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Uns geht der Sand aus. Was unglaublich klingt, ist leider Realität. Beton und Landgewinnung erschöpfen die Sandvorräte, längst tobt ein globaler Kampf um Sand – unter dem vor allem die Umwelt zu leiden hat.

Wie Sand am Meer?

Sand scheint unerschöpflich. Schon sprichwörtlich scheint es uns, als wäre Sand in schier unendlichen Mengen verfügbar. Aber nun haben wir einen Großteil der Sandvorräte erschöpft. Er steckt im Beton, in Straßen, in Glas, in Kosmetik, in Mikrochips. Fast alles um uns herum ist entweder aus Öl oder aus Sand.

Außer Luft und Wasser gibt es keine Ressource, die in diesen Mengen verbraucht wird. Und längst ist ein großer Teil des Sandes dieser Welt in den wuchernden Betonbauten unserer Metropolen eingeschlossen. Die Vorräte an Land sind beinahe erschöpft und es beginnt die Jagd nach Sand im Meer – mit katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt.

Importeure sind dabei ironischerweise vor allem auch arabische Staaten wie Dubai, obwohl diese von Wüsten umgeben sind. Denn Wüstensand ist wegen seiner rundgeschliffenen Körner unbrauchbar für die Betonindustrie – er hält nicht zusammen.

Beton, Sand und die Schäden an der Umwelt

Zwei Drittel aller Gebäude auf der Welt werden aus Beton gebaut. Und wiederum zwei Drittel dieses Betons sind Sand. 200 Tonnen Sand stecken in einem mittelgroßen Haus, 30.000 Tonnen in jedem Kilometer Autobahn und zwölf Millionen Tonnen in einem Atomkraftwerk. Die Mengen sind schwindelerregend. Weltweit werden jährlich 40 Milliarden Tonnen Sand benötigt, 15Milliarden Tonnen werden aus der Natur entnommen. Eine unvorstellbare Menge. In der weltlichen Welt werden täglich pro Einwohner etwa 20 kg Sand verbraucht – und der muss irgendwo herkommen.

Landbau ist ohne massive Umweltzerstörung nicht mehr möglich. Das Ausbaggern der Flüsse hat zu Überschwemmungen geführt und so ist die Sandindustrie auf die Meere ausgewichen. Tausende Schiffe durchkämmen jeden Tag die Meere, um mit riesigen Schläuchen den Sand vom Meeresgrund zu saugen. Dabei wird alles Leben am Boden zerstört, Korallenriffe zerschmettert, Lebewesen zerquetscht. Das stört die gesamte Biosphäre, denn die kleinen Tiere am Grund bilden die Nahrungsgrundlage für die größeren Tiere. Der Verlust ist drastisch. In Sumatra, wo der Sand-Krieg besonders heftig tobt, klagen die Fischer: Es gibt keine Fische mehr, der Sandabbau hat alles Leben ausradiert.

Inseln, die verschwinden

Und nicht nur Meeresbewohner verschwinden, auch der Mensch ist betroffen. Wo der Sand aus dem Meer geholt wird, bleibt ein Krater, der sich über die Zeit durch Sand füllt, der von den Küsten nachrutscht. Wo der Sandabbau besonders rücksichtlos betrieben wird, verschwinden so ganze Inseln, besonders betroffen sind Indonesien und die Malediven. Tausende Inselbewohner mussten zusehen, wie ihre einstige Heimat im Meer versinkt. Ihr Zuhause ist nun vielleicht eine Autobahn in Dubai.

In Amerika sind es nicht die Inseln, sondern die Strände, die schwinden. Wie in Miami, wo die Strände jedes Jahr neu aufgeschüttet werden müssen, damit die Touristen nicht verschwinden, wodurch sich ein regelrechter Teufelskreis gebildet hat. Das Meer vor der Küste wird ausgegraben, wodurch der Sand noch schneller vom Land aus nachrutscht, wodurch immer öfter nachgeschüttet werden muss. Kurzsichtig, wie der Mensch ist, wir diese Praxis nicht hinterfragt – zu viel steht für die Stadt finanziell auf dem Spiel. Entlang der gesamten Amerkanischen Küste haben die Städte Dämme ins Meer gebaut, um die seitliche Drift des Sandes zu verhindern. Strömungen kommen durcheinander, die natürliche Bewegung von Land und Wasser gerät durcheinander. An manchen Orten verschwindet der Strand meterweise, mit ihm schicke Häuser und Ruhestands-Träume.

