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Auf dem „Berlin Kongress 2013 Forum Erleuchtung“ vom 2. bis 4. August tauschen sich 34 auf­gewachte spirituelle Lehrer offen und menschlich vor Publikum aus – unter anderem über ihren Status als Lehrer und die komplexe Lehrer-Schüler-Beziehung. Denn viele dieser Lehrer, obwohl mit den eigenen Mustern bereits nicht mehr identifiziert, nehmen trotzdem mehr oder weniger stark eine individuelle Perspektive ein, was immer wieder zu Problemen, Unklarheiten und Übergriffen führt. Es zeigt sich also: Aufwachen allein reicht nicht aus. Es löst zwar die Identifikation mit den Mustern auf – jedoch nicht das Ego selbst.

 

 

Sicherlich geschieht neben vielem Wunderbarem auch ganz Schreckliches auf dieser Welt. Dieses Schreckliche nimmt in den kleinen und unscheinbaren Unaufmerksamkeiten unserer täglichen, unbewussten und oft unbemerkten Übergriffe und Missbräuche seinen Anfang. Wir haben alle oft an unzähligen Ereignissen teil und sind in unzählige Situationen involviert, die auf irgendeine Weise mit Übergriff und Missbrauch zu tun haben. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Menschen, der nicht schon Opfer und Täter dieser Tendenzen war.

Wir können auch wahrscheinlich nie ganz frei von Übergriffen und manipulativen Tendenzen werden, ohne die Ausdruckskraft unserer Individualität und den notwendigen Mut zu Konfrontationen zu verlieren, denn die Grenzen zwischen Für-sich-selbst-Einstehen  und  Sich-aggressiv-Verteidigen oder Angreifen sind oft fließend und unübersichtlich. Oftmals überschreiten wir unbewusst die Grenzen anderer Wesen und merken dies gar nicht, oder wir fühlen uns in unseren Grenzen angegriffen und übertreten als Reaktion wiederum die Grenzen anderer – ohne uns dessen bewusst zu sein. Die Zahl der Variationen ist so groß wie die der Individuen, denn wir verstecken uns meistens hinter unseren selbstgebastelten Grenzen, die bei jedem Menschen eben oft an ganz anderen Stellen liegen. Wir neigen dazu, diese vermeintlichen Grenzen zu verteidigen, als seien sie unumstößlich. Dazu kommt, dass wir auch gegenüber uns selbst bewusste und unbewusste Grenzüberschreitungen sowie Missbräuche begehen.

Übergriff und Missbrauch sind nur allzu menschliche Tendenzen und werden in relativ harmlosen – bis hin zu schrecklichen– Auswirkungen weiter bestehen bleiben, solange sich unser individuelles Bewusstsein nicht radikal in Richtung umfassender Einsseins-Erkenntnis ausdehnt und auch auswirkt. Denn wie oft sehen wir doch, dass das Einheitsbewusstsein im Geistigen stecken bleibt und nicht wirklich auf der Daseins-Ebene umgesetzt wird, weil unsere Individualität auf den eigenen Vorlieben und Abneigungen beharrt.

 

Viele Wahrheiten, aber nur eine Wirklichkeit

Was heißt das für uns? Sind Übergriffe auch im Satsang möglich sowie in Bereichen, die sich Bewusstsein und spirituelle Entfaltung des Menschen auf die Fahne schreiben? Ja, in allen menschlichen Bereichen geschehen Übergriffe. Es geht also darum, Aufklärung, Bewusstwerdung, Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit in alle Systeme unseres Wirkens zu bringen.

Wir hören in den Satsangs immer wieder die Zauberformel „Alles ist gut, so, wie es ist“. Ist das wirklich wahr? Ja, es ist wahr! Im Wesensgrund ist alles gut, so, wie es ist. Ebenso gilt auch: Nein, es ist nicht wahr! In unserer Welt der Verblendung kann nicht alles einfach als „gut, so, wie es ist“ belassen werden. Denn Gutsein zeigt sich in der Bewusstwerdung des Wesensgrundes und nicht in einer Haltung von Ignoranz und Missachtung gegenüber dem Leben, das sich entfaltet.

