzudringen. Es muss alles im Verhältnis stehen. Daher mache ich mich nicht wegen eines Zeckenbisses verrückt, wohl aber sorgt mich der zur Zeit herrschende Feindbildaufbau, die Aufrüstung und die Frage, wohin das führen soll.

Author: Oliver Bartsch

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