Die Sand-Mafia

Wo die Strände nicht von selbst verschwinden, werden sie gestohlen. So in Marokko, wo sich unglaubliche Dinge abspielen: Mit hunderten Arbeitern fällt die Sand-Mafia an den Stränden ein und stiehlt den Sand, bis nur noch blanker Stein zu sehen ist. Wer hätte gedacht, dass man einen ganzen Strand klauen kann? Die Ironie: Dieser Sand wird in riesigen Hotelanlagen verbaut, in denen Touristen wohnen sollen, die genau wegen der Strände anreisen, die es nun garnicht mehr gibt. 45 Prozent der Sandstrände in Marokko und Senegal werden momentan von der Sand-Mafia gestohlen. „Wie Sand am Meer“ ist damit längst kein Ausdruck von Überfluss mehr.

Auch in Indien hat die Sand-Mafia die Kontrolle über das Bauwesen übernommen. Da der Abbau im Meer aus Umweltgründen in vielen Fällen illegal ist, haben in Indien, Indonesien, Kambodia und vielen anderen Ländern kriminelle Gruppen diesen Markt erobert. Zum Teil mit Tauchern oder Schleppnetzen holen sie den Sand vom Meeresboden – ohne Rücksicht auf Natur und Leben. Die Mafia hat sich durch Morde und Bestechungen und dadurch, dass ihr meist auch die größten Baufirmen gehören, einen fast unantastbaren Status erarbeitet. Die Verflechtungen reichen bis in höchste Regierungskreise, Bewohner und Umweltschützer haben Angst.

„Der kann sogar Arabern Sand verkaufen“

Der Irrsinn des menschlichen Größenwahns zeigt sich selten so deutlich wie beim Sand. So importiert Dubai – direkt an der Wüste gelegen, mittlerweile Millionen von Tonnen Sand aus Australien, für seine Wolkenkratzer und um vor der Küste riesige Inseln aufzuschütten, auf denen dicht gedrängte Luxusapartments entstehen. Damit hat auch das englische Sprichwort „der kann sogar Arabern Sand verkaufen“ seine Ironie gründlich verloren – die Realität hat es überholt.

Zum Haareraufen für die Beton-hungrige Stadt, dass sich Wüstensand unglaublicherweise nicht zur Herstellung von Beton eignet – seine Körner sind vom Wind rundgeschliffen und halten nicht zusammen. Nicht mal zum Aufschütten von Inseln taugt der Sand, das Meer spült ihn einfach weg.

Auch in Singapur wächst die Stadt so schnell, dass jedes Jahr Quadratkilometerweise Sand vor die Küsten geschüttet wird, um neues Land zu gewinnen – für noch mehr endlose Reihen aus Beton. Der Sandverbrauch ist riesig, das Bewusstsein minimal, alle Zeichen stehen auf grenzenloses Wachstum, egal wie.

Alternativen zu Sand?

Alternativen gäbe es vielleicht. Holz, besonders der schnell wachsende Bambus. Recycletes Glas, recycleter Beton. Der Willen dazu ist aber noch immer gering. Noch ist der Sand zu billig, der Baustoff Beton zu etabliert, die Lobby zu mächtig. Ähnlich wie beim Öl muss uns der Stoff wohl erst wirklich ausgehen, bis ein breiteres Umdenken geschieht.

Und dieses Mal muss es wohl nicht nur heißen ‚anders‘, sondern vor allem ‚weniger‘ – dieses Wachstum kann nicht gut gehen, egal mit welchem Rohstoff.