Genau darum ist es so wichtig, diese der ganzen Existenz zu Grunde liegende Seinsgüte zu bezeugen, die all unser Sein und Wirken so bedingungslos liebevoll umfasst. Seinsgüte steht hier nicht für einen esoterisch abgehobenen, oft missverstandenen und missbrauchten Liebesbegriff, der sich gegen das vermeintlich Dunkle und Böse, das von unseren individuellen Interessen definiert wird, wendet, sondern für eine kraftvolle, die ganze Existenz umfassende, alles durchdringende, selbstimmanente Güte, die keinen Namen hat und keine Namen kennt.

Viele sehr unterschiedliche Wesen leben auf dieser Erde und alle sind Ausdruck des Einen. Viele unterschiedliche Wahrheiten weisen auf das Eine. Es ist gut, sich bewusst zu sein, dass die eigene Wahrheit nicht die allgemeingültige Wahrheit ist. Es gibt eine alte Weisheit, die besagt, dass die ausgesprochene Wahrheit nicht wirklich die Wahrheit selbst sein kann.
Es gibt viele Wahrheiten, aber nur eine Wirklichkeit. Vielleicht sollten wir den Fokus weniger auf das verbale Ausdrücken als vielmehr auf die Repräsentation und Bezeugung dieser Wirklichkeit legen.

 

Bestehen auf Wahrheit ist ­dogmatisch

Auch eine nichtdogmatische Lehre kann dogmatisch vorgetragen werden. Es gibt keine wahre Schrift oder in Worte gefasste Wahrheit. Ein nachdrückliches Bestehen auf so etwas wie Wahrheit kann immer nur dogmatisch sein. Noch vor kurzem konnten wir immer wieder von verschiedenen Menschen hören, dass Satsanglehrer aus der Wahrheit reden würden und daher das Besagte wahr sei. Dies ist nicht wirklich so. Die Tendenz, gut funktionierende, überzeugende und allgemein akzeptierte Weisheiten zum Besten zu geben und stets zu wiederholen, bleibt auch für erwachte Menschen bestehen, ist sehr verlockend und weit verbreitet. Genauer betrachtet könnte dieses Verhalten auch als Übergriff gegenüber der lebendigen Lehre bezeichnet werden. Wenn wir dann noch diese scheinbaren Wahrheiten ohne Rücksicht auf das wesentliche Anliegen eines zu uns kommenden Menschen ausbreiten, so könnten wir dies auch als einen Übergriff gegenüber dem suchenden Menschen verstehen. Natürlich ist solches Verhalten nicht unbedingt leicht ersichtlich und kann auch jederzeit überzeugend gerechtfertigt werden. Doch das Gefühl, dass eine Person nicht wirklich abgeholt worden ist, wo sie gerade steht, oder dass über empfangsbereite Menschen hinweggeredet wurde, wird oft verdrängt.

Sollte die Zuwendung des Lehrers nicht eher stets auf den um Einsicht ringenden Menschen als ausschließlich auf die Lehre gerichtet sein? Wie schnell doch ungewollte Übergriffe von allen Seiten her stattfinden können, wenn wir einfach unser Ding durchziehen, ohne wirklich soziale Kompetenz und Aufmerksamkeit zu pflegen. Vielleicht sollte auch vermehrt die Tatsache mit ­einbezogen werden, dass unter teilnehmenden Nichtlehrern auch solche mit Erwachenserlebnissen sitzen können.

 

Kommunikation auf Augenhöhe

Eines der wichtigen Anliegen des Forums Erleuchtung ist soziale Kompetenz und Kommunikation auf Augenhöhe. Dieser Anspruch ist sicherlich nicht ohne große Achtsamkeit von allen Mitwirkenden und Teilnehmenden umsetzbar. Mir scheinen hier ein offener, vorurteilsfreier Austausch und ein behutsamer Umgang untereinander angebracht. Denn auch von Seiten der Kursteilnehmer können, durch die offene Struktur des Kongresses ermuntert, unachtsame und unangemessene Reaktionen auf sensible und vielschichtige Äußerungen der Lehrer geschehen.

Natürlich ist es wichtig, auch endlich einmal das zu sagen, was in einem herkömmlichen spirituellen Rahmen tabuisiert wird. Jedoch sollten wir nicht bei einem unachtsamen Abladen von verdrängten Gedanken und Emotionen steckenbleiben. Offenes und kompetentes Hinterfragen von Lehrern wie Teilnehmenden sind in diesem Kongress und Forum sicherlich willkommen, wenn sie in gegenseitiger Behutsamkeit gegenüber der Lehre und dem spirituellen Hintergrund der Lehrer und Teilnehmenden stattfinden.

Eine heikle und sehr komplexe Angelegenheit ist die Meister/Guru-Ebene. Sie existiert ja meistens in sehr etablierten, althergebrachten und hierarchisch geordneten Strukturen und ist daher besonders anfällig für Übergriffe in unterschiedlichster Form. Im Meisterspiel begeben sich die teilnehmenden Menschen meist in ein noch tieferes und intimeres Verhältnis als im Lehrerspiel. Der Tradition des Meisterspiels sollen hier keinesfalls die Berechtigung und die segensreichen Auswirkungen abgesprochen werden, denn innere Entfaltung ist immer auch an Vertrauen geknüpft. Jedoch scheint es mir sehr wichtig, die Tatsache im Auge zu behalten, dass Übergriffe jeder Art hier immer noch sehr oft tabuisiert werden. Hierarchisch aufgebaute, spirituelle ­Gemeinschaften mit einem Meister im Zentrum sind generell sehr anfällig ­dafür.

 

Rollen spielerisch verstehen

Satsanglehrer nehmen ja oft für sich in Anspruch, weder Lehrer noch Meister zu sein, benutzen in ihrem Verhalten jedoch diese Rollen je nach Gutdünken innerhalb ihres Settings. Oft ist nicht wirklich klar, ob wir hier einen Mystiker ohne Schüler, einen Lehrer oder einen Meister vor uns sehen sollen. Was könnte dies hinsichtlich Übergriffen und achtsamer Kompetenz bedeuten?
Wenn wir uns auf die Suche nach angemessenen Formen des Umgangs mit dem Thema Erwachen machen, die unsere heutige, um Aufklärung bemühte Zeit und Kultur spiegeln, so kommen wir nicht darum herum, jegliche äußeren und inneren, status- und hierarchiestützenden Versteckspiele zu hinter­fragen und uns mit dem Thema „achtsame Kompetenz“ offen auseinanderzusetzen.
Achtsame Kompetenz versteckt sich nicht hinter einem etablierten, spirituellen Sonderstatus und versteht sich stets als weiter entwickelbar. Achtsame Kompetenz schließt diese Rollenspiele nicht aus, doch scheint mir wesentlich, diese Rollen auch wirklich spielerisch zu verstehen und darauf zu achten, dass die Bewegung dieser Rollenspiele aus dem Herzen und hin zum Herzen des Menschen führt.

Hier ergeht es uns spirituellen Lehrern in etwa so wie der Ärzteschaft vor zwanzig Jahren, als sie von ihrem Thron und dem Status als „Götter in Weiß“ gestoßen und dazu angehalten wurde, doch bitte als kompetente Berater und nicht als allwissende Herrscher über Leben und Tod den kranken Menschen zu dienen. 