Wie Sand zwischen den Fingern…

Der industrielle Lebensstil zerrinnt uns wie Sand zwischen den Fingern. Wir sind zu gierig geworden. Neben Wasser, Öl und zahlreichen anderen Ressourcen geht uns nun sogar der Sand aus, unseren alles verschlingenden Lebensstil weiter aufrecht zu erhalten. Es scheint fast unvorstellbar. Sand ist wie ein Symbol für die menschliche Ignoranz: Die Schätze der Natur schienen so unerschöpflich, aber wirklich unerschöpflich war nur unsere Gier. Nun stehen wir verdutzt vor den Kratern, die unser Hunger in die Welt gerissen hat.

Wir glaubten, für uns gäbe es keine natürlichen Grenzen, keine natürlichen Gesetzte, wir glaubten, wir bräuchten die Kreisläufe der Natur nicht zu beachten, dachten uns irgendwie außerhalb davon. Auch wenn die Idee von grenzenlosem Wachstum auf einer Kugel absolut irrwitzig ist – wir haben daran geglaubt. Viele glauben noch immer daran.

Auf Sand gebaut

Ein weiteres erschütterndes Bild zeigt sich, wenn wir den Sand zu seinem Ursprung zurückverfolgen: Er stammt aus den Gebirgen, wo riesige Felsen über Jahrtausende zu kleinen Steinen zerrieben werden. Gletscher und Flüsse transportieren und schleifen die kleinen Steinchen, zermahlen sie zu Sand und tragen sie über Tausende Kilometer zum Meer. Zumindest war das Mal so. In den USA erreicht heute kaum noch ein Fluss ungehindert das Meer. Auf Tage umgerechnet haben die USA seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776 jeden Tag einen Staudamm gebaut. Es ist fast symbolisch: Jeden Tag einen Staudamm im natürlichen Fluss des Lebens. In China wird ab nächstem Jahr kein einziger Fluss mehr ungestaut das Meer erreichen.

Wie lange wird es gutgehen? Wer weiß, aber eines ist sicher: Die Art, wie wir leben und mit der Natur umgehen, hat kein Fundament in der Wirklichkeit. Sie ist auf Sand gebaut.

Filmtipp

Arte: Sand – Die neue Umweltzeitbombe

4 Responses

  1. DVD

    Krieg um Öl, Krieg um Wasser

    und nun Krieg um Sand?

    Unsere Verschwendungssucht ist schon leicht übertrieben.

    Antworten
  2. WellenbeobachterHH

    Ich hab gerade erfahren, dass sich der erste der beiden Vortragstermine in Hamburg um eine Woche verschiebt auf Donnerstag den 14. Nov.2013

    „Warum Kapitalismus die Umwelt zerstören muss“
    14.Nov. 2013 im Centro Sociale Hamburg 19:00 Uhr Vortrag mit Claus Peter Ortlieb

    Alles andere bleibt wie gehabt.

    Antworten
  3. WellenbeobachterHH

    Sand steht quasi auch symbolisch für alle begrenzt vorhandenen Ressourcen, die im Kapitalismus systematisch verbraucht werden müssen.
    Dazu hier ein TIPP für alle aus HAMBURG und Umland:

    „Warum Kapitalismus die Umwelt zerstören muss“
    08.Nov. 2013 im Centro Sociale Hamburg 19:00 Uhr Vortrag mit Claus Peter Ortlieb

    und

    „Ist ein Grüner Kapitalismus möglich? Zur Ideologie des GREEN NEW DEAL als Krisenausweg“
    04.Dez. 2013 im Centro Sociale Hamburg 19:00 Uhr Vortrag mit Thomasz Konicz

    Ort: Das CENTRO SOCIALE liegt in der Sternstraße 2, 20357 Hamburg, schräg gegenüber der U-Bahn Station Feldstraße (roter Backsteinbau). Erst kommt die Kneipe FELDSTERN und dann 10m rechts daneben die Glastür zum Centro. Findet im großen Saal statt.

    Erfahrungsgemäß sind die Vorträge dort äußerst spannend und inhaltlich fundiert.

    Antworten

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