Obschon die in diesem Forum mitwirkenden Lehrer dieses Eine immer schon sind und auch alle von uns Einblicke in unsere Wesensnatur erhalten durften, so sind wir doch, was die Verwirklichung angeht, alle auf einem anderen Entwicklungsstand. Wir sind alle auf dem Weg, manche auf dem weglosen Weg. Wer weiß schon, wo er/sie wirklich steht? Dies ist sehr unangenehm für uns, denn offen zu dieser Tatsache zu stehen, benötigt viel Mut. Zwischen Erwachen und Erleuchtung besteht ein riesiger Unterschied. Erwachen ist erst der Anfang des weglosen Weges und lediglich das Aufscheinen unseres Wesens. Läuterung und Verwirklichung ist dadurch noch nicht vollbracht.

 

Erwachen ≠ Erleuchtung

Es ist daher verlockend und oft einfacher, Erwachen und Erleuchtung als ein und dasselbe Phänomen zu behandeln, denn dann gibt es nur die Erwachten und die Nichterwachten und so können wir behaupten, dass wir alle ja schon erleuchtet sind. Dies wäre eine sehr falsche Sicht und Gleichmacherei auf sich selbst erhöhender Ebene.

Es benötigt sicherlich viel Mut und Ehrlichkeit, sich mit all diesen Themen zur Disposition zu stellen, doch könnte dadurch mehr Transparenz, Offenheit und direkte Erfahrung ins Zentrum unseres Wirkens rücken.

Ein erster Schritt dahin zeichnete sich bereits bei unserem letzten Kongress ab, als es offensichtlich wurde, dass uns der rein verbale Ausdruck des Einen und die individuellen Wahrheiten oder Perspektiven alleine nicht „einen“ können, sondern dass wir uns gegenseitig auf der Herzebene abholen sowie unsere individuellen Perspektiven zugunsten eines Feldbewusstseins relativieren ­sollten, um einen lebendigen, nährenden, gegenseitig unterstützenden und tragenden Austausch stattfinden zu ­lassen.

Wir sind das Leben, das sich lebt, und dies kann immer nur als Ganzes geschehen. Unsere Vorstellungen einer Schöpfung von getrennt existierenden Wesen sind nichts weiter als Konzepte unserer eingeschränkten Wahrnehmung. Eine gemeinsame Auseinandersetzung mit diesen Begriffen während unseres nächsten Kongresses könnte unseren Themen weitere und tiefere Bedeutung und Lebendigkeit verleihen und gangbare Wege aufzeigen.

 

Der Berlin Kongress 2013 Forum Erleuchtung vom 2. bis 4. August beleuchtet das Paradoxon der Gleichzeitigkeit von Leerheit und Fülle, Formlosigkeit und Form, Nichtexistenz und Existenz etc. An drei Tagen mit je drei zweieinhalbstündigen Blöcken tauschen sich 34 aufgewachte spirituelle Lehrer vor Publikum aus. Eingeleitet werden diese prozessorientierten Gespräche mit vielfältigen Vorträgen darüber, wie Bewusstwerdung in der Gesellschaft wirkt.

Die Zahl der Publikumsteilnehmer ist auf 150 Plätze begrenzt. Frühzeitige Anmeldung auf www.forum-erleuchtung.de erbeten
Zum vertiefenden Verständnis des spirituellen Lebens nach dem Aufwachen sei das Buch „Erleuchtung – Phänomen und Mythos“ empfohlen, erhältlich über www.forum-erleuchtung.de, Silent Press.

Über den Autor

Avatar of Saajid Zandolini

lebt in Basel. Schon in früher Kindheit fand er Zugang zur Buddhanatur (Wesensnatur), ohne jedoch von seinem Umfeld Erklärungen oder Hinweise darüber zu erhalten. Er führt Gespräche aus der Stille des Herzens und leitet Meditations- und Selbsterfahrungsgruppen in ganz Europa. Er ist in Liebe mit Osho, Ramana Maharshi und den Meistern des Zen verbunden. Saajid lehrt Meditation als Lebensweise, unabhängig von spirituellen Traditionen und Dogmen, ohne Trennung in ein spirituelles und ein materielles Leben.